Ein Forscher des Schwebenden

Jo Lendle: “Alles Land” (Roman)

Seine bahnbrechende Theorie von der Drift der Kontinente wurde von Wissenschaftskollegen verlacht. Sein abenteuerliches Leben endete in der Kälte des ewigen Eises. Mit einprägsamen Bildern und einer klaren Sprache schildert Jo Lendle das Schicksal des verkannten Wissenschaftlers und einsamen Menschen Alfred Wegener.

Von Sandra Despont.

alleslandHineingeboren in ein „wildes, lärmendes Rudel“ von Geschwistern und Waisenkindern jeden Alters, jeder Art, aber nur eines Geschlechts, verbringt Alfred Wegener seine Kindheit in einem quirligen, aber auch sittenstrengen Pfarrershaushalt. Von der Schule wird der intelligente Alfred enttäuscht, seinen Wissensdurst stillt er in der Freizeit. Beobachtend, staunend und zeichnend erschliesst er sich die Welt, das Schlüpfen eines Schmetterlings, die vielfältigen Formen der Eisblumen am Fenster. Er beschliesst, Naturforscher zu werden.

Verblüffender Hang zur Unschärfe

Alfred widmet sich ganz seinem Ziel: Er lernt die Zeitalter auswendig, führt mit seinem Bruder Kurt chemische Experimente durch, die er gewissenhaft dokumentiert. Mit seiner Hinwendung zur Naturwissenschaft entfernt er sich unweigerlich von Gott und damit von seiner Familie, überwirft sich mit seinem Vater über der Frage, ob der Mensch eher in der Natur oder in Gottes Wort die Wahrheit finden kann. Für die Liebe, so beschliesst er, hat er keine Zeit, seine Braut soll die Wissenschaft sein. Eine Weile lang treibt er sich in den verschiedensten Wissenschaftsgebieten herum, liest über Paläontologie, hört Vorlesungen in Astronomie und Experimentalphysik, demütigt nebenbei und unabsichtlich den angesehensten Ballonfahrer der Zeit mit einer Ballonfahrt, deren Länge alles bisher für möglich Gehaltene übertrifft, er beschäftigt sich mit Wolkenhöhen, mit Turbulenzen, Luftstrudeln, der Fata Morgana, Meteoriten und dem Fall von Sternschnuppen. Er zeigt, wie Professor Köppen, Leiter der Drachenstation in Grossborstel sagt, „einen verblüffenden Hang zur Unschärfe“, er ist ein Forscher des Schwebenden, Unsicheren, dessen, was sich jenseits der längst abgesteckten „Festländern des Wissens“ befindet. Bei Köppen findet Wegener schliesslich nicht nur Untersützung für sein Vorhaben, in Grönland mit Drachen und Ballons die Atmosphäre zu erforschen, sondern auch die Liebe seines Lebens: Else, Köppens Tochter.

Sehnsucht nach dem einsamsten Ort der Welt

Endlich, 1906, ist es soweit: Wegener bricht zu seiner ersten Expedition auf – und kehrt als ausgezeichneter Wissenschaftler zurück. Fortan forscht er, lehrt er, hin- und hergerissen zwischen dem Genuss des Universitätslebens und dem Wunsch nach Einsamkeit. Er verlobt sich auf eher nüchterne Art mit Else, der Frau, die ihm „ein guter Gefährte“ abzugeben scheint. Als er seine grönländischen Notizen verarbeitet hat, wird ihm klar: Seine Erkenntnisse sind von höchster Tragweite, denn sie beinhalten nichts weniger, als dass der Boden unter unseren Füssen nicht fest ist, dass die Kontinente sich bewegen. Als Wegener mit seinen Gedanken an die Öffentlichkeit geht, wird gegrummelt, gelacht, gezweifelt, zerrissen, schliesslich totgeschwiegen. Wegener wird indessen wieder vom Forscherdrang gepackt und plant erneut eine Expedition. Bei seiner Rückkehr heiratet er Else. Das Familienleben und der Erste Weltkrieg setzen seinen Abenteuern ein Ende. Vorerst. Denn immer wieder packen Wegener der Forscherdrang und die Sehnsucht nach dem einsamsten Ort der Welt.

Männer wie Pinguine

Jo Lendle beschreibt Alfred Wegener als einen neugierigen Menschen, der hellwach durchs Leben geht, immer wieder seinem Forscherdrang erliegt  und mit grösster Konsequenz seine Ideen zu Ende denkt. Souverän verbindet Lendle in seinem biografischen Roman gesicherte Fakten des Lebens Wegeners mit der detaillierten Zeichnung einer faszinierenden Forscherpersönlichkeit. Die klare Sprache mit ihrem nüchternen Ton vermeidet jede Sentimentalität. Sie ist genau, dabei höchst anschaulich, prägnant und teilweise unerwartet witzig. Bei einem Probealarm während Wegeners erster Expedition etwa, brechen die Expeditionsteilnehmer in helle Panik aus, retten Staffeleien statt Essen, sitzen zitternd in einer Ecke statt mitzuhelfen oder rennen ziellos mit kleinen Pfännchen auf Deck herum. Lapidar lässt Lendle den Expeditionsleiter bei der Manöverkritik und der Durchsicht der geretteten Dinge feststellen: „Es fehlte alles Notwendige“. Angesichts der drei Kisten Mixed Pickles, des einzigen Essensvorrats, und der Standpauke des Leiters, stehen die Männer „nutzlos und verloren auf der Eisscholle (…) wie eine angereiste Schar Pinguine.“ Wie gut Form und Inhalt zueinanderpassen und mitienander verschränkt sind, wie gekonnt Lendle sich auch sprachlich Wegeners Perspektive annähert, zeigt sich in den vielen emotionalen Momenten, in denen Wegener nie seinen Status als aussenstehender Beobachter aufzugeben scheint. So konstatiert er während einer Franzosenjagd bei seinem kurzen Einsatz im Ersten Weltkrieg kurz und bündig: „Die menschlichen Empfindungen nun fast gänzlich verdrängt.“ Gerade durch diese grosse Sachlichkeit ermöglicht Lendle so einen intimen Blick auf Wegeners Leben und Werk.

Momente unter der Lupe

Lendles Schilderungen einzelner Momente aus Wegeners Leben sind von scharfer Präzision gekennzeichnet. Wie unter einer Lupe streicht er jede Kontur dieser Momente heraus, veranschaulicht an ihnen, wie Wegener funktioniert, um dann wieder einen grossen Bogen zu schlagen, flott über Monate, Jahre hinwegzugehen. So beschreibt er detailliert und sinnlich eine intensive Erfahrung Alfreds, der als Baby eine Ameisenstrasse entdeckt und diese begeistert verfolgt, oder die Ballonfahrt, während der er Else schändlicherweise als Ballast missbraucht, um dann Monate zu überspringen und vom Liebesspiel im Laub direkt auf einem Expeditionsschiff zu landen. Dieses Verfahren bewahrt ihn davor, seine Leser durch Pedanterie in der Darstellung eines Lebens zu langweilen. Nie geht es um Vollständigkeit, immer um die Erfahrung, das Erleben, die Erkenntnis. Nie ist es Lendle um einen billigen Effekt zu tun, immer ist auch das scheinbar Banale bedeutungsvoll.

„Alles Land“ ist ein beeindruckender biographischer Roman. Jo Lendle gelingt das Kunststück, das Leben eines Naturwissenschaftlers so eindringlich darzustellen, dass man nach der Lektüre meint, Wegener zu kennen, seine Gedanken nachvollziehen, seine Gefühle mitempfinden zu können. Die Faszination und der Schrecken der Einsamkeit des ewigen Eises werden verständlich, auch wenn man selbst nie im Leben auf die absurde Idee verfallen würde, mitten im grönländischen Eis zu überwintern. Gerade deshalb ist „Alles Land“ das perfekte Buch, um es in eine Decke gekuschelt mit einem heissen Tee in Reichweite zu lesen, während draussen der Frost klirrt. So ernsthaft, so poetisch, so klar und anziehend ist Lendle die Beschreibung von Wegeners Leben und Denken gelungen.


Titel: Alles Land
Autor: Jo Lendle
Verlag: DVA
Seiten: 376
Richtpreis: CHF 30.90

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