Die Katze lässt das Mausen nicht

Jo Nesbo: „Die Larve“ (Thriller)

Kommissar Harry Hole ist eigentlich aus dem Polizeidienst ausgeschieden – eigentlich. Denn nach drei Jahren in Asien kehrt er an den Ort zurück, wo er einst Kriminellen das Handwerk legte. Doch kaum hat die Spürnase a.D. wieder Osloer Luft in der Nase, beginnt sie auch schon das Schnüffeln. Denn der Ermittler hat von einem Fall gehört, der ihm keine Ruhe lässt. Hole geht der Sache auf den Grund – und findet mehr heraus, als ihm lieb ist.

Von Fee Anabelle Riebeling.

dielarveEinen Neuanfang. Das war es, was Harry Hole nach seinem letzten Fall wollte. Hongkong schien ihm die Lösung seiner Probleme. Ohne Frau und Kind fing er dort noch mal von vorne an. Doch nun ist er zurück. Denn ihm ist ein Fall zu Ohren gekommen, der ihn nicht mehr loslässt: Ein Jugendlicher wurde wegen Mordes an einem Drogendealer angeklagt. Die Schuld wird lückenlos bewiesen. Doch die Lösung des Falls scheint Hole ein bisschen zu glatt gelaufen zu sein. Er beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln. Aber er wäre nicht  d e r  Harry Hole, wenn er nicht hin und wieder seine Kontakte im Kommissariat um Hilfe bitten würde.

Hartes Brot

Das – und noch einmal Sex mit der Ex – ist aber auch das einzige, was Autor Jo Nesbo seinem Helden an Annehmlichkeiten gewährt. Denn wie gewohnt mutet er dem Kommissar einiges zu. Ab und zu geht er sogar einen Schritt weiter als sonst. So kämpft Harry Hole nicht nur gegen den Alkoholdurst und Kriminelle, sondern auch mit seinen Gefühlen. Denn als er den mutmaßlichen Mörder im Gefängnis besucht, muss er erkennen, dass sein Gegenüber ein alter und vor allem ein sehr guter Bekannter ist. Und so wird aus der Aufklärung des mysteriösen Falls auch ein persönliches Anliegen.

Fortan ist die Drogenszene der norwegischen Hauptstadt Holes zweites Zuhause. Denn der Ermittler vermutet einen Zusammenhang zwischen dem Auftauchen eines geheimnisvollen Drogenbosses und dem toten Dealer. Je mehr Hole herausfindet, desto mehr Widersacher ruft er auf den Plan. Denn wer auch immer der wahre Täter ist: Er muss viele Unterstützer haben, und das nicht nur in der Unterwelt. Ehemalige Kollegen zählen ebenso dazu wie Politiker. Ihnen allen ist Harry Hole ein Dorn im Auge. Um dem drohenden Tod immer wieder von der Schippe zu springen, muss der Kommissar erst einmal herausfinden, wem er überhaupt noch vertrauen kann.

Anspruchsvoll, aber ausbaufähig

Schlussendlich ist die Frage nach dem Vertrauen der Dreh- und Angelpunkt von Jo Nesbos „Die Larve“. Wenn es vordergründig um Drogenschmuggel, Mafiamethoden und geheime Verbindungen geht, belastet den Ermittler eigentlich viel mehr die Frage, wem er in diesem weitverzweigten Netz eigentlich noch trauen darf. Alles, was gestern noch als gesichert galt, muss heute in Frage gestellt werden. Von seinen Gegnern körperlich und seelisch schwer in Mitleidenschaft gezogen, zweifelt er schliesslich an sich selbst. Kann er derart gebrochen seinen Widersachern überhaupt die Stirn bieten?

Der neuste Krimi aus der „Harry Hole“-Reihe ist nicht nur aufgrund seiner 576 Seiten ein echtes Schwergewicht. Die weiter verästelte Geschichte gerät an manchen Stellen ins Stocken. Langatmig sind diese Passagen nicht, vielmehr etwas zu detailliert skizziert. Nichtsdestotrotz hat Jo Nesbo mit „Die Larve“ wieder einmal bewiesen, dass er ganz zu Recht zu den besten Autoren seines Fachs zählt. Er zeigt aber auch, dass selbst die ganz Grossen ab und an mal schwächeln. So gut wie seine Vorgänger ist Nesbos neuster Streich nicht.


Titel: Die Larve
Autor: Jo Nesbo
Übersetzer: Günther Frauenlob
Verlag: Ullstein
Seiten: 576
Richtpreis: CHF 29.90

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