“Die Qualität ist für mich ein wichtiger Entscheidungsträger”

Literaturfestival Leukerbad: Interview mit Hans Ruprecht

HansRuprecht

Hans Ruprecht, Programmleiter des Literaturfestivals Leukerbad, erzählt, was er von E-Books und Helene Hegemann hält, warum die Autoren und Autorinnen trotz bescheidener Honorare gerne nach Leukerbad reisen und wie er zwischen Schriftstellern Verkupplungsarbeit leistet.

Von Christoph Aebi.

nahaufnahmen.ch: Herr Ruprecht, wie sieht, kurz vor Ende des 15. Internationalen Literaturfestivals Leukerbad, Ihre Bilanz der diesjährigen Ausgabe aus?

Hans Ruprecht: Der wichtigste Teil ist bereits vorbei, jetzt folgen noch die drei Nachmittagslesungen. Ich bin sehr zufrieden mit dem Verlauf des Festivals. Die Stimmung unter den Autoren und dem Publikum war grossartig.

Welches war Ihr persönlicher Festivalhöhepunkt?

Jeder Besucher und jede Besucherin hat seine eigenen Eindrücke, seine Favoriten, die als Erinnerung bleiben. Stark beeindruckt hat mich die Lesung von Laszlo Krasznahorkai, auch weil sein neues Buch grossartig ist. Der Samstagabend mit den Kurzlesungen war ebenfalls sehr gut und kam sehr dicht daher. Ich war natürlich viel unterwegs und konnte mir nicht alles anhören. Das ist das Los des Veranstalters, dass er immer ein bisschen im Hintergrund ist. Die Diskussion am Samstagnachmittag über die Verlags- und Literaturförderung in der Schweiz war höchst emotional und zeigte die Situation des Umbruchs, welche im ganzen Literaturbetrieb herrscht, gut auf. Lösungsvorschläge und Ideen sind viele vorhanden, aber niemand kann sagen, wie es weitergehen soll. Ich denke da beispielsweise an die ganze E-Book-Geschichte, welche ich ebenfalls verfolge. Das E-Book ist ein Hilfsmittel – so sehe ich es zumindest – und ich glaube nicht, dass es das Buch verdrängen wird. Bei allen technischen Neuerungen gibt es zu Beginn jeweils eine unheimliche Euphorie. Eine neue Ära wird propagiert. Was dann jeweils eintrifft, sieht – nüchtern betrachtet – ganz anders aus.

Das diesjährige Programm war sehr abwechslungsreich und hatte für alle Geschmäcker etwas zu bieten. Da für das Festival kein übergreifendes Thema besteht, habe ich mich gefragt: Wie haben Sie das Programm zusammengestellt und die Autoren und Autorinnen ausgewählt?

Ich bin kein Freund von Themen. Auch wenn man eines hat, wird man es nie erfüllen können. Mir ist es wichtig, die ganze Palette von Literatur präsentieren zu können: von anspruchsvollen, hochstehenden Literaten –angeblich hochstehend, das muss man auch immer wieder diskutieren – bis zur Unterhaltungsliteratur. Es gibt sehr intelligente Unterhaltung, aber auch Grenzbereiche, wo das Niveau zu tief sinken kann. Die Qualität ist für mich ein wichtiger Entscheidungsträger.

Wo ist denn für Sie die Grenze?

Beispielsweise bei Charlotte Roche oder bei Frau Hegemann. Allerdings war die ganze Diskussion rund um ihr Buch auch ein bisschen das Problem des deutschen Feuilletons. Wenn man so will, hatten wir dieses Jahr mit Airen das Original statt der Kopie hier. Es gibt für mich schon gewisse Grenzen, wo ich sagen muss, dass dies mit Qualität und Literatur nicht mehr viel zu tun hat, sondern mit einem Markt und diesen bediene ich hier natürlich nicht. Es ist nicht meine Aufgabe, Sachen, die reine Mediengeschichten sind und mit Literatur nichts mehr zu tun haben, zu machen.

Wie einfach oder schwierig ist es, bekannte Autoren nach Leukerbad zu holen?

Ich bezahle ein Einheitshonorar und mache keinen Unterschied zwischen bekannten und unbekannten Autoren. Dafür investiere ich lieber in die Gastfreundschaft und den Aufenthalt. Das hat eine andere Qualität und Nachhaltigkeit, als wenn man ein grosses Honorar bezahlen würde. Das Literaturfestival Leukerbad hat inzwischen europaweit einen ganz grossen Ruf. Wenn ich in Berlin, Wien oder Hamburg bin, da kennt man unser Festival. Die Verlage unterstützen das Festival indirekt, indem sie ihren Autoren, trotz den etwas tieferen Honoraren, zureden, dass sie an das Festival gehen sollen. Die Autoren, welche hier waren, sind jeweils begeistert. Das trägt weiter und ist das Kapital von Leukerbad. Deshalb habe ich keine Probleme, grössere Namen hierherzuholen. Alexander Kluge war mal hier. Margriet de Moor hat mir zwei Jahre nach ihrem Auftritt eine Mail geschickt, ob sie wieder ans Festival kommen dürfe. Leukerbad ist also sehr beliebt. Ein Aufenthalt hier ist sehr angenehm. Man kann ihn geniessen und kommt in Kontakt mit Leuten, kommt mit Lesern und Leserinnen ins Gespräch, und zwar in einer sehr unakademischen Form.

Was Leukerbad so speziell macht, sind die verschiedenen Orte, an denen Lesungen stattfinden: Auf der Gemmi, in der Dalaschlucht, in einem ehemaligen Bad. Der Trend an Literaturfestivals geht zur Veranstaltung von Lesungen an etwas ungewöhnlichen, oftmals zum Thema der Bücher passenden Örtlichkeiten. Gibt es für Sie in Leukerbad neue Orte, die Sie gerne ebenfalls für Lesungen nutzen würden?

Dazu muss ich sagen, dass diese Orte, welche gar nicht so aussergewöhnlich sind, schon lange bestehen. Die Veranstaltung von Lesungen in diesen Lokalitäten hat sich einfach so ergeben, wir haben nicht spezifisch danach gesucht. Die Dalaschlucht wurde vor ein paar Jahren erschlossen. Nun findet dort ein Spaziergang mit zwei Kurzlesungen statt, um den Autor ein wenig vorzustellen. Auf der Gemmi findet eine einzige Lesung um Mitternacht statt, ebenso eine Lesung im römisch-irischen Bad am Sonntagmorgen Das alte Bad ist vom Raum her ideal, da 200-300 Leute Platz finden. Die Lesungen waren deshalb immer dort und nicht, weil wir bei einem Trend mitgemacht hätten. Leukerbad ist nicht sehr gross. Man kann deshalb das Festival nicht vergrössern, nur inhaltlich verdichten. Der Platz für eine Vergrösserung ist gar nicht da und somit muss man an Räumlichkeiten nehmen, was vorhanden ist. Man kann kein neues Haus bauen; das ist auch gar nicht vorgesehen.

In Leukerbad gibt es im Gegensatz zu den Literaturtagen in Solothurn nach den Lesungen keine Gespräche mit den Autoren. Einzelne Gespräche finden während sogenannten „Hors d’oeuvres“ statt. War es eine bewusste Entscheidung, Lesungen und Gespräche zu trennen?

Ja, das war sehr bewusst. Ich finde Gespräche mit Autoren sehr wichtig, habe jedoch auch qualitative Ansprüche. Oft ist es so, dass Publikumsgespräche mit Autoren nicht sehr gut funktionieren. Der Moderator muss sich gut vorbereiten und jemand sein, der eine gewisse Erfahrung und Professionalität hat. Von den Örtlichkeiten her erübrigen sich hier in Leukerbad Publikumsdiskussionen – und gespräche sowieso ein wenig, da man mit den Autoren automatisch in Kontakt kommt. Die Autoren sind jeweils drei Tage hier anwesend und man hat immer die Möglichkeit, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, sie anzusprechen und direkt Fragen zu stellen. Das ist manchmal ehrlicher, als in einer Masse irgendwelche Voten herauszugeben. Speziell bei Lesungen in Buchhandlungen – das ist zwar ein anderer Bereich und ein anderes Publikum -  habe ich es schon erlebt, dass Leute manchmal wirklich Dinge fragen, die unter der Gürtellinie sind. Bei einer persönlichen Begegnung würden sie die Fragen nie in dieser Form stellen.

Die Lesungen sind mit 35-40 Minuten eher kurz. Manchmal würde man die Autoren gerne etwas länger hören.

Es ist ein Festival, bei dem man jede Stunde die Örtlichkeiten wechseln und sich sein Programm selber zusammenstellen kann. Die meisten Autoren lesen zweimal. Die zehnminütigen Kurzlesungen am Samstagabend sind ein Querschnitt durchs Festivalprogramm. Dafür wähle ich Autoren aus, die Texte haben, welche für eine solche Lesung geeignet sind. Beispielsweise gäbe eine Kurzlesung mit Rolf Lappert, dessen Romane sehr episch sind, überhaupt keinen Sinn. Oftmals ist es aber auch so, dass viele Autoren und Autorinnen, wenn sie hier oben zu Gast sind, plötzlich mit Texten hervorkommen, welche sie noch nie zuvor gelesen haben. Das hat wohl mit der Atmosphäre zu tun, dass sie sich sagen, hier mache ich etwas anderes, was ich vorher noch nie gemacht habe.

Ihnen liegt viel daran, die Literatur unter die Leute zu bringen und Menschen zum Lesen anzuspornen. Neben Leukerbad veranstalten Sie ebenfalls das Literaturfest in Bern, während welchem in der Altstadt und in kleineren Gemeinden ausserhalb Berns Lesungen stattfinden. Woher kommt Ihre grosse Leidenschaft für die Literatur?

Das ist schwer zu sagen. Ich habe lange Musikveranstaltungen im zeitgenössischen Bereich organisiert. Seit zwölf Jahren mache ich Literaturveranstaltungen, seit vier Jahren bin ich selbständig. Ich organisiere Leukerbad, das Berner Literaturfest, welches alle zwei Jahre stattfindet, und bin viel im Ausland tätig: in Krems, Wien, Berlin. Seit zwei Jahren präsentiere ich Schweizer Literatur in der Ukraine. Letzten Herbst habe ich dort eine Tournee mit Pedro Lenz, Raphael Urweider, Serhij Zhadan und Juri Andruchowytsch durchgeführt. Das war ein Riesenerfolg. Pedro und Raphael waren begeistert, da sie so etwas noch nie erlebt hatten. Momentan habe ich viele Projekte in Arbeit, welche jedoch erst im nächsten Jahr zum Tragen kommen.

Ein kleiner Ausblick auf das nächste Jahr: Welchen Autor oder welche Autorin möchten Sie gerne einmal hier in Leukerbad präsentieren?

Ich habe eine ganze Liste mit Wunschautoren. Darunter gibt es natürlich Literatur, die etwas komplizierter ist, aber hier genauso ihren Platz hat. Ich frage immer wieder Autoren, welche auf meiner Wunschliste stehen, an. Manchmal dauert es eine gewisse Zeit, bis es klappt. Charles Simic beispielsweise hat mir vor Jahren zugesagt und musste mir wieder absagen, weil er das Jahr verwechselt hat. Das kann natürlich auch passieren. Ein Jahr später kam er dann und hatte einen grossartigen Auftritt. Im selben Jahr war Colum McCann ebenfalls anwesend und ich wusste, dass sich die beiden Autoren gegenseitig sehr schätzen. Sie trafen sich hier oben in Leukerbad zum ersten Mal und haben ausgiebig miteinander diskutiert. Viele Autoren entdecken hier andere Schriftsteller. Manchmal ist es schon fast eine Art Verkupplungsarbeit, wenn man weiss: Das ist etwas, was sehr nahe beieinander liegt. Aus solchen Begegnungen ergibt sich ab und zu auch etwas. Einige Autoren beziehen Leukerbad in ihre Arbeit ein. Ein Teil des vorletzten Romans von Andrej Kurkow, welcher in 25 Sprachen übersetzt wurde, spielt in der Schweiz – wobei die Schweiz bei ihm nur aus Zürich und Leukerbad besteht. Da gibt es also sehr viel, was literarisch umgesetzt wird.

Herr Ruprecht, besten Dank für dieses Gespräch.


Im Netz

Das 16. Internationale Literaturfestival Leukerbad findet vom 1. bis 3. Juli 2011 statt.
www.literaturfestival.ch

Das Literaturfest Bern 10 (mit Lesungen u.a. von Peter Bichsel, Urs Widmer, Judith Hermann, Milena Moser und Pedro Lenz) findet vom 25. bis 28. August 2010 statt.
www.berner-literaturfest.ch

Hans Ruprecht, 58, studierte nach einer Lehre als Tiefbauzeichner an der Essener Folkwangschule Schauspielerei und Theaterregie. Von 1987 bis 2007 veranstaltete er unter dem Label „Taktlos Bern“ Konzerte, welche Jazz und improvisierte Musik mit Literatur verbanden. Ende der 90er-Jahre begann er mit der Durchführung von „Trafo-Lesungen“ in der Berner Dampfzentrale. 2006 übernahm Hans Ruprecht von Ricco Bilger die Leitung und Programmierung des Internationalen Literaturfestivals Leukerbad. Im gleichen Jahr initiierte er das erste Berner Literaturfest und gründete seine auf Literaturvermittlung und –veranstaltungen spezialisierte Firma „Sprachform“. 2008 verlieh ihm der Kanton Bern den Kulturvermittlungspreis.

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