Eine schlammige und nicht ganz einwandfreie Premiere

Alle Bilder: www.tilllate.ch

Der Open Air Acker nach der ersten Nacht. Alle Bilder: www.tilllate.ch

Zurich Open Air, 27.-29.8.2010, Rümlang

Von Marcel Riedener und Rico Steinemann

Location, Stimmung, Line-Up und die Musikanlage waren erstklassig, Wetter und Organisation jedoch liessen noch an vielen Orten zu wünschen übrig. Dennoch überwiegt nach dem ersten Zürich Open Air das Positive. Hier könnte sich ein Festival auf lange Zeit etablieren.

Schon der Festivalstart am Freitag stand unter keinem guten Stern. Heftige Regenfälle in der Nacht weichten das Gelände auf, Fahrzeuge blieben stecken und die feuerpolizeilichen Abnahmen dauerten länger als geplant. Als Konsequenz und zum Ärger derjenigen, welche schon um 12:00 kamen, um sich einen guten Zeltplatz zu besorgen, konnte das Festivalgelände erst mit einigen Stunden Verspätung geöffnet werden. Als gegen Freitagabend mit dem Konzert von Kashmir der Regen erneut einsetzte, verwandelte sich das Gelände im Laufe der Nacht in ein riesiges Sumpfgelände. Die 12000 Besucher fanden sich jedoch wohl oder übel damit ab und feierten trotzdem ausgelassen. Neben der energiegeladenen Show von The Hives stach dabei vor allem Groove Armada auf der MTV Bühne heraus. Sie zeigten ein weiteres Mal eine grandiose Show. Eine perfekte Dramaturgie zwischen souligen Posaunensoli und krachenden Beats. Licht- und Lasereffekte, welche zusammen mit dem Regen ein Schauspiel für sich boten, sowie eine energetische Menge, die sich von der Nässe nicht beeindrucken liess, waren Garanten für ein Konzerterlebnis der besonderen Art.


Saint Saviour, Groove Armadas exzentrische Leadsängerin.

Saint Saviour, Groove Armadas exzentrische Leadsängerin.

Placebo wurden danach ihrem Ruf für aufwendige Liveshows gerecht, ein riesiger LED Screen und aufregende Visuals brachten die Menge zusätzlich zum toben. Doch mittlerweile goss es aus allen Kübeln und nach dem letzten grossen Headliner verabschiedete sich ein Grossteil des Publikums. Zu schade. Denn die Skylinerbühne hatte mit dem deutschen Electroduo Booka Shade und den herrlich durchgeknallten Techno-Hippies Crystal Fighters noch zwei Trümpfe in der Hand. Der verbliebene harte Kern wurde mehr als entschädigt. Crystal Fighters bestätigten dabei einmal mehr, dass man an Open Airs die grössten Überraschungen um 3 Uhr morgens auf der kleinsten Bühne findet. Ein atemberaubender Mix aus geloopten Tönen einer baskischen Variante des Xylophons, donnernde Beats und fette Bässe, ab und an eine melodiöse Gitarre und Gesang, von Dubstep zu Techno und zurück. Es war eine musikalische Achterbahnfahrt erster Güte.

Trockener Himmel, schlammiger Boden

Die eindrücklichste Kulisse bot am Samstag auf den ersten Blick nicht etwa eine Bühnendekoration sondern das Festivalgelände selbst. Durch den sintflutartigen Regen, der am frühen Morgen nochmals einsetzte, wurde die riesige Moorlandschaft noch weiter aufgeweicht. . Mit Holzpalletten mußten improvisierte Stege gebaut werden um den Besuchern den Weg von der Haupt- zur Nebenbühne und umgekehrt zu ermöglichen. Schließlich waren in ganz Zürich die Gummistiefel ausverkauft, so daß sich einige immer noch nur mit Turnschuhen durch den Schlamm kämpften. Wenigstens war der Regen nachdem Samstagmorgen vorbei und der Rest des Festivals blieb trocken.

Gummistiefel, definitiv das Accessoise des Weekends.

Gummistiefel, definitiv das Accessoise des Weekends.

Zumindest von oben. Wer sich mit dem Zustand des Geländes abgefunden hatte, nahms locker oder setzte sich eine Bierbrille auf. Was einige waren, denn das Bier ging beim Stand vor der MTV Stage zwischen durch aus (ein Problem das des Öfteren vorkam und sicher auf die To-Do Liste für ein allfälliges nächstes Jahr kommt), konnte sich auf die Auftritte der “Bands” konzentrieren. Für viele Besucher überraschend, da sie die Band noch nicht kannten, überzeugte The Bianca Story aus Basel mit einem soliden Auftritt. I am Kloot, mit Zigarette und Bier auf der Bühne schaffte den Draht zum Publikum mit ironischen Ansagen zwischen den meist gemütlicheren Songs. Der Höhepunkt des Samstags war Faithless, die nicht nur ein Schlagzeug sondern auch noch ein “Stehdrum-Set” neben die Keyboards und Mixer von Sister Bliss auf der Bühne hatten. Mit zwei zusätzlichen Sängern und natürlich Maxi’s charismatischer Stimme zusammen mit den dröhnenden Bässen weckte Faithless die ca. 16000 Besucher auf. „I Can’t Get No Sleep“, traf Polizeiberichten zufolge auch für einige Bewohner in der Umgebung zu, die sich bei den Behörden wegen dem Lärm beklagten. Nicht zu überzeugen vermochte danach Underworld, denn um Techno von zwei Mixern zu spielen, ist eine Openairbühne schlicht zu groß. Da half auch Karl Hyde nicht weiter, der im fortgeschrittenen Alter mit einem Matrosenpullover bestückt, hüftschwingend den Hampelmann gab. Zeitweise wurde die ganze Bühne mit Nebel voll geräuchert, so daß es schien, als ob sich die Electroopas verstecken wollten.


Maxi Jazz, charismatischer Faithless Frontmann.

Maxi Jazz, charismatischer Faithless Frontmann.

Der letzte Tag des Zürcher Openairs lockte noch einmal die Massen mit großen Namen wie Kate Nash, Stereophonics oder The Prodigy. Obwohl sogar zeitweise die Sonne durch die Wolken blinzelte, Kate Nash konnte mit ihrer Show nicht wirklich für Stimmung sorgen. Die Stereophonics dagegen wurden nicht nur der guten Soundqualität gerecht sondern beeindruckten mit ihrem soliden Rock jung und alt. Auch beim Auftritt der Stereophonics ging das Bier erneut aus, dafür lockte der Bio Pasta Stand umsomehr mit einem verführerischen Duft von frischen Kräutern. Nach den herrlich melancholischen Schottenrock von Belle&Sebastian, der vorzüglich zum nasskalten Weekend passte, gab es zum Abschluß  auf der Hauptbühne noch ein Kontrastprogramm wie es grösser nicht sein könnte. Obwohl auch von der Insel, hatten The Prodigy doch einen etwas anderen Musikstil mit im Gepäck. Es wurde nochmals so richtig voll, denn niemand wollte die zwei sympatischen Jungs von nebenan verpassen. Schon vor dem eigentlichen Konzert wurde die Menge von einem DJ aufgeheizt, und als die beiden Vorzeigeschwiegersöhne Keith Flint und Keith Palmer von „Breathe“ über „Superstarter“ bis zu „Smack my bitch up“ einen Hit nach dem andern vom Stapel liessen, bebte die Wiese neben dem Flughafen noch einmal mächtig. Mit “Where my fucking people at?” entlockte Keith Palmer den verbliebenen Feiernden einen letzten Schrei. Die Boxen verstummten schließlich und die Moorlandschaft gehörte nun alleine den Müllsammlern- und Helfern.

Where my fuckin people at? Keith Palmers liebste Frage.

Where my fuckin people at? Keith Palmers liebste Frage.

Mit gut 40 000 Zuschauern über die drei Tage lag das Zürich Open Air etwas unter der erwarteten Zahl, doch trotz der „diversen organisatorischen „Kinderkrankheiten“, die auch Initiator Rolf Ronner eingestand, ging das Festival schlussendlich ohne grössere Zwischenfälle über die Bühne. Die Stimmung war ausgelassen und friedlich. Und falls die Organisatoren wie versprochen aus ihren Fehlern lernen, dann könnte sich das Zürich Open Air mit etwas Wetterglück wohl spielend, als ein feste Säule im Festivalsommer etablieren.

Interview mit Sister Bliss





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