Kannibalen und Piraten

News © Stephanie Hofschläger / pixelio
Die Schweizer Medienlandschaft hat den Notstand ausgerufen. Der Qualitätsjournalismus, ideologischer Wahrer der Demokratie, sei in Gefahr. Doch die Zeitungen selbst sind daran schuld.
Das Internet ist der Tod der Zeitung. Dieser Satz scheint beschlossene Sache zu sein, schenkt man einer Vielzahl von Medienorganen Glauben, die sich die letzten Jahren zur Thematik geäussert haben. Dabei wurde stets auf dieselbe Pauke gehauen: Das Internet hungere die Zeitungen aus, ziehe ihnen Leser, Anzeigen und Informationen ab – gleichzeitig könne es sich davon kaum ernähren. Es fördere unprofessionelle Bürgerjournalisten und narzisstische Blogger, sei eine einzige Schatzinsel für virtuelle Piraten. Falsch ist das natürlich nicht. Tatsächlich verwischt die Virtualität die Grenzen des Qualitätsjournalismus, lässt Laien als Experten feiern und Professionalität durch Meinungen ersetzen. Das Internet lässt ganz klar suggerieren: Journalismus ist umsonst zu haben. Kein Wunder, stört es jene, die bisher damit Geld verdient haben.
Vom Internet bedroht ist in erster Linie die Presse. Wenn heute morgen in der NZZ zu lesen ist, was bereits gestern Nachmittag auf NZZ-Online stand, macht das Zeitungslesen keine Freude mehr. Im Gegenteil: man ist sich schmerzlich bewusst, auf dem Stand von gestern zu sein. Dazu kommt, dass die Zeitungen immer dünner werden und die Abogebühren steigen. Wofür also noch zahlen? Wer noch Zeitung liest, macht dies aus Prinzip. Aus Glauben an die „vierte Gewalt“, aus idealistischer Überzeugung. Denn einen Mehrwert kann die Zeitung, wie sie momentan in der Schweiz existiert, nicht mehr bieten. Trotzdem muss der Qualitätsjournalismus der seriösen Blätter mit der Zeitung finanziert werden, denn übers Internet gibt es, mangels funktionierendem Geschäftsmodell, nur wenig in die Kasse. So lässt sich die Angst der Branche nachvollziehen. Wenn immer weniger Geld fliesst, bangen die Leute um ihre Jobs.
Viele haben ihre Jobs bereits verloren. Gerade hat Tamedia, das grösste schweizerische Medienunternehmen, einen Viertel der Redaktionsplätze beim Tages-Anzeiger gestrichen. Es stellt sich die Frage: Warum? Warum kannibalisiert sich Tamedia selbst mit einer Pendlerzeitung und einem Online-Portal und kürzt dazu im Qualitätsbereich? Macht das Sinn? Nein. Sinn macht es keinen, aber Gewinn. Was im Geheul der „Medienkrise“ untergegangen ist: Tamedia macht noch immer Rendite von 10-20 Prozent. Davon können andere Branchen nur träumen. So gesehen ist es für Tamedia also kein Problem, die Qualität runterzuschrauben, solange die Idealisten weiter am Gedruckten hängen und auf dessen Werte schwören. Die gebliebenen Leser, so scheint es, stört die Abwärtsspirale nur wenig. Doch diese Abwärtsspirale ist das eigentliche Problem. Einmal mit dem „Online first“ begonnen, lässt sich keinen Rückzieher mehr erlauben. Die Konkurrenz wird es weiterziehen, wird weiterhin versuchen, möglichst billig ihr Printprodukt herauszugeben, und besteht es nur noch aus Agenturmeldungen und Publireportagen.
Die „Medienkrise“ und die Gefahr für den Qualitätsjournalismus wird also nicht vom Internet verschuldet, sondern vom neoliberalen Marktdenken der wichtigen Akteure. Die Führungsspitzen scheren sich nicht um Sinn und Zweck des Journalismus und dessen Aufgabe, als „vierte Gewalt“ die Demokratie zu wahren. Das zeigt das „Strukturierungsprogramm“ Tamedias aufs deutlichste. Warum also noch Zeitungen kaufen, wenn sie ihren ideologischen Zweck verloren haben? Wäre es nicht sinnvoller, auf ein „Grounding“ der ganzen Branche zu spekulieren um ein „Restrukturierungsprogramm“ der Schweizer Medienwelt zu ermöglichen? Denn vielleicht wäre der (vorläufige) Tod der Zeitung das, was der Qualitätsjournalismus bräuchte.







