Ivana Sajko “Womanbomb” | Theater Winkelwiese, Zürich

Ein Stück zwischen Dokumentation und Reflexion

Foto | Copyright: Thomas Richter

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2004 entsteht der Monolog von Ivana Sajko für eine Bombenfrau. Dieser Text ist mögliches Zeugnis einer Selbstmordattentäterin, die sich in 12 Minuten und 36 Minuten mit einem Politiker und mit allen und allem andern in einem Radius von 18 m in die Luft sprengen wird. Das Theater Winkelwiese bringt den Text in Koproduktion mit dem Künstlerkollektiv ÅNGSTRØM und dem Salon5 Wien erstmals in der Schweiz auf die Bühne.

Von Jolanda Heller.

Der Musiker (Christian Weissenberger) sitzt mit seinem Arsenal an Instrumenten und Alltagsgegenständen, die als Instrumente fungieren, da und wartet auf seinen Einsatz. Karola Niederberger, einmal als Autorin, einmal als Selbstmordattentäterin, Mona Lisa oder Gott vor uns steht und ihre Beweggründe für ihr Tun dem Publikum mitteilt, liest aus einem Manuskript vor.

Dokumentation 
Zuerst berichtet die Figur auf der Bühne vom Erschaffen des Stücktextes, dem Absetzen vom Spielplan eines anderen Stückes der Autorin, weil es “zu” aktuell war, es auf einen schwelenden Konflikt im Nahen Osten Bezug nahm, der auch tatsächlich in einen Krieg mündete. Dann wird weiter von der Zahl der Selbstmordkommissionen bis zum Jahr 2000 berichtet: LTTE = 168, Hisbollah = 52, Hamas = 22, PK = 15, Al-Kaida = 2, EIJ, IG, BKI und GIA je eine. “Ein Drittel der Selbstmörder waren Frauen.”

12 Minuten, 36 Sekunden, dann soll die Bombe hier losgehen. “Was würdest du tun, wenn du noch zwölf Minuten und sechsundreissig Sekunden hättest?” Verschiedene Antworten sind zu hören, etwa “Vielleicht könnte ich mich in die Sonne legen und die Augen schliessen …”, “Ich würde mich von allen verabschieden, etwa so: Ich habe die Schnauze voll von Strategien, Berichten, Businessplänen und ähnlichen Geschäften. Wie Che Guevara gehe ich zur Guerilla …” oder “Ich würde mich in den Lotussitz setzen …”, “Ich würde an meinem Kind riechen …”.

Foto | Copyright: Thomas Richter

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Reflexion
Die RAF und ihre Bombenattentate von 1968 sind ebenso Thema wie Mona Lisa, Gott, zwanzig Freunde der Autorin, ihre Mutter und sie selbst, die wieder und wieder zu Wort kommen und die das Stück zu einer spannenden Collage zwischen Dokumentation und Fiktion, Reflexion und Behauptung changierendem Kleidoskop machen, in dem man leicht die Übersicht verlieren kann. Wie die Selbstmordattentäterin vielleicht selbst. Ebenso ist das Stück Zeugnis einer nicht rational erklärbaren Tat, weil bei der Erforschung der möglichen Motive so viele beteiligt sind – oder gerade deshalb. Und irgendwann ist es auch trotz der Zweifel zu spät – und es macht “wumm”.

Das Wechselspiel der Figuren schafft die Darstellerin auf eindrückliche Weise. Die Aussage der Autorin “Der Text tickt in mir wie die Bombe in ihr” hat sie sich einverleibt. Das rund eineinhalb Stunden dauernde Stück lässt deshalb zu keiner Zeit an der Authentizität der Figur(en) zweifeln. Eindringlich spricht sie in ihren Zwiegesprächen zum Publikum, das gebannt bis zum Schluss auf die Erlösung hofft, vergeblich.


Besetzung: Karola Niederhuber, Christian Weissenberger
Regie: Dora Schneider
Ausstattung & Live-Sampling: Christian Weissenberger
Dramaturgie: Thomas Richter

Im Netz
www.winkelwiese.ch



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