Irgendwas mit Beckett

NIFFF 2011 – Tag 6

End_of_Animal

Am sechsten Tag wurde es theatralisch am NIFFF: Der südkoreanische Wettbewerbsbeitrag “End of Animal” gibt sich spröde und entzieht sich jeder Kategorisierung, ausser: Irgendwas mit Beckett. Zugänglicher war da schon “Todos tus muertos”, der mit Surrealismus und bitterbösem Humor die Korruption in Kolumbien anklagt.

Von Christof Zurschmitten.

„End of Animal“, der Debütfilm des Süd-Koreaners Jo Sung-hee, ist in der Tat ein seltsames Biest: Er wirkt, als hätte das Nichts sich einen post-apokalyptischen Thriller, „Rosmary’s Baby“, einen Monster-Horror-Streifen und ein Beckett-Drama einverbleibt, die nun alle zugleich gegen seine unendlich gespannte Membran treten. Der kräftigste Treter unter ihnen ist eindeutig Beckett: „End of Animal“ atmet dieselbe karge, bis zum Schluss allen letztgütigen Interpretationsversuchen verschlossene Reduktion auf das Absurde, wie es etwa bei Beckett so oft alles Streben und Hoffen buchstäblich ins Leere laufen lässt. Überhaupt würde sich eine Theateradaption von „End of Animal“ anbieten: Der Film zieht seine Spannung aus der (brutalen) Interaktion einiger weniger Figuren, deren Wege sich in immer wieder anderen Konstellationen, doch an stets denselben Plätzen kreuzen; auf aufwändige Spezialeffekte oder Kameratricks verzichtet dieser Film dagegen vollständig.

Doch welche Personen, und welche Schauplätze treffen in „End of Animal“ aufeinander? Am Anfang steht die Taxifahrt der jungen Sun-young (Lee Min-ji), die unterwegs zu ihrer Mutter ist, wo sie ein Kind gebären will. Mitten in der Einöde der koreanischen Landschaft steigt ein weiterer Fahrgast zu, der den Film ohne Zögern ins Reich des Enigmatischen hinabzieht: Er scheint alles über Sun-young zu wissen, erniedrigt sie, und setzt an zu einem Countdown, der in einem ohrenbetäubenden Knall endet. Als die betäubte Sun-young wieder aufwacht, findet sie sich zwar vordergründig in demselben Taxi, an derselben Stelle wieder, und doch ist nichts wie zuvor. Sun-young ist allein, aller Strom ist weg, und die winterliche Welt um sie herum scheint auf einen Schlag aus der Zivilisation gekippt. Auf der Suche nach Hilfe begegnet die Hochschwangere in der entvölkerten Gegend einer Reihe von Figuren – einem frühreifen Fünftklässler, einem dienstfertigen Einheimischen, einem zerstrittenen Pärchen –, die allesamt selbst rücksichtslos mit der Situation zurechtzukommen versuchen. Und als müsste der Hobbsche Schiedsspruch über den Menschen vertont werden, dröhnen aus den umliegenden Wäldern immer wieder bestialische Geräusche.

„End of Animal“ ist, daran kann kein Zweifel herrschen, eine Herausforderung: Er bewegt sich mit eisiger Langsamkeit voran, und windet sich – auch hier ist er wieder ganz bei Beckett – selbst in dieser langsamen Progression immer wieder in Schleifen. Sein Parabelcharakter ist unverkennbar, und doch verschwimmt dem Zuschauer die Parabel immer wieder unter dem Blick. Er erhebt Vorwürfe – die Position der Frau in der süd-koreanischen Gesellschaft –, mit denen man sich identifizieren kann, tut es aber auf eine Art und Weise, die einen immer wieder ratlos zurück lässt. Ein Werturteil über den Film zu geben, ist entsprechend schwer (Buh-Rufe mischten sich unter den Applaus an der Vorführung). Auf jeden Fall kann man ihm in seiner forcierten Kargheit eine gewisse Faszinationskraft nicht absprechen.

Todos_Tus_Muertos

„Todos tus muertos“ – der erste kolumbianische Film in der Geschichte des Wettbewerbs – weist auf den ersten Blick erstaunliche Parallelen zu „End of Animal“ auf: Auch er ist eine Parabel, auch er reduziert sein Personal und seine Schauplätze auf das Allernotwendigste – Carlos Morenos Film ist eine Art Kammerspiel unter freiem Himmel. (Die Schlussszene bestätigt den theatralen Charakter des Films noch zusätzlich.)

Hier enden allerdings die Ähnlichkeiten: Über dem Himmel steht hier die sengende südamerikanische Sonne. Das Gros des Films spielt im Kornfeld des Bauern Salvador (Alvaro Rodriguez), der dort eines Morgens einen Haufen Leichen ungeklärter Herkunft entdeckt. Doch die Behörden, die er angeht, um sich des Problems zu entledigen  erweisen sich alles andere als hilfreich: Vor dem Hintergrund der anstehenden Kommunalwahlen sind sie nicht so sehr darum bemüht, dem Vorfall auf den Grund zu gehen, als ihn möglichst schnell zu vertuschen – eine Situation, die für Salvador und seine Familie immer klaustrophobischere und bedrohlichere Züge annimmt.

„Todos tus muertos“ ist weit weniger spröde, herausfordernd und mysteriös als der südkoreanische Wettbewerbsbeitrag: Ohne dem Thema den Ernst zu nehmen, weist er Momente voller (Galgen-)Humor auf. Und im Gegensatz zu “End of Animal” ist diese Parabel unschwer lesbar. Als Farce und Allegorie auf die von Korruption, Gewalt und Bürgerkrieg zerfressene Situation in Kolumbien nämlich, unter der zuallererst die schwächsten Glieder der Gesellschaft zu leiden haben. Diesen Mangel an Subtilität könnte man dem Film ankreiden; jedenfalls lässt sich das Argument, dass er erst vor einem heimischen Publikum seine volle Wucht entfaltet, nicht ganz von der Hand weisen. Und natürlich fällt es leicht, die Schublade „Magischer Realismus“ auf- und den Film mitsamt seinen durchaus nicht zur Ruhe gekommenen Toten darin einzuschliessen.

Doch bekanntlich wurden alle Geschichten ohnehin schon erzählt, also geht es darum, wie sie erzählt werden. Und hier glänzt „Todos tus muertos“ durchaus. Das Drehbuch vollbringt das Kunststück, ständig an Ort zu treten, und doch auf eine stete Eskalation hinauszulaufen. Und Carlos Moreno braucht nur wenige Einstellungen und schlagende Bilder, um seine Figuren zu etablieren; als Parabel besteht für den Film ohnehin keine Notwendigkeit seine Charaktere über das Typisierte hinauswachsen zu lassen. Dennoch verliehen ihnen die Schauspieler trotz der latenten Eindimensionalität ihrer Rollen einge genuine Menschlichkeit. Überhaupt lebt der Film von präzisen, oftmals symbolischen oder surrealistischen Beobachtungen, die effizient eine Welt und die  an sie gebundenen Menschen zeichnet, die trotz ihrer allegorischen Natur zutiefst in der Realität verwurzelt bleiben. Wenn „Todos tus muertos“ holzschnittartig arbeitet, dann begründet er doch immerhin den (magischen) fotorealistischen Holzschnitt.

In einem Jahr, in dem das Gore-Kino im Zentrum des Interesses steht, kann es nicht überraschen, dass die Frage nach dem Wert und der Aufgabe des Genre-Films immer wieder gestellt wurde. Eli Roth und Gordon Herschell Lewis beantworteten sie entschieden auf die gleiche Weise: “There is no message. It’s all about entertainment.” Es ist schwierig, Filmen wie ”End of Animal” und “Todos tus mertos” in einem solchen Kontext einen Platz zuzuweisen; verbleiben wir deshalb jenseits aller Jury-Entscheide mit dem vagsten aller weisen Urteile: Sehenswert. Make of that, what you will.

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