Rock gegen Regen, stimmungsvolle Sonnenuntergänge und elektronische Entdeckungen

Bild: Konzertbilder.ch

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Gurten Festival, 15.-18.7.2010, Bern

Von Rico Steinemann und Marcel Riedener

Der Güsche (berndeutsch für „Gurten“ Anm. d. Red) war von Freitag bis Sonntag ausverkauft, das Wetter spielte dieses Jahr besser mit, die Stimmung war friedlich und ausgelassen und Veranstalter und Besucher somit „happy,happy,happy“ (O-Ton der Festivalsite).

Rodrigo y Gabriela, Mexicos Gitarrenvirtuosen. Bild: konzertbilder.ch

Rodrigo y Gabriela, Mexicos Gitarrenvirtuosen. Bild: konzertbilder.ch

Da war er also wieder. Der alljährliche Surpise Guest, das Wetter. Es zeigte sich nach einem trockenheissen Donnerstag am Freitag erstmals von seiner nassen Seite. Rodrigo y Gabriela, Mexicos heissester Export seit Chili con carne, eröffneten gerade ihr Set in der Zeltbühne als ein heftiger Platzregen über dem Festivalgelände niederging. Dies hatte zur Folge, dass die Zeltbühne aus allen Nähten platzte und so wohl der eine oder andere sich das Konzert der beiden Gitarrengötter anschaute, ohne dies wirklich geplant zu haben. Gesehen hat man dann wohl das Highlight des Freitags, vielleicht sogar des ganzen Festivals. Was Rodrigo y Gabriela da zeigten, dass hat man so auf dem Gurten noch nicht gesehen. Es war schlicht und einfach grossartig. Grandios. Unglaublich. Gänzlich ohne Gesang, nur mit zwei akustischen Gitarren, ihren virtuosen Fingerfertigkeiten und grosser Spielfreude lösten die beiden wahre Begeisterungsstürme aus. Zur musikalischen Genialität gesellte sich später ein Sonnenuntergang, der sich ebenfalls sehen lassen konnte. Ein goldener Streifen am Horizont, darüber dunkle Regenwolken, neben dem Schauspiel auf den Bühnen, wollte auch Mutter Natur nicht hintanstehen. Als Mike Patton, wieder vereinigt mit Faith No More, später die Hauptbühne betrat, war es wieder trocken. Die Laune des Herrn Patton wurde jedoch dadurch kein bisschen besser. Der Kerl ist eine Rampensau, ja fast schon eine multiple Persönlichkeit. Tadellos gekleidet mit weissem Hemd und feiner Hose, schreit er mal dämonisch ins Mikrofon, um im nächsten Moment mit „easy“ wunderschön singend, den grössten Hit der Band zum Besten zu geben. Das Publikum nennt er liebevoll „you fuckers“. Nachdem er der Reihe nach, erst von der fahrbaren Kamera überlistet wurde und auf die Nase fiel, danach auch noch vom Publikum (diesen „fuckers“) beim crowd surfen fallen gelassen wurde, überraschte er schlussendlich noch einmal, in dem er Michael Jacksons ersten Solohit „Ben“ coverte. Eine One-Man-Show. Man fragt sich nur, wie viel von seinem Auftritt aufgesetzt ist, oder ob der gute Mike tatsächlich so durchgedreht ist. Die sich immer weiter lichtenden Reihen vor der Hauptbühne lassen vermuten, dass das Güsche-Publikum nicht wirklich von ihm begeistert war. Mit dem Auftritt von Lunik bot sich einem ein Kontrastprogramm das grösser nicht hätte sein können. Das war alles schön und relaxt, so richtig mitzureissen vermochten die lokalen Grössen jedoch nicht. Genauso wenig wie später die Editors und die ebenfalls wiedervereinten Sens Unik.

Aufwachen und aufwärmen mit Open Season. Bild: konzertbilder.ch

Aufwachen und aufwärmen mit Open Season. Bild: konzertbilder.ch

Am Samstag war relativ früh klar: Unser aller Liebling das Wetter würde wohl wieder eine Rolle spielen und doch hoffte man allerseits auf einen schönen Tag. Spätestens, als man aber nicht von der Hitze im Zelt, sondern von den animierenden Reggae-Beats der Berner Ska-Band Open Season geweckt wurde, wusste man: es wird eng.
Von allen Seiten kamen die Festivalbesucher gegen 13 Uhr angeströmt, und eine ausgelassene Menge begann sich warm zu tanzen. Es würde ein langer Tag werden. Die lokalen Open Season lieferten auf der Hauptbühne einmal mehr eine souveräne Performance  ab. Die 10-köpfige Band hat sich zum 10-jährigen Bestehen definitiv von Geheimtipp zum offenen Geheimnis gewandelt und tourt momentan durch ganz Europa.
Leider vermochte die Band den Regen nur während ihres Konzertes abzuhalten. Sobald nicht getanzt wurde, regnete es. Dies änderte sich erst um 19 Uhr, als mit dem John Butler Trio die nächste Live-Musik-Perle die Bühne betrat und mit ihrem mitreissenden Pop und viel Spass das Publikum rockte. Die Stimmung glühte, doch kühlte sich sogleich ab, als bei Konzertende der Regen einsetzte und die Festivalbesucher ins Festzelt getrieben wurden, wo ein abwesender Kelly Jones mit seinen Stereophonics einen faden Auftritt hinlegte. Erst gegen Schluss änderte sich dies dank ”Dakota”.
Pünktlich um viertel vor Zehn begannen The Kooks vor voller Bühne und überzeugten knapp.  Zwar hatte der sympathische Leadsänger Luke Pritchard sichtlich Spass, doch viel mehr war da nicht. Dennoch tobte das Publikum ein erstes Mal so richtig an diesem Samstagabend. Als das Konzert vorbei war, strömten alle sofort zur Zeltbühne, wo sich Archive mit ihren wunderschönen Melodien sofort in die Ohren der Zuhörer spielten. Man merkte einmal mehr, dass die jetzige Besetzung der Trip-Hop Band aus London, unter anderem mit der präsenten Maria Q, stimmt.

Mit Archive begann sich der Trend von Rock zu Elektronischem hin zu verschieben, welcher nun im Hauptact des Gurtenfestivals gipfeln sollte. Um 00.30 waren ziemlich alle der Anwesenden 20′000 zu einer friedlichen, feierlichen Menge zusammengewachsen und warteten gebannt auf den Auftritt von Groove Armada. Und sie starteten sehr überraschend rockig. Bald einmal jedoch lieferte GA feinsten Ragga-Muffin während dazu immer dancigere Beats kombiniert wurden. Das Publikum geriet völlig aus dem Häuschen und tanzte den ganzen Berg hoch. Tom Findlay und Andy Cato bewiesen an diesem Abend, dass sie endlich aus der Chill-out Ecke umgereiht werden dürfen. Und dass sie zu gut sind, um nur in eine Richtung Musik zu machen.

Chase & Status: Dubstep und Drum N Bass Marke 2010. Bild: konzertbilder.ch

Chase & Status: Dubstep und Drum N Bass Marke 2010. Bild: konzertbilder.ch

Als das Konzert gegen 2.00 Uhr zu Ende ging, wartete in der Zeltbühne noch die Entdeckung des Abends auf das Publikum: Waren Chase&Status früher nur der gehobenen Riege um Jay-Z, Pharell und co. ein Begriff, so wurde die Londoner Combo, welche live Dubstep und Drum’n'Bass kreiert, vom aufgeladenen Publikum frenetisch gefeiert. Sie zeigten, wie ein Rave im Jahre 2010 tönt und dass das Schweizer Publikum bereit ist für Dubstep.

Das Wetter war schon lange vergessen. Und selbiges präsentierte sich am Sonntag wieder von seiner besten Seite. Endo Anacondas unverwüstliche Stimme weckte den Gurten auf. Die stillen Hasen zogen so etliche schon wache Besucher vor die Hauptbühne und erhielten sogar noch eine goldene Platte für 10.000 verkaufte Scheiben ihrer neuen CD „so verdorbe“. Obwohl sie spielend die grosse Bühne meistern und Endo samt Band auch hier restlos überzeugen, so scheint doch der kleine Club besser geeignet für eine Hasenshow. Schliesslich ist die Nähe und die Interaktion mit dem Publikum eine der grossen Stärken des brillanten Texters Endo. Passend zum Wetter präsentiert sich später der australische Hippie Xavier Rudd mit seinen beiden afrikanischen Bandkollegen. Barfuss und mit Gitarre, mal gleichzeitig mit Didgeridoo und Schlagzeug, hatte er sichtlich Spass am musizieren. Das war herrlich entspannt und genauso wie es sich für einen Openair-Sonntag gehört. Die Waldbühne bot derweil lokalen HipHop von der erstaunlichen Steffe La Cheffe. Zusammen mit einer routinierten Liveband und einem DJ, zeigte die junge Dame, dass sie sich was Raps und Beatboxing betrifft in der Schweiz keinesfalls hinter ihren Kollegen mit „Schnäbi“ verstecken muss.

Stehendes "crowd surfing" von Skin. Bild: konzertbilder.ch

Stehendes "crowd surfing" von Skin. Bild: konzertbilder.ch

Und schliesslich kam er, der Moment, auf den viele Gurtengänger wohl sehnsüchtig gewartet hatten. Skunk Anansie kamen 10 Jahre nach ihrem letzten Auftritt, zwischenzeitlich hatte sich die Band aufgelöst, wieder auf den Gurten. Und wie sie kamen. Charismatisch und voller positiver Energie rockten sie unter der Regie der bezaubernden Skin, als wären sie nie weg gewesen. Dabei kamen neue Songs des im September erscheinenden Albums „Wonderlustre“ ebenso zum Zug, wie die alten Hits. Allen voran „Weak“ und „Hedonism“ liessen die Besucher über beide Ohren strahlen. Skin zeigte sich ungemein gutgelaunt, scherzte immer wieder spontan mit dem Publikum und liess sich im wahrsten Sinne des Wortes auf Händen tragen. Stehendes „crowd surfing“, das soll ihr erstmal einer nachmachen. Es ist eine grosse Liebe, die sich da zwischen Bern und den sympathischen Engländern entwickelt hat und sie beruht auf Gegenseitigkeit.

So neigte sich das ausverkaufte Weekend dem Ende zu, Amy „Everbodys darling“ MacDonald war die letzte, die in der Abendsonne die Hauptbühne betrat und noch einmal für allgemeine Zufriedenheit sorgte. Happy, happy, happy eben. Der Güsche wird sich nun ein Jahr ausruhen und nächstes Jahr wieder auferstehen. Vielleicht, vielleicht kommt der Surprise Guest dann für einmal ganz ohne Regen aus.

 

Der Surprise Guest, das Wetter, hatte dieses Mal wieder Überraschungen parat. Der Abschluss gestaltete sich dafür umso schöner. Bild: konzertbilder.ch

Der Surprise Guest, das Wetter, hatte auch dieses Mal wieder Überraschungen parat. Der Abschluss gestaltete sich dafür umso schöner. Bild: konzertbilder.ch

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