Für immer unvergessen

“Common Threads – Stories from the Quilt” von Robert Epstein und Jeffrey Friedman

Als Marvin Feldman im Oktober 1986 an Aids stirbt, näht sein Lebensgefährte Cleve Jones ein Gedenktuch in den Ausmassen des noch frischen Grabes. Er schreibt den Namen des Verstorbenen darauf, die Erinnerung an den Freund soll so gewahrt werden. Andere schliessen sich ihm an und knüpfen ihre Laken aneinander. Der Aids Memorial Quilt ist geboren. Aus der Trauerarbeit eines Einzelnen wächst eine den Globus umspannende Initiative. „Common Threads – Stories from the Quilt“ geht zurück zu den Anfängen.

Von Fee Anabelle Riebeling

common threadsDer stetig wachsende Quilt (engl. Steppdecke) wird seither regelmässig der Öffentlichkeit präsentiert. Doch nicht nur das: Die Hinterbliebenen verlesen auch die Namen ihrer an der Immunschwächekrankheit verstorbenen Freunde und Angehörigen. Dabei wollen sie nicht nur an die Toten gedenken: Sie wollen ebenfalls mahnen und sich für die Diskriminierung von Homosexuellen und HIV-Infizierten stark machen. Sie fordern ein Gesundheitssystem mit ausreichender Vorsorge und Krankenbetreuung. Denn nicht nur die Verstorbenen sollen nicht in Vergessenheit geraten, sondern auch die Krankheit selbst.

Filmischer Quilt

„Common Threads – Stories from the Quilt“, 1989 mit dem Oscar für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet und nun erstmals auf DVD erhältlich, ist nach wie vor aktuell: Mit rund 2,7 Millionen Neuansteckungen im Jahr 2008 stieg die Zahl der Infizierten auf etwa 33 Millionen Menschen weltweit. Der Film von Robert Epstein und Jeffrey Friedman dokumentiert die späten achtziger Jahre, als die Erkrankung in den USA gehäuft auftritt und erstmals von Gesundheitsexperten und der Öffentlichkeit als Epidemie wahrgenommen wird.

Die Regisseure knüpfen ihren eigenen Quilt: Sie kombinieren eindrücklich Archivbilder von Betroffenen mit Nachrichtenbildern, lassen Mediziner, Politiker und Angehörige zu Wort kommen und zeigen anhand von (Einzel-)Schicksalen und Episoden, mit welchen Vorurteilen und Schwierigkeiten Erkrankte zu kämpfen hatten. Denn noch hatte niemand die Krankheit und ihre Bedeutung verstanden. So zeigen Epstein und Friedman beispielsweise einen jungen Eddie Murphy, der bei sich bei einem Auftritt über die Verbreitung der Krankheit unter Homosexuellen auf heute kaum mehr nachvollziehbare Weise lustig macht.

Ratlosigkeit, Schuldzuweisungen, Mahnmal

Die Filmemacher kommentieren dies alles nicht, sondern lassen die auf Celluloid gebannten Zeitdokumente für sich selber sprechen. Das berührt tief, schockiert und bewegt nachhaltig. Und es sind vor allem die ausbleibenden Reaktionen, die auch noch im Nachhinein sprachlos machen: Denn so bestürzend die sich dazumal häufenden Übergriffe auf Schwule auch erscheinen mögen, das Nichtstun der Reagan’schen Administration demonstriert die globale Machtlosigkeit angesichts der Epidemie.

Umso stärker wirken hingegen die sechs sehr persönlichen Porträts der an Aids verstorbenen Protagonisten, die zeigen, dass nicht eine bestimmte sexuelle Präferenz für eine Erkrankung ausschlaggebend ist, sondern die Infektion auf unterschiedliche Weise geschehen kann. Der Film scheut sich nicht, Ängste, Leid und Trauer offen zu zeigen. Die Schicksale von Tom Waddell, Robert Perryman, David Mandell Jr., Jeffrey Sevcik, David C. Campbell und Tracey Torrey, der noch während der Dreharbeiten an Aids gestorben ist , stehen stellvertretend für alle Erkrankten.

“Common Threads – Stories from the Quilt” wiegt schwer, doch es ist wichtig, ihn zu kennen. Denn er hilft zu verstehen.


Seit September 2010 im Handel.

Originaltitel: Common Threads – Stories from the Quilt (USA 1989)
Regie: Rob Ebstein, Jeffrey Friedman
Darsteller: Jerry Falwell, Ronald Reagan, Elizabeth Taylor, Jeffrey Sevcik, Gary Walsh, Dr. Tom Waddell, David Mandell Jr., Vito Russo, David Mandell, Tracy Torrey, David C. Campbell, Charles Howard, Sara Lewinstein, Sallie Perryman, Rock Hudson
Genre: Dokumentation
Dauer: 79 Minuten
Bildformat: 4:3
Sprache: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Audio: Dolby Digital 2.0
Vertrieb: Praesens

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