Hahnenkampf mit stumpfen Schnäbeln

“Cherrybomb” von Lisa Barros D’Sa und Glenn Leyburn

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Das britische Kino ist im Aufwind. Zu verdanken hat es dies nicht zuletzt der ersten Jugendgeneration dieses Jahrhunderts, deren Exzesse und Abgründe es fleissig absorbiert und in Erfolgsserien wie “Skins” oder erfolreichen Festivalfilmen wie “Fish Tank” wiedergibt. “Cherrybomb” versucht, auf dieser Welle mitzureiten – ohne jedoch einen nennenswerten Beitrag zu bieten.

Von Lukas Hunziker.

Die Ausgangslage von “Cherrybomb” wäre ja eigentlich vielversprechend: Die Freundschaft des Musterschülers Malachy und des rebellischen Tunichtguts Luke wird auf die Probe gestellt, als Michelle, die Tochter des Besitzers des örtlichen Sportzentrums, zu ihrem Vater zieht. Die blonde Schönheit braucht nur Sekunden, um die beiden um den Finger zu wickeln und zu ihren verblendeten Verehrern zu machen. Innerhalb von vier Tagen werden die beiden besten Freunde zu Rivalen, welche sich um die (körperliche) Liebe Michelles streiten. Doch nicht nur die Freundschaft der zwei droht zu zerreissen, auch mit ihren Familien tun sich die beiden Teenager schwer. Malachy wird von seinen Eltern wie ein Kind behandelt und kämpft um seine Selbständigkeit, während Luke und sein Vater von Lukes Bruder gezwungen werden, für ihn zu dealen.

Zaghafter Flirt mit Sozialrealismus

“Zwei Jungs, ein Mädchen, lasst das Spiel beginnen”, so lautet die deutsche Tagline von “Cherrybomb”. Der Kampf um Michelle ist für die beiden Freunde erst wirklich nur ein Spiel, aus dem erst dann Ernst wird, als sie begreifen, dass Michelle für sie die Flucht verkörpert, die sie sich so wünschen. Die Flucht aus unbefriedigenden familiären Beziehungen, die Flucht aus einer Kleinstadt, deren Jugend ihre Zeit damit verbringt, auf öffentlichen Plätzen rumzulungern und darauf zu warten, dass jemand per SMS eine Einladung zu einer Party durchgibt. Michelle, die alle Frauen der Stadt an Klasse zu überbieten scheint, wird für beide zum Symbol der Hoffnung auf etwas jenseits dieses ereignislosen Daseins.

© Studio / Produzent

© Studio / Produzent

Den Kampf um dieses Mädchen aller Mädchen führen die beiden jedoch nie mit scharfen Waffen und das Finale ist so harmlos wie ein Lamm auf einem Valiumtrip. Das liegt leider auch daran, dass der Film sich über Lukes Familiengeschichte am Sozialrealismus versucht, um Luke zu einer tragischen Figur zu machen. Aber wenn “Cherrybomb” etwas wirklich nicht gelungen ist, dann die Darstellung der beiden Familien und des Milieus, in welchem sich die beiden Freunde bewegen. Die 83 Minuten Filmdauer erweisen sich zu knapp, um den drei Figuren genug Tiefe zu geben und man wünschte sich, es wäre statt dessen mehr in die primäre Storyline investiert worden, um wenigstens die Dreiecksbeziehung etwas spannender zu machen.

Ein Blowjob für Ron Weasley

Vermarktbar ist “Cherrybomb” vor allem, weil Rupert Grint (bekannt als Ron Weasly aus den Harry Potter Filmen) mitspielt und sein Image als süsses Jungchen loswerden darf. Daniel Radcliffe hat dies schon vor über drei Jahren gemacht, als er in einer Produktion von Peter Shaffers Stück “Equus” nackt auf der Bühne stand. Grints Auftritt in “Cherrybomb” ist nicht halb so skandalös, aber immerhin darf er zum Blowjob, den er bekommt, ein bisschen dümmlich lächeln. Schauspielerisch zu überzeugen mag er aber genauso wenig wie Robert Sheehan als Luke und Kimberly Nixon als Michelle – alle drei spielen nicht schlecht, aber unter dem Strich doch relativ harmlos.

“Cherrybomb” ist kein schlechter Film, aber gemessen an Produktionen wie “Fish Tank”, für den es übrigens noch kein Verkaufsdatum in der Schweiz gibt, enttäuscht er doch ziemlich. Dem Film fehlt der Mut, inhaltlich oder ästhetisch an Grenzen zu gehen und an Konventionen zu kratzen. “Cherrybomb” versucht, Sozialdrama, Thriller und Liebesgeschichte gleichzeitig zu sein, und ist dabei keines so richtig. Aber vielleicht hat ein mit nacktem Oberkörper und durchnässten Jeans auf einer Luftmatratze liegender Rupert Grint genug Sexappeal, um in die Pubertät gekommenen Ron-Weasley-Fans zum Schmachten zu bringen.

Ausstattung

“Cherrybomb” hat, wie zu erwarten war, wenig an Bonusmaterial zu bieten. Immerhin findet sich auf der DVD ein Interview mit den beiden männlichen Hauptdarstellern, deren Hormonschübe sie jedoch an wirklich sehenswerten Statements hindern.


Seit dem 20. August 2010 im Handel.

Originaltitel: Cherrybomb (UK 2009)            
Regie: Lisa Barros D’Sa und Glenn Leyburn
Darsteller: Rupert Grint, Kimberley Nixon, Robert Sheehan, James Nesbitt
Genre: Drama/Thriller
Dauer: 83 Minuten
Bildformat: 2.35:1
Sprache: Englisch, Deutsch
Untertitel: Deutsch
Audio: Dolby Digital 5.1
Bonusmaterial: Interview mit Rupert Grint und Robert Sheehan
Vertrieb: Praesens Film

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