Verbrenn dich nicht

“Don’t bury!” – Ein Antigone Projekt nach Sophokles| Luzerner Theater, Luzern | 28.05.2010

IGH-0068

Mitglieder des Schauspielensemble des Luzerner Theater erarbeiteten mit fünfzehn Jugendlichen die Inszenierung “Don’t bury! – Ein Antigone-Projekt nach Sophokles”. Vor dem Hintergrund des Antigone-Mythos sollen Fragen zur Gesellschaft, zu Gesetz und Moral aufgeworfen werden. Die 90-minütige Theaterinszenierung ist zwar ein ambitioniertes Projekt, welches dennoch nicht ganz zu überzeugen vermag.

Von Mona De Weerdt.

Gegen Ende der Theaterspielzeit 2009/2010 setzt das Luzerner Theater mit zwei Produktionen einen Antikenschwerpunkt mit Stoffen aus der griechischen Mythologie. Thematisiert werden sowohl in “Der Sonne und dem Mond kann man nicht ins Auge sehen” als auch in “Don’t bury” die Ereignisse der mythologischen Stadt Theben. In dem interkulturellen Theaterprojekt, das am 28. Mai Premiere feierte, gehen die Mitglieder des Luzerner Theaters und die Jugendlichen aus der Umgebung Luzerns unterschiedlichen gesellschaftlichen Fragen nach. Was steht höher, Gesetz oder die Moral des Einzelnen? Welche Berechtigung hat Widerstand und Rebellion? Wo verlaufen die Grenzen politischer Unterdrückung und auf welchen Werten fusst eine Gesellschaft? Mit musikalischen, sprachlichen und tänzerischen Mitteln wird der Antigone-Stoff reflektiert und auf die Fragen zu antworten versucht.

IGH-0106

Vatermord, Mutterschändung und Rebellion
Bettina Riebesel tritt auf die Bühne und erzählt die Geschichte Thebens. Durch einen generationenübergreifenden Fluch, an dessen Ende Inzest, Krieg, Suizid, Todesschlag und Mord stehen, wird eine Familie fast restlos ausgelöscht. Die nachfolgenden Generationen bezahlen die Schulden ihrer Vorfahren. Laios vergeht sich am Sohn seines Ziehvaters, Ödipus, sein Sohn, zahlt mit Vatermord und Mutterschändung. Sie, Iokaste, erhängt sich, während Ödipus sich die Augen aussticht. Seine beiden Söhne liefern sich einen Zweikampf wobei beide sterben. Antigone, ihre Schwester lehnt sich rebellisch gegen die vom Herrscher Kreon auferlegten Gesetze auf und begräbt ihren Bruder Polyneikes, den Staatsfeind, obwohl sie weiss, dass ihr darauf die Todesstrafe droht. Soweit die komplexe Geschichte, welche rückwirkend erzählt wird.

Gleichzeitig mit der Erzählung durch Bettina Riebesel, treten die Darsteller auf die Bühne. Während die Schauspieler des Ensembles je eine Figur verkörpern, bilden die fünfzehn Jugendlichen den Chor. Der Chor tritt als bunte Masse auf und wirkt meist störend und irritierend, indem wild durcheinander gesprochen wird. Sätze und Satzfragmente werden nicht synchron gesprochen, vielmehr erreichen diese Überlagerungen, dass das Gesagte bisweilen undeutlich wirkt. Der zugrundeliegende Text von Sophokles wird szenisch kreativ ausgestaltet und umgewertet. Lebensweisheiten von Rudolf Steiner und aus der konfuzianischen Weisheitslehre sowie Satzfragmente aus politischen Reden werden genauso eingebaut wie persönliche Fragen und Aussagen der Jugendlichen. Antikes und Zeitgenössisches vermischen sich. Dazwischen kommen immer wieder die eigentlichen Figuren zu Wort. Doch werden diese überhaupt gehört? Vielmehr scheint es, dass ihre Worte jeweils im Tumult des Chors untergehen. Bruchstückhaft verläuft die Handlung irgendwo. Kreon (Samuel Zumbühl) klagt Antigone (Daniela Britt) an, ihren Bruder trotz Verbot begraben zu haben. Diese gesteht ihre Tat ohne zu zögern, denn sie stellt ihre individuelle Moral über die von oben auferlegten Gesetze. Dies quittiert Kreon jedoch nur missbilligend mit den Worten: “Der allzu grosse Starrsinn kommt am ehesten zum Fall!” und will Antigone bei lebendigem Leib begraben lassen. Antigone jedoch kommt ihm zuvor und erhängt sich. All diese Ereignisse werden jedoch nicht in direkten Handlungen gezeigt, sondern wiederum von Bettina Riebesel erzählt. Sie strukturiert als Erzählerin durchgehend das Bühnengeschehen.

IGH-0259

Authentisch bleiben
Sehr gelungen ist die Musik, komponiert von Jacob Suske, ehemals Mitglied der Berner Band “Lunik“. Teilweise sphärische Sequenzen, nur bestehend aus elektronisch generierten Klängen wechseln ab mit  popigen Songs. Bemerkenswert ist auch das Bühnenbild, entworfen von Max Wehlberg. Er zeigt uns, wie rund 20 rechteckige, an sich langweilige, Kartonschachteln kreativ eingesetzt werden und als mobiles Bühnenbild fungieren können. Die Darsteller spielen damit, schieben sie auf der Bühne herum und stellen sie zu unterschiedlichen Gebilden und Formationen zusammen. Mal bilden die Schachteln eine haushohe Mauer, dann stehen sie senkrecht als Säulen im Raum oder aber sind unkoordiniert über die Bühne verteilt. Die Darsteller kriechen über die Schachteln, sitzen oder liegen darauf. Diese Variabilität und Dynamik der Bühne entsprechen der sprudelnden Energie der jungen Darsteller. Die Freude und der Elan mit dem die Jugendlichen agieren werden förmlich spürbar. Jeder darf etwas von sich preisgeben und sein persönliches Talent dem Publikum präsentieren. Sei dies eine kurze Einlage mit dem Skateboard, eine Rap- oder Gesangseinlage oder das Cellospiel. Der Regisseur Andreas Herrmann betont, dass es bei der Inszenierung darauf ankommt, die Jugendlichen ihre individuellen Talente präsentieren zu lassen, wobei sie stets authentisch bleiben sollen. Das schauspielerische Potential der Jugendlichen hätte aber wohl mehr ausgeschöpft werden können.

IGH-0067

Wo bleibt die kritische Auseinandersetzung
Die Jugendlichen wirken durch ihre farbigen Kleider und ihre unterschiedliche nationale Herkunft zwar bunt zusammengewürfelt, bilden als Chor dennoch eine geschlossene Einheit und ein eingespieltes Team. Doch leider wirken die jungen Darsteller zu wenig in die Geschichte miteinbezogen. Ihre teils alltäglichen, teils kritischen oder auch philosophischen Fragen stehen ausserhalb des Kontextes des Antigone-Mythos. Der Grossteil der Bühnenhandlung erscheint als Aneinander-Reihung von Fragen und Aussagen. Es findet keine dramatische Handlung statt, es gibt keine psychologisch ausgestalteten Figuren. Die eigentliche Geschichte, der Antigone-Mythos, verläuft irgendwo im Sand hinter den meist recht banalen Fragen der Mitwirkenden. Aber es ging in dieser Inszenierung auch nicht darum, “die“ Geschichte der Antigone wiederzugeben, darum nennt sich die Produktion auch “ein“ Antigone Projekt. Der Antigone-Mythos sollte als Hintergrund dienen, vor dem sich verschiedene gesellschaftliche Fragen stellen und erörtern lassen. Was steht höher: Gesetz oder die Moral des Einzelnen? Lohnt sich Widerstand und Rebellion? Wo beginnt politische Unterdrückung und Auf welchen Werten beruht eine Gesellschaft? Doch genau diesen Anspruch erfüllt die Inszenierung nicht im Geringsten. Die Fragen der Jugendlichen wie zum Beispiel: “Wo ist mein Handy?” oder “Brauchst du ein Aspirin?” erscheinen eher alltäglich und banal als politisch brisant. Die Angebote für eine Auseinandersetzung mit aktuellen Fragen, die der Text von Sophokles bieten würde, bleiben ungenutzt. Doch dann: Das politische Drama der Antigone erhält zum Schluss eine politische Pointe, als die Irakerin Sura Al Shawk das Wort ergreift. Der jungen Frau wurde es verboten, beim Basketballspielen ein Kopftuch zu tragen. Daraufhin entschied sie sich, ihr geliebtes Hobby nicht mehr auszuüben – ihre Begründung: “Das Kopftuch ist Teil meiner Identität. Wenn ich es ablegen würde, ginge ein Teil meiner Persönlichkeit verloren.” Sie zog vor Gericht, verlor jedoch. Hier haben wir endlich eine Parallele zum Antigone-Mythos – das Individuum, welches alleine trotz kämpferischem Widerstand nicht gegen die Gesetze des Staates ankommt.

Die Produktion ist ein ambitioniertes Projekt, die Jugendlichen agieren offensichtlich motiviert, haben Spass auf der Bühne und machen ihre Sache gut. Aber leider mag die Inszenierung dennoch nicht wirklich zu überzeugen, das Gesamtgeschehen fällt zu sehr auseinander. Der antike Mythos auf der einen, die Jugendlichen mit ihren alltäglichen Problemen auf der anderen Seite. Die Parallelen zum Antigone-Mythos fehlen und der Zuschauer vermisst eine intensive Auseinandersetzung mit tagespolitischen und gesellschaftlich relevanten Fragen. Das Ganze bleibt zu oberflächlich.

Besprechung der Aufführung am 28.Mai 2010.
Weitere Vorstellungen 30.Mai 2010, 03. 06. 10. 11. und 13. Juni 2010.

Dauer: 90 Minuten ohne Pause.

Besetzung
Sura Al Shawk, Samia von Arx, Leonie Bollinger, Daniela Britt, Janine Durrer, Steffi Friis, Gilda Laneve, Ylenia Marra, Bettina Riebesel, Marzella Ruegge, Laura Scheiderer, Samantha Steffen, Sidney Trionfini, Tara de Louwere, Riccardo Conte, Damiàn Dlaboha, Armend Haxhosaj, Valentin Schroeteler, Samuel Zumbühl

Regie: Andreas Herrmann
Dramaturgie: Ulf Frötzschner
Choreografie: Marcel Leemann
Bühne: Max Wehberg
Kostüme: Susanne Boner
Musik: Jacob Suske

Im Netz
www.luzernertheater.ch
Artikel zu Sura Al Shawk (Tages-Anzeiger): hier

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