Warten auf die Weltrevolution

Saïd Sayrafiezadeh: “Eis essen mit Che” (Roman)

In „Eis essen mit Che“ erinnert sich Saïd Sayrafiezadeh an die grösstenteils traurige Kindheit eines Jungen namens Saïd Sayrafiezadeh, dessen Leben durch ideologisch verblendete Eltern zeitweise zu einem komplizierten Spiessrutenlauf wurde. Erstaunlicherweise ist der Roman aber frei von Bitterkeit. Mitfühlend, bewegend und mit einem trotz allem liebevollen Blick auf die seltsame Familie Sayrafiezadeh erzählt der Autor von einer Kindheit ohne Skateboard und Weintrauben.

Von Sandra Despont.

eisessenmitcheWenn die Weltrevolution kommt, wird alles gut. Dann wird es gratis Skateboards für alle geben, sogar für den kleinen Saïd Sayrafiezadeh, der nicht so recht verstehen kann, warum alle seine Freunde trotz fehlender Weltrevolution bereits jetzt eins haben. Leicht ist es nicht, ausgerechnet in den USA in Erwartung einer gerechten kommunistischen Gesellschaft ein moralisch einwandfreies Leben zu führen. Dass es nicht nur schwierig, sondern geradezu absurd ist, zeigt sich umso deutlicher aus der Perspektive eines kleinen Jungen, der die enge Weltanschauung seiner Eltern mit dem Verlust seiner Kindheit bezahlt.

Leiden, und zwar beträchlich

Saïd lebt mit seiner Mutter in Armut. Und das, obwohl seine Mutter „gebildet, belesen, redegewandt“ ist, einen Universitätsabschluss besitzt und nur wenige Minuten entfernt ihr reicher und spendabler Bruder lebt. Doch „zu leiden, und zwar beträchlich – darum ging es.“ Als vorbildliches Mitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei der USA erlegt Saïds Mutter sich und ihrem Jungen ein erbärmliches Leben auf und inszeniert ihre selbstgewählte Armut wirkungsvoll in dem Glauben, dass „Elend ehrenvoll, Not tugendhaft und Leiden vornehm ist.“ Als ihr Mann sie verlässt, nimmt sie das wie selbstverständlich hin, denn natürlich geht die Beförderung der sozialistischen Weltrevolution auch im Iran jeder Pflicht als Ehemann und Vater vor. So verliert Saïd seinen Vater kurz nach seiner Geburt an einen hehren Zweck, was ihn aber nicht davon abhält, seinen Vater schmerzlichst zu vermissen. Der Kontakt reisst zwar nie ganz ab, doch er bleibt sporadisch und unpersönlich. Immer, so lernt Saïd rasch, steht die Partei, immer steht die Hinarbeit auf die Weltrevolution vor seinen selbstsüchtigen persönlichen Bedürfnissen wie etwa dem, Weintrauben zu essen.

Wunsch + Verlangen + Diebstahl = Revolution!

Es ist eine so aussergewöhnliche wie traurige Kindheit, die Saïd Sayrafiezadeh beschreibt. Schon als kleiner Junge steht er stundenlang mit seiner Mutter auf der Strasse, um Passanten den „Militant“ zu verkaufen, an Demonstrationen schreit er sich für die Rechte der Frau die Lunge aus dem Leib und bei den nationalen Jahrestagungen singt er über seine Unterdrückung durch Arbeitgeber und Vermieter. Der kleine Revolutionär nimmt lange Busfahrten auf sich, obwohl es eine Schule direkt um die Ecke gäbe, er verbringt zahllose angstvolle Abende alleine zu Hause, während seine Mutter an Komiteesitzungen ist, und verzichtet heroisch, wenn auch sehr unwillig auf Weintrauben, bis er eines Tages die Lösung findet: Diebstahl! Das moralische Dilemma, dass er mit dem Weintraubenessen nämlich den Landarbeitern Gewalt antut, löst er damit, dass er die Trauben schlicht und einfach klaut. Denn „ein Verbechen gegen die Gesellschaft ist ein gutes Verbrechen“ und somit dient auch das Klauen von Weintrauben letztendlich dazu, die Weltrevolution zu befördern.

Ein Kunststück ist gelungen

Saïd Sayrafiezadeh gelingt mit seinem Roman das grosse Kunststück, seine Leserinnen und Leser vorbehaltlos für sein jüngeres Ich einzunehmen und seine Leiden an den engen Ideologien seiner Eltern greifbar zu machen, ohne letztere vollkommen zu diskreditieren. Obwohl es einem unbegreifbar bleibt, wie ein Vater ohne Not, bloss seiner politischen Überzeugung wegen, seine Familie mir nichts dir nichts verlassen kann, obwohl man die so gut meinende wie unbarmherzig ihre Überzeugungen verfolgende Mutter manchmal schütteln möchte, um ihr das Leiden ihres Kindes vor Augen zu führen, überwiegt doch das Mitleid auch mit Saïds Eltern, die sich selbst das Leben ebenso zu einer Abfolge von Widrigkeiten machen wie ihrem Sohn. Denn anhand seiner Mutter zeigt Sayrafiezadeh eindrücklich auf, welche Folgen die bedingungslose Aufopferung für ein unerreichbares Ideal haben kann, wenn das eigene Weltbild der Wirklichkeit nicht länger standhält.

Aufwühlende Abrechnung

So ist „Eis essen mit Che“ zwar eine Art Abrechnung mit einer verlorenen Kindheit, doch der Blick des Autors ist so voller Ironie, Augenzwinkern und Liebe, dass diese Abrechnung, obwohl sie unbarmherzig und offen ist, nicht in Bitterkeit versinkt. Denn die Absurdität einiger Situationen ist rückblickend immer auch komisch, die Andeutung einer besseren Zukunft für Saïd und das Mitleid mit seiner Mutter, die schlussendlich als gebrochene Frau erscheint, mildern die Wut über die Selbstgerechtigkeit ab, mit der Saïds Eltern, in gutem Glauben zwar, ihrem Sohn das Leben schwerer gemacht haben als nötig. Saïd Sayrafiezadehs Erinnerungen lassen einen nicht kalt. Sie machen wütend und berühren einen mit ihrer trotz allem von Liebe durchtränkten Melancholie. Sie wühlen einen auf durch die unglaublichen ideologischen Verblendungen, die sogar den sexuellen Missbrauch eines Jungen durch die Not im kapitalistischen System erklären wollen, sie berühren einen schmerzvoll und lassen einen doch voller Dankbarkeit für dieses mutige, ehrliche, vergnügliche und einnehmende Buch zurück.


Titel: Eis essen mit Che
Autor: Saïd Sayrafiezadeh
Übersetzerin: Bettina Abarbanell
Verlag: Aufbau
Seiten: 267
Richtpreis: CHF 34.50

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