Das wandelnde Evangelium

“The Book of Eli“ von Albert & Allen Hughes

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Kaum ein Filmjahr vergeht, ohne dass Hollywood uns mit einer Zukunftsvision beglückt,  in der die Menschheit finster und trostlos in Szene gesetzt wird und in einer dem Untergang geweihten Welt um ihr Überleben kämpft. Nicht selten soll die fiktive Darstellung einer katastrophalen Zukunft als kritischer Spiegel für die Gegenwart hinhalten.

Von Garabet Gül.

So zum Beispiel bei Roland Emmerich, der mit „The Day After Tomorrow“ und „2012“ unseren verantwortungslosen Umgang mit der Natur und die Klimaerwärmung thematisiert. Bei allen ernsthaften Bewegungsgründen geht es dem deutschen Action-Spezialisten nichtsdestoweniger um Spass und Unterhaltung. Das Kinopublikum wünscht in erster Linie, und das ist absolut legitim, gut inszeniertes Spektakel, wobei das Popcorn nicht im Hals stecken bleibt. Wenn dabei noch, quasi als Kollateralschaden, eine Botschaft aus dem Kinosaal mitgenommen werden kann – umso besser. Im neuen Film der Gebrüder Hughes hingegen dient die Kunstform Film in erster Linie als Trägerin eines frommen, christlichen Sendungsbewusstseins. Und das ist äusserst fragwürdig.

Ein Buch auf Mission

Wir schreiben das Jahr 2044. Irgendwo in den USA. Rund dreissig Jahre nach einer nicht näher erörterten Katastrophe ist nicht mehr viel übrig geblieben von Zivilisation und Kultur.  Bruchstücke der Menschheitsgeschichte dominieren die Endzeit-Landschaft: Leichen, Ruinen, Autowracks,  zerstörte Fahrwege und eingebrochene Autobahnbrücken. Auf den Strassen herrscht Anarchie: Raub, Mord, Vergewaltigung und Kannibalismus gehören zur Tagesordnung, Wasser und Nahrung sind Mangelware. Unterwegs in dieser maroden Welt ist der einsame, sich auf einer Mission befindende Eli (Denzel Washington). Eine Stimme in seinem Kopf hat ihn vor fast dreissig Jahren damit beauftragt, ein Buch, das letzte seiner Art, einzupacken und gen Westen zu wandern, bis er einen Ort erreicht, der es würdig ist, dieses Buch zu beheimaten. Eli ist belesen und kampferprobt, wer sich ihm in den Weg stellt, muss damit rechnen, die Bekanntschaft seines überdimensionalen Messers zu machen. Die Wenigsten überleben die Begegnung mit ihm.

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© Ascot Elite

Auf einem Zwischenhalt in einer verwüsteten Stadt stellt sich ihm Carnegie (Gary Oldman) in den Weg. Er und seine Bande herrschen despotisch über die Stadt und haben Zugang zu den letzten Wasserreserven. Um seine Herrschaft zu expandieren, benötigt Carnegie das gedruckte Wort Gottes, das sich im Rucksack Elis` befindet. Dank seinen Qualitäten als Einzelkämpfer und der Macht des Glaubens gelingt Eli die Flucht aus der Stadt, die schöne Solara, eine Art versklavte Stieftochter von Carnegie, begleitet ihn dabei. Die beiden werden jedoch bald von dem besessenen Tyrann eingeholt und gestellt, Eli wird ohne Buch und mit Bauchschuss zurückgelassen. Wie durch ein Wunder und mit der Unterstützung Solaras schafft es der fromme Krieger dann doch noch irgendwie, seine Mission zu Ende zu führen und das Wort Gottes für den Wiederaufbau der Zivilisation zu sichern – ohne das Buch, denn er ist das Buch.

Mehr als nötig

„The Book of Eli“ hat ein paar wenige gute Momente. Die dosiert und gezielt eingesetzten Gemetzel sind perfekt und sauber inszeniert und überraschend platziert. Als einer von Carnegies dem Lesen nicht mächtigen Schergen auf der Suche nach “dem Buch” seinem Boss eine Taschenbuchausgabe von „The Da Vinci Code“ hinlegt,  kann einem sogar ein Lächeln über die Lippen huschen. Und die blau-grün-grau gefilterte Szenerie wirkt auch zuweilen recht ansprechend. Denzel Washingtons Leistung ist gewohnt überzeugend, auch wenn er nicht wirklich gefordert wird. Die vernarbte, zynische Fresse von Gary Oldman mag wie so oft zu entzücken und der Auftritt der Blues-Legende Tom Waits als Mechaniker in einem Trödelladen ist angenehm unerwartet.

Der Film, der durchaus Potential für einen unterhaltsamen und spannenden Thriller besässe, nimmt sich selber jedoch viel zu ernst. Das erste Drittel ist noch vielversprechend, der Spannungsaufbau im Mittelteil geht auch noch gerade so auf. Doch das letzte Drittel (in dem die Geschichte aufgelöst wird, obschon es nichts aufzulösen gibt, da die Story derart durchsichtig aufgebaut ist) wird zu sehr bestimmt von biblischen Heilsbotschaften und Indoktrinationen. Das wirkt sehr bemüht und angestrengt und ist beklemmend und erdrückend, ausser vielleicht für evangelikale Christen.

Vielleicht hätten sich die Hughes-Brüder die zivilisationskritische Bemerkung in der Mitte des  Films zu Herzen nehmen und  ihrem Streifen weniger ideologischen Ballast injizieren sollen. Antwortet doch Eli auf die Frage Solaras, wie es denn früher,vor der Katastrophe, ausgesehen habe auf der Erde: „Die Menschen hatten mehr als sie brauchten“. Unter anderem den missionarischen Habitus dieses Films.

 

Seit dem 25.2.2010 im Kino.

Originaltitel: The Book of Eli (USA 2009)
Regie:  Albert & Allen Hughes
Darsteller: Denzel Washington, Gary Oldman, Mila Kunis, Jennifer Beals, Ray Stevenson, Tom Waits
Genre: Endzeit-Thriller
Dauer: 99min
CH-Verleih: Ascot Elite

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