Michael Wolf: “Paris Street View”

paris_street_view

Ansicht von "Paris Street View" auf photomichaelwolf.com

Mit “Transparent City” hat sich der Fotograf Michael Wolf an die Grenzen der Privatsphäre gewagt. Mit “Paris Street View” spürt er nun private Momente in der virtuellen Google’schen Welt auf.


transparent-city-1

Buchcover von "Transparent City", Aperture, 2008

Das Buch “Transparent City” führte im Jahr 2008 hinter die Skyline Chicagos zu dem Leben, das sich in den unzähligen Wohnräumen in den Wolkenkratzern der Stadt abspielt. Michael Wolf thematisiert, wie die moderne Architektur die Grenzen zwischen öffentlichen Raum und den eigenen vier Wänden transparent macht. Ausgerüstet mit einem Teleobjektiv zeigt er höchst Privates, das eigentlich für jedermann zu sehen wäre.

Mit einem ähnlichen Prinzip, wenn auch mit einem anderen Ziel, arbeitet “Paris Street View”, das sich anstelle des Teleoobjektivs Googles virtuelle Welt, genannt “Google Street View” zu nutze macht. Für Google Street View ist seit 2007 ein Flotte von Kamera-Autos unterwegs, die für die Abbildung der Welt in 3-D die Strassen verschiedener Städte weltweit aufnimmt und diese Bilder zum Zweck der geographischen Orientierung der breiten Öffentlichkeit zugänglich macht. Eine Praxis, die schnell Schlagzeilen gemacht hat, da damit gegen den Persönlichkeitsschutz (in Deutschland gilt zusätzlich das “Recht am eigenen Bild”) verstossen werden könnte. Google stellt sich auf den Standpunkt, dass die Bilder im öffentlichen Raum entstanden seien und damit der Persönlichkeitsschutz ohnehin nicht gewährleistet sei: “Straßenbilder mit Passanten werden zulässigerweise angefertigt und veröffentlicht, seitdem es die Fotografie gibt und sind heute allgegenwärtig in Zeitungen, dem Fernsehen und dem Internet”, so Google auf der eigenen Webseite. Zusätzlich würden die Persönlichkeitsrechte durch eine besondere Software geschützt, die laut Google die Gesichter und Autokennzeichen unkenntlich machen solle.

Mit dem Projekt “Paris Street View”, das als Ausstellung um den Globus tourt, lotet Michael Wolf nun das visuelle Imperium von Google aus. Einen Aufenthalt in Paris nutzte er sinnigerweise, um zuhause zu bleiben und die Stadt auf der Suche nach fotografischen Momenten am Bildschirm zu durchwandern. Und er wurde fündig: Der Vespafahrer, der irgendwem den Stinkefinger zeigt, das Paar, das im Hauseingang Zärtlichkeiten austauscht, oder die junge Frau, die die Strasse überquert – das alles ist dargestellt in einer pixeligen, unsauberen Bildsprache, bisweilen unterlegt von den grafischen Steuerzeichen von Google Street View. So wie in “Transparent City” die kalten architektonischen Formen zu Lebensräumen werden, findet Michael Wolf in “Paris Street View” das menschliche Leben hinter dem virtuellen “Mapping” der Welt – genau da, wo sich die Grenzen zwischen Privat und Öffentlich in Auflösung befinden.


Links:

Michael Wolf Photography

Paris Street View auf Michael Wolf Photography

Transparent City bei Aperture

Google Street View zum Thema Persönlichkeitsschutz



Ihre Meinung

Sagen Sie uns, was Sie denken