Weichgeklopft

NIFFF 2010 – Samstag

raging

Am Samstag versuchten sich gleich zwei Beiträge aus verschiedenen Ecken der Welt an der Verschmelzung von Knüppelei und Klamauk: Doch trotz vielversprechender Ansätze blieben sowohl der thailändische  “Raging Phoenix”, der Muay Thai mit Breakdance zusammen bringt, als auch das Hong Konger Geronten-Gekloppe “Gallants” hinter den Erwartungen zurück.

Das thailändische Kulturministerium wird hiermit offiziell dazu aufgefordert, per Staatsdekret folgende drei Sofortmassnahmen zur Qualitätssteigerung im heimischen Actionfilmschaffen zu ergreifen:

  1. Die Farbregler sind mit sofortiger Wirkung von allen Postproduction-Konsolen zu entfernen, zu blockieren oder so zu modifizieren, dass ein Verschieben in den Blau-/Orange-Bereich mit einem Stromstoss nicht unter 10′000 Volt und 50 Ampere sanktioniert wird.
  2. In einem Fünfjahres-Plan werden 60% aller Action-Choreographen und 30% aller Schauspieler des Landes umgeschult in Drehbuchschreiber. Das Ausbildungsangebot wird weder von Veteranen der klassischen Thai-Romanze noch vom Script-Writer von “Generic 80’s Action Flick 4: The Return of The Revenge” durchgeführt.
  3. Der Einsatz von Weichzeichnungsfilter wird unter Strafe gestellt. Bei Zuwiderhandlung wird dem Deliquenten solange das Gesicht mit Stahlwatte  geschrubbt, bis keinerlei Konturen mehr erkennbar sind.

Für eine Qualitätssteigerung von nicht unter 300% bürgt: yours truly.

Phoenix, verkohlt in der Asche
Mit ”Ong-bak” war anno 2003 das thailändische Action-Kino auf einen (Ellbogen)Schlag im Weltbewusstsein angekommen: Das Novum des Muay Thai-Stils, verkörpert im menschlichen Spezialeffekt Tony Jaa, bewies, dass der Martial Arts-Film auch heute noch ohne digitale Trickserei und Wire Fu irrsinniges Spektakel bieten kann. “Ong-bak” bewies aber auch, dass ein solcher Film durchkommen kann mit einer Geschichte um einen entführten Elefanten.

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Seither beschert uns Thailand in schöner Regelmässigkeit Action-Kracher, deren Kreativität und Originalität in Sachen Choreographie  proportional steigt mit dem Dumpfsinn des sie zusammen haltenden Plots. “Raging Phoenix” ist der jüngste Zögling dieser Schule, und wie die meisten Vertreter seiner Zunft schafft er es trotz aller zur Schau gestellten Akrobatik nicht, die gegenstrebenden Qualitätstrends in eine aushaltbare Balance zu bringen.

Tatsächlich hat die zweite Zusammenarbeit von Regisseur Prachya Pinkaew und Schauspielerin Jija Yanin genau eine gute Idee: Könnte man nicht  die erprobten fliegenden Knie- und Ellbogenstösse des Muay Thais paaren mit der anatomie-verhöhnenden Eleganz des Breakdance und als Taufpaten den drolligen Drunken Boxing-Stil wählen? Doch kann man, zum kurzweiligen und kurzzeitigen Vergnügen der Zuschauer. Freilich ist die Idee nicht gut genug, um einen Film von 90 Minuten zu tragen.

Die Startstunde ist äusserst unterhaltsam, mit gleich zwei spektakulären Massenschlachten und einer klassischen Trainings-Montage. Danach aber wird’s schmerzhaft: Der zu verkloppende Bösewicht wird mit einer Idee aus Patrick Süskinds “Das Parfum” (!) mystifiziert, jegliche bis dato aufgebaute Charakterentwicklung wird über Bord geprügelt, eine Pseudo-Romanze mit Gewalt eingefügt und die Plot-Entwicklung einer Logik unterstellt, für die sich selbst ein Beat em Up-Game schämen würde.
Selbst die Choreographien und Set-Pieces wirken in der zweiten Filmhälfte uninspiriert und repetitiv; dass die In-die-Fresse-aufdringliche Farbgestaltung gegen Ende von Orange-Blau zu Grau-Rot schlittert, macht die Sache auch nicht besser.

“Raging Phoenix” ist einer der Filme, die einen auf ein Remake hoffen lassen, das die wenigen guten Ideen weiterverfolgt und den Rest mit einer Tracht Prügel dahin befördert, wo es hingehört: In die Vergessenheit. (Zumal man die besten Szenen ohnehin auf youtube findet.)

gallants

“Gallants” von Clement Sze-Kit Cheng und Chi-kin Kwok stammt zwar aus Hong Kong, hat ansonsten aber sehr ähnliche Probleme.

Immerhin versucht er sich nicht am faux-cool von “Raging Phoenix”; im Gegenteil – seine Protagonisten sind, was der Film mit der Eleganz eines Sandsacks zum Ausdruck bringt, Loser. Da ist der junge Loser Cheung (You-Nam Wong), der durch Umstände, die nicht mal den Film interessieren, an zwei in die Jahre gekommene Loser gerät – Tiger und Dragon, gespielt von Siu Lung-Leung und Kuan Tan Chen (der gleich in allen Hong Kong-Filmen mitspielt, die dieses Jahr am NIFFF gezeigt wurden!). In einer schön ironischen Verschmelzung von Fiktion und Realität waren diese beide in ihrer Jugend Kung Fu-Meister (im Film) resp. Stars des klassischen Kung Fu-Kinos der Shaw Brothers (in der Realität). Vom Glanz der alten Tage ist nicht viel übrig geblieben; die Ankunft von Cheung setzt aber eine Reihe von Ereignissen in Gang, die in der Erweckung des alten Si-Fus (Teddy Robin Kwan) und einem Martial Arts-Turnier gipfelt, in dem sich die alten Haudegen noch einmal beweisen können.

So kohärent, wie das in der Beschreibung klingt, ist das freilich im Film nicht. Wie “Raging Phoenix” steckt in “Gallants” im Kern nicht mehr als eine einzige Idee – wie wäre es, wenn wir die alten Stars des klassischen Kung Fu-Kinos noch einmal in eine klassische Rolle stecken würden? Und wie der thailändische Film hat das durchaus einen gewissen Schauwert – die Mittsechziger sind immer noch agiler als eine ganze Generation adipöser Kinder und praktizieren ein Kung Fu ohne Netz und doppelten Boden, das durchaus nicht veraltet wirkt.
Allerdings nutzt sich auch hier die Neuigkeit bald ab, und der Film verfällt dem Irrglauben, darüber hinaus nichts bieten zu müssen. Es gibt zwar Anflüge von teilweise durchaus ins Ziel treffender Komik, aber letztlich schickt auch “Gallants” sein gesamtes Drehbuch in der zweiten Hälfte zum Teufel. Eine Finale, das Siu Leu-Lung ins Rampenlicht rückt und sich über das typische Moralisieren im klassischen Kung Fu-Kino liebevoll lustig macht, entlässt den Zuschauer zwar sanft zurück ins Tageslicht; dass die halbe Stunde davor Zeitverschwendung gewesen ist, macht allerdings auch sie nicht vergessen.

Im Netz
Trailer zu “Raging Phoenix”
Trailer zu “Gallants”

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