Skandal, Skandal

Régis Jauffret: “Streng” (Roman)

Sex sells. Und dies gilt nicht nur für TV-Sendungen und Zeitungsschlagzeilen. Nein, auch der Buchmarkt weiss nicht erst seit Charlotte Roches “Feuchtgebiete”, dass intime Bekenntnisse auf grosses Interesse bei der Leserschaft stossen. Umso mehr, wenn diese auf wahren Gegebenheiten beruhen und gar in einem Verbrechen enden.

Von Stefanie Feineis.

StrengMit Schlagzeilen kennt sich der Verfasser des vorliegenden Romans bestens aus, ist er doch eigentlich Journalist. Ein spezieller Gerichtsfall jedoch, für den er im Juni 2009 für die französische Wochenzeitung “Le Nouvel Observateur” berichtete, beschäftigte ihn nachhaltig und inspirierte den vorliegenden Roman.

Der Fall

Manchmal schreibt das Leben Geschichten, die jedem Skandalroman Konkurrenz machen könnten. So klingt der wahre Fall, der diesem Buch zugrunde liegt, fast wie der Plot zu einem makaberen Film: Ein reicher französischer Bankier wird in seiner Luxuswohnung in Genf erschossen aufgefunden. Pikantes Detail: Er steckt in einem rosa Latexanzug. Zudem stellt sich bald heraus, dass die Täterin nicht nur eine zeitweilige Angestellte, sondern auch die langjährige Geliebte des Opfers war; eine Frau, die sich selbst als seine „Sex-Sekretärin“ bezeichnet. Kein Wunder, dass der folgende Gerichtsprozess mehr Aufsehen erregt als die Tat selbst.

Der Roman

Jauffret lässt in seinem Buch die eigentliche Hauptperson des Falls zu Wort kommen, die Frau nämlich, die für ihre Tat zu achteinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Was trieb sie dazu, über Jahre einem verheiraten Mann die ungewöhnlichsten Wünsche zu erfüllen und letztlich sogar einen Mord zu begehen?  Die Antwort ist ebenso überraschend wie einfach: Liebe. Umso komplexer sind die Verkettungen von Ereignissen und Gefühlen, die schliesslich tödlich enden. Und eine Frage bleibt offen: War sie wirklich diejenige, die die Fäden zog, oder hat sie der einflussreiche Mann von Anfang an manipuliert und für seine Zwecke ausgenutzt?

Die Umsetzung

Wer von diesem Buch schlüpfrige Details und pikante Sexszenen erwartet, wird wahrscheinlich enttäuscht werden. Jauffret schreibt detailliert, bevorzugt aber die genaue Wiedergabe der Gedanken und Gefühle der Hauptperson, was gelegentlich auch schon mal ins Banale und Langatmige abgleiten kann. Man wird das Gefühl nicht so recht los, dass dem gelernten Journalisten der sachliche Stil eines Zeitungsartikels mehr liegt als der Spannungsaufbau eines Romans. Zudem scheitert der Autor oft an der Darstellung der weiblichen Psyche, die er zu sehr durch die Augen eines Aussenstehenden, eines Mannes betrachtet. Auch das Thema Sadomasochismus präsentiert sich etwas anders als erwartet. Erotik ja, Sex eher nein.

Dies ist eines der Bücher, bei denen man im Voraus wissen muss, worauf man sich einlässt, um nicht enttäuscht zu werden. Für diejenigen, die sich für reale Fälle und detaillierte Einsichten in die Dynamiken einer mehr als ungewöhnlichen Beziehung interessieren, ist die Lektüre sicher empfehlenswert.


Titel: Streng
Autor: Régis Jauffret
Übersetzerin: Gaby Wurster
Verlag: Piper
Seiten: 176
Richtpreis: CHF 13.90

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