Märchen ade

“Grimm – eine Hausmärchenexpedition“ nach Verena Rossbacher | Luzerner Theater

GRIMM

Nun wissen wir es ganz bestimmt: Das Märchen war einmal. Nachdem es die grossen Erzählungen nicht mehr gibt, wird das Märchen demontiert. Das Luzerner Theater, das Stück Labor Basel und die Zürcher Hochschule der Künste versuchen das mit aller Kraft mit Szenen aus einem Theaterstück von Verena Rossbacher.

Hans im (Un-)Glück, die inzestuösen Hänsel und Gretel, das durch Hänsel vergewaltigte Schneewittchen und die sieben falschen Zwerge, Aschenbrödel, Rotkäppchen, Rapunzel. Gewaltig geht es zu und her. Gretel (Marie Gesien) kriegt ein Kind von Hänsel (Hajo Tuschy) und dabei sollte Gretel doch keines kriegen. In ihrem Monolog klagt sie: “Theater wollen wir doch schön finden“. Hier werde so viel interpretiert und im Internet hätte sie gelesen, wie schlimm Theater sei. Die Inszenierung hier bestätigt dies auch. Theater wie in Wuppertal – wo sie herkomme – würden deshalb geschlossen. Dabei sollte Theater aus 30 Prozent Action, 17 Prozent Comedy, 13 Prozent Gut und Böse, 12 Prozent Love, Sex, Romance, 12 Prozent Special Effects, 10 Prozent Handlung und 8 Prozent Musik bestehen. Von alledem sei hier nichts zu finden. Nur Brutalität, Gewalt, keine Handlung und etwas Musik seien vorhanden. Gretel rettet sich vom Schrecken des Bühnengeschehens in ihren Lieblingsfilm: in Toy Story. Wir möchten auch.

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Romantik ade
Es geht rasant vorwärts, die Szenen aus immer neuem Märchenstoff setzen sich bruchstückhaft zusammen. Neben Märchenstoff werden auch scheinbare (und unwichtige) Fakten vermittelt: 90 Prozent der Pornodarstellerinnen seien blond (wie Aschenbrödel hier im Stück), die Schönen seien erfolgreicher oder man verkauft uns die Krise als Kreativitätskatalysator mit dem Leitsatz “ohne Krise keine Kunst“. Wir hören den Erlebnisbericht eines betrogenen Liebhabers, der seine Geliebte mit dem besten Freund im Bett erwischt hat und sich nun keinen Sex mehr ohne diese Szene im Kopf vorstellen kann. Mit dem Zerpflücken der Symbolhaftigkeit eines Kusses wird dann noch das letzte Stück Märchenromantik zerstört. Es sind Geschichten, wie sie nicht im Märchen vorkommen sondern in einer Soap. Nimmt man die Statistik von oben zur Hand, wären jetzt allerdings schon 25 Prozent der Anforderungen an “gutes Theater“ erfüllt: 13 Prozent “Gut und Böse“ und 12 Prozent “Love, Sex und Romance“. Doch reicht das? Vielleicht noch etwas Musik? … “You’re beautiful“ ertönt. Plus 8 Prozent “Musik“ macht total 33 Prozent gutes Theater.

Geschichtenerzähler ade
Der Märchenerzähler (Jürg Wisbach) zu Beginn des Abends mutet im Nachhinein völlig antiquarisch an. Er passt nicht mehr in diese postmoderne Märchenwelt hinein. Und er bekundet in der Tat auch Mühe mit der mündlichen Überlieferung, aus der unser ganzer Märchenschatz entstammt. Hat er zu viel Fernsehen, zu viele Videos gesehen? Er will eine Geschichte erzählen, heraus kommt aber auch nur eine grauenhafte Variante des Märchens vom Fischer und seiner Frau.

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Märchen können oft brutal sein, das wissen wir spätestens seit deren Verwendung in der Psychotherapie bei C.G. Jung. Ihr Symbolgehalt lässt sich aus Erlebnissen im realen Leben entschlüsseln. Wie brutal diese Erlebnisse sein können, können wir auf der Luzerner Bühne erleben, wo (Theater-)Realität und Märchen aufeinander prallen. Dass diese Erlebnisse aber fast ausschliesslich mit der Libido in Verbindung stehen sollen, mag man dann doch nicht glauben.

Besprechung der Aufführung am 10. Mai 2012.

Dauer: ca. 2 Stunden, ohne Pause.

Weitere Aufführungen am 18. und 26. Mai, 1., 9., 13., 14. und 16. Juni 2012.

Inszenierung: Thorleifur Örn Arnarsson
Bühne: Vytautas Narbutas
Kostüme: Filippía Elisdóttir
Musik: Símon Birgisson
Licht: Gérard Cleven
Dramaturgie: Ulf Frötzschner

Besetzung
Nicolas Batthyany, Christian Baus, Judith Cuénod, Jörg Dathe, Marie Gesien, Wiebke Kayser, Juliane Lang, Bettina Riebesel, Hajo Tuschy, Jürg Wisbach

Im Netz
www.luzernertheater.ch


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