Verheerendes Video

“Homevideo” von Kilian Riedhof

„Homevideo“, völlig zu Recht mehrfach preisgekrönt, zeigt eindrücklich, wie schnell Jugendliche gerade im Internetzeitalter in einen kaum aufzuhaltenden Strudel von Spott und Ausgrenzung geraten können. – Eindrücklich und glaubhaft.

Von Sandra Despont.

Homevideo_DVD_vsrk_fin.inddEin Mann, wir sehen von ihm nur eine Gesichtshälfte, sitzt vor einem Laptop und weint. Auf dem Bildschirm sehen wir die verwackelte Aufnahme eines Jugendlichen mit seinem Skateboard. Er scheint unbeschwert, albert mit einem Kollegen herum. – Sofort ist man als Zuschauer in der Situation drin und weiss: Es muss etwas passiert sein zwischen dem fröhlichen Skateboarden und den Tränen des Vaters. Doch was? Die Antwort ist bestürzend einfach: Das, was jedem Jugendlichen passieren kann.

Das Leben ein Spiessrutenlauf

Der schüchterne Jakob steckt mitten in der Pubertät: In der Schule läuft es nicht rund, seine Hormone laufen Sturm und treiben ihn zu Mitschülerin Hannah. Zu seinem eigenen Erstaunen bahnt sich ausserhalb der Schule langsam eine gewisse Vertrautheit zwischen ihnen an. Es sieht so aus, als ob Jakob endlich auch die schönen, aufregenden Seiten des Erwachsenwerdens kennen lernen könnte. – Doch dann kursiert plötzlich ein selbstgedrehtes Video von Jakob, das ihn beim Onanieren zeigt, in der Schule. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich der Film, Jakobs Leben wird zum Spiessrutenlauf, Hannah distanziert sich von ihm.

Die Eltern Jakobs (eindringlich gespielt von Wotan Wilke Möhring und Nicole Marischka) sind keine Hilfe. Viel zu sehr mit sich selbst, ihrer kriselnden Ehe, ihren eigenen Selbstfindungsproblemen und zeitaufwändigen Jobs beschäftigt, registrieren sie zwar, dass etwas nicht stimmt, doch um die Tragweite von Jakobs Problem zu erfassen und sich wirklich zu kümmern fehlen ihnen Zeit und Kraft. Erst als es bereits zu spät ist, merken sie, in was für einer schlimmen Notlage ihr Sohn steckt – und können doch nichts tun.

Grausam effizientes Mobbing

Es braucht nicht viel, damit ein grausam effizientes, für die Täter unterhaltsames, für das Opfer aber verheerendes Mobbing in Gang kommt. Es reichen ein Anlass und ein wenig böser Wille eines Rädelsführers, der die Gelegenheit, einen anderen zu quälen und zu demütigen, sofort erkennt. Und mit dem Internet können auf sozialen Netzwerken heutzutage Informationen Tag und Nacht, anonym und schnell verbreitet werden. Ohne die Moralkeule zu schwingen, fordert „Homevideo“ zum Hinschauen auf und macht gleichzeitig klar, wie schwierig dies ist, wie wenig Erwachsene für Jugendliche tun können, wenn der schmale Trost der Eltern nicht mehr zählt, wenn die soziale Existenz eines Jugendlichen ganz von der Anerkennung Gleichaltriger abhängt und ohne diese Anerkennung alles vergebens scheint.

„Peinliches Arschloch!“

In einfachen, aussergewöhnlich einfühlsam und zurückhaltend gefilmten Szenen bringt Regisseur Kilian Riedhof die Gefühlslage Jakobs schmerzlich deutlich auf den Punkt. Wer sich selbst als Jugendlicher noch vor Augen hat, wer jugendliche Söhne oder Töchter hat oder mit Jugendlichen arbeitet, wird angesichts der kleinen treffenden Szenen, mit denen Riedhof Jakobs Pubertät inszeniert, nicht umhin können, zu nicken, wissend zu lächeln, bedauernd einen ziehenden Schmerz in der Magengegend zu fühlen, wenn Jakob etwa vor dem Spiegel steht und sich selbst als „peinliches Arschloch“ beschimpft, nachdem er es nicht fertig gebracht hat, in einem Gespräch mit Hannah so locker drauf zu sein, wie er das für sich wünscht. Eindrücklich und mit grosser Liebe zum Detail, ohne aber mit zu grosser Übertreibung oder mit Klischees zu arbeiten, macht „Homevideo“ bewusst, wie schwierig die Zeit der Pubertät für die Jugendlichen sein kann und setzt die filmischen Mittel, von Soundtrack bis Kameraführung, optimal ein, um Stimmungslagen zu vermitteln. „Homevideo“ kommt Jugendlichen und ihrem Dasein zwischen Kindsein und Erwachsenwerden unheimlich nah und fängt Zauber und Schmerz der Pubertät beklemmend genau ein. Eine wahre Entdeckung ist der Hauptdarsteller, Jonas Nay. Er spielt Jakob ohne grosse Gesten und wirkt gerade dadurch extrem glaubhauft. Nicht umsonst ging der Förderpreis bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises 2011 an ihn.

„Homevideo“ ist eine TV-Produktion, die ihr topaktuelles Thema in gleichzeitig simple und aussagekräftige, nie aber kitschige Bilder kleidet und von einem beeindruckenden Schauspielerensemble getragen wird. Trotz fehlendem Bonusmaterial eine unbedingte Kaufempfehlung!


Seit dem 20. Januar 2012 im Handel.

Originaltitel: Homevideo (Deutschland 2011)            
Regie: Kilian Riedhof
Darsteller: Jonas Nay, Wotan Wilke Möhring, Nicole Marischka, Sophia Boehme, Jannik Schümann, Tom Wolf, Willi Gerk
Genre: Drama
Dauer: 88 Minuten
Bildformat: 1.78:1
Sprache: Deutsch
Audio: Dolby Digital 2.0
Vertrieb: Praesens

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