Es stand nie 50/50…

“50/50″ von Jonathan Levine

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…und das ist auch ok so. Die selbsternannte Feel-Better-Komödie 50/50 von Jonathan Levine über einen erst 27-jährigen Mann, der mit Krebs diagnostiziert wird und eine fünfzig prozentige Überlebenschance hat, stellt das Genre alles andere als auf den Kopf: Alles kommt, wie erwartet, was aber noch lange nichts über die Qualität des Films aussagt.

Von Gabriel Roth.

Praktisch von der ersten Minute des Films an ist klar, dass mit Adam Lerner (Joseph Gordon-Levitt) etwas nicht stimmt. Weder die fröhliche Rockmusik noch der Sonnenschein, der Seattle erhellt, können darüber hinwegtäuschen, dass der junge Radioproduzent bald nicht mehr so unbeschwert durch die Stadt joggen wird. Adams Griff ans eigene Kreuz und der noch saloppe Kommentar seines besten Freundes, Kyle (Seth Rogen), – „That’s not right“ – sind die wenig subtilen Anzeichen des drohenden Übels.

Nicht-wahr-haben-wollen

Nur kurze Zeit später sitzt Adam auch schon einem fachsimpelnden Arzt gegenüber, der ihm nüchtern erklärt, dass bei ihm Krebs diagnostiziert wurde. Der Schock bei Adam sitzt tief und der Krebs bleibt in der Folge unfassbar: weder den Namen des Tumors – Schwannoma neurofibrosarcoma – noch die Gestalt dieses Undings kann Adam erklären. Der Name wird (in Anlehnung an Winona) einfach zu Schwanona umgewandelt, denn sogar die älteren Krebspatienten wissen mit dieser Form des Krebses nichts anzufangen und bemerken lediglich, dass mit zunehmender Anzahl Silben die Sterbensrate steigt. Dass ausgerechnet Adam, der nicht raucht, nicht trinkt, ja er, der gar stolz alles recycelt, von diesem bösartigen Tumor befallen ist, versteht er nicht und lebt so vorerst einfach einmal weiter, als wäre nicht viel passiert.

© Studio / Produzent

© Studio / Produzent

Zorn und Depression

Erst nur langsam tröpfeln die Emotionen aus ihm heraus, bevor es dann zum grossen Gefühlssturm kommt. Die diesen Prozess beschleunigenden Faktoren lassen sich in Adams Umfeld finden, welches ihm einiges abverlangt: der kiffende Kyle ist zwar eine treue Seele, lässt sich aber zu oft von seinen Trieben (ver)leiten; Adams Freundin (Bryce Dallas Howard) verschwindet schon bald von seiner Seite, was sich auch visuell manifestiert, denn sie betritt das Spital von Beginn weg nie; das Elternpaar besteht aus einer überbesorgten Mutter und einem Alzheimer-kranken Vater. Als wäre dies nicht schon genug, muss sich Adam auch noch mit einer lediglich 24-jährigen Therapeutin, Katherine (Anna Kendrick), herumschlagen. Der Mangel an Fachkompetenz ist ebenso offensichtlich wie die sich abzeichnende Liebesgeschichte. In diesem sozialen Netzwerk versucht Adam irgendeinen Weg zu finden, es allen recht zu machen und gleichzeitig mit seiner Krankheit klar zu kommen. Dabei durchläuft er praktisch alle klassischen Phasen des Sterbeprozesses: nachdem er den Krebs mental verdrängt hat, ist er zornig – aber nicht lange, denn die Trauer folgt alsbald.

Thema: Wiederholung

50/50 ist ein weiterer klassischer Hollywood Feel-Good-Movie, thematisiert wie schon The Bucket List und etliche andere die Freundschaft zweier Männer nach der Krebsdiagnose und basiert wie (man könnte fast meinen) fast alle Hollywoodfilme auf wahren Begebenheiten – der Geschichte von Will Reiser; dem Mann, der das Screenplay geschrieben hat. Dementsprechend steht zwar rein objektiv betrachtet die Überlebenschance von Adam 50/50, aber genau wie im Züriwest Song 7:7 kann auch hier schnell die Bilanz gezogen werden: unentschieden ist es nicht. Ganz im Gegenteil: die Sache ist von Anfang an geritzt. Der Film bietet keine überraschenden Wendungen, sondern verläuft gemäss dem Schema all dieser Sonntagabendfilme. Aber – und das macht der Unterschied zu vielen anderer dieser Sorte aus – es ist ein guter solcher Sonntagabendfilm. Wer sich nicht stört, wenn ein Film einen relativ vorhersehbaren Plot und ziemlich klischierte Charaktere hat, der ist bei 50/50 richtig. Denn der Soundtrack ist sehr gut ausgewählt, einige Witze treffen voll ins Schwarze und manche ZuschauerInnen werden auch noch eine Träne vergiessen können, denn der Film vermag teilweise zu berühren, was nicht zuletzt an Joseph Gordon-Levitts starker Leistung liegt. So gelingt es 50/50 fast ausnahmslos die heikle Balance zwischen Komödie und Drama zu halten, ohne dabei unnötig auf die Tränendrüse zu drücken.

Raffinierte Details

So absehbar der Plot des Films auch ist, darf man 50/50 aber nicht unterschätzen, denn gewisse Finessen wurden schön ausgearbeitet. Beispielsweise arbeitet der lange kühl agierende Adam an einer Reportage über einen Vulkan in der Antarktis, der ausgerechnet dann ausbricht als Adam endlich ein Ventil für seine Emotionen findet. Ein weiteres nettes Detail ist der perfekt gewählte Namen von Adams Hund: Skeletor. Einerseits gleicht sich Adam visuell dem knochigen Körper des Windhundes im Verlaufe des Films immer mehr an. Andererseits verweist der Name auf die Masters of the Universe Comics. Dort ist Skeletor der Feind von He-Man und sein Gesicht besteht nur aus seinem Schädel, der von einem violetten Umhang verhüllt ist. Dies erinnert doch stark an Adams blank rasierten Schädel und die Mütze mit dem violetten Streifen, welche er stets trägt. Des Weiteren hat der Held der Comicreihe, He-Man, eine zweite Identität namens Prinz Adam. Die Referenz macht also deutlich: Adam trägt zugleich den Bösewicht – Skeletor/Krebs – wie auch den Helden, welcher siegreich sein kann, in sich. In Anlehnung daran ergibt sich die Schlussfolgerung fast von alleine: He’s not He-Man, but he’s the man.


Ab dem 3. Mai 2012 im Kino.

Originaltitel: 50/50 (USA 2011)

Regie: Jonathan Levine
Darsteller: Joseph Gordon-Levitt, Seth Rogen, Anna Kendrick, Bryce Dallas Howard, Anjelica Huston

Genre: Komödie, Drama

Dauer: 99 Minuten
Verleih: Rialto Film AG

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