Näbel het’s o z’ Gäbelbach

Mit Stiller Has im Studio

Bild: Christoph Aebi
Bild: Christoph Aebi

nahaufnahmen.ch erhielt die Gelegenheit, Stiller Has acht Stunden lang bei der Arbeit an ihrer neusten CD mit dem Titel „So verdorbe“ zu beobachten. Mit zen-mässiger Gelassenheit tüftelten die Bandmitglieder und ihr Tontechniker im zum Studio umfunktionierten Übungsraum am musikalischen Rohmaterial. Der erste Eindruck: Stiller Has sind auf dem besten Weg zu einem weiteren Meilenstein.

Von Christoph Aebi

Ein bewölkter, regnerischer Sommertag Anfang August. Vor der Einfahrt in den Bahnhof erblickt man aus dem Zugsfenster den sich um die Altstadt Berns schlängelnde Fluss, die Aare. Im Gegensatz zu einem der bekanntesten Songs von Stiller Has, in welchem immerfort von der „grüene Aare“ die Rede ist, entlang deren Ufer Gynäkologen und Gerichtspräsidenten mit ihren Hunden Gassi gehen (gemeint sind damit der Mitte der Neunzigerjahre in allen Medien präsente Mordarzt Dr. Walther und sein Duzfreund, welcher nun als Stadtpräsident amtet), präsentiert sich der Fluss am heutigen Tag als wenig ansehnliches, bräunliches Gebräu. Aufgrund des etwas gar garstigen Wetters schlägt Schifer Schafer (seit neun Jahren fester und nicht mehr wegzudenkender Gitarrist/Komponist bei Stiller Has und laut Sänger Endo Anaconda das „linke Ohr des Hasen“) vor, sich bei ihm zu Hause zu treffen. Danach könne man gemeinsam ins Studio am Stadtrand fahren, damit der Berichterstatter nicht längere Zeit durch den Regen waten müsse. Schifer – bereits bei der ersten, vor zwanzig Jahren erschienenen Musikkassette „Stiller Has’“ Gastmusiker und 1994 bei „Landjäger“ sowohl als Leiter des begleitenden Basler Werkstattorchesters als auch als Produzent mit von der Partie – bittet in sein Haus, zeigt sein Arbeitszimmer, in welchen Plattenspieler, Tapes, Aufnahmegeräte und diverse Gitarren stehen. Als mein Blick auf eine CD von Los Lobos fällt, berichtet er begeistert von dem Konzert, welches die Latin-Rock-Band ein paar Tage zuvor in der Mühle Hunziken in Rubigen gegeben hat. Besonders das Spiel des Gitarristen und Gründungsmitgliedes der amerikanischen Tex-Mex-Gruppe, David Hidalgo, fasziniert Schifer und so präsentiert er denn voller Freude einige signierte CD-Hüllen: Der virtuose Gitarrist als Fan.


Tschäggeti Chüe als Initialzünder

Nach einer kurzen Autofahrt erreichen wir den zum Aufnahme-Studio umfunktionierten Übungsraum der Band, an dessen Eingang der Besucher von einem Tonhasen begrüsst wird. Am Boden liegen Teppiche, um den Sound des Schlagzeugs zu dämpfen. Die Wände sind verschalt, an der Decke hängen Tücher. Einiges Geld wurde investiert, um die Räumlichkeiten für die Aufnahmen adäquat herzurichten. Vor zwei Jahren bereits machten Stiller Has probehalber einen Versuch, sich in ihrer angestammten Lokalität nicht nur auf Tourneen vorzubereiten, sondern einen Song aufzunehmen. Es war dies „Tschäggeti Chüe“, ein Lied für den Polo  Hofer Tribute-Sampler. Das Resultat stellte alle Beteiligten zufrieden, auch die erstmalige Zusammenarbeit mit dem jungen Tontechniker Benjamin „Beni“ Stoll (der bereits für Aufnahmen von Bligg, Wurzel 5 und Kutti MC hinter dem Mischpult sass) entpuppte sich als Glücksgriff. So ist Beni auch bei den Aufnahmen zum neusten Werk wiederum mit von der Partie. Allmählich treffen an diesem Nachmittag alle Beteiligten ein. Markus Fürst, der seit dem Frühjahr vergangenen Jahres für die Band hinter den Trommeln sitzt, ist im Stau zwischen Basel und Bern steckengeblieben und reist mit Verspätung an. Er und Schifer kennen sich aus der Basler Musikwerkstatt, in welcher Markus als Schlagzeuglehrer Unterricht erteilt. Am selben Ort arbeitet auch Salome Buser. Wenn sie nicht gerade für Stiller Has die Basssaiten zupft, der Orgel wunderbare Töne entlockt und mit ihrer Stimme eine – so Endo – „femininere Komponente“ in die Band bringt, führt die ausgebildete Gymnastikpädagogin 4- bis 6-jährige Knirpse in die Geheimnisse des Schlagzeugspielens ein. Die sympathische Baslerin, welche als Kind zudem Geige spielen lernte, strahlt, wenn sie über ihre Tätigkeiten berichtet. Ganz neu im Hasen-Universum ist sie nicht. Sie wirkte bereits vor fünfzehn Jahren an der „Landjäger“-CD mit und tourte danach mit der Band quer durch die Schweiz. Als Schifer sie später für eine erneute Mitarbeit anfragte, hatte sie eine kleine Tochter und wollte voll und ganz für ihr Kind da sein. Inzwischen ist die Tochter 7 Jahre alt, Salome hat wieder mehr Zeit und konnte deshalb einer weiteren Anfrage Schifers zustimmen. Mit ihr trifft kurz nach 15 Uhr auch Frontmann Endo Anaconda ein, mit tragbarem Kassettengerät in der Hand und sommerlichem Strohhut auf dem Kopf. Das Team ist komplett, die Arbeit kann beginnen.

Bild: Christoph Aebi

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Mehr Fleisch am Knochen

Erst einmal gibt es jedoch eine Kostprobe aus dem kommenden Album zu hören. Die Band hat dieses in drei mehrtägigen Aufnahmesessions live eingespielt. Nun gilt es noch, mittels Overdubs hier und dort einige musikalische oder gesangliche Farbtupfer hinzuzufügen. Das Titellied „So verdorbe“ (intern auch „Schmutzli“ genannt) ist mit seinem prägnanten Gitarrenriff eigentlich höchst hitverdächtig, aufgrund des Textes („Schmutzli schlah mi, i bi so verdorbe. I ha de Samichlous erstoche, de Siech het Wiehnachtslieder gsunge“) gemäss der Band wohl aber nicht ganz passend für die heutige Radiolandschaft. Dafür dürfte das verträumte, sehnsüchtige und wunderschöne Liebeslied „Justine“ mit Endos zärtlichem, fast gesprochenem Gesang in naher Zukunft öfters über den Äther gehen. („Justine, blib da, i mues di no einisch ha. I bi dr Alfa i bi dr Romeo. Justine bin i di oder bisch du mi gsi“). So ist es auf jeden Fall geplant, denn das Lied wird zusammen mit „Venedig“ als Vorbote des neuen Albums an die Radiostationen geschickt werden. Da diese beiden Songs zuerst fertig gestellt sein müssen, wird heute Nachmittag mit viel Ausdauer daran gearbeitet. Schlagzeuger Markus Fürst kommt zuerst zu seinem Einsatz. Während er sich im Aufnahmeraum an sein Instrument setzt, schaue ich mich im Kontrollraum des Studios ein wenig näher um. Für den Laien wirkt das alles einigermassen verwirrend: Mischpulte, diverse Lautsprecher, mehrere Computerbildschirme. Lämpchen leuchten und blinken, wohin man auch sieht. Tontechniker Beni klärt mich auf, dass er mit einer Kombination von topmodernen und uralten Geräten arbeite. Das Wichtigste für einen optimalen Klang sei ohnehin das richtige Positionieren der Mikrofone. Geschehe dies, so müsse man nachträglich gar nicht mehr viel verändern. Nun ist Markus am Schlagzeug bereit, um über die bestehende Version von „Justine“ präzise gesetzte Snare-Drum-Schläge einzuspielen. Dies ist leichter gesagt als getan; das Ganze ist Präzisionsarbeit.  Ein ums andere Mal werden die Aufnahmen wiederholt, bis die Schläge an den genau richtigen Stellen erklingen. Da der Klang sich je nach Tag und Stimmung verändert, werden zum Schluss zusätzlich, sozusagen auf Vorrat, ein paar Snare-Drum-Samples eingespielt. Diese können im Nachhinein für weitere Ausbesserungen verwendet werden. Nachdem Markus sich auch noch an den Timbales betätigt hat, hören sich alle die aktuelle „Justine“-Version an. Endo meint, das Lied habe nun definitiv „mehr Fleisch am Knochen“.


Schifer im Element

„Zum Schluss gits chalte Fisch für mi, du ladisch mi ii, ines Ristorante, s’isch quasi gratis gsi“ tönt es nun durch die Lautsprecher. Textzeilen aus „Venedig“, diesem tieftraurigen Meisterstück über ein Paar, welches in die Lagunenstadt fährt, um seine Beziehungsprobleme auszudiskutieren. Ausgerechnet im November, währenddem die Stadt in Nebelschwaden eingehüllt ist.  Zuhause im Berner Gäbelbach-Quartier wäre das Wetter wohl nicht anders gewesen. „Isch quasi gratis gsi“ meinte auch Endos Sohn, von welchem die Idee zur Textzeile stammt. Er erzählte seinem Vater die Geschichte einer Lehrerin, welche einen ziemlich hässlichen Hund gefunden habe, irgendwo im Wald angebunden. Genau so fühlt sich der Protagonist im Lied: „Du hesch mi gfunde, im Wald abunde, z’ Oschtermundige, wie nes Hundeli – bi quasi gratis gsi“. Auch diesem Song werden nun noch weitere Ingredienzen hinzugefügt. Zuerst spielt Markus wiederum einige Schlagzeug-Sounds ein. Danach macht sich Salome bereit, um einige Bassläufe am Schluss des Liedes nochmals aufzunehmen. Auffallend ist ihr verbundener Daumen. Sie hatte sich just vor Beginn der Arbeit an der neuen Platte einen Reissnagel in den Daumen der rechten Hand gequetscht. Derart handicapiert spielte sie all ihre Instrumentalparts ein. Nach den Aufnahmen der Bass-Linien debattieren Salome und Schifer darüber, ob diese simultan zur gesanglichen Betonung sein sollten oder nicht. Endo meint lachend, beim Spielen mit dem musikalischen Rohmaterial sei Schifer im Element, dies sei sein Metier. Fürwahr: Bei ihm scheinen alle Fäden zusammenzulaufen. Er kümmert sich nicht nur um das Wohl des Journalisten, sondern hat auch das absolute Musikgehör und weiss genau, welche musikalischen Finessen ein Lied benötigt, damit es vollkommen ist. Bei den Aufnahmen behält er, bescheiden und diskret im Hintergrund agierend, jederzeit den Überblick. Wer Schifer jemals im Konzert gesehen hat, wird dem beipflichten. Er ist keiner derjenigen Gitarristen, die breitbeinig am Bühnenrand eine Show abziehen müssen, um beachtet zu werden. Es reicht, dass er – scheinbar aus dem Hüftgelenk – mit seinen Saiteninstrumenten unglaublich gefühlvolle und virtuose Klänge erzeugt.

Bild: Christoph Aebi

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Mit zen-mässiger Gelassenheit

Nachdem Endo die zweite Strophe von „Venedig“ nochmals neu eingesungen hat, fehlt dem Lied nach Ansicht der Beteiligten zur Vollkommenheit ein italienisches Chörli. Schifer und Salome begeben sich in den Aufnahmeraum, um diese Aufgabe gemeinsam in Angriff zu nehmen. Die beiden haben sichtbar den Plausch beim Singen. Die Anwesenden im Kontrollraum hingegen verziehen beim ersten Take noch ein wenig ihre Gesichter. Während der Chorgesang langsam Formen annimmt, begebe ich mich für ein Interview mit Endo in ein Nebenzimmer. Eine Dreiviertelstunde später, zurück im Kontrollraum, erfahren wir, dass „Giovanni und Giovanna“ (O-Ton Endo) ihre Gesangsparts nun zwecks verbessertem Klang getrennt aufgenommen haben. Mehr oder weniger unbemerkt ist es 22 Uhr geworden und für den Berichterstatter Zeit, sich langsam auf den Heimweg zu machen. Die Band hat mit zen-mässiger Gelassenheit während Stunden ununterbrochen an ihren Liedern getüftelt. Nicht ein Anflug von Hektik war zu spüren. Grund dafür könnte die Produktion in den eigens eingerichteten Aufnahmeräumlichkeiten sein, fernab von Gedanken an überteuerte Studiomieten. Oder die Tatsache, dass hier nicht einfach irgendein seelenloses musikalisches Produkt hergestellt, sondern von allen Beteiligten mit Herzblut an der gemeinsamen Platte gearbeitet wurde. Draussen vor der Tür hängt der Mond wie hingepinnt über dem Berner Nachthimmel. Die zu den Sternen reitenden Mondmatrosen aus dem alten Hasen-Song „Wölf“ beginnen, sich wieder in den Gehörgängen einzunisten. Bald wird es einem mit dem neuen Songzyklus aus „So verdorbe“ nicht anders ergehen. Mehr noch: Den ersten Eindrücken nach zu urteilen, sind die Hasen mit der Fertigstellung ihres neusten Werkes auf dem besten Weg zu einem weiteren Meilenstein in ihrer zwanzigjährigen Bandgeschichte.

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