Fetter schwarzer Realismus
“Precious“ von Lee Daniels

Das Leben ist hart und schmerzvoll. Erst recht, wenn man eine minderjährige, dunkelhäutige und dicke Analphabetin aus Harlem ist. Lee Daniels möchte uns in seiner zweiten Regiearbeit mitteilen, wie besonderes und edel jeder einzelne Mensch ist. Und das tut er in solider Hollywood-Manier.
Von Garabet Gül
Sechs Oscar-Nominationen und eine Auszeichnung für Mo`Nique als beste Nebendarstellerin. Hinzu kommen diverse weitere Nominierungen und Ehrungen an Festivals. Auch die Kritiker haben nicht mit Lobeshymnen gespart und “Precious” mit Lorbeeren überhäuft. Die Superlative sprudelten vor allem aus den Quellen US-amerikanischer Mediengewässer, was nicht weiter erstaunt, handelt es sich doch bei der Verfilmung des Romans “Push” von der Slam-Poetin Sapphire um eine uramerikanische The- und Problematik. Es geht um das unterdrückte, schwarze Amerika, das auch den amerikanischen Traum träumt – zusammen mit Barack Obama. Es wird sich zeigen, ob der schwarze Messias dem Land der Freiheit die ersehnte Erlösung bringen kann. In dem vorliegenden Film jedenfalls blutet das schwarze Amerika wie gewohnt aus allen (sozialen) Löchern.
Vielfache Stigmata
In den Sozialwissenschaften wird von Intersektionalität gesprochen, wenn es darum geht, verschiedene sich überschneidende Diskriminierungs- und Ungerechtigkeitsfaktoren auseinander zu halten. Die Ethnie, die Klasse oder das Geschlecht sind drei solcher sozial bestimmender Faktoren. In Michel Houellebecqs Erstling aus dem Jahr 1994 werden die “Kampfzonen” literarisch ausgeweitet und es tritt als weiteres ausgrenzendes Kriterium das Aussehen hinzu. In einer hyperästhetisierten Gesellschaft gehören auch die Hässlichen zu den Ausgeschlossenen.

- © Ascot Elite
Claireece “Precious” Jones erfüllt alle diese Kennzeichen: Sie lebt als schwarze, junge Frau in Harlem und ihre Fettleibigkeit liegt jenseits jeglicher Schönheitsideale. Zudem ist sie Analphabetin und zum zweiten Mal schwanger von ihrem Vater, der sie auch noch mit dem HI-Virus infiziert hat. Ihr erstes Kind krankt am Down-Syndrom und wird von Claireece bezeichnenderweise, jedoch liebevoll “Mongo” genannt. Als würde das alles nicht bereits ausreichen, um das Martyrium des Lebens erheblich zu strapazieren, ist da noch die böse Mutter Mary, diese teuflische Muttergestalt macht ihrer Tochter das Leben zur Hölle. Im Inferno der Sozialwohung wird Precious beschimpft und malträtiert, sie hat der Ketten rauchenden, fernsehsüchtigen Teufelin zu dienen. Die wenigen Lichtblicke im Alltag von Claireece sind die Stunden in der Schule, sie besitzt ein Talent für das Rechnen und schwärmt für ihren (weissen) Mathematiklehrer. Doch das garstige Monster im heimischen Hexenkessel hält nichts von Bildung und schickt ihre Tochter zur Sozialhilfe - ohne zu ahnen, dass dieser Schritt für die aufgezehrte Claireece der erste in ihrem Emanzipationsprozess sein wird.
Kein glückliches Ende
Auch wenn “Precious” nicht ein derart besonderes Filmjuwel ist, wie die vielen Auszeichnungen und überschwenglichen Rezensionen suggerieren: Lee Daniels ist ein äusserst kurzweiliger, leichtfüssiger Film gelungen, was bei der erdrückenden Tragik der Vorlage alles andere als selbstverständlich ist. Daniels schafft es, ein sehr bitteres Schicksal in ansehnlichen Bildern wiederzugeben, die weitestgehend auf gequälte und quälende Schockmomente und dramatisierende Gefühlsüberbordungen verzichten. Zwischendurch ist in der von Soul und Hip-Hop bewegten Bilderwelt sogar ein leichter ironischer Unterton herauszuhören.
Das Ereignis ist eindeutig Mo`Nique, die die Rolle der degenerierten Mutter ehrfürchtig verkörpert. Dieser Oscar geht absolut in Ordnung. Überraschend und beeindruckend ist der ungeschminkte Auftritt Mariah Careys als Sozialarbeiterin, kaum jemand dürfte ihr solch eine überzeugende Darstellung zugetraut haben. Hingegen wirkt Lenny Kravitz als Vegetarier und Bio-Früchte essender Pfleger und Schönling etwas verloren und deplatziert.
Es gibt kein harmonisches Ende, keine trügerischen Hoffnungsbekundungen zum Schluss. Das Drama endet nicht: Claireece verabschiedet sich endgültig von ihrer Mutter, holt sich ihre beiden Kinder und schreitet in die Ungewissheit. Fürwahr keine Konstellation für ein versöhnliches Filmende, für Hoffnungen vielleicht, doch die Hoffnung birgt fatale Gefahren. Claireece ist Existentialistin, sie ist frei im Rahmen ihrer Möglichkeiten, sie bestimmt innerhalb ihres begrenzten Handlungsspielraums – und hierbei unterscheidet sie sich nicht wirklich von anderen Menschen.
Seit dem 18. März im Kino.
Originaltitel: Precious (USA 2009)
Regie: Lee Daniels
Darsteller: Gabourey Sibide, Mo`Nique, Paula Patton, Mariah Carey, Lenny Kravitz, Sherri Shepherd, Susan L. Taylor.
Genre: Sozial-Drama
Dauer: 110 Minuten
CH-Verleih: Ascot Elite
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