Die besten Filme 2011

Best movies 2011

Die Filmkritiker sind sich einig: 2011 war ein gutes Kinojahr. Die Schweiz hat davon allerdings wenig gemerkt; viele der meistdiskutierten und spannendsten Filme schafften den Weg in unsere Kinos nicht, welche noch stärker als in den Jahren zuvor von deutsch synchronisiertem Blockbustermüll dominiert waren. Und da das nahaufnahmen.ch Team zudem auch noch wenig Zeit fürs Kino hatte, verwundert es kaum, dass selbst wir von jedem zweiten Film, der auf Top-10-Listen namhafter Kritiker steht, noch nie gehört haben. Dennoch lassen wir es uns nicht nehmen, unsere ganz eigene, subjektive, unvollständige (aber trotzdem unangefochten beste) Liste zu machen:

Von Lukas Hunziker

10. Blue Valentine

Blue Valentine

Das tragische Ende einer grossen Liebe, welcher Ryan Gosling und Michelle Williams ein unvergessliches Gesicht gaben, erschien bei uns direkt auf DVD. Zugegeben, für das Publikum ist “Blue Valentine” eine Folter der besonders sadistischen Art: Über zwei Stunden wird schonungslos die brutale Trennung eines Traumpaares gezeigt, wie man es auf der Leinwand nur selten sieht. Der Film erzählt die letzten 24 Stunden einer Ehe, die sich totgelaufen hat, gespickt mit Flashbacks zu den romantischen Anfängen der Beziehung. Schlussmachen auf der Leinwand tat selten so weh – und dass wir diesen  Schmerz nur auf DVD geniessen durften, ist kein Kompliment für die Schweizer Verleihe.

9. Stake Land

Stakeland

Das von den Twilightromanen eingeleitete Vampir-Revival hat vielen blutleeren Blutsaugerfilmchen und Blutsaugerserien Geburtshilfe geleistet. Wer jedoch glaubte, der gute Vampirfilm sei damit gestorben, der wurde am NIFFF eines Besseren belehrt. In “Stake Land” (auf deutsch unter dem Titel “Vampire Nation” auf DVD erhältlich) waren endlich wieder einmal Vampire zu sehen, die nicht den feuchten Träumen aufgedunsener Teenager entsprungen sind. In diesem düsteren und atmosphärischen  Roadmovie sucht sich eine kleine Gruppe Überlebender ihren Weg aus einem postapokalyptischen Amerika in das in Kanada liegende “New Eden” – und trifft dabei auf kreischende Blutsauger und religiöse Fanatiker. Ein Film, in welchem christliche Extremisten Vampire aus Hubschraubern über Flüchtlingscamps abwerfen – was kann sich das Kritikerherz Lieblicheres denken?

8. Never let me go

Never let me go

Die Verfilmung von Kazuo Ishiguros Erfolgsroman gehört ebenfalls zu jenen Filmen, die in diesem Jahr nicht die Aufmerksamkeit bekamen, die sie verdient hätten. Der Grund mag ein ähnlicher sein wie bei “Blue Valentine” – ein Feelgoodmovie sieht anders aus. Kathy, Thommy und Ruth erfahren während ihrer Kindheit in einem englischen Internat, dass sie Klone sind und ihr einziger Lebenszweck darin besteht, als menschliche Ersatzteillager  zu dienen, wenn ihre Zeit gekommen ist. Kathy, die sich schon als Kind in Thommy verliebt, muss mitansehen, wie Ruth ihn ihr wegschnappt. Ruth klammert sich verzweifelt an das Gerücht, dass Paare, die füreinander bestimmt sind, von ihrer schrecklichen Aufgabe entbunden werden. Die Verfilmung von Mark Romanek ist eine kompromisslose Verfilmung der literarischen Vorlage, ohne Konzessionen an Mainstreamdramaturgie – mit ein Grund, warum “Never let me go” zu den eindrücklichsten Filmen des Jahres gehörte.

7. Hanna

Hanna

Hanna, ein Mädchen, das in einer Blockhütte im arktischen Norden aufwächst und von ihrem Vater Kämpfen, Schiessen und Töten lernt, war eine der interessantesten und liebenswürdigsten Kinofiguren dieses Sommers. Je öfter man “Hanna” sieht, desto mehr fällt einem auf, wie viele Lücken und Logikfehler die Story hat, und trotzdem verzeiht man dem Film alles, da ihn gerade diese Ungeschliffenheit zu einer herrlichen Ausnahme im sonst oft so berechenbaren Kinoprogramm machte. Die Story ist in “Hanna” sowieso sekundär – ein Genuss ist der Film wegen seiner klasse inszenierten Actionsequenzen, dem grossartigen Soundtrack der Chemical Brothers, der entzückenden Saoirse Ronan und einiger der unvergesslichsten Szenen des ganzen Kinojahres. Allein die Einstellung, in welcher Cate Blanchett in Stöckelschuhen aus dem Mund des Wolfes im Berliner Spreepark tritt, müsste den Film eigentlich auf jede Top-10-Liste des Jahres katapultieren.

6. City Island

City Island

Die Komödie des Jahres kam bei uns ebenfalls nicht im Kino, sondern erschien direkt auf DVD. “City Island” zeigt Andy Garcia in einer seiner besten Rollen seit langem: als Vince Rizzo, einem Gefängniswärter, den das Leben unerwartet vor ein Dilemma stellt: Um seine Leidenschaft für die Schauspielerei vor seiner Frau geheimzuhalten, gibt er vor, mit Freunden Poker zu spielen, während er in Wahrheit Schauspielunterricht nimmt. Als er an einer Audition für eine kleine Rolle in einem Scorsese Film  entdeckt wird, weiss er: seine Frau wird ihm für die Lüge trotzdem die Hölle heiss machen. Doch dies ist bei weitem nicht das einzige Problem in der Familie: die Tochter hat heimlich das College geschmissen und arbeitet als Stripperin, der Sohn ist davon besessen, dicke Frauen mit fettigem Essen zu füttern, und Vince’ Frau geht gedanklich mit einem Mann fremd, der sich als Vince’s Sohn aus einer früheren Beziehung entpuppt. Sprich: Humor auf Topniveau, 100 Minuten zum krummlachen.

5. Carlos the Jackal

Carlos

Geplant als aufwändiger TV-Dreiteiler sorgte “Carlos – the Jackal” in Cannes für so viel Furore, dass er in einer um fast drei Stunden gekürzen Fassung vielerorts in die Kinos kam. Die Verstümmelung ist bedauerlich, und die lange Fassung sei an dieser Stelle allen ans Herz gelegt, die den Film noch sehen wollen, trotzdem war “Carlos” aber ein Geschenk für das Kinojahr. Erzählt wird der Aufstieg und Fall von Carlos, dem wahrscheinlich bekanntesten Terroristen des 20. Jahrhunderts, welcher unter anderem die Geiselnahme an der OPEC-Konferenz 1975 leitete. Warum die Terroristensaga so sagenhaft unterhaltsam ist, ist schwierig zu sagen – vielleicht, weil einem die selbstverliebte Hauptfigur trotz ihrer Taten ein kleines bisschen sympathisch ist, oder weil der Film so unverschämt unvoreingenommen gegen den verblendeten Terrorkönig ist. So oder so – “Carlos” ist grosses Kino, das beweist, wie wunderbar episch europäische Produktionen sein können.

4. Black Swan

black swan

Darren Aronofsky war noch nie sehr subtil. Der letzte Teil seines esoterischen Dramas “The Fountain” war an Kitsch kaum zu überbieten – und war trotzdem gut. Auch “Black Swan” hält sich mit überladender Symbolik nicht zurück; jede Szene ist bis ins Detail auf den Konflikt der Hauptfigur hinstilisiert: Die Ballettänzerin Nina, ein schüchternes, verklemmtes Mädchen, das noch bei ihrer Mutter wohnt, muss für die Hauptrolle im “Schwanensee” den schwarzen Schwan in sich entdecken, dessen verführerisches, leidenschaftliches und spontanes Wesen Nina nicht fremder sein könnte. Die Suche nach dieser “schwarzen” Seite in sich treibt Nina in Wahnvorstellungen, und langsam verwandelt sie sich in den schwarzen Schwan – ganz buchstäblich, versteht sich. Man kann Aronofsky mögen oder nicht – “Black Swan” war im besten Sinn radikal und erfrischend unsubtil – und damit einer der besten fünf Filme des Jahres.

3. Melancholia

melancholia

Die Welt ging im Kino schon oft unter. So schön wie in Lars von Triers “Melancholia” aber noch nie. Während in Blockbustern wie “2012″ möglichst jedes berühmte Bauwerk der Welt in Zeitlupe in seine Bestandteile zerlegt wird, sind bei von Triers Weltuntergang nur drei Menschen zugegen: die Schwestern Justine und Claire, sowie deren Sohn. Einmal erleben wir die fatale Kollision der Erde mit dem Planeten Melancholia im Weltall, einmal mit den dreien auf offener Wiese. Überlebende gibt es keine – und sollte Justine recht behalten, so stirbt mit den dreien alles Leben im ganzen Universum. Es braucht einen von schweren Depressionen geplagten Regisseur, um Depression auf der Leinwand zu inszenieren. Näher als “Melancholia” ist dem Phänomen Depression bisher wohl kaum je ein Film gekommen: die Heldin des Films ist diejenige, welche das Ende allen Lebens herbeisehnt, im Untergang triumphiert und als Einzige rational zu handeln vermag. Schwere Kost, federleicht inszeniert – ob Cannes es sich leisten kann, in Zukunft ohne von Trier auszukommen, wird sich zeigen, denn dass er zu den besten Regisseuren der Welt gehört, bewies er mit “Melancholia” einmal mehr.

2. Winter’s Bone

winter's bone

2011 war kein gutes Jahr für den amerikansichen Independentfilm – mit einer proninenten Ausnahme: Debra Graniks “Winter’s Bone“. Der Film erzählt die Geschichte von Ree, einem Mädchens aus einer rauen, ärmlichen Region im südlichen Missouri, das versucht, den Verkauf des Familiengrundstücks zu verhindern und seinen Vater zu finden. In einer Region, in welcher das meiste Geld für Crystal Meth ausgegeben wird und die Interessen der Familie über jenen des Staates stehen, ist es für Ree nahezu unmöglich, Gehör und Gerechtigkeit zu finden. Jennifer Lawrences herausragende schauspielerische Leistung, die kompromisslos trostlose und gefühlskalte Atmosphäre des Films machen “Winter’s Bone” zu einer der ganz grossen Entdeckungen des Jahres und zur wahrscheinlich eindringlichsten Darstellung von Armut im Amerika des 21. Jahrhunderts.

1. We need to talk about Kevin

we need to talk about kevin

Der klar beste Film, der 2011 an internationalen Festivals zu sehen war, ist Lynne Ramsays Verfilmung von Lionel Shrivers Bestseller “We need to talk about Kevin“. Tilda Swinton spielt darin die Mutter eines Kindes, welches als Teenager eine Tat begeht, die das Leben der Familie für immer zerstört. Der Film zeigt Szenen aus der Gegenwart und Vergangenheit der Mutter und ihres Sohns Kevin, der sich schon im Babyalter als Satansbraten entpuppt – zumindest für die Mutter, gegen die sich die Bosheit Kevins in erster Linie richtet. Ob Kevin von Natur aus böse ist, warum er böse ist, warum nur seine Mutter seine Bosheit zu spüren bekommt – dies alles sind Fragen, die der Film nicht beantwortet, und genau darin liegt seine Faszination. Kevins Leben wird aussschliesslich aus der Sicht seiner Mutter erzählt, wodurch er für den Zuschauer genau jenes unlösbare Rätsel bleibt, welches er auch für die Mutter ist. Lynne Ramsay nahm sich bei der Adaption des Romans, welche man eigentlich für unmöglich halten müsste, genau die richtigen Freiheiten heraus, und setzte die Geschichte mit unglaublichem Feingefühl fürs Kino um. Keine Einstellung ist nicht perfekt komponiert, keine Szene ist zuviel oder zu wenig. “We need to talk about Kevin” ist ein Meisterwerk – eines, für das sich bis heute aber noch kein Schweizer Verleih gefunden hat. Sollte auch dieser Film direkt auf DVD erscheinen, darf man das Schweizer Kino für tot erklären – ein Verleih, der sich um diesen Film nicht reisst, gehört niedergebrannt.

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