Wahrheit ist eine Perspektive

“A Separation” von Asghar Farhadi

separation 1

Die Berlinale ist bekannt dafür, dass bei der Wahl des besten Films politische Beweggründe stärker gewichtet werden als ästhetische. Doch in diesem Fall dürfte die politische Betroffenheit kaum den Ausschlag gegeben haben. „A Separation“ ist weder sozialromantisch noch politisch, dafür blüht das Cineastische um so mehr auf. Eindrückliches Kino über universelle menschliche Konfliktlinien.

Von Garabet Gül.

Wenn im Westen der Iran im Fokus steht, ist es nicht selten der Fall, dass dabei die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse im sogenannten Gottesstaat thema- und problematisiert werden. Sei dies die Atompolitik des zwielichtigen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, die Menschenrechtssituation oder die Rolle der Frau in der iranischen Gesellschaft. Vorwiegend wird bei den Betrachtungen eine westliche Position eingenommen und nach eigenen Wertmassstäben begutachtet. Das ist verständlich und auch kaum anders möglich, da ein Urteil stets bestimmt ist durch den kulturellen Hintergrund des Urteilenden. Doch bei  selbstgefälligen westlichen Sichtweisen wird gerne übersehen, dass die Menschen im Iran ebenso einen Alltag besitzen, den sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten so gut als möglich zu bewältigen haben. Die Sehnsüchte und alltäglichen Auseinandersetzungen der Iraner und Iranerinnen sind mit den unsrigen durchaus vergleichbar und, bei allen kulturellen Unterschieden, spielt sich auch das tägliche Leben im ehemaligen Persien primär in Insitutionen wie Ehe, Familie, Schule und Arbeit ab.

Der Zuschauer als Richter

Gleich zu Beginn nimmt der Zuschauer den Blickwinkel des Scheidungsrichters ein. Ein iranisches Ehepaar aus der Mittelschicht möchte sich scheiden lassen und legt seine Gründe dar. Simin will den Iran verlassen, um ihrer Tochter Termeh im Ausland bessere Lebensbedingungen zu ermöglichen. Ihr Mann Nader möchte nicht auswandern und seinen an Alzheimer erkrankten Vater im Stich lassen. Auf das Scheidungsgesuch wird nicht eingegangen, unter anderem weil sich das Ehepaar betreffend Sorgerecht nicht einigen kann und der Richter keinen zwingenden Grund für eine rechtliche Trennung vorliegen sieht.

separation 2

© Studio / Produzent

Simin zieht daraufhin zu ihren Eltern. Die Tochter bleibt bei ihrem Vater und hofft auf eine baldige Versöhnung ihrer Eltern. Mit dem Wegzug von Simin fehlt auf einmal nicht nur die Ehefrau und die Mutter der Familie, sondern auch eine wichtige Hilfe  für die Pflege des Grossvaters. Nader muss für die Betreuung seines Vaters jemanden suchen. Die  junge Frau, die er dafür einstellt, ist, wie er im Nachhinein zufällig erfährt, schwanger. Der Ehemann der Frau erfährt nichts vom Arbeitsverhältnis. Die neue Betreuerin hat von Anfang an Mühe mit der Pflege des alten Mannes, bedingt durch ihren religiösen Glauben. Als Nader eines Tages nach Hause kommt und seinen Vater alleine und ans Bett gefesselt vorfindet, eskaliert die Situation und überstürzen sich die Ereignisse. Für die beiden Familien beginnt eine nervenaufreibende Zeit, in der das Leben der Mitglieder durcheinandergebracht und ihre Beziehungen irritiert und gefordert werden. Nach und nach spinnt sich ein brisantes Beziehungsnetz aus verschiedenen Hintergründen, Motivationen und Bedürfnissen. Immer neue Aspekte kommen zum Vorschein und lassen eine klare Zuweisung von Schuld und Unschuld nicht zu. Keinem der Protagonisten wird die Rolle der guten oder bösen Figur zugeteilt, jeder der Beteiligten verfügt über seine eigenen Wahrheiten und Verfehlungen. Die Beurteilung der Charaktere bleibt dem Zuschauer überlassen.

Keine moralische Instanz

Neben der geschickten Behandlung zwischenmenschlicher Konflikte besticht “A Separation” durch das cineastische Feingefühl und eindrückliche Erzählvermögen des Regisseurs. In dichten, sich zuweilen atemlos, jedoch nie übertrieben hektisch abwechselnden Nahaufnahmen, die zumeist die Sicht eines Protagonisten wiedergeben, entwickelt der Film eine ausgeklügelte und mitreissende Spannung, die gänzlich ohne musikalische Unterstützung oder andere Effekte auskommt. Die  matten, grau-grün dominierten Bilder wirken nicht künstlich und erscheinen wie stilistische Kontrastierungen der zwischen Tristesse und Hoffnung schwankenden Gefühle der Filmfiguren. Die graugrüne Wechselbeziehung der Farben wird konsequent bis ins letzte Detail eingehalten, von der Bekleidung und der Wohnungseinrichtung bis hin zu der Sauerstoffmaske des kranken Vaters.

Ohne vortreffliche Schauspieler kann keine stimmungsvolle Geschichte erzählt werden. „A Separation“ bietet beachtenswertes Schauspielkino. Jede der Haupt- und Nebenrollen ist erstklassig besetzt und wird glaubwürdig interpretiert. Die den Film prägende emotionale Distanz zwischen den Protagonisten übertragt sich fast unimmtelbar in den Kinosaal. Die beiden unterschiedlichen weiblichen Charaktere übermitteln ein differenziertes Bild der Frauen im Iran. Die stereotypische, unterdrückte iranische Frau gibt es nicht. Der Film behandelt die Geschlechterfrage, wie auch alle anderen Fragen, unaufgeregt deskriptiv und verzichtet darauf, moralische Instanz zu sein. Auch hier darf der Zuschauer in die Rolle des Richters schlüpfen.




Seit dem 8. September 2011 im Kino.

Originaltitel: Jodaeiye Nader az Simin – Nader und Simin: Eine Trennung (Iran 2011)
Regie: Asghar Farhadi
Darsteller: Leila Hatami, Peyman Moadi, Shahab Hosseini, Sareh Bayat, Sarina Farhadi
Genre: Drama

Dauer: 123 Minuten

CH-Verleih: Trigon Film

Im Netz
Trailer

Kommentare

Eine Antwort to ““A Separation” von Asghar Farhadi”
  1. Weidmann Margrith says:

    Ein wunderbarer Film. Zeigt auch unsere inneren Grenzen auf, die es oft nicht möglich machen einen kleinen Schritt in Richtung Verstehen der anderen Persönlichkeit zu machen und so eine Versöhnung ermöglichen könnten. Daraus erwächst sehr viel Leid.

Ihre Meinung

Sagen Sie uns, was Sie denken