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	<title>nahaufnahmen.ch &#187; Christoph Aebi</title>
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	<description>Das Magazin im Netz</description>
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		<title>Ironie im Angesicht des Unausweichlichen</title>
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		<pubDate>Wed, 25 Jan 2012 14:14:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christoph Aebi</dc:creator>
				<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Neuheiten]]></category>

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		<description><![CDATA[<a href=http://www.nahaufnahmen.ch/2012/01/25/ironie-im-angesicht-des-unausweichlichen/><img src=http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2012/01/leonard-cohen-old-ideas-cover-150x150.jpg class=imgtfe hspace=10  vspace=5 align=left width=150  border=0></a>„Old Ideas“, Leonard Cohens erstes Studioalbum seit acht Jahren, ist ein intimes, spartanisch instrumentiertes Werk, auf welchem der kanadische Songpoet mit ironischer Distanz einen Blick auf das letzte Drittel des Lebens und dessen unausweichliches Ende wirft sowie die verschiedenen Ebenen der Liebe thematisiert. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Ironie im Angesicht des Unausweichlichen</strong></h1>
<div id="attachment_10297" class="wp-caption alignright" style="width: 210px"><img class="size-full wp-image-10297" title="leonard-cohen-old-ideas-cover" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2012/01/leonard-cohen-old-ideas-cover.jpg" alt="Bild: Sony.com" width="200" height="200" /><p class="wp-caption-text">Bild: Sony.com</p></div>
<p><strong>„Old Ideas“, Leonard Cohens erstes Studioalbum seit acht Jahren, ist  ein intimes, spartanisch instrumentiertes Werk, auf welchem der  kanadische Songpoet mit ironischer Distanz einen Blick auf das letzte  Drittel des Lebens und dessen unausweichliches Ende wirft sowie die  verschiedenen Ebenen der Liebe thematisiert. </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p>Für Überraschungen ist Leonard Cohen, der mittlerweile 77-jährige Songpoet aus Montreal, immer wieder gut. Anfang 2008 kündigte er, wohl angetrieben von dem, was er damals etwas euphemistisch „meine ärgerliche finanzielle Situation“ nannte (seine ehemalige Managerin hatte ihn um fast sein ganzes Vermögen betrogen), nach 15 Jahren Bühnenabstinenz eine neue Welttournee an. Diese sollte schliesslich zweieinhalb Jahre dauern und fast 250 Konzerte umfassen. Wobei Konzert ein zu profaner Begriff dafür ist, was Cohen zusammen mit seiner virtuosen, neunköpfigen Band – in der Schweiz zuletzt im September 2010 in Basel – bot: Eine über dreistündige Reise durch einen während mehr als 40 Jahren entstandenen Songkatalog, mit einer derartigen Intensität vorgetragen, dass man eher von einer Audienz in Cohens Songkathedrale sprechen konnte. Als das neue Album angekündigt wurde, durfte man deshalb – nach dem meditativen, aber etwas aseptischen „Ten New Songs“ (2001) und dem unausgegorenen „Dear Heather“ (2004) – endlich mal wieder ein Cohen-Album in sattem Band-Sound erwarten.</p>
<p>Doch weit gefehlt: Seine „Unified Heart Touring Band“ist auf „Old Ideas“ nur gerade im bluesigen, bereits live interpretierten „The Darkness“ zu hören. Leise Enttäuschung kommt deshalb beim erstmaligen Hören auf. Doch je öfter man den zehn neuen Liedern andächtig lauscht, desto mehr versteht man Cohens Entscheid, sich statt auf Musik im Cinemascope-Format auf die in tiefstem Bariton vorgetragenen Texte zu fokussieren und musikalisch nur mit ausgewähltem Instrumentarium Akzente zu setzen. Ein intimes Album ist so entstanden, auf welchem Cohen mit ironischer Distanz einen Blick auf das letzte Drittel des Lebens und dessen unausweichliches Ende wirft sowie die verschiedenen Ebenen der Liebe thematisiert. Im Eröffnungslied „Going Home“, höhnt das Erzähler-Ich, der Leonard, dieser „lazy bastard in a suit“ wolle eigentlich eher ein Liebeslied oder eine Anleitung für das Leben mit Niederlagen schreiben. Stattdessen habe er ihm jedoch aufgetragen, die folgenden Worte mantrahaft zu wiederholen: „Going home without my burden/going home behind the curtain/going home without the costume that I wore“. Und so singt Leonard also vom Unausweichlichen, dem Angesicht des Todes.</p>
<div id="attachment_10298" class="wp-caption aligncenter" style="width: 560px"><img class="size-full wp-image-10298" title="Pressefoto 2011 3 credits Dominique Issermann" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2012/01/Pressefoto-2011-3-credits-Dominique-Issermann.jpg" alt="Bild: Dominique Issermann" width="550" height="412" /><p class="wp-caption-text">Bild: Dominique Issermann</p></div>
<p>Natürlich thematisiert Cohen, der „Ladies’ man“, auf „Old ideas“ auch die Liebe. Im schon fast tanzbaren „Different Sides“, in welchem die Reime mit den Klängen eine perfekte Symbiose eingehen, geht es um die kleinen Kriege in Paarbeziehungen („We find ourselves on different sides/of the line nobody drew“). In „Crazy to love you“, in welchem sich Cohen mit der akustischen Gitarre selber begleitet, erzählt der Sänger von der Gelassenheit der Liebe im Alter („I’m tired of choosing desire/I’ve been saved by a blessed fatigue“). Der emotionale Höhepunkt des Albums ist jedoch das fast achtminütige „Amen“. In diesem Klagelied, in welchem sich die Klänge einer Trompete mit jenen einer Violine vermählen, wird die Liebe dem Horror in der Welt gegenübergestellt („Tell me again when the victims are singing/and the laws of remorse are restored/tell me again that you know what I’m thinking/but vengeance belongs to the lord“). Der „lord“, er wird auf Cohens neustem Album, dem wohl spirituellsten seit „Various Positions“ (1984), oft angerufen. „Show me the place“ und „Come Healing“ sind mit ihren Hammond-Orgel-Klängen und dem engelhaften Backgroundgesang (von der langjährigen musikalischen Weggefährtin Jennifer Warnes beziehungweise der noch wenig bekannten Dana Glover, übrigens die Entdeckung dieses neuen Albums) eine Art Hymnen. Da wird die geliebte Person – oder auch Gott – aufgerufen, zu zeigen, wo das Wort Mensch wurde und das Leid begann oder es wird um Heilung des Geistes und des Körpers gebeten.</p>
<p>Es finden sich auf „Old Ideas“ jedoch auch ein paar in jeder Hinsicht leichtgewichtigere Songs: So verlieben sich im besänftigenden Wiegenlied „Lullaby“ Katz und Maus und reden anschliessend in Zungen oder Cohen besingt ein kaputtes „Banjo“, welches im dunklen, verseuchten Meer herumdümpelt. Das jazzig-angehauchte „Anyhow“ wäre auf „Dear Heather“ besser aufgehoben gewesen und stört merklich den Fluss des Albums. Dennoch: So wie Cohen in seinen Konzerten vor Band und Publikum immer wieder seinen Hut zog, kann man vor diesem weisen, berührenden Alterswerk nur eines: ehrfürchtig den Hut ziehen.</p>
<p>Label: Sony Music</p>
<p><strong>Im Netz:</strong></p>
<p><a href="http://www.leonardcohen.com">leonardcohen</a></p>
<p><a href="http://www.leonardcohenfiles.com/"></a><a href="http://www.leonardcohenfiles.com">leonardcohenfiles</a></p>
<p><a href="http://www.leonardcohenforum.com/"></a><a href="http://www.leonardcohenforum.com">leonardcohenforum</a></p>
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		</item>
		<item>
		<title>„Ich bin wohl eher eine dunkle Träumerin, die vom Licht träumt“</title>
		<link>http://www.nahaufnahmen.ch/2011/11/16/sophie-zelmani-interview/</link>
		<comments>http://www.nahaufnahmen.ch/2011/11/16/sophie-zelmani-interview/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 16 Nov 2011 14:45:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christoph Aebi</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>

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		<description><![CDATA[<a href=http://www.nahaufnahmen.ch/2011/11/16/sophie-zelmani-interview/><img src=http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2011/11/SophieZelmani+1-150x150.jpg class=imgtfe hspace=10  vspace=5 align=left width=150  border=0></a>Mit ihrem neusten Album „Soul“ ist Sophie Zelmani ihrem ganz eigenen Musikstil grösstenteils treu geblieben: Traumwandlerisch schöne, fragile, intime, von akustischen Gitarren dominierte Lieder mit poetischen und rätselhaften Texten. Als Farbtupfer fungieren diesmal ein Duett mit Daniel Lemma sowie ein paar vereinzelte Reggae-Einsprengsel. Im Mail-Interview mit Nahaufnahmen.ch erzählt die schüchterne Schwedin über magische Momente bei den Aufnahmen zum neuen Album, die alles verändernde Kraft der Liebe, Ratschläge an ihre Tochter und wieso sie bisher kein Live-Album veröffentlichen mochte. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>„Ich bin wohl eher eine dunkle Träumerin, die vom Licht träumt“</strong></h1>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong></p>
<div id="attachment_9788" class="wp-caption aligncenter" style="width: 560px"><img class="size-full wp-image-9788" title="SophieZelmani+1" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2011/11/SophieZelmani+1.jpg" alt="Alle Bilder: Sony Music" width="550" height="740" /><p class="wp-caption-text">Alle Bilder: Sony Music</p></div>
<p></strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<h2>Interview mit Sophie Zelmani</h2>
<p><strong>Mit ihrem neusten Album „Soul“ ist Sophie Zelmani ihrem ganz eigenen Musikstil grösstenteils treu geblieben: Traumwandlerisch schöne, fragile, intime, von akustischen Gitarren dominierte Lieder mit poetischen und rätselhaften Texten. Als Farbtupfer fungieren diesmal ein Duett mit Daniel Lemma sowie ein paar vereinzelte Reggae-Einsprengsel. Im Mail-Interview mit Nahaufnahmen.ch erzählt die schüchterne Schwedin über magische Momente bei den Aufnahmen zum neuen Album, die alles verändernde Kraft der Liebe, Ratschläge an ihre Tochter und wieso sie bisher kein Live-Album veröffentlichen mochte. </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Nahaufnahmen.ch: Sophie, wieso hast du deinem neuen Album den Titel „Soul“ gegeben?</strong></p>
<p>Sophie Zelmani: Meistens wählt man ja einen der Liedertitel als Titel für das Album und in so einem Fall hätten wir die Platte „My soul remembers“ genannt. Aber wir hatten das Gefühl, dass das Wort „Soul“ an und für sich sehr hübsch ist und eine eigene Kraft ausstrahlt. Und dann ist vielleicht diese Platte auch „souliger“ als gewöhnlich&#8230;</p>
<p><strong>Was bedeutet das Wort „Seele“ für dich? </strong></p>
<p>Das kann bei unterschiedlichen Gelegenheiten verschiedene Dinge bedeuten. Aber meistens bedeutet es wohl „von innen heraus“.</p>
<p><strong>Wie würdest du dein neues Album beschreiben?</strong></p>
<p>Man kann sagen, dass es eine Fortsetzung von „mir“ ist. Für mich fühlt es sich am natürlichsten an, einfach diejenigen Lieder zu empfangen, die aus mir herauskommen wollen. Ich hatte zwar am Anfang die Idee, mit dem Album eine bestimmte Richtung einzuschlagen, aber das funktionierte nicht.</p>
<p><strong>Das erste Lied auf dem Album heisst „Free Now“. Wie würdest du für dich „Freiheit“ definieren? </strong></p>
<p>Für mich bedeutet Freiheit, ein ehrliches Leben zu führen. Nicht zu akzeptieren, mit Lügen irgendeiner Art durchs Leben zu gehen, nur weil dies vielleicht bequemer wäre. Das macht einen unglücklich.</p>
<p>„<strong>For you“ ist ein Duett mit dem schwedischen Sänger Daniel Lemma. Wieso hast du gerade ihn als Duettpartner ausgewählt?</strong></p>
<p>Während ich dieses Lied schrieb, konnte ich gewissermassen Daniels Stimme bereits hören. Zudem finde ich, dass er eine in jeder Hinsicht fantastische Person ist. So ist es für mich eine grosse Ehre, dass er mitmachen wollte.</p>
<p><strong>Mit welchen anderen Sängern würdest du – wenn du die Möglichkeit hättest – gerne ein Duett aufnehmen?</strong></p>
<p>Vielleicht mit David Gray oder Jeff Bridges?</p>
<p><strong>Was ist mit „dieser Art von Liebe“ genau gemeint, welche du im Lied „I wouldn’t speak for him“ besingst?</strong></p>
<p>Diejenige Liebe, die einen für immer verändert und dazu führt, dass man sich richtig öffnen kann. Freilich hat nicht jede Liebe diese Kraft.</p>
<p><strong>Eines der neuen Lieder heisst „My daughter“. In einem Interview mit einer schwedischen Zeitung hast du über deine Tochter gesagt, dass sie ebenfalls tolle Lieder schreibe und besser Gitarre spiele als du. Falls deine Tochter später auch Musikerin und Sängerin werden möchte, welche Ratschläge würdest du ihr geben?</strong></p>
<p>Ich würde ihr sagen, dass sie das, was sie tut, mit dem Herzen tun soll. Dann macht sie die Dinge auf jeden Fall richtig. Sie soll sich auch nie mit anderen Menschen vergleichen. Vielleicht würde ich ihr ebenfalls den Ratschlag geben, dass sie nicht so faul und schwierig werden soll, wie ich es bin&#8230;</p>
<p>„<strong>Your soul remembers“, das letzte Lied auf deiner neuen Platte, ist mit über neun Minuten Spielzeit wohl das längste Lied, das du jemals aufgenommen hast. War es von Anfang an geplant, dem Lied dieses epische Ende zu verpassen oder ist dies spontan im Studio so entstanden?</strong></p>
<p>Ja, das war für uns eine magische Aufnahme. Niemand wusste, welchen Weg das Lied nehmen würde. Wir sind einfach unserer Inspiration gefolgt und haben gar nicht gemerkt, dass wir mehr als neun Minuten gespielt haben.</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-9789" title="SophieZelmani3" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2011/11/SophieZelmani3.jpg" alt="SophieZelmani3" width="550" height="367" /></p>
<p><strong>Kannst du uns den Entstehungsprozess deines neuen Albums etwas genauer beschreiben?</strong></p>
<p>Ich bin ein paar Mal zu Lasse (Lars Halapi, seit Beginn ihrer Karriere Sophies Produzent, Anm. d. Red.) nach Südschweden gefahren, wo er wohnt und gleichzeitig sein Studio hat. Ich habe dort einige Zeit verbracht, bin in Ruhe in seinem Studio gesessen und habe Lieder geschrieben. Wenn ein Lied fertig war, konnte ich nach Lasse rufen und wir haben das Lied direkt eingespielt. Auf diese Art und Weise war es leicht, die vollkommene Stimmung eines Liedes einzufangen, da ich sozusagen immer noch mittendrin war. Einige Male kam auch die Band zu Besuch und wir haben Lieder gemeinsam eingespielt. Zum Schluss kamen einige Overdubs hinzu, wie Streicher und Chöre. Insgesamt dauerten die Aufnahmen einige Monate, vom Frühling bis zum Sommer. Im Medley Studio in Kopenhagen, das nur etwa eine Stunde von Lasses Studio entfernt liegt, haben wir das Album abgemischt. Das Medley Studio ist ungeheuer gemütlich und ein Besuch in Kopenhagen ist immer sehr schön.</p>
<p><strong>Welches waren die schönsten Momente während den Aufnahmen?</strong></p>
<p>Immer dann, wenn wir eine sozusagen magische Aufnahme hingekriegt haben. Wenn alle verstanden haben, dass wir dasselbe fühlten. Dann natürlich auch die Gemeinschaft, die gemeinsam verbrachten Abende, das Essen und der Wein&#8230;</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Du warst in den letzten fünf Jahren überaus produktiv und hast, zählt man das neue Album dazu, insgesamt vier Alben veröffentlicht. Welches waren die Gründe dafür, dass du in so kurzer Zeit so viele Lieder komponieren und aufnehmen konntest?</strong></p>
<p>Schwer zu sagen. Es sind sowohl die Lust, das Bedürfnis als auch die vorhandenen Möglichkeiten, welche den Schaffensprozess steuern. Es ist schwierig, die Lust aufzuhalten und sobald genügend Lieder beisammen sind, denkt man bereits an eine neue Platte. Ich möchte ja nicht, dass die Lieder liegenbleiben und alt werden.</p>
<p><strong>Wie stark wirst du beim Liederschreiben von Literatur inspiriert? </strong></p>
<p>Ich weiss es nicht. Aber ich lese heutzutage viel mehr als früher, meistens Bücher von schwedischen Autoren. Das Lesen ist sowohl eine Flucht als auch entspannend und Einsicht gebend. Zudem habe ich das Lesen von Gedichten schätzen gelernt.</p>
<p><strong>Wie viele Gitarren besitzt du und welches ist deine Lieblingsgitarre? </strong></p>
<p>Ich habe jetzt drei Gitarren. Eine „Auto- und Hotel-Gitarre“. Dann eine Martin-Gitarre, auf der ich nie spiele. Meine Lieblingsgitarre ist diejenige, die ich mir genau zu jenem Zeitpunkt gekauft habe, als ich meinen Plattenvertrag erhielt. Ich glaube, ich habe die Saiten dieser Gitarre schon mehr als acht Jahre nicht mehr gewechselt.</p>
<p><strong>Deine Schwester Charlotte hat in einer schwedischen Zeitung über dich gesagt: „Sophie hat die schönste Seele der Welt. Sie ist wirklich speziell, ein Engel. Nicht ganz von dieser Welt, eher ein Wesen als ein gewöhnlicher Mensch“. Inwiefern trifft diese Beschreibung auf dich zu?</strong></p>
<p>Ich würde dasselbe über meine Schwester sagen. Aber ich bin wohl eher eine dunkle Träumerin, die vom Licht träumt.</p>
<p><strong>Bevor dein neues Album erscheint, wirst du in Schweden drei Konzerte geben. Das Publikum wird die neuen Lieder zum ersten Mal hören. Bist du, was die möglichen Reaktionen des Publikums betrifft, nervös?</strong></p>
<p>Ja, ich bin nervös. Das bin ich immer. Aber ich hoffe, dass die Zuhörer meine neuen Lieder mögen und sie gut aufnehmen werden, obwohl sie diese zum ersten Mal hören werden.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Ich finde, deine Konzerte sind pure Magie. Hast du je daran gedacht, ein Live-Album zu veröffentlichen?</strong></p>
<p>Danke vielmals, dass du das sagst, aber ich wollte bisher kein Live-Album aufnehmen. Ich glaube, dass es sehr schwierig ist, ein solches Erlebnis auf einer Platte einzufangen. Ein Konzert ist ja etwas, das im Hier und Jetzt zusammen mit dem Publikum geschieht.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Wann wirst du das nächste Mal in der Schweiz Konzerte geben?</strong></p>
<p>Ich weiss es noch nicht genau, aber ich hoffe, dass es im nächsten Frühling soweit sein wird.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Hast du in der Schweiz einen Lieblingsort oder ein Lieblings-Konzertlokal?</strong></p>
<p>Mir hat es bisher an allen Orten in der Schweiz gefallen, an denen ich Konzerte gegeben habe. Es ist herrlich, immer und immer wieder an die gleichen Orte zurückzukehren. Ich fühle mich dann jeweils wie zuhause.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Zum Schluss beantwortete Sophie für uns ein paar kurze Fragen, die auf dem berühmten Fragebogen des französischen Poeten Marcel Proust basieren:</strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Deine Vorstellung von wahrem Glück? </strong></p>
<p>Lebenslust.</p>
<p><strong>Deine grösste Angst?</strong></p>
<p>Bitter zu werden.</p>
<p><strong>Welche lebende Person bewunderst du am meisten?</strong></p>
<p>Diejenige Person, in welche ich verliebt bin.</p>
<p><strong>Was würdest du an dir ändern?</strong></p>
<p>Alles.</p>
<p><strong>Deine grösste Extravaganz?</strong></p>
<p>Champagner sowie die Zeit am Strand zu verbringen.</p>
<p><strong>Deine Lieblingsreise?</strong></p>
<p>Eine Reise nach Italien.</p>
<p><strong>Welches ist deine grösste Errungenschaft?</strong></p>
<p>Die Geburt meiner Tochter.</p>
<p><strong>Was bereust du am meisten?</strong></p>
<p>Dass ich bestimmte Menschen schlecht behandelt habe.</p>
<p><strong>Dein kostbarster Besitz?</strong></p>
<p>Die Liebe.</p>
<p><strong>Deine Lieblingsbeschäftigung?</strong></p>
<p>Essen.</p>
<p><strong>Deine markanteste Charaktereigenschaft?</strong></p>
<p>Wahrscheinlich, dass ich so ruhig und schweigsam bin.</p>
<p><strong>Dein persönliches Motto?</strong></p>
<p>Das wird schon klappen!</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p>Sophie Zelmanis neue CD „Soul“ (Sony Music) ist ab 18. November im Handel erhältlich.</p>
<p>Im Netz:</p>
<p><a href="http://www.sophie-zelmani.com/">www.sophie-zelmani.com</a></p>
<p><br class="spacer_" /></p>
]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>„Ich denke nicht, dass man vor seinen Wurzeln wegrennen kann“</title>
		<link>http://www.nahaufnahmen.ch/2011/10/29/anna-ternheim-interview/</link>
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		<pubDate>Sat, 29 Oct 2011 15:33:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christoph Aebi</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>

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		<description><![CDATA[<a href=http://www.nahaufnahmen.ch/2011/10/29/anna-ternheim-interview/><img src=http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2011/10/Anna21-150x150.jpg class=imgtfe hspace=10  vspace=5 align=left width=150  border=0></a>Mit ihrem vierten Album „The Night Visitor“ ist der schwedischen Songwriterin Anna Ternheim ein Werk von zeitloser Schönheit gelungen. Nahaufnahmen.ch sprach mit Anna über ihre Studienzeit in Lausanne, die Energie ihrer Wahlheimat New York, die Zusammenarbeit mit Will Oldham, Inspirationen für ihre Lieder und ihre Demut gegenüber der Natur. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>„Ich denke nicht, dass man vor seinen Wurzeln wegrennen kann“</strong></h1>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong></p>
<div id="attachment_9667" class="wp-caption aligncenter" style="width: 560px"><img class="size-full wp-image-9667" title="Anna2" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2011/10/Anna21.jpg" alt="Alle Bilder: Universal Music" width="550" height="370" /><p class="wp-caption-text">Alle Bilder: Universal Music</p></div>
<p></strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<h2><strong>Interview Anna Ternheim, 28.10.2011<br />
 </strong></h2>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Mit ihrem vierten Album „The Night Visitor“ ist der schwedischen Songwriterin Anna Ternheim ein Werk von zeitloser Schönheit gelungen. Nahaufnahmen.ch sprach mit Anna über ihre Studienzeit in Lausanne, die Energie ihrer Wahlheimat New York, die Zusammenarbeit mit Will Oldham, Inspirationen für ihre Lieder und ihre Demut gegenüber der Natur. </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p>Obwohl es in New York City erst 9.30 Uhr morgens ist, tönt Anna Ternheims Stimme am anderen Ende der Telefonleitung bereits hellwach: „Ich bin soeben Kaffee holen gegangen und laufe durch die Stadt, um einen ruhigen Ort zu finden. Es ist gerade ziemlich lärmig um mich herum“.</p>
<p><strong>Nahaufnahmen.ch: Anna, was war der Auslöser dafür, dass du vor dreieinhalb Jahren von Schweden nach New York umgezogen bist?</strong></p>
<p>Anna Ternheim: Vor sechs oder sieben Jahren war ich hier im Urlaub. Dies war eine wunderbare Erfahrung. Ich erinnere mich daran, dass ich damals dachte: „Irgendwann einmal will ich hier leben“. Solche Gefühle hat man in den Ferien oftmals, macht dann aber meistens nichts daraus. Etwa ein Jahr später kontaktierte mich die Plattenfirma Universal/Decca. Sie hatten meine Musik gehört, wollten mit mir arbeiten und meine Musik in den USA veröffentlichen. Man half mir, ein Visum zu erhalten, Tourdaten wurden geplant. Plötzlich war es einfach eine gute Zeit, um umzuziehen. Ich hatte die Möglichkeit und sagte mir: „Ich versuche es und schaue, ob es mir hier in New York gefällt“. Und dann bin ich einfach geblieben. Nun sind bereits dreieinhalb Jahre vergangen. Wie lange ich hierbleiben werde, weiss ich allerdings nicht.</p>
<p><strong>Was gefällt dir in New York am besten?</strong></p>
<p>Die Stadt ist sehr multikulturell. Menschen aus allen Ecken der Welt wohnen hier. Du findest alles, was du brauchst. Die Stadt ist zudem sehr nonkonformistisch. Man kann hier leben, wie man möchte. Ich schätze das sehr. Das Leben einer Musikerin folgt ja anderen Routinen: Man hat einen verrückten Tagesablauf, insbesondere was Schlaf- und Essenszeiten betrifft. Einfach die Art und Weise, wie man als Musikerin lebt und arbeitet. Hier in New York gibt es mehr Leute als in Stockholm, die dasselbe machen wie ich.</p>
<p><strong>Welche Unterschiede gibt es sonst noch, wenn man als Songwriterin in New York statt in Schweden lebt?</strong></p>
<p>Ich kann als Songwriterin und Musikerin eigentlich überall arbeiten. Es geht mehr darum, sich im Moment an dem Ort, wo man lebt, wohl zu fühlen. Ich habe auch einmal für zwei Jahre in der Schweiz gelebt. Es waren zwei sehr gute Jahre. Ich habe dort viele Lieder geschrieben und war total glücklich. Hier in New York gibt es allerdings mehr Songwriter als in Schweden. Der Wettbewerb ist deshalb sehr hart und das Niveau sehr hoch. Fantastische Musiker spielen hier auf kleinen Bühnen und kämpfen um ihren Platz.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Bist du zum Studium in die Schweiz gekommen?</strong></p>
<p>Ja, ich wollte immer Französisch lernen und aus irgendeinem Grund bin ich dann in Lausanne gelandet. Zudem hat meine Familie während ein paar Jahren in der Schweiz gelebt und da dachte ich mir, ich könnte ebenso gut in der Schweiz studieren. Ich habe während anderthalb Jahren an der Universität in Lausanne studiert und habe es wirklich genossen. Als Studentin war Lausanne ein fantastischer Ort für mich. Das ist aber schon lange her.</p>
<p><strong>Wann war das genau?</strong></p>
<p>Im Jahr 1999 bin ich in die Schweiz gekommen. Da war ich gerade 20 Jahre alt.</p>
<p><strong>Was hat dir in der Schweiz besonders gut gefallen?</strong></p>
<p>Der Alltag als Studentin und der Lac Léman waren natürlich fantastisch. Die Schweiz hat mir aber auch als Ganzes sehr gefallen: Ich hatte das Gefühl, im Zentrum der Dinge zu stehen. In Stockholm hat man dieses Gefühl nicht. Man ist dort irgendwie abgeschnitten vom Rest Europas. Ich erinnere mich daran, wie einfach das Reisen war, wie schnell man andere Orte erreicht hat. Die schwedische und die Schweizer Mentalität sind zudem sehr ähnlich. Es war für mich deshalb keine grosse Veränderung, in die Schweiz zu ziehen. Ich habe mich dort sehr schnell zuhause gefühlt. Man weiss ja nie, für wie lange man irgendwo landet. Ich hätte mir aber vorstellen können, längere Zeit in Lausanne zu leben und ich habe immer noch Freunde, die dort wohnen.</p>
<p><strong>Gibt es an deinem heutigen Wohnort New York Dinge, die du aus deinem Heimatland Schweden vermisst?</strong></p>
<p>Ich denke nicht, dass man vor seinen Wurzeln wegrennen kann. Der Bezug und die Bindung zu seinem Heimatland sowie die Erinnerungen, beispielsweise an die Gerüche, das Essen oder das Wetter, bleiben. Natürlich vermisse ich meine Familie. Stockholm ist auch kleiner und sauberer als New York. Man kann mit dem Fahrrad unterwegs sein und überall in der Stadt schwimmen gehen. Das gibt einem ein Gefühl von Freiheit. Es ist einfach, herumzukommen und das Leben ist ganz allgemein einfacher. New York ist überfüllter, dreckiger und sehr teuer. Das Leben ist in New York eher ein Kampf. Alle Leute erfahren das auf eine gewisse Art und Weise, ob man jetzt Musiker ist, in einem Restaurant arbeitet oder versucht, ein Geschäft aufzubauen. Dieser Kampf gibt der Stadt aber auch eine enorme Energie. Diese Energie ist so stark, manchmal scheint es, man könne sie anfassen. Das kann man in Stockholm nicht.</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-9670" title="Anna1" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2011/10/Anna12.jpg" alt="Anna1" width="550" height="423" /></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Also gibt dir diese Energie Inspirationen für deine Lieder?</strong></p>
<p>Ja, aber diese Energie hat irgendwie auch eine seltsam beruhigende Wirkung auf mich. Ein Teil der Arbeit als Songwriterin ist sehr introvertiert. Ich verbringe viel Zeit alleine und schreibe. Dann mache ich die Türe zu, schliesse mich von meiner Umwelt aus und versuche, aus mir herauszubekommen, was mich tief in meinem Innern beschäftigt. Wenn es mir dann schwerfällt, alleine zu sein, oder ich frustriert bin, habe ich gleich draussen vor der Tür tausend Dinge, die auf mich warten. Für den Schreibprozess ist dies ideal: Ich kann mir draussen in der Stadt Inspirationen holen, kann aber auch meine Ruhe haben. Zudem muss ich nicht das Gefühl haben, etwas zu verpassen, weil sowieso immer etwas läuft (lacht).</p>
<p><strong>Es gibt eine nette Anekdote, dass es in der Nacht, als du 1978 geboren wurdest, einen kompletten Stromausfall gab und du im Licht von Taschenlampen zur Welt gekommen bist. Deshalb würdest du Lieder für die nächtlichen Stunden schreiben. Bist du aus diesem Grund auch in der Nacht am kreativsten? </strong></p>
<p>Es stimmt nicht ganz, dass ich meistens in der Nacht schreibe. Ich mache das zwar gerne, schreibe aber auch oft am Morgen. Wenn ich auf Tour bin, lebe ich in der Nacht, gehe spät zu Bett und schlafe am Morgen. Wenn ich aber zuhause bin, liebe ich es, früh aufzustehen und das erste Morgenlicht zu sehen. Die ruhigen Morgenstunden sind sehr angenehm, um Lieder zu schreiben. Es wurde mir aber oft gesagt, dass meine Musik zu den nächtlichen Stunden passt und die Zuhörer sozusagen auf eine nächtliche Reise schickt. Die Nacht ist eine gute Zeit, alles andere rundherum auszuschalten und der Musik wirklich zuzuhören.</p>
<p><strong>Man hat dann die Ruhe, sich wirklich auf die Musik zu konzentrieren&#8230;</strong></p>
<p>Ja genau. Deshalb mag ich es, in der Nacht Radio zu hören. Es ist so ruhig rundherum. Man hört sich die Lieder an, achtet auf den Text und erfährt, was die Musiker einem sagen wollen.</p>
<p><strong>Eine gebrauchte Gibson-Gitarre aus den 30-er Jahren, die du in einem Geschäft in Brooklyn entdeckt hast, sei für den Entstehungsprozess deines neuen Albums sehr wichtig gewesen. In welcher Art und Weise war diese Gitarre so wichtig für dich?</strong></p>
<p>Es gibt keine bestimmten Regeln oder Methoden, um einen kreativen Prozess in Gang zu setzen. Es ist eher etwas, wonach man suchen muss: Eine Kombination von purem Zufall und einer Absicht, die man hegt. Ich wollte diesmal ein eher gitarrenlastiges, musikalisch reduziertes Album machen. Das lag daran, dass während der meisten Zeit, die ich als Musikerin verbringe, die Gitarre mein wichtigstes Arbeitsgerät ist. Ich gebe viele akustische Konzerte. Bisher habe ich jedoch nie eine Platte gemacht, die das wirklich widergespiegelt hat. Früher habe ich meinen Gitarren auch nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt, denn ich bin eigentlich zuallererst eine Songwriterin und keine Gitarristin. Diesmal habe ich aber ein Instrument gesucht, welches zu den Liedern passt, die ich geschrieben habe. Ich hatte einen gewissen Klang im Kopf. Deshalb habe ich meine Augen offen gehalten. Immer, wenn ich an einem Gitarrenladen vorbeikam, bin ich hineingegangen und habe mich umgeschaut. Dann habe ich diesen fantastischen Gitarrenladen in Brooklyn gefunden. Es ist schwer zu beschreiben, aber als ich diese Gibson-Gitarre sah und in den Händen hielt, hatte ich das Gefühl, sie sei wie für mich gemacht. Zudem tönte sie genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Deshalb habe ich mir die Gitarre gleich gekauft und entschieden, dass sie der Ausgangspunkt für meine neue Platte sein wird und ich die Lieder um diese Gitarre herum aufbauen werde.</p>
<p><strong>Deine neue Platte „The night visitor“ wurde von Matt Sweeney produziert, der auf deinem letzten Album „Leaving on a mayday“ auf einigen Songs Gitarre gespielt hat. Wie kam es dazu, dass er nun für die Produktion des neuen Albums verantwortlich war?</strong></p>
<p>Das war purer Zufall. Ich hatte mir meine neue Gitarre gekauft und zu Beginn etwas Mühe damit, herauszufinden, wie man am besten darauf spielt. Ich habe deshalb Matt Sweeney angerufen, weil ich finde, dass er auf meinem letzten Album grossartig gespielt hat. Er hat mir Gitarrenstunden gegeben und mir geholfen, die neuen Lieder zu arrangieren. Wir haben uns also getroffen und zusammen musiziert. Das hat so viel Spass gemacht. Wir haben uns sehr gut verstanden, es gab eine grossartige Energie zwischen uns. Man hat eine gewisse Idee, wie ein Lied klingen soll und die andere Person versteht einen, ohne dass man sich immer gleich in Worten ausdrücken muss. Irgendwann hat Matt gesagt: „Hey, ich denke, ich sollte deine neue Platte produzieren.“ Er war es auch, der vorgeschlagen hat, nach Nashville zu gehen und die Platte im Studio von Dave Ferguson aufzunehmen, der an den „American Recordings“ von Johnny Cash mitgearbeitet hat und ein fantastischer Toningenieur ist.</p>
<p><strong>Warst du zum ersten Mal in Nashville oder hast du dort bereits Konzerte gegeben?</strong></p>
<p>Ich war zuvor noch nie in Nashville und wusste deshalb nicht, was mich dort erwartete. Da ich mir nicht wirklich Country-Musik anhöre, hatte ich nie den Wunsch, wegen der Musik nach Nashville zu fahren.Die ersten Tage in der Stadt war ich vor allem im Butcher Shoppe-Studio. Dieses liegt in einem alten Fabrikgebäude auf einer Anhöhe etwas ausserhalb der Stadt und wir waren dort sozusagen in unserem eigenen Universum. Vom Studio aus konnte man aber die Skyline von Nashville sehen. Bis ich das Nashville, von dem alle reden, erlebt habe, brauchte es deshalb seine Zeit. Nashville kann man aus verschiedenen Perspektiven betrachten: Das, was sich viele Leute unter Nashville vorstellen – die Musikwelt, Bars, welche 24 Stunden geöffnet sind, in denen pausenlos Musiker singen und Gitarre spielen – fühlt sich wie ein Teil von Nashville an, der sich infolge des Tourismus so entwickelt hat. Die ganze Musikindustrie-Seite Nashvilles ist eine Art Fabrik: Musiker gehen in ein Studio und nehmen innerhalb von fünf Tagen ihre Platte auf. Dann gibt es auf der anderen Seite ein Nashville, dessen Einwohner gar keinen Bezug zur Country-Musik haben. Sie sind beispielsweise nach Nashville gezogen, weil es dort eine grosse Universität gibt. Zudem sind die Häuser günstig. Ich kenne einige Leute aus New York, die nach Nashville umgezogen sind, weil sie dort mehr Raum für ihr Geld erhalten.</p>
<p><strong>Auf deiner neuen Platte haben viele bekannte Musiker mitgewirkt: Neben dem legendären Cowboy Jack Clement, der auf dem Album Dobro spielt, unter anderem auch Will Oldham, besser bekannt unter dem Namen Bonnie „Prince“  Billy. Er singt auf „Walking Aimlessly“, „Bow your head“ und „All Shadows“ im Hintergrund mit. Wie war die Zusammenarbeit mit ihm?</strong></p>
<p>Es war grossartig. Ich habe ihn zuvor schon mal in einer Bar in New York getroffen, nach einem seiner Konzerte. Er ist zudem mit Matt Sweeney befreundet. Die beiden haben in der Vergangenheit oft zusammen gearbeitet, auch mit Dave Ferguson. Will Oldham hat ausserdem ein Album des schwedischen Musikers Nicolai Dunger produziert, der ein Freund von mir ist und dessen Musik  ich sehr gerne mag. Will kam also eines Tages im Studio vorbei und hat die Background Vocals eingesungen. Ich bin ein ziemlich grosser Fan von ihm und bin deshalb sehr glücklich, dass er bei meinem neuen Album mit von der Partie ist. Er ist ein fantastischer Songwriter und hat diesen klassischen, amerikanischen Melodie-Sound. Man hat das Gefühl, seine Lieder seien schon vor Ewigkeiten entstanden.</p>
<p><strong>Dein neues Album „The Night Visitor“ besteht aus wunderschönen Folk-Balladen, die ebenfalls durch eine zeitlose Schönheit bestechen. Ich habe gelesen, dass das irische Folk-Lied „Night Visiting Song“ von Luke Kelly die Inspiration für den Titel deiner neuen Platte war. Inwiefern hat der „Night Visiting Song“ nicht nur den Titel sondern auch die Produktion deines neuen Albums inspiriert? </strong></p>
<p>Die Melodien und Harmonien von alten Folk-Songs wie dem „Night Visiting Song“ oder „Scarborough Fair“ haben mich seit jeher angezogen und mich inspiriert. Mein Songwriting kommt aus dieser Folk-Tradition. Beim neuen Album ist dies nun offensichtlicher, denn es ist eher eine Folk- als eine Pop-Platte. „The Night Visiting Song“ hat wie die Musik des soeben verstorbenen schottischen Songwriters Bert Jansch – vor allem die Art und Weise wie dieser Gitarre spielte –  mein neues Album direkt inspiriert und „The Night Visitor“ ist ein Titel, welche die Stimmung der Platte gut erfasst.</p>
<p><strong>Es gibt auf der neuen CD zwei Cover-Versionen, „The Longer the Waiting, the sweeter the kiss“ und „Dearest Dear“&#8230;</strong></p>
<p>„Dearest Dear“ ist ein alter, traditioneller Folk-Song, den fast niemand kennt. „The longer the waiting, the sweeter the kiss“ tönt zwar wie ein alter Folk-Song, ist aber vor noch nicht allzu langer Zeit geschrieben worden. Einer der Songwriter, Pat Mc Laughlin, hat auch auf meiner neuen Platte mitgespielt. Nachdem wir dieses Lied eines Tages entdeckt hatten, haben wir im Studio einfach die Gitarren in die Hand genommen und das Lied gespielt. Es war so direkt und wunderschön, dass ich sofort gesagt habe: „Dieses Lied sollten wir aufnehmen“. Es war nicht etwas, das wir geplant hätten. Es ist einfach so passiert und das Lied hat nun seinen Platz auf der Platte gefunden.</p>
<p><strong>Gibt es ein übergreifendes Thema, welches die Lieder auf der neuen Platte verbindet? </strong></p>
<p>Seit ich zehn Jahre alt bin, sind Musik und das Schreiben von Liedern eine Art notwendige Konsequenz meines Lebens. Ich habe jedoch nie für ein spezielles Thema geschrieben oder mir bereits während des Schreibens der Lieder Gedanken über das Konzept eines Albums gemacht. Ich schreibe über Dinge, die mich persönlich berühren. Das kann alles sein: Persönliche Erfahrungen, Erfahrungen von Menschen um mich herum, oder ich lese in der Zeitung etwas, das mich anschliessend zum Schreiben inspiriert. Es gibt in dieser Hinsicht also keinen Unterschied zum vorherigen Album. Ich bin nur etwas älter und reifer geworden und habe neue Menschen getroffen. Ach ja, vor ein paar Jahren habe ich mal für das Stadttheater in Göteborg Musik zu einem bestimmten Thema geschrieben. Das hat Spass gemacht, war aber etwas komplett Anderes als das, was ich sonst mache. Wer weiss, vielleicht mache ich auch einmal eine solche Platte, die nur aus Liedern zu einem bestimmten Thema besteht. Wenn ich die Lieder meines neuen Albums aber in einem Wort zusammenfassen müsste, dann denke ich, dass meine Musik die Gefühle einer gewissen Sehnsucht einfängt. Wonach, kann ich nicht präzis sagen. Ich mag es eben nicht so, zu viel über meine Musik preiszugeben.</p>
<p><strong>In deinen Konzerten leitest du die Lieder aber gerne mal mit kurzen Erklärungen ein. Ich finde das interessant, denn so erhält man manchmal einen anderen Zugang zu einem Lied. Beim Hören macht man sich seine eigene Gedanken und dann merkt man plötzlich, dass das Lied eigentlich eine ganz andere Bedeutung hat. </strong></p>
<p>Das verstehe ich total. Man kann so den Zuhörern neue Hinweise, Ideen geben oder sie in eine gewisse Richtung weisen. Das kann dazu führen, dass jemand mit dem Lied eine tiefere Erfahrung macht. Aber ich möchte nicht zu viele Details preisgeben oder die Geschichten genau so erzählen, wie sie sich zugetragen haben. Wenn eine Geschichte zu einem Lied wird, ist sie bereits verändert und jedermann macht sie dann zu seiner eigenen Geschichte.</p>
<p><strong>Bei „All Shadows“, einem deiner neuen Lieder, habe ich mich beispielsweise gefragt, wer mit „the one“ gemeint sein könnte (This is the one/who knows no regret/ who knows who you are/ you never met/ but one day it finds you wherever you are).</strong></p>
<p>Dieses Lied hatte eigentlich eine sehr klare Absicht. Vielleicht ist es am Ende nun sehr unklar geworden. Es ist ein Lied über Menschen, die alles haben und andere Menschen, die nichts haben. Jetzt wird es aber politisch und eigentlich möchte ich das ja nicht mit meiner Musik mischen. Die sollte eigentlich romantisch sein (lacht). Es geht um eine sehr kleine, privilegierte Gruppe von Menschen, die auch schon mal die Wahrheit erfindet und die Regeln für die anderen Menschen aufstellt. Es geht um Machstrukturen, wobei „the one“ für eine bestimmte Person oder auch für mehrere Personen stehen kann.</p>
<p><strong>Eines weiteres neues Lied heisst „Walking aimlessly“ (Ziellos umherlaufen). Ist dies eine Art Motto von dir?</strong></p>
<p>Ich denke ja. Wenn man sich einfach treiben lässt, realisiert man manchmal gewisse Dinge besser. Mir wurde auch schon gesagt, dass es mir schwerfallen würde, mich für etwas zu entscheiden. Es gibt dir Zeit, um darüber nachzudenken, was du machen möchtest. Es ist wichtig für mich und entspannt mich. Man muss aber jeglichen Lärm aussperren und sich selber gut kennen, um sich treiben zu lassen und um hören zu können, was in einem selber vorgeht.</p>
<p><strong>Der Song „Bow your head“ ist eine Art Ode an die Schönheit der Natur. Was gefällt dir in der Natur am besten oder wo in der Natur fühlst du dich am wohlsten?</strong></p>
<p>Die Natur macht einen demütig. Eigentlich sind wir sehr klein und in den Händen der Natur – und nicht umgekehrt. Ich wandere gerne in den Bergen oder durch den Wald. Ich bin damit aufgewachsen, in der Natur zu sein. An den Wochenenden sind wir oft entlang den Seen eislaufen oder in die Berge wandern gegangen. Oder wir gingen in den Wald, wo man seltsame Pilze finden und pflücken kann – wenn man das mag (lacht). Hier in New York ist es ein bisschen schwieriger. Manchmal nehme ich den Zug, der dem Hudson River entlangfährt. In weniger als einer Stunde ist man so draussen in der Natur und kann seine Ruhe geniessen. Das lädt deine Batterien auf und macht die Probleme kleiner. Wenn man so ein Glück hat wie ich, genug zu essen und ein Dach über dem Kopf und das machen kann, was man wirklich liebt, dann erscheinen die Probleme, die man manchmal hat, einfach lächerlich.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Nächstes Jahr gehst du wieder auf Tour. Die Konzerte sind als „acoustic stripped down shows“ angekündigt. Spielst du solo oder werden noch andere Musiker dabei sein? </strong></p>
<p>Ja, nächstes Jahr werde ich mehr oder weniger nonstop auf Tournee sein und auch in der Schweiz Konzerte geben. Ich habe die Konzerte als „acoustic stripped down shows“ angekündigt, um die Leute nicht zu verwirren. Es wird zwar mindestens ein zusätzlicher Musiker dabei sein, aber kein Schlagzeuger und auch keine komplette Band wie bei meiner letzten Tour. Aber es wird absolut fantastisch werden.</p>
<p>„The night visitor“ von Anna Ternheim ist ab 28. Oktober im Handel erhältlich (Universal Music).</p>
<p>Konzerttermine:</p>
<p>24. Februar 2012, Zürich, Kaufleuten<br />
 25. Februar 2012, Bern, Bierhübeli</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Im Netz:</strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><a href="http://www.annaternheim.com/"><strong>www.annaternheim.com</strong></a><strong> </strong></p>
<p><a href="http://www.thenightvisitor.com/"><strong>www.thenightvisitor.com</strong></a><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><br class="spacer_" /></p>
]]></content:encoded>
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		<title>„Neid und Eifersucht können einem das Leben vergällen“</title>
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		<pubDate>Sat, 27 Aug 2011 10:01:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christoph Aebi</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>

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		<description><![CDATA[<a href=http://www.nahaufnahmen.ch/2011/08/27/%e2%80%9eneid-und-eifersucht-konnen-einem-das-leben-vergallen%e2%80%9c/><img src=http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2011/08/mvdh-foto-01-150x150.jpg class=imgtfe hspace=10  vspace=5 align=left width=150  border=0></a>Michael von der Heide ist mit seinem neuen, französischsprachigen Album „Lido“, welches Elektro-Pop und Dance sowie sehnsuchtsvolle Melodien und Texte miteinander verbindet, ein grosser Wurf gelungen.  Im Interview spricht er unter anderem über tragische Frauenstimmen, pathetische Todesfantasien von Teenagern, grausame Zwillinge, Gänsehaut-Momente im Studio und die Melancholie von französischen 80er-Jahre-Pop-Songs.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>„Neid und Eifersucht können einem das Leben vergällen“</strong></h1>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong></p>
<div id="attachment_9510" class="wp-caption aligncenter" style="width: 560px"><img class="size-full wp-image-9510" title="mvdh foto 01" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2011/08/mvdh-foto-01.jpg" alt="Alle Bilder: Patrick Mettraux" width="550" height="550" /><p class="wp-caption-text">Alle Bilder: Patrick Mettraux</p></div>
<p></strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<h2>Das grosse nahaufnahmen.ch-Interview mit Michael von der Heide, 15.8.2011</h2>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Michael von der Heide ist mit seinem neuen, französischsprachigen Album „Lido“, welches Elektro-Pop und Dance sowie sehnsuchtsvolle Melodien und Texte miteinander verbindet, ein grosser Wurf gelungen.  Im Interview spricht er unter anderem über tragische Frauenstimmen, pathetische Todesfantasien von Teenagern, grausame Zwillinge, Gänsehaut-Momente im Studio und die Melancholie von französischen 80er-Jahre-Pop-Songs.</strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>nahaufnahmen.ch: Die erste Single deiner neuen CD „Lido“ heisst „J’ai perdu ma jeunesse“. Wann hast du deine Jugend verloren?</strong></p>
<p>Michael von der Heide: Ich kann mich nicht erinnern, dass es einen bestimmten Moment gegeben hat. Aber ich spüre, dass die Jugend so langsam am gehen ist. Ich werde bald 40 Jahre alt und finde, mit 40 darf man schon erwachsen sein. Wenn ich meine Nichten und Neffen anschaue, die wirklich Jugendliche sind, sehe ich, dass dies eine andere Generation ist.</p>
<p><strong>Wie zeigt sich dieser Generationenunterschied?</strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p>Ich gehe beispielsweise nicht mehr unbedingt in Klubs. Obwohl ich jetzt mit dem neuen Album fast ein wenig Klubmusik mache. Wenn ich in Zürich, wo ich wohne, sehe, wie ein neuer Klub aufgeht und davor eine Kolonne junger Menschen auf Einlass wartet, denke ich: „Ah, das habe ich früher auch mitgemacht“. Nun bin ich jedoch froh, dass ich nicht mehr das Gefühl habe, ich müsste in den jeweils angesagtesten Klub gehen.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Das Lied „J’ai perdu la jeunesse“ ist ein Chanson, welches die Sängerin Damia in den 30er-Jahren interpretiert hat. Wie bist du darauf gestossen?</strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p>Ich habe früher immer wieder Brockenhäuser aufgesucht, um alte Platten zu sammeln. Heutzutage, mit Youtube und I-Tunes, mache ich das nicht mehr so oft, da man dort fast alles findet. „J’ai perdu ma chanson“ von Damia, einer Vertreterin des „Chanson réaliste“, habe ich jedoch noch auf Vinyl. Bereits vor Jahren, als ich die Platte entdeckt habe, dachte ich mir: „Dieses Lied will ich irgendwann einmal interpretieren“.</p>
<p><strong>Was hat den Ausschlag gegeben, dass du das Lied nun gerade jetzt, für deine neue CD, aufgenommen hast?</strong></p>
<p>Für das neue Album wollte ich eine sehr moderne Produktion, bei der jedoch immer wieder etwas Retromässiges aufblinken darf. Deshalb war „J’ai perdu ma jeunesse“ eine Art Vorlage für das Album und ausgehend davon sind die anderen Lieder entstanden, die – von „Dans la ville endormie“ von Dalida einmal abgesehen – alles Originale sind.</p>
<p><strong>Wie hast du das Lied von Dalida ausgewählt?</strong></p>
<p>Mich hat an dem Lied interessiert, dass es zwar wunderschön und grossartig, aber kaum bekannt ist. Dalida hat ja unglaublich viele Songs aufgenommen. Ihre Geschichte – sie hat mit 54 Jahren Selbstmord begangen – ist genauso dramatisch und tragisch wie ihre Stimme. Deshalb hat sie einen auch so berührt, sogar mit dem etwas oberflächlichen Disco-Zeugs, das sie am Schluss ihrer Karriere gesungen hat. Wenn ich heute Radio höre, erklingt selten eine derart tragische Stimme, ausser vielleicht diejenige von Amy Winehouse.</p>
<p><strong>Gibt es noch andere Lieder, die du unbedingt gerne einmal covern möchtest?</strong></p>
<p>Für das neue Album hatte ich noch eine weitere Idee für einen Cover-Song. Ich sage dir aber nicht welchen, sonst macht’s noch jemand anderes (lacht).</p>
<p><strong>Damit nicht wieder das Gleiche geschieht wie bei „Campari Soda“, als dir Stephan Eicher zuvor gekommen ist?</strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p>Wenn ich ehrlich bin, war es so, dass mein damaliger Plattenboss unbedingt wollte, dass ich dieses Lied aufnehme. Ich hatte jedoch das Gefühl, dass der Song fast ein bisschen heilig ist und man ihn deshalb nicht covern darf. Ich habe deshalb damals gelogen und meinem Boss gesagt: „Es tut mir leid, wir sind mit dem Song im Studio nicht rechtzeitig fertig geworden.“. Obwohl ich von Grandjean, dem Komponisten von „Campari Soda“ ein Kompliment für meine Interpretation erhalten habe, wollte ich mit meiner zweiten Platte „30 Grad“ nicht gleich ein dermassen berühmtes Schweizer Lied veröffentlichen. Ein paar Monate später hat es dann Stephan Eicher getan. Schliesslich habe ich es doch noch veröffentlicht, auf meiner Best-of-Platte „2Pièces“, weil es ein toller Song ist, den ich manchmal auch an meinen Konzerten singe. Man macht ja gerne etwas, das dem Publikum gefällt. Ich habe jedoch immer geschaut, dass ich Lieder covere, um ihnen damit eine persönliche Note zu geben und mich nicht unbedingt an Songs vergreife, nur um einen Hit zu landen. Gerade heutzutage ist vieles nur geschnipselt, so wie „Tu vuò fa l’americano“, der letztes Jahr ein Hit war. Ich habe mich nie getraut, ein Lied mit dem Rezept zu covern: „Wir machen ein bisschen Bum-Bum drunter und dann gibt’s einen Hit“. Ich verurteile das zwar nicht, aber für mich ist das nichts.</p>
<p><strong>Wie lange hast du an deiner neuen CD gearbeitet?</strong></p>
<p>Von der Idee bis zur fertigen Platte sind etwa zweieinhalb Jahre vergangen. Ich habe aber immer wieder geschrieben, Songs wieder verworfen, Demos aufgenommen. Mit der Eurovision-Teilnahme gab es ein Intermezzo, während dem ich keine Zeit mehr hatte, an der CD zu arbeiten. Die Arbeit an der Platte war jedoch ganz entspannt und ich fand, sie wird dann erscheinen, wenn sie fertig ist.</p>
<p><strong>„Lido“ ist ein ziemlicher Kontrast zur letzten CD „Freie Sicht, welche akustisch, sehr ruhig und in deutscher Sprache gehalten war. „Lido“ ist, abgesehen von drei Balladen, eine Tanzplatte und du singst ausschliesslich französisch. Gab es einen konkreten Entscheid, eine Elektro-Pop-/Dance-Platte zu machen, oder hat sich das langsam entwickelt?</strong></p>
<p>„Freie Sicht“ gefällt mir immer noch sehr. Bei den Konzerten merkte ich jedoch, dass es irgendwann auf der Bühne wieder etwas mehr abgehen müsste. Zu Hause höre ich sehr gerne rhythmische Musik, sitze also nicht nur mit dem Rotweinglas herum, während im Hintergrund Tom Waits läuft. Zudem bin ich auf den Geschmack für elektronische Musik gekommen, als ich für „2raumwohnung“ geschrieben habe. Ich war oft an deren Konzerten und die Atmosphäre hat mir sehr gut gefallen. Die grossartige Inga Humpe, die noch einen Hauch älter ist als ich, macht fantastische Tanzmusik. Sie inspirierte mich und ich finde, dass dieses musikalische Universum sehr gut zu mir passt.</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-9511" title="mvdh foto 02" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2011/08/mvdh-foto-02.jpg" alt="mvdh foto 02" width="550" height="550" /></p>
<p><strong>Wie viele Lieder haben es nicht auf die CD geschafft?</strong></p>
<p>Es sind viele Lieder in einer relativ frühen Phase schon hängen geblieben. Als ich den Produzenten Thomas Fessler kontaktiert habe, hatte ich den grössten Teil des Materials schon. Zusammen haben wir relativ schnell ausgemistet.</p>
<p><strong>Nach welchen Kriterien?</strong></p>
<p>Gewisse Sachen haben ihm nicht gefallen. Zudem habe ich von Freunden aus Deutschland gelernt, mich bereits in der Entstehungsphase eines Albums mehr zu öffnen. Bei „Lido“ habe ich deshalb bereits die Demos Freunden von mir, die gerne Musik haben und von denen ich weiss, dass sie mir gegenüber ehrlich sind, gezeigt. Aufgrund von deren Reaktionen sind ebenfalls Lieder weggefallen. Früher habe ich meine Lieder nie anderen Leuten ausserhalb des Produktionsteams gezeigt. Ich wollte einfach mit der fertigen Platte kommen und dann sagen: „Schaut, wie toll!“. In der Erwartung natürlich, dass die Leute die Platte ebenfalls gut finden.</p>
<p><strong>Wie kam es dazu, dass du für „Lido“ wieder mit dem Produzenten deiner ersten beiden Platten, Thomas Fessler, zusammengearbeitet hast?</strong></p>
<p>Mein erstes Album war gleichzeitig auch Thomas Fesslers erstes Album als Produzent. Danach wurde er immer bekannter und erfolgreicher und hat diverse Mundartkünstler produziert (Sina, Plüsch, Adrian Stern, Florian Ast,etc.). Er hat so viele Sachen gemacht, dass ich irgendwann fand, ich möchte auch mit anderen Leuten arbeiten. So habe ich mit Gere Stäuble und Tom Etter von Züri West die nächste Platte gemacht und danach mit weiteren Produzenten gearbeitet, was mir sehr gefallen hat. Irgendwann haben Thomas Fessler und ich uns wieder getroffen, geredet und ich hatte ein bisschen ein schlechtes Gewissen, als wäre ich irgendwie abgehauen. Ich fand, dass wir musikalisch noch eine Rechnung offen hatten und dass ich mit ihm eine Platte machen möchte, bei der wir uns quasi neu begegnen und sagen können: Wir arbeiten beide zusammen an etwas Neuem, das wir zuvor noch nicht wirklich gemacht haben.</p>
<p><strong>Wie fiel der Entscheid, dass die ganze Platte in französischer Sprache sein sollte?</strong></p>
<p>Das wollte ich lustigerweise schon immer machen. Zu Beginn meiner Karriere habe ich aus Angst, nie mehr eine Platte realisieren zu dürfen, und weil ich zeigen wollte, was ich kann, alles durcheinandergemischt. Irgendwann habe ich mich entspannt und gesagt: „Ok, es geht sehr wahrscheinlich noch weiter“. Als ich in Deutschland aufgetreten bin, hat mir zudem Annette Humpe gesagt: „Wir möchten dich gerne in französischer Sprache singen hören“. Deshalb habe ich es jetzt probiert.</p>
<p><strong>Vor zehn Jahren hattest du bereits einmal ein Angebot einer französischen Plattenfirma und warst in Paris, um Songs zu schreiben und aufzunehmen, welche jedoch nie erschienen sind. </strong></p>
<p>Nein, aber die Songs gibt es immer noch. Aus dieser Zeit sind zudem Freundschaften entstanden und geblieben. Doriand, den Texter des neuen Liedes „La nuit dehors“ zum Beispiel habe ich damals kennengelernt. Immer wenn ich ein Französischproblem habe oder jemand Tolles für eine Zusammenarbeit herbeiziehen möchte, dann hilft er mir.</p>
<p><strong>Welches war eigentlich der Grund, dass damals keine französische Platte erschienen ist?</strong></p>
<p>Ich ging auf Einladung der A+R-Abteilung von Sony Music France nach Paris. Die fanden mich sowohl als Sänger als auch als Typ super. Ein Jahr lang bin ich von Studio zu Studio und von Songwriter zu Songwriter getingelt und habe diverse Sachen ausprobiert. Die Verantwortlichen der Plattenfirma sagten immerzu: „C’est magnifique, mais ce n’est pas encore ça“. Man denkt es vielleicht nicht von mir, wenn man mich auf der Bühne sieht, aber ich habe auch eine scheue und introvertierte Seite. Am Anfang habe ich mich deshalb nicht getraut, auf den Tisch zu hauen. Irgendwann ging mir dann das Geld aus und ich habe gesagt: „Schaut, es ist mir egal. Ich habe genug. Ich kann mir das alles gar nicht leisten.“ Es war nicht mehr die goldene Zeit der 80er-Jahre, von denen mir Kollegen erzählt haben. Sie haben damals von der Plattenfirma einen Monatslohn erhalten und konnten einfach mal ausprobieren. Ich habe während der Zeit in Paris natürlich auch deutsche Songs geschrieben. Als ich zurück in die Schweiz gekommen bin, habe ich die „Frisch“-Platte gemacht und dann ging es immer weiter. Ich schaue nicht mit Bitterkeit auf diese Zeit in Paris zurück. Ich habe einfach gemerkt, dass es für mich ein bisschen schneller und leichter gehen muss.</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-9513" title="mvdh foto 03" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2011/08/mvdh-foto-03.jpg" alt="mvdh foto 03" width="550" height="825" /></p>
<p><strong>Neben Thomas Fessler als Produzent hat eine weitere alte Bekannte an der neuen Platte mitgearbeitet: Milena Moser hat den Text zu „Quand je serai mort“ geschrieben. </strong></p>
<p>Milena, mit der ich seit vielen Jahren befreundet bin, sagte mir vor einiger Zeit, sie hätte einen Text, der zu mir passe und mir quasi auf den Leib geschrieben sei. Ich habe den Text gelesen und hatte das Gefühl, dass dieser, obwohl ich ihn super fand, für das  deutsche Album „Freie Sicht“ doch etwas zu hart ist. Deshalb habe ich den Text auf die Seite gelegt und erst für das neue Album wieder hervorgenommen. In der französischen Übersetzung ist das Lied nun stärker geworden. Die Fantasie, die im Text beschrieben wird, hatte ich ebenfalls. Mir haben viele Leute attestiert, dass sie als Teenager eine pathetische Todesfantasie hatten, sei es, weil die Eltern nicht nett waren oder wenn es in der Schule Probleme gab. Sie stellten sich dann vor, wie das Umfeld reagieren würde, wenn sie nicht mehr leben würden. Eigentlich ist es eine Hoffnung: „Das würde euch so leid tun! Würde ich sterben, wüsstet ihr, was ihr an mir gehabt hättet“. Der Song beschreibt ganz einfach dieses jugendliche Gefühl.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Ein toller Text ist ebenfalls „Jumelles cruelles“. Was ist mit diesen grausamen Zwillingen genau gemeint?</strong></p>
<p>Neid und Eifersucht, diese hässigen Geschwüre, die einem das Leben vergällen können und von denen man sich so schnell immer wieder vergiften lässt.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Gibt es im Showbusiness viel Neid und Eifersucht?</strong></p>
<p>Ich würde das nicht einmal unbedingt aufs Showbusiness beziehen. Showbusiness ist sowieso nur ein anderes Wort für das Leben. Man will besser scheinen als man ist. Die einen haben mehr Erfolg als die anderen und man denkt: „Wieso denn nur? Ich bin doch besser!“. Mit dem Neid und der Eifersucht fängt es schon in ländlichen Gegenden an, wenn die Nachbarin beispielsweise die schöneren Rosen hat. Diese Gefühle kannte ich bereits als Kind. Ich bin einfach, aber nicht ärmlich, aufgewachsen. Meine Mutter kaufte mir damals meine Kleider immer im Vögele. Die Nachbarn hingegen haben in der Boutique Designerklamotten gekauft. Das hat mich unheimlich genervt. Meine Mutter sagte jeweils: „Die Vögele-Jeans sind genauso gut und sehen genauso aus wie die anderen“. Ich habe ihr dann geantwortet: „Nein, die sehen eben nicht gleich aus!“. Meiner Mutter war dies jedoch egal, sie hatte dieses Flair einfach nicht.</p>
<p><strong>Wie reagierst du auf Neid und Eifersucht?</strong></p>
<p>Ich tue jeweils so, wie wenn ich es nicht merken würde. Lächeln und sich blöd stellen, das ist in solchen Momenten immer das Gescheiteste.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>„Jumelles Cruelles“ ist ein Lied, welches du mit der Westschweizer Texterin Nadine Mayoraz geschrieben hast. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?</strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p>In Deutschland oder der Deutschschweiz hatte ich immer „Gspändli“, mit denen ich texte. Für französische Texte fehlte mir ein solcher Austausch lange Zeit. Obwohl ich relativ gut französisch schreiben kann, ist es trotzdem nicht meine Muttersprache. Eine Redewendung, die in Deutsch clever tönt, kann im Französischen platt sein. Der welsche Sänger Thierry Romanens, mit dem ich mal ein Duett gesungen habe, hat mich mit Nadine Mayoraz, die für ihn bereits Texte verfasst hat, bekannt gemacht. Wir haben uns sofort sehr gut verstanden. Das ist wichtig, denn man muss jemanden haben, der einen ähnlichen Geschmack hat und der auch Kritik ertragen kann. Ihr kann ich sagen: „Ça c’est nul. Il faut chercher autre chose“. Das verträgt sie dann auch. Lustigerweise habe ich das selber lernen müssen, als ich in Deutschland gearbeitet habe und mir jemand sehr direkt gesagt hat: „Nee, das geht überhaupt nicht!“. Zuerst dachte ich, nun sei mein ganzes Leben, ich als Künstler, einfach alles in Frage gestellt. Mit der Zeit habe ich gemerkt: „Nein, es war nur diese eine Textzeile gemeint und nichts anderes.“</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Ein gewisser André Grueter ist bei vielen Liedern ebenfalls als Texter aufgeführt. </strong></p>
<p>Den habe ich entdeckt (lacht). Lustigerweise ist er ein alter Bekannter von mir, der mir immer dreingeredet und mir gesagt hat, was ich karrieremässig machen sollte. Ich war jeweils leicht beleidigt. Da er Übersetzer ist, habe ich ihn dann aber mal engagiert, als ich eine Übersetzung benötigte. Während der Arbeit haben wir viel über Musik gesprochen und ich dachte mir: Eigentlich bräuchte ich so jemanden, der sowohl sehr musikalisch, als auch nicht auf den Mud gefallen und etwas frech ist. Sich also im gleichen Universum bewegt. Er ist super und kann das, was ich nicht kann und umgekehrt. Die Ideen und das Poetische bei den Liedern kommen vor allem von mir und er veredelt es dann.</p>
<p><strong>Bei vielen Liedern auf der Platte gibt es einen starken Kontrast zwischen der tanzbaren Musik und den doch eher traurigen Texten. </strong></p>
<p>Ja, aber zum Beispiel „Je ne sers à rien“ – das ist jetzt zwar eine Ballade &#8211; ist auch mit Hoffnung getränkt. Es wäre sehr deprimierend, wenn der letzte Satz nicht käme. Eine deutsche Freundin hat zu mir gesagt: „Ich kann dieses Lied nicht hören. Was willst du, dass man sich dabei umbringt?“. Sie hat das Lied aber nur bis zur Hälfte und nicht bis zum Schluss gehört. Dieser ist nämlich sehr schön und hoffnungsvoll, wenn es heisst: „Reviens! Komm zurück!“Das Lied handelt von einem Gefühl, das wohl viele Leute kennen. Man entwickelt in der Liebe mit der Zeit eine gewisse Abhängigkeit von seinem Partner. Das muss nicht einmal negativ sein. Man merkt einfach: Ich bin nur die eine Hälfte und brauche die andere Person.</p>
<p><strong>Obwohl auf „Lido“ viele computerprogrammierte Klänge zu hören sind, ertönen als prägnante Farbtupfer auch einige akustische Instrumente, wie beispielsweise die wunderbaren Bandoneonklänge von Michael Zisman.</strong></p>
<p>Ja, der ist super. Als ich bei dem Projekt „Buebetröim“ des Swiss Jazz Orchestra mitgemacht habe, war Michael Zisman dort Gast. Wenn er sein Bandoneon gespielt hat, hat es einem richtiggehend die Haare aufgestellt. Ich wusste zwar, dass ich mit „Lido“ etwas Elektronisches machen wollte, aber mit Elementen von Instrumenten, die einem ans Herz gehen. Deshalb habe ich Michael Zisman ganz einfach gefragt, ob er mitmachen möchte und er hat sogleich zugesagt und sich sehr geehrt gefühlt.</p>
<p><strong>Bei „Je t’aime“, wenn die Klänge der Bag Pipe ertönen, stellt es einem ebenfalls die Haare auf.</strong></p>
<p>Bereits bei der Komposition des Liedes habe ich an dieses Instrument gedacht. Alle anderen, auch der Produzent,  waren jedoch skeptisch und meinten, dass dies nicht unbedingt sein müsse. Irgendwann habe ich im Studio gesagt: „So, und wann nehmen wir jetzt diese Bag Pipe auf?“ Thomas Fessler hat mir dann erzählt, dass er den irischen Musiker Brendan Wade kenne, der eine Koryphäe auf diesem Instrument sei und in der Schweiz wohne. Als Wade mit seinem ganzen Arsenal, seinen Flöten, ins Studio kam und zu spielen begann, hielten alle den Atem an. Die Bag Pipe gibt dem Song eine unglaubliche Weite. Es ist schon verrückt, dass ein Instrument, das jemand so toll spielt, so viel auslösen kann.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Auch der Background-Gesang von Madeleine Rascher, der im Lied „Reste“ fast opernhaft klingt, ist sehr eindrücklich.</strong></p>
<p>Vor drei Jahren hätte ich noch gesagt: „Komm, das ist zu pathetisch!“ Aber ich finde den Part ebenfalls super. Ursprünglich wollte ich für dieses Lied mit einer norwegischen Opernsängerin zusammenarbeiten, die ich am Theater Basel kennengelernt hatte. Dann habe ich mir gedacht: Das wäre schon ein wenig übertrieben, wenn sie extra für die Aufnahmen dieser Sequenz aus Norwegen in die Schweiz kommen müsste. Als ich „Lido“ aufgenommen habe, war Madeleine Rascher nebenan im Studio. Ich habe sie gefragt, ob sie den Part übernehmen möchte, ihr diesen vorgesungen und sie hat das so toll gemacht! Sie ist ganz jung, erst 18 oder 19 Jahre alt und absolviert die Ausbildung zur Sängerin und Pianistin. Sie hat etwas sehr Herzliches und singt sogar noch schöner als eine Opernsängerin.</p>
<p><strong>Du bist, wie schon im Vorfeld des Albums „Freie Sicht“, mit den Liedern aus „Lido“ auf Tour gegangen, bevor die Platte fertig war. Wie hat das Publikum darauf regagiert, dass ein grosser Teil des Konzertes aus unbekannten Liedern bestand?</strong></p>
<p>Das kam richtig super an. Ich habe ein sehr interessiertes Publikum, welches auch goutiert, wenn es im Konzert Lieder zu hören bekommt, die es auf Platte noch nicht gibt. Das ist eigentlich ein Luxus. Deshalb war es für mich eine tolle Erfahrung.</p>
<p><strong>Du hast gesagt, der Sound der neuen CD sei für Leute in deinem Alter gedacht, die sich gerne an ihre Teenagerzeit zurückerinnern möchten. Was hast du für Erinnerungen an deine Teenagerzeit?</strong></p>
<p>Schöne und furchtbare. Als Teenager hat man ganz viele Hoffnungen und stellt sich gleichzeitig Fragen wie: „Was wird aus mir?“ Diese Fragen sind dermassen präsent. Mit 40 weiss man dann einigermassen, was aus einem geworden ist. Ich war zwar gerne Teenager, aber ich habe mich auch gefreut, als diese Zeit vorbei war.</p>
<p><strong>Einige Lieder auf „Lido“ erinnern mit ihren Retro-Elementen im Stil ein wenig an „Ouragan“ von Stéphanie de Monaco, der du im Booklet der neuen CD deinen Dank aussprichst.</strong></p>
<p>Das mache ich immer, das hat bereits Tradition (lacht). Mir gefällt bei diesen französischen Liedern wie „Ouragan“ oder auch „Voyage, voyage“, dass sie zwar poppig und recht elektronisch sind, aber auch eine gewisse Melancholie verströmen. Sie haben zum Teil zwar einen leichten Text, sind aber trotzdem nicht doof. „Ouragan“ und „Voyage, Voyage“ finde ich nach wie vor sehr gut. Natürlich ist der Gesang von Stéphanie de Monaco sehr französisch. Dieses Gehauchte, eine Art „Non-Voice“, gibt es aber in der französischen Musik immer wieder.</p>
<p><strong>Der stimmgewaltigen Patricia Kaas dankst du  im Booklet ebenfalls.</strong></p>
<p>Als ich als Au-Pair im Welschland war und dort Gesangsstunden genommen habe, hatte Patricia Kaas mit „Mon mec à moi“ gerade einer ihrer ersten Hits. Meine Gesangslehrerin sagte damals: „Écoute! Das ist zwar kein klassischer Gesang, aber diese Künstlerin ist super und hat eine tolle Stimme!“. Als Patricia Kaas später in Zürich gewohnt hat, haben wir uns oft getroffen. Wir kennen uns mittlerweile schon lange und reden jeweils viel über Musik. Obwohl sie ein so grosser Star ist, findet der Austausch mit ihr immer auf einer Augenhöhe statt. Das ist toll. Einmal kam sie an eines meiner Konzerte und sagte nachher zu mir: „Mais tu fais peur aux gens“ (lacht) Ich solle etwas kommerzieller lächeln, dann hätte ich mehr Publikum. Die Reinunterhaltung, die nur brav und lieb ist, liegt mir aber nicht, sonst würde ich mich mit meiner Musik im Schlagerbereich bewegen.</p>
<p><strong>Die verstorbene deutsche Lyrikerin Hilde Domin erwähnst du in deinen Danksagungen ebenfalls. Inwiefern hat sie dich inspiriert?</strong></p>
<p>Vor drei Jahren habe ich einen Dokumentarfilm über Hilde Domin gesehen. Da hat es mich richtig gepackt. Ihre Gedichte finde ich grossartig. In ihnen ist so viel drin, sie sind so reich. Das Lied „Je ne sers à rien“ ist deshalb von einem ihrer Gedichte inspiriert.</p>
<p><strong>Auffallend ist, dass du, seit du vor 15 Jahren dein erstes Album veröffentlicht hast, je länger je mehr eigene Lieder schreibst. Was hat dazu geführt?</strong></p>
<p>Ich habe immer eigene Songs geschrieben. Das Komponieren fällt mir aber oftmals einfacher als das Texten. Früher habe ich schnell einmal aufgegeben, weil ich dachte, ich sei kein begabter Texter, da ich die Texte nicht so schnell runterschreiben konnte. Wenn ich dann zum Beispiel einen Liedtext von Martin Suter erhalten habe, dachte ich jeweils: „Natürlich ist dieser Text besser. Ich nehme lieber den“. Annette und Inga Humpe haben mir aber Mut gemacht und gesagt, ich müsste einfach dran bleiben. Ich habe dann bei anderen Künstlern gesehen, dass auch diesen das Texten nicht immer leicht fällt. Manchmal fällt mir eine Zeile ein, die dann über Jahre herumliegt. Ich habe nun gelernt, dran zu bleiben und nicht gleich aufzugeben.</p>
<p><strong>Du bist ein musikalisches Chamäleon. Jede CD war wieder anders, hatte einen anderen Stil. Live bietest du eine Mischung aus Chanson, Pop, Jazz und Tanzmusik. Gibt es auch etwas, das du nicht kannst?</strong></p>
<p>Also, ich kann vieles nicht. Ich kann beispielsweise keine Punkmusik machen. Also ich könnte es vielleicht schon, aber es wäre einfach nicht gut und nicht authentisch. Für Heavy-Rock fehlt mir die geeignete Stimme. Ich höre sehr gerne Hardrock, die Sänger in diesem Genre sind oft fantastisch. Es gibt auch vieles, das ich gar nicht machen will, beispielsweise so richtige Schlagermusik.</p>
<p><strong>Welches war das schönste Erlebnis in deiner bisherigen Karriere?</strong></p>
<p>Ich habe so viele Dinge gemacht, da ist es schwierig, ein bestimmtes Erlebnis zu nennen. Es gibt für mich auch keinen schönsten Gig. Ich hatte so viele tolle Begegnungen: Mit Ute Lemper am Montreux Jazz Festival beispielsweise, oder die Duette, die ich mit Nina Hagen, Kuno Lauener oder auch weniger bekannten Leuten eingespielt habe. Das Schönste ist, dass ich immer noch Platten machen kann und es Leute gibt, die sich für mich und meine Musik interessieren und an meine Konzerte kommen. Dafür bin ich sehr dankbar.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Wo siehst du dich in 15 Jahren?</strong></p>
<p>Gell, wenn man nach meinem Lied „Quand je serai mort“ urteilen würde, müsste ich dann wohl unter der Erde sein (lacht).</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Im Interview mit einer Illustrierten hast du vor Jahren mal gesagt: „Ich glaube, dass ich nicht sehr alt werde“.</strong></p>
<p>Ja, das weiss ich noch. Meine Grossmutter ist damals, als sie das gelesen hat, aus allen Wolken gefallen und hat gefragt: „Ja, bist du denn krank?“. Als junger Mensch konnte ich mir damals gar nicht vorstellen, überhaupt 40 Jahre alt zu werden. Ich werde jetzt bald 40 und bin überhaupt nicht alt. Jetzt muss ich auch sagen: Um jung zu sterben, bin ich mittlerweile zu alt. Nun habe ich so ein Gefühl, dass ich sehr alt werde, obwohl ich rauche. Was die Musik betrifft: Ich sehe immer wieder Konzerte von Künstlern, die 60,70 Jahre alt sind und bei denen ich finde: „Wow! Die machen das toll! Der Inhalt ist gut und die Performance ist stimmig.“ Das könnte ich mir ebenfalls vorstellen, aber natürlich nur, wenn die Leute immer noch Interesse an meiner Musik haben. Ich möchte nicht das Gefühl haben, dass es mit einem extremen Krampf verbunden ist. Nicht wie gewisse Schauspieler, die immer sagen: „Ich MUSS zur Bühne!“. Mit Musik würde ich mich immer gerne in der einen oder anderen Art beschäftigen, aber vielleicht müsste es nicht mehr unbedingt auf der Bühne sein. Aber ich plane nicht, jetzt gleich aufzuhören. Wenn man nicht dem Jugendwahn verfallen ist, auch künstlerisch, kann man dieses Metier sehr lange ausüben.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Passend zum französischsprachigen Album „Lido“ beantwortete Michael von der Heide für Nahaufnahmen.ch zudem den berühmten Fragebogen des französischen Schriftstellers Marcel Proust:</strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Was ist deine Vorstellung von wahrem Glück?</strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p>Ich habe keine eigentliche Vorstellung davon. Deshalb antworte ich mit einem Zitat aus einem Lied von Hildgeard Knef: „Das Glück kennt nur Minuten, der Rest ist Warteraum“. Auch wenn man eigentlich zufrieden ist, sind doch die wirklichen Glücksmomente eher kurz.</p>
<p><strong>Was ist deine grösste Angst?</strong></p>
<p>Unter das Tram zu kommen.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Welche lebende Person bewunderst du am meisten?</strong></p>
<p>Bette Midler</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Gibt es eine lebende Person, die du verabscheust?</strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p>Ja, aber das erzähle ich dir nicht.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Was würdest du an dir ändern?</strong></p>
<p>Optisch könnte man viel machen, aber da mache ich nichts. Die Ungeduld vielleicht.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Deine grösste Extravaganz? </strong></p>
<p>Auf Massen-SMS zum Geburtstag und zu Weihnachten nicht zu antworten.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Deine Lieblingsreise?</strong></p>
<p>Die habe ich noch nicht gemacht. Die kommt noch.</p>
<p><strong>In welcher Situation würdest du lügen?</strong></p>
<p>Wenn man mit der Wahrheit jemanden verletzen müsste und dies nicht unbedingt sein muss.</p>
<p><strong>Was betrachtest du als deine grösste Errungenschaft?</strong></p>
<p>Dass ich dranbleiben kann und einen langen Atem habe. Dies ist zwar keine Errungenschaft, aber dafür ein positiver Charakterzug.</p>
<p><strong>Deine gegenwärtige Geistesverfassung?</strong></p>
<p>In guter Hoffnung.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Dein meistgeschätzter Besitz?</strong></p>
<p>Meine zwei Katzen und der Hund.</p>
<p><strong>Wo möchtest du gerne leben?</strong></p>
<p>Ich würde gerne in einem irrsinnigen Haus in Südfrankreich wohnen.</p>
<p><strong>Deine Lieblingsbeschäftigung?</strong></p>
<p>Musik machen, Musik hören und Aperitiv trinken mit Freunden.</p>
<p><strong>Deine markanteste Charaktereigenschaft?</strong></p>
<p>Meine Treue. Es gibt immer wieder Leute, die zu mir sagen: „Du bist eine treue Seele.“</p>
<p><strong>Welche Eigenschaft magst du bei einem Mann beziehungsweise bei einer Frau am meisten?</strong></p>
<p>Wenn jemand denselben, etwas bissigen Humor hat wie ich.</p>
<p><strong>Dein Lieblingsschriftsteller/Deine Lieblingsschriftstellerin?</strong></p>
<p>Hilde Domin</p>
<p><strong>Dein Lebensmotto?</strong></p>
<p>Wenn es diesmal nicht klappt, dann halt das nächste Mal.</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p><strong>Das Album:</strong></p>
<p>„Lido“ (Sony Music Switzerland) ist seit 26. August im Handel erhältlich.</p>
<p><strong>Die Tour-Daten:</strong></p>
<p>Eine Übersicht über Michael von der Heides Konzerte in den kommenden Monaten findet sich auf <a href="http://www.michaelvonderheide.com/">www.michaelvonderheide.com</a>.</p>
<p>Zusätzlich zu den Konzerten ist Michael ab 16. September im Theater Basel im Stück „Hush, no more“ zu sehen.</p>
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		<title>Karin Richner: &#8220;Sieben Jahre Schlaf&#8221;</title>
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		<pubDate>Wed, 15 Jun 2011 20:17:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christoph Aebi</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Neuerscheinungen]]></category>
		<category><![CDATA[Karin Richner]]></category>
		<category><![CDATA[Sieben Jahre Schlaf]]></category>

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		<description><![CDATA[<a href=http://www.nahaufnahmen.ch/2011/06/15/karin-richner-sieben-jahre-schlaf/><img src=http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2011/06/SiebenJahreSchlaf-150x150.jpg class=imgtfe hspace=10  vspace=5 align=left width=150  border=0></a>In ihrem zweiten Roman „Sieben Jahre Schlaf“ beschreibt Karin Richner in leisen Tönen die Auswirkungen einer zerbrochenen Familienidylle auf die Ich-Erzählerin Lucie sowie deren Suche nach Geborgenheit und Identität. Wie schon in ihrem hochgelobten Debüt „Sind keine Seepferdchen“ gelingt der Aargauer Autorin wiederum die behutsame literarische Umsetzung eines schwierigen Themas: Mit eindringlichen Bildern, in einer stark verdichteten Sprache und anhand von fragmentarischen Rückblenden.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Wenn sich der stumme Kampf in ein schrilles Störgeräusch verwandelt</strong></h1>
<h2><span style="font-weight: normal;">Karin Richner: &#8220;Sieben Jahre Schlaf&#8221; (Roman)</span></h2>
<h3><span style="font-size: medium;"><span style="font-weight: normal;"> </span><span style="font-weight: normal;"><strong>In ihrem zweiten Roman „Sieben Jahre Schlaf“ beschreibt Karin Richner in leisen Tönen die Auswirkungen einer zerbrochenen Familienidylle auf die Ich-Erzählerin Lucie sowie deren Suche nach Geborgenheit und Identität. Wie schon in ihrem hochgelobten Debüt „Sind keine Seepferdchen“ gelingt der Aargauer Autorin wiederum die behutsame literarische Umsetzung eines schwierigen Themas: Mit eindringlichen Bildern, in einer stark verdichteten Sprache und anhand von fragmentarischen Rückblenden.</strong></span></span></h3>
<p><span style="font-weight: normal; font-size: 13px;"><strong> </strong></span><span style="font-weight: normal; font-size: 13px;">Von Christoph Aebi.</span></p>
<p><img class="alignright size-full wp-image-8862" title="SiebenJahreSchlaf" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2011/06/SiebenJahreSchlaf.jpg" alt="SiebenJahreSchlaf" width="200" height="304" />„So scharf ist die Landschaft auf einmal gezeichnet, dass mich das Gefühl befällt, ich könnte mich blutig schneiden an den Konturen der Rebstöcke, mit denen die steilen Hänge bepflanzt sind, der Zypressen mit ihren knorrigen Stämmen und Ästen, der weiten, violett leuchtenden Lavendelfelder, der Steinsplitter auf dem Asphalt.“ So nimmt die Ich-Erzählerin Lucie in Karin Richners neustem Roman „Sieben Jahre Schlaf“ die Umwelt durch die Autofenster wahr, während sie auf dem Weg nach Südfrankreich ist. Die einerseits idyllische und andererseits bedrohliche Landschaft ist symptomatisch für die Erinnerungen, welche Lucie immer wieder heimsuchen.</p>
<p><strong> </strong></p>
<h3><strong>Wie verschieden gefärbter Sand fliessen die Zeiten ineinander</strong></h3>
<p>Fast zwanzig Jahre zuvor hat sie ihre Mutter zum letzten Mal gesehen. Ein Telefonanruf, ihre Mutter sei nach einem Gehirnschlag einseitig gelähmt, ist für Lucie Anlass, in das Dorf, in welchem sie ihre Kindheit verbracht hat, zurückzukehren. Nun kommen die Erinnerungen in Fragmenten zurück und „wie verschieden gefärbter Sand fliessen die Zeiten ineinander, bis alles eins wird.“ Lucies Mutter und Vater hatten im Dorf ein Café mit Gästezimmer gepachtet. Während der Vater abends seinem Hobby nachging, Pflanzen zu pressen, abzuzeichnen und zu aquarellieren, unternahm Lucie mit ihrer Mutter lange Spaziergänge. Doch die Idylle sollte nicht von Dauer sein. Als Lucie an einem Junisonntag von einem Besuch bei ihrer Schulfreundin Léonie zurückkam, ertappte sie ihre Mutter mit einem fremden Mann, wie sie sich gegenseitig über die Haare strichen und zärtlich die Hände ineinanderlegten. Die Mutter kam sodann nachts immer häufiger erst spät und nach Rauch riechend nach Hause. Mutter und Vater begannen, einen stummen Kampf auszufechten, der „die Luft in Schwingung“ versetzte und sich in Lucies Kopf „in ein schrilles Störgeräusch“ verwandelte. Bald darauf entschied sich ihr Vater, mit 40 noch ein Architekturstudium zu beginnen; die Mutter plante mit ihrem Freund eine längere Südostasienreise. Lucies Grossmutter Éstelle anerbot sich, ihr Enkelkind vorübergehend aufzunehmen.</p>
<p><strong> </strong></p>
<h3><strong>Stumm und unbeweglich in einen Kokon eingewickelt</strong></h3>
<p>Éstelle war jung schwanger geworden, stand ohne Ausbildung da und wurde von ihren Eltern gezwungen, ihr Kind, Lucies Mutter, zu Pflegeeltern zu geben. Erst am sechsten Geburtstag erfuhr Lucies Mutter davon. Das Kaleidoskop, welches sie als Geschenk erhielt und „die Bilder vor ihren Augen zu seltsamen Gefügen auseinandersplittern liess, in denen man das ursprüngliche Bild noch erkennen konnte, die aber keine Einheit mehr ergaben“, stellte die Vorgänge in ihrem Innern bildlich dar. Die Beziehung zwischen Éstelle und Lucies Mutter sollte zeitlebens distanziert bleiben. Darauf, ihr Enkelkind bei sich zu beherbergen, schien Éstelle lange gewartet zu haben. Aus ein paar Monaten wurden schliesslich sieben Jahre, während denen Lucie das Gefühl hatte, stumm und unbeweglich in einen Kokon eingewickelt zu sein. Éstelle gab ihr den neuen Namen Aline (welchen sie ursprünglich für Lucies Mutter bestimmt hatte), verschwieg Lucie die Anrufe des Vaters, warf die Postkarten der Mutter weg, hinderte Lucie mit stummen Blicken, weiterhin ihre Schulfreundin Léonie zu besuchen und hielt krampfhaft an der Illusion von Mutter und Tochter fest. Schlussendlich gelang es Lucie jedoch, den „Schlafkokon“ zu verlassen. Sie begann bei ihrer Mutter, die inzwischen wieder alleine war, im Café zu arbeiten. Lucies Wunschvorstellung nach einer wieder vereinten Familie sollte sich jedoch weder zu jenem Zeitpunkt noch zwanzig Jahre später erfüllen, als sie sich in Gedanken ausmalt, wie sie zusammen mit ihrem aus Bolivien angereisten Vater an Mutters Krankenbett sitzen und sich stundenlang mit ihnen unterhalten würde. Wie so oft in diesem tieftraurigen Roman stehen sich Realität und Wunschvorstellung scheinbar unvereinbar gegenüber.</p>
<h3><strong>Statt Erklärungen die Bilder sprechen lassen</strong></h3>
<p>Für ihren ersten, vor fünf Jahren erschienenen Roman „Sind keine Seepferdchen“, wurde die 1980 geborene, als Lehrerin arbeitende Karin Richner von der Presse als „neuer Stern am Schweizer Literaturhimmel“ gefeiert. Zu Recht. Die Stärken ihres Debütromans, in welchem es um den Umgang der Ich-Erzählerin mit dem Tod ihrer Schwester ging, finden sich auch in „Sieben Jahre Schlaf“: Die behutsame literarische Umsetzung eines schwierigen Themas in einer stark verdichteten Sprache, in welcher jedes Wort bewusst gesetzt scheint, und anhand von fragmentarischen, nicht chronologischen Rückblenden. Vieles wird ausgespart, muss sich der Leser oder die Leserin selber zusammenreimen. Auch bleiben die männlichen Figuren in „Sieben Jahre Schlaf“ eher schemenhaft, was jedoch die Beschreibung der drei Haupt-Protagonistinnen (Lucie, ihre Mutter sowie Éstelle) umso stärker hervortreten lässt. Stark sind ebenfalls die Bilder, die Karin Richner findet, um die Seelenzustände der Ich-Erzählerin zu beschreiben. „Ich will nicht alles erklären, was in den Figuren vorgeht, sondern lieber mit Bildern sprechen“, erzählte die Autorin anlässlich der Präsentation des Buches.</p>
<h3><strong>Vergebliche Suche nach Geborgenheit und Identität</strong></h3>
<p>Beim Schreiben fasziniere sie „das Innenleben, das Seelenleben der Figuren“, ergänzte Karin Richner. In „Sieben Jahre Schlaf“ lotet sie die Beziehungen der drei Generationen vertretenden Protagonistinnen, die gegenseitige Beeinflussung der Lebensgeschichten sowie die noch Jahre nach einer Entscheidung bemerkbaren Folgen aus. Dies zeigt Richner anhand der Auswirkungen einer zerbrochenen Familienidylle auf. Die Ich-Erzählerin Lucie ist zeitlebens auf der Suche nach Geborgenheit und nach ihrer Identität. Sie stellt sich vor, wie es wäre, mit ihrer Schulfreundin Léonie die Familien zu tauschen, in einer heilen Familie zu leben. Später wird sich Lucie mithilfe diverser Namen verschiedene Identitäten zulegen, bis ihre Partner jeweils die Lügenkonstrukte aufdecken und sich aus dem Staub machen. „Sieben Jahre Schlaf“ ist ein Buch der leisen Töne, dessen Zauber sich erst bei mehrmaliger Lektüre vollends entfaltet. Über ihr nächstes Buch, an welchem sie momentan arbeitet, verrät die Autorin nur soviel: Das neue Werk werde ebenfalls wieder eine eher traurige Grundstimmung haben, aber erstmals schreibe sie in der dritten Person. Wie Karin Richner bekannte Stärken mit Neuem verknüpfen wird, darauf darf man gespannt sein.</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p>Titel: Sieben Jahre Schlaf<br />
 Autorin: Karin Richner<br />
 Verlag: bilgerverlag, Zürich<br />
 Seiten: 112<br />
 Richtpreis: CHF 26.-</p>
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		<title>„Meine Songs sind vertonte, verdichtete Alltagsgeschichten“</title>
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		<pubDate>Tue, 15 Mar 2011 09:03:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christoph Aebi</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>

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		<description><![CDATA[<a href=http://www.nahaufnahmen.ch/2011/03/15/interview-sina/><img src=http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2011/03/sina1-150x150.jpg class=imgtfe hspace=10  vspace=5 align=left width=150  border=0></a>Sinas neustes Album „Ich schwöru“ glänzt mit doppelbödigen Texten, abwechslungsreichen Kompositionen und ausgefeilten Arrangements. Nahaufnahmen.ch traf die sympathische Walliserin in einem Zürcher Nudel-Lokal zum Interview und sprach mit ihr über die teilweise zermürbende Arbeit am neuen Album, spannungsvolle Momente mit dem Symphonischen Orchester Zürich sowie über Parfumverkäuferinnen, professionelle Wortjongleusen und Themendetektive.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>„Meine Songs sind vertonte, verdichtete Alltagsgeschichten“</strong></h1>
<div id="attachment_8168" class="wp-caption aligncenter" style="width: 560px"><img class="size-full wp-image-8168" title="sina1" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2011/03/sina1.jpg" alt="Alle Bilder: Corinne Koch. www.sina.li" width="550" height="367" /><p class="wp-caption-text">Alle Bilder: Corinne Koch. www.sina.li</p></div>
<h2><strong>Das grosse nahaufnahmen.ch-Interview:</strong></h2>
<p><strong>Sinas neustes Album „Ich schwöru“ glänzt mit doppelbödigen Texten, abwechslungsreichen Kompositionen und ausgefeilten Arrangements. Nahaufnahmen.ch traf die sympathische Walliserin in einem Zürcher Nudel-Lokal zum Interview und sprach mit ihr über die teilweise zermürbende Arbeit am neuen Album, spannungsvolle Momente mit dem Symphonischen Orchester Zürich sowie über Parfumverkäuferinnen, professionelle Wortjongleusen und Themendetektive.</strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>nahaufnahmen.ch: Sina, du hast gesagt, dein neues Album „Ich schwöru“ sei wie ein Lieblingstape für die besten Freunde. Wenn du ein Tape mit deinen Lieblingssongs von anderen Künstlern zusammenstellen würdest, welche wären da drauf?</strong></p>
<p>Sina: Ich würde ganz sicher Lieder von Vaya con Dios, Elvis, Queen, Deep Purple, Foreigner und Abba auf die Kassette aufnehmen. Dies sind ein paar Bands und Musiker, welche mich in den letzten 30 Jahren begleitet haben. Was ich mit der Aussage, „Ich schwöru“ sei wie ein Lieblingstape für die besten Freunde, antönen wollte, war der Mix aus Jazz, Pop, bis hin zu Bossa, welchen das neue Album abdeckt. Ich hatte die Absicht, mit den Liedern in verschiedene Stimmungen einzutauchen. Bei anderen Künstlern mag ich es sehr gerne, wenn ein Album nicht nur eine einzige Stimmung hat, sondern etwas, das mich immer wieder zum Zuhören bringt. Das wollte ich nun selber umsetzen.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>nahaufnahmen.ch: Die neuen Lieder klingen sehr entspannt. Inwiefern war dies beabsichtigt?</strong></p>
<p>Ich nehme das als Kompliment, dass es entspannt tönt. Der Prozess ist definitiv nicht so entspannt wie das Resultat. Wenn man ein Jahr lang an den Songs herumschraubt, kommt es vor, dass man in eine Sackgasse läuft, den Kopfhörer in die Ecke wirft und wieder von vorne beginnt. Aber schlussendlich geht es darum, dass die Leute das Gefühl haben: „Hej, das kommt alles so selbstverständlich daher. Ich glaube, das könnte ich auch.“ Die Arbeit hinter dem fertigen Album sollte man nicht spüren, aber sie ist natürlich da.</p>
<p><strong>nahaufnahmen.ch: Dauerten die Aufnahmen zum neuen Album ein ganzes Jahr oder ist der Prozess des Liederschreibens ebenfalls in dieser Zeitspanne enthalten?</strong></p>
<p>Alles in allem ging es von den ersten Demos bis zu den fertigen Aufnahmen etwa ein Jahr. Die Demos waren relativ lange eine Art Skelette, nur mit meiner Stimme zur Klavier- oder Gitarrenbegleitung. Für mich war es neu und etwas schwierig, ganz lange bei diesen Skeletten zu bleiben. Es auszuhalten, nicht gleich der ersten Idee, die man hat, nachzugehen, sondern vielleicht erst die vierte Idee, welche dann auch wirklich gut zum Lied passt, umzusetzen. Ich habe das diesmal ganz bewusst gemacht. Meine Mitkomponisten musste ich in ihrer Euphorie richtig zurückbinden und ihnen ab und zu sagen: „Kommt, jetzt lassen wir den Song mal zwei Monate, so wie er ist und danach schauen wir, was ihm am besten steht.“ Das Resultat sind all die Musiker, die schlussendlich im Studio waren: Von der Bläser-Sektion des Swiss Jazz Orchestras bis zum Streichquartett und dem Symphonischen Orchester Zürich. All dies konnte in das Album einfliessen.</p>
<p><strong>nahaufnahmen.ch: Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Symphonischen Orchester Zürich? </strong></p>
<p>Das symphonische Orchester Zürich, welches sehr innovativ ist und immer wieder Crossover-Projekte mit Künstlern realisiert, fragte bereits vor eineinhalb Jahren an, ob es meine Pop-Songs symphonisch umsetzen könne. Ich fand dies spannend. So hörten wir unsere Songs einmal ohne Schlagzeug und elektrische Gitarre, nur in symphonischer Begleitung. Das war ein richtiges Abenteuer. Während der Entwicklung des Projektes kam mir der Song „Ich schwöru“ in die Quere. Diese Ballade anerbot sich plötzlich, symphonisch zu tönen. Wir probierten dann, das Lied mit dem Orchester umzusetzen. Vor dem ersten Konzert installierten wir ein mobiles Studio und hatten genau zweimal die Möglichkeit, das Orchester aufzunehmen. Es war ein sehr spannungsvoller Moment. Zwischendurch fiel immer mal wieder jemandem der Geigenbogen herunter, jemand schlug die Türe zu oder der Wind wehte ein Notenblatt auf den Boden. Ich wusste genau: Jetzt kommen gleich die Konzertbesucher, das Konzert beginnt nächstens und ich will diesen Song im Kasten. Ich dachte mir: „Hoffentlich kommt das gut!“ Glücklicherweise klappte jedoch alles und schlussendlich hatten wir zwei Aufnahmen, welche wir im Studio bearbeiten konnten. Danach galt es, das Klavier und die Gesangsstimmen aufzunehmen. Das Lied ist somit in drei Phasen entstanden und hat sich durch die Anfrage des Symphonischen Orchesters Zürich entwickelt. Es war also nicht geplant, dass ich ein ganzes Symphonieorchester auf der CD habe. Im Nachhinein ist es ein wahrer Glücksfall.</p>
<p><strong>nahaufnahmen.ch: Das Lied „Ich schwöru“ ist ein Duett mit Büne Huber. Wieso hast du gerade ihn als Duettpartner ausgewählt?</strong></p>
<p>Ich konnte mir niemand anderes vorstellen, der dieses Duett mit mir hätte singen können. Es ist eine Liebesballade, in welcher Büne von Anfang an der andere Pol war. Somit war ich sehr glücklich, dass ihn das Lied genauso wie mich berührt hat und wir zusammen im Studio stehen und das Lied aufnehmen konnten.</p>
<p><strong>nahaufnahmen.ch: Die Berner Musikszene ist auf dem Album gesanglich in doppelter Hinsicht vertreten. Steff la Cheffe wirkt auf dem Song „Schi mägunt mi nit“ mit. Wie kam es zu ihrer Mitarbeit? </strong></p>
<p>Seit Jahren habe ich immer wieder mit Bernern zusammengearbeitet. Die erste CD nahm ich zusammen mit der Schmetterband auf und arbeitete immer mal wieder mit Polo und auch mal mit Ritschi zusammen. Es gibt eine Art Berner-Walliser-Connection, die seit Jahren wie geschmiert läuft. Diesmal suchte ich jedoch nicht spezifisch nach einer Berner Sängerin oder Rapperin, sondern nach jemandem, der die Schnauze einer Steff la Cheffe hat und genau das ausdrücken kann, was ich in dem Lied nicht sagen darf. Nämlich: „Ich will hier weg! Das wird nichts mit uns!“ Das Lied handelt von der ersten Begegnung mit den Schwiegereltern in spe, bei der man bereits nach ein paar Sekunden merkt: „Das kommt nicht gut!“. Steff la Cheffe ist in dem Song die innere Stimme, die ausdrückt, was ich eigentlich denke. Sie schrieb den Rap-Part des Liedes, weil sie sich total mit dem Lied identifizieren konnte.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>nahaufnahmen.ch: Sind während der Arbeit an der neuen CD auch Lieder entstanden, die es nun nicht aufs Album geschafft haben?</strong></p>
<p>Manchmal merkt man, dass der Weg eines Liedes an einem bestimmten Punkt aufhört, weil es zu wenig gut ist. So bleibt einiges auf der Strecke. Bei diesem Album waren es ungefähr 23 Songmuster, die sich bis zu einem gewissen Punkt entwickelt haben. Einige Lieder sind fertig und gehen vielleicht in einem anderen Projekt einen weiteren Weg. Die meisten fallen jedoch weg, weil man in drei Jahren, wenn die nächste Platte entsteht, an einem anderen Punkt ist und gewisse Dinge dann nicht mehr stimmen.</p>
<p><strong>nahaufnahmen.ch: Wie merkt man, welche Songmuster sich weiterentwickeln können?</strong></p>
<p>Es ist die Kombination aus einer Melodie, die mich begeistert und berührt, und einem Thema, das mich interessiert. Auf dem neuen Album hat es einen Song, der „Nit cool enough“ heisst. Den Text dazu gibt es bereits seit vier Jahren. Erst bei der Arbeit für die neue CD fand sich dafür eine Melodie. Manchmal lohnt es sich also, zu warten, bis die beiden Komponenten Musik und Text zusammengehen. Es ist ganz wichtig, dass eine Geschichte, die man erzählt, eine entsprechende Stimmung hat. Dies geschieht nicht immer automatisch. Die Arbeit an einem Album, welches leichtfüssig daherkommen soll, ist zum Teil zermürbend. Zwischendrin hat man das Gefühl, das komme nie gut. Wenn am Schluss das Album fertig ist und man das Gefühl hat, die Arbeit daran sei nur Friede, Freude, Eierkuchen gewesen, so stimmt das nicht ganz.</p>
<p>Manchmal gibt es Lieder, die man fallen lassen muss, auch wenn man noch so intensiv daran arbeitet. Es gab beispielsweise den Song „Fragä“, eigentlich einer meiner Lieblingssongs, welchen ich bereits auf dem letzten Album haben wollte. Wir haben verschiedene Varianten ausprobiert und mussten am Schluss sagen: „Es geht nicht“. Dabei ist die Musik des Liedes treibend und der Text, welcher aus teilweise recht existenziellen Fragen über das Leben besteht, ist super. Obwohl ich immer fand, das komme am Schluss gut, wir müssten einfach lange genug dran bleiben, konnten wir das Lied nicht „bodigen“.</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-8169" title="Sina2" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2011/03/Sina2.jpg" alt="Sina2" width="550" height="367" /></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>nahaufnahmen.ch: Hast du dich eigentlich auch schon „Nit cool enough“ gefühlt, wenn du, aus einer ländlichen Gegend anreisend, in einer Grossstadt aus dem Zug gestiegen bist?</strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p>Obwohl ich nun doch schon ein paar Jahre auf dem Buckel habe, kann ich die Gefühle einer 18-Jährigen, die aus einem Dorf kommt und zum ersten Mal nach Zürich geht, immer noch sehr gut nachvollziehen. Als ich damals mit 18 nach Genf zog, ging es mir genau gleich: Ich hatte die falschen Schuhe an, eine Frisur, die zu wenig hip war und kannte niemanden. Im ersten Moment, bis man sich richtig eingelebt hat, fühlt man sich nicht wirklich wohl in einer Stadt, in der alles pulsiert und in welcher jeder das Gefühl hat, am Zeitgeist mitzuschreiben. Man selber hat dann den Eindruck, immer ein bisschen daneben zu stehen.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>nahaufnahmen.ch: Wie „Nit cool enough“ entstand auch „Parfum“ in Zusammenarbeit mit Milena Moser. Das Lied ist eine Art vertonte Kurzgeschichte.</strong></p>
<p>Ich erinnerte mich an all die Schüler und Schülerinnen meines Jahrgangs, mit denen ich früher auf dem Pausenplatz herumstand. An diejenigen mit der grossen Klappe, die schon damals wussten, dass sie später einmal Karriere machen würden. Sie waren gut in der Schule und man hatte das Gefühl, denen stehe die Welt offen. Im Nachhinein sah ich, wie wenig dies mit Lebenstüchtigkeit und sozialer Kompetenz zu tun hat. Ob jemand sein Leben packt oder nicht, sieht man immer erst im Nachhinein. Der Song „Parfum“ handelt von einer Frau, die als Mädchen bereits wusste, dass sie mal berühmt sein wird und Autogrammkarten verteilte, welche einmal ganz viel Wert sein würden. Schlussendlich wird aus ihr eine Parfumverkäuferin. Das ist überhaupt nicht abschätzend gegenüber Verkäuferinnen gemeint. Es soll aber zeigen, dass Träume, die man früher mal hatte, sich zerschlagen können und man schlussendlich ganz woanders landet.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>nahaufnahmen.ch: Wie muss man sich die Zusammenarbeit mit Milena Moser vorstellen?</strong></p>
<p>Schön! (lacht) Ich habe meine Vorstellungen davon, was ich auf einem Album thematisieren möchte. Meine Songs sind vertonte, verdichtete Alltagsgeschichten, Manchmal haben sie einen offenen Schluss, zum Teil sind sie autobiographisch, zum Teil aus der Beobachterrolle geschrieben. Es sind einfach Geschichten, die mich beschäftigen. Ich erzähle Milena, was mich interessiert und frage sie, ob sie eine Idee hat, wie man dies umsetzen könnte. Es ist für mich ein Glück, mit Leuten arbeiten zu können, bei denen das Wort im Mittelpunkt steht, die also professionelle Wortjongleusen sind. Milena ist eine dieser Personen, die ich nicht nur als Mensch sehr mag, sondern die zudem in meinem Sinn Geschichten formuliert. Das ist ihr auch mit „Parfum“ wunderbar gelungen.</p>
<p><strong>nahaufnahmen.ch: Du arbeitest ebenfalls mit der Schriftstellerin Sibylle Berg zusammen. Inwiefern gibt es in der Zusammenarbeit mit Milena und Sibylle Unterschiede oder Gemeinsamkeiten?</strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p>Im Ablauf ist die Zusammenarbeit sehr ähnlich. Mit Sibylle gibt es ein Hin und Her, ein Schieben von Texten, bis die Rhythmik, die Thematik, die Emotion und zum Schluss die Übersetzung eines Liedes emotional und musikalisch bei mir angekommen ist.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>nahaufnahmen.ch: Gibt es weitere Schriftstellerinnen und Schriftsteller, mit denen du gerne einmal zusammenarbeiten würdest?</strong></p>
<p>Es würde ein paar Männer geben&#8230;Ich habe mal eine Zusammenarbeit mit Richard Reich angefangen und ebenfalls mit Ralf Schlatter gearbeitet, welcher den wunderschönen Text zu „D’ Wält uf um Chopf“ (für das Album „All:Tag“, Anm. d. Red.) verfasst hat. Es gibt eine Menge Leute, mit denen ich mir eine spannende Zusammenarbeit vorstellen könnte. Momentan suche ich jedoch niemanden, da mein Team vollständig ist.</p>
<p><strong>nahaufnahmen.ch: Könntest du dir auch wieder ein literarisches Konzert vorstellen, bei dem du singst und Sibylle Berg sowie Milena Moser lesen? Du hast das vor Jahren mal in Deutschland zusammen mit Sibylle gemacht.</strong></p>
<p>Das war super. Sibylle hat Texte zu Themen gelesen, die zu meinen Liedern passten. Zwischendurch habe ich immer wieder gesungen. Die Abende sind mir in sehr guter Erinnerung geblieben. Nach wie vor könnte ich mir ganz Vieles vorstellen. Die erste Zusammenarbeit mit Sibylle Berg entstand für das Trash-Musical „Helges Leben“, zu welchem ich gemeinsam mit Erika Stucky die Songs geschrieben habe. Weil wir gerade so schön in der Thematik drin waren, fand Sibylle, ich und Erika könnten auch noch gleich eine Rolle im Musical übernehmen.</p>
<p><strong>nahaufnahmen.ch: Sibylle Berg hat den Text zum Song „Mentag“ verfasst, einem Lied über lethargische Sonntage. Treibende Kraft dieses Songs ist ein Banjo. Die Songwriterin Sophie B. Hawkins hatte vor langer Zeit eine Auseinandersetzung mit ihrer damaligen Plattenfirma, welche das Banjo auf einem Song partout durch ein anderes Instrument ersetzt haben wollte. Wie viel Freiheit lässt dir deine Plattenfirma bei der Konzeption eines Albums?</strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p>Wer bezahlt, kann mitreden. Dies ist ein Credo, welches man so stehen lassen muss. Was die Musik sowie die Themen meiner Lieder betrifft, ist meine Plattenfirma sehr, sehr locker. Da muss ich nicht mehr durch eine moralische Instanz gehen und es werden mir auch keine Themendetektive auf den Hals geschickt. Zu Fotomaterial und Albumtitel bildet sich die Plattenfirma jedoch eine eigene Meinung und kann gerne auch mitreden. Es gibt Diskussionen, Sitzungen und zum Schluss einigt man sich.</p>
<p><strong>nahaufnahmen.ch: Der Song „Geburtstag“ hat eine sehr eigenwillige Instrumentierung. Du wirst nur von Blasmusikern begleitet.</strong></p>
<p>„Geburtstag“ ist neben „Mentag“ der einzige Song auf dem Album, für welchen ich die Musik ganz alleine komponiert habe. Ich hatte einfach diesen Ostblock-Sound im Kopf. Das Arrangement hat aber auch mit dem Text zu tun. Es geht darum, schon wieder ein Jahr älter zu werden und das Gefühl zu haben, man werde dies locker wegstecken. Nur um am Geburtstag selber zu merken, dass dem überhaupt nicht so ist. Man hat jedoch die Hoffnung, dass es noch anders wird und einem im nächsten Jahr dann wirklich egal ist. Um zu vergessen, wie weh es tut, dass man wieder ein Jahr älter geworden ist, muss man den Refrain ganz laut mitgrölen. Das Lied soll zum Mitsingen animieren. Das ist eigentlich die Idee des Songs gewesen. Darum musste als Begleitung eine Bläser-Combo her, die das Lied total besoffen mitsingt. Im Lied herrscht ja ein wenig eine abgesoffene Stimmung.</p>
<p><strong>nahaufnahmen.ch: Die Songfolge auf dem Album ist ebenfalls sehr interessant. Vor „Ich schwöru“ ertönt „Villicht im Mai“, in welchem es um die Partnersuche im Internet geht. Damit man sich Treue schwören kann, muss man zuerst einmal den richtigen Partner haben&#8230; </strong></p>
<p>(lacht schallend) Ja, da muss man sich zuerst einmal finden.</p>
<p><strong>nahaufnahmen.ch: Wirst du von der Internet-Partnervermittlungsagentur, welche im Song vorkommt, gesponsert?</strong></p>
<p>Im Nachhinein &#8211; und vor allem weil sie den Song gut finden &#8211; haben sie Kontakt mit meinem Management aufgenommen. Während ich heute Interviews gegeben habe, hatte mein Management eine Sitzung mit <a href="http://parship.ch">parship.ch</a>. Keine Ahnung, was dabei herauskam.</p>
<p><strong>nahaufnahmen.ch: „Villicht im Mai“ ist eine Art Pendant zum Song „Schi will ä Maa“ aus dem Album „4“. Nur geht die Protagonistin ihre Partnersuche jetzt etwas gelassener an: In „Schi will ä Maa“ musste ein potentieller Partner einen guten Body haben. Mittlerweile spielt es nicht mehr eine so grosse Rolle, wenn er ein kleines Bäuchlein hat.</strong></p>
<p>Dies ist eine ganz logische Verschiebung von Gewichtungen und ergibt sich automatisch durch die Erfahrungen, die man macht. Mit 27 ist vielleicht ein strammer Body noch wichtiger. Mitte 40 will man einfach, dass ein Mann einen versteht und einem zuhört.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>nahaufnahmen.ch: Für die Protagonistin in „Ha gmeint“, dem ersten Song auf dem neuen Album, dauert der Ruhm nicht viel länger als fünf Minuten. Du bist erfolgreich, seit 1994 deine erste Mundart-CD erschienen ist. Welches ist dein Rezept für eine lange Karriere?</strong></p>
<p>Wenn man das immer so schnell in zwei Worte fassen könnte, wärs schön. Ich glaube, es gibt kein Erfolgsrezept. Ich habe probiert, etwas passioniert zu machen und eine gewisse Hartnäckigkeit zu zeigen. Dazu kam eine Portion Glück, welche es braucht, um die richtigen Leute zu treffen und im richtigen Moment etwas auf den Markt zu bringen. Ganz sicher waren meine Leidenschaft und die Liebe zur Musik dafür verantwortlich, dass ich nicht bereits in den ersten zehn Jahren, die zum Teil recht hart waren, aufgegeben habe. Von dieser Zeit spricht selten jemand. Der Punkt Null ist für alle immer beim Pfarrersohn. Zuvor musste Frau Bellwald zehn Jahre lang oft in fast leeren Klubs ohne grosse Gage spielen. Ich habe auch ein paar unschöne Seiten dieses Business erlebt und dies zur richtigen Zeit. Wenn ich da nach einem Gig, zu dem nur Besoffene kamen, und nach welchem ich eine ganze Nacht durchfahren musste, um am nächsten Morgen um 7 Uhr in Genf wieder meinen Dienst anfangen zu können, bereits aufgegeben hätte, wäre ich heute nicht hier. Ich habe mich durchgebissen.</p>
<p><strong>nahaufnahmen.ch: Es war die Zeit, in welcher du hochdeutsche Schlager mit Titeln wie „Mein Herz steht in Flammen“ gesungen hast&#8230;</strong></p>
<p>Das gehörte auch dazu. Es war aber gut, dass ich anfangs schön im Dunkeln munkeln konnte. Wenn immer gleich ein Scheinwerfer draufleuchtet – was bei den heutigen Casting-Shows geschieht – ist das Lichtlein auch schnell wieder weg. Sobald die Kamera abschaltet, bist du meistens auch schon wieder weg. Beim Lied „Ha gmeint“, welches du vorhin angesprochen hast, geht es vor allem darum, dass unter der Arbeit, die man als Künstler hat, gewisse Leute etwas anderes verstehen: Laute Partys, viel Geld, Glamour, rote Teppiche, Champagner, was weiss ich. Auf jeden Fall nicht das, was der Realität entspricht. Das ist deren Vorstellung von den berühmten 15 Minuten Ruhm, an denen einige Leute dann das Leben lang hängen. Ich habe ganz bewusst diese 15 Minuten auf fünf Minuten verkürzt, denn in der Erinnerung ist dann alles noch viel kürzer.</p>
<p><strong>nahaufnahmen.ch: Du konzentrierst dich nicht nur auf die Musik, sondern bist immer wieder in verschiedene Theater-Projekte involviert. Zuletzt hast du in der „Dreigroschenoper“ im Zürcher Schauspielhaus mitgewirkt.</strong></p>
<p>Ich bin grundsätzlich jemand, der sehr neugierig ist und vieles ausprobieren möchte. Manchmal sage ich auch etwas voreilig bei einem Projekt zu und denke dann: „Ui, jetzt habe ich ja gesagt und weiss gar nicht, was auf mich zukommt.“ Wenn ich in einem Schauspielhaus in der Dreigroschenoper mitspiele, mache ich das aber wirklich nur, weil ich darin singen kann. Ich kann zwar von Schauspielern lernen, wie ich auftreten und sprechen muss, aber immer ist die Musik da, welche mir den Halt gibt. Es gibt aber extrem viele interessante musikalische Projekte und ich werde nicht zögern, weiterhin ja zu sagen, wenn sich mir eines nähert.</p>
<p><strong>nahaufnahmen.ch: Inwiefern hat sich dein Mitwirken in der Dreigroschenoper auf deine Musik und das neue Album ausgewirkt?</strong></p>
<p>Bei Brecht und Weill hat mir das Dreckige und Ungeschliffene gefallen. Diese Skrupellosigkeit, die sich ebenfalls in der Musik zeigt. Man hört richtig die Schuhe auf staubigem Boden sowie die Gauner, welche nach Gier und Mordlust riechen. Dieses Rohe hört man möglicherweise auch meinem Song „Geburtstag“ an. Ich glaube, dass jedes Projekt, bei dem man dabei gewesen ist, einen prägt, Spuren hinterlässt und irgendwo in die eigene Arbeit einfliesst, auch wenn man das zum Teil gar nicht benennen kann.</p>
<p><strong>nahaufnahmen.ch: Du gehst bald wieder auf Tournee und hast – abgesehen von deinem Bassisten Michael Chylewski – eine ganz neue Band zusammengestellt. Wie hast du die Musiker ausgewählt?</strong></p>
<p>Sie müssen einfach gut aussehen (lacht). Das tun sie zwar, aber sie spielen auch noch ein paar Instrumente ziemlich gut. Das hilft natürlich. Es sollte ein Pianist im Mittelpunkt stehen, da auf dem neuen Album das Klavier eine wichtige Rolle einnimmt. Mit Peter Wagner fand ich einen grossartigen Pianisten, der zudem noch Gitarre, Melodica, Handorgel und diverse andere Instrumente beherrscht. Es ist eine Herausforderung, dieses Album mit seiner teilweise üppigen Instrumentierung mit vier Musikern so zu komprimieren und auf den Punkt zu bringen, dass es auf der Bühne funktioniert. Teilweise mussten wir die Arrangements extrem ändern.</p>
<p><strong>nahaufnahmen.ch: Viele Musiker lassen, bevor sie auf Tournee gehen, auf ihren Websites die Fans abstimmen, welche Lieder sie in den Konzerten gerne hören möchten. Hast du dir das auch schon mal überlegt?</strong></p>
<p>Ich kenne meine Fans und weiss, was diese brauchen (schmunzelt).</p>
<p><strong>nahaufnahmen.ch: Also bestimmst weiterhin du das Programm&#8230;</strong></p>
<p>Im Ernst: Ich weiss natürlich wirklich, was meine Fans gerne hören. Es ist allen klar, dass ich „Wänn nit jetz wänn dä“ oder „Hinnär diär“ spielen werde und der Pfarrerssohn wird mich wohl lebenslang begleiten. In dieser Hinsicht gibt es also keine grossen Experimente. Die neuen Songs werden wir aber zum Teil ziemlich durch den Fleischwolf drehen, mit interessantem Resultat. Meine Fans kriegen schon ihr Futter. Die kriegen „Gutzi“!</p>
<p><strong>nahaufnahmen.ch: Sina, ganz herzlichen Dank für dieses Gespräch!</strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Das Album:</strong></p>
<p>„Ich schwöru“ (Musikvertrieb) ist seit 25. Februar im Handel erhältlich.</p>
<p>Hörproben gibt es auf <a href="http://yoca.do/sina_schwoeru/">http://yoca.do/sina_schwoeru/</a></p>
<p><strong>Die Tour-Daten:</strong></p>
<p>Am 17. März 2011 startet Sina in der Alten Taverne in Adelboden ihre neue Tournee. Eine Übersicht aller Tour-Daten findet sich auf <a href="http://www.sina.ch/">www.sina.ch</a>.</p>
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		<title>Interview mit Paul Riniker</title>
		<link>http://www.nahaufnahmen.ch/2010/10/26/interview-mit-paul-riniker/</link>
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		<pubDate>Tue, 26 Oct 2010 18:12:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christoph Aebi</dc:creator>
				<category><![CDATA[Festivals]]></category>
		<category><![CDATA[Im Fokus]]></category>
		<category><![CDATA[Anna Thalbach]]></category>
		<category><![CDATA[Paul Riniker]]></category>
		<category><![CDATA[Roeland Wiesnekker]]></category>
		<category><![CDATA[Sabine Timoteo]]></category>
		<category><![CDATA[Sommervögel]]></category>

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		<description><![CDATA[<a href=http://www.nahaufnahmen.ch/2010/10/26/interview-mit-paul-riniker/><img src=http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/10/sommervoegel-150x150.jpg class=imgtfe hspace=10  vspace=5 align=left width=150  border=0></a>Nach über 70 Dokumentarfilmen für das Schweizer Fernsehen hat Paul Riniker mit „Sommervögel“, einer berührenden Liebesgeschichte zwischen einer verhaltensauffälligen Frau und einem in die Jahre gekommenen Biker, seinen ersten Spielfilm und gleichzeitig ein kleines Meisterwerk realisiert. Nahaufnahmen.ch traf den Regisseur am Filmfestival Locarno und sprach mit ihm über die Schwierigkeiten bei der Finanzierung, die Suche nach einem geeigneten Campingplatz und seine Drehsucht.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h1>„Ich bin manchmal selber auch behindert“</h1>
<h2>Interview mit Paul Riniker</h2>
<div id="attachment_6562" class="wp-caption alignnone" style="width: 560px"><img class="size-full wp-image-6562" title="sommervoegel" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/10/sommervoegel.jpg" alt="sommervoegel" width="550" height="337" /><p class="wp-caption-text">Szenenbild aus &quot;Sommervögel&quot; | © Studio</p></div>
<h3>Nach über 70 Dokumentarfilmen für das Schweizer Fernsehen hat Paul Riniker mit „Sommervögel“, einer berührenden Liebesgeschichte zwischen einer verhaltensauffälligen Frau und einem in die Jahre gekommenen Biker, seinen ersten Spielfilm und gleichzeitig ein kleines Meisterwerk realisiert. Nahaufnahmen.ch traf den Regisseur am Filmfestival Locarno und sprach mit ihm über die Schwierigkeiten bei der Finanzierung, die Suche nach einem geeigneten Campingplatz und seine Drehsucht.</h3>
<p>Von Christoph Aebi.</p>
<p><strong>Nahaufnahmen.ch: Ich war überrascht, zu lesen, dass es Leute in Ihrem Umfeld gab, welche zu der Tatsache, dass Sie im Alter von 63 Jahren mit „Sommervögel“ Ihren ersten Spielfilm realisieren, meinten: „Was will der alte Trottel sich nun noch in einem Bereich versuchen, der weitab seiner Kernkompetenz liegt?“ Waren viele Leute dieser Meinung?</strong></p>
<p>Paul Riniker: Ja, ich würde sagen etwa die Hälfte.</p>
<p><strong>Wieso, denken Sie, hatten die Leute diese Einstellung?</strong></p>
<p>Wenn man seine Identität etwas variiert, ist das immer ein Problem für die Umwelt. Irgendwie war klar, ich bin der Dokumentarfilmer und man fand: „Wieso willst du jetzt einen Spielfilm machen?“ Es ist ein Beharren auf einem Bild, das man von jemandem hat.</p>
<p><strong>Hat es auch etwas mit Ihrem Alter zu tun?</strong></p>
<p>Mit dem Alter natürlich auch. Man fand: „Wenn schon, dann mach doch noch einen Dokumentarfilm. Wieso denn jetzt noch etwas Neues anfangen?“ Nun bin ich halt Jungfilmer.</p>
<p><strong>Die Geschichte des Films „Sommervögel“ über eine Liebe zwischen einer verhaltensauffälligen Frau und einem in die Jahre gekommenen Biker beruht auf einer wahren Begebenheit. Können Sie uns etwas mehr darüber erzählen?</strong></p>
<p>Petra Haas, die Frau, welche vor fünf Jahren die Idee zum Film hatte, schrieb eine Arbeit für den Abschluss einer Ausbildung zur Kulturmanagerin. Darin beschrieb sie einen Fall, den sie irgendwo gefunden hatte. Dieser war aber sehr weit weg von dem, was jetzt im Film zu sehen ist. Die Begebenheit war in einem bäuerlichen Milieu angesiedelt, die Frau war sehr schwer behindert. Eine andere Welt als diejenige, welche ich jetzt im Film zeige.</p>
<p><strong>Neben Petra Haas und Ihnen waren zwei weitere Autorinnen (Signe Astrup und Eva Vitja) am Drehbuch beteiligt. Wann stiessen Sie zum Projekt?</strong></p>
<p>Die Idee kam zu mir, ich war von Anfang an dabei. Nachdem wir Geld für die Entwicklung erhalten hatten, versuchte ich, während zwei Jahren zusammen mit Petra Haas das Drehbuch zu schreiben. Wir hatten aber total unterschiedliche Vorstellungen. So schrieb ich dann eine Version, die noch nicht sehr gut war. Daraufhin nahmen zwei junge Drehbuchautorinnen die Sache in die Hand und schrieben im Gespräch mit uns eine weitere Fassung. Offiziell bin ich zu einem Viertel am Drehbuch beteiligt.</p>
<p><strong>Das Budget des Films war recht klein&#8230;</strong></p>
<p>2.4 Millionen Schweizer Franken, das ist extrem wenig für einen Spielfilm.</p>
<p><strong>Wie leicht oder schwierig war es, das Geld für den Film aufzutreiben? Hatten Sie als bekannter Regisseur von Dokumentarfilmen einen Bonus?</strong></p>
<p>Ganz am Anfang war das so. Das Geld für das Drehbuch kam sehr schnell zusammen. Danach stockte der Geldfluss plötzlich. Der Bund, das Schweizer Fernsehen sowie der Kanton Zürich machten zwar mit, aber alle anderen, die eigentlich in Frage gekommen wären, haben auf einmal gekneift. Der Kanton Aargau beispielsweise hatte für das Buch noch problemlos Geld gegeben, fand dann aber, der Film werde ja sowieso finanziert, sie müssten somit kein zusätzliches Geld mehr geben. Das war eine riesige Enttäuschung. Danach brauchte es grosse Anstrengungen seitens der Produzenten, dass der Film trotzdem finanziert werden konnte.</p>
<p><strong>War es Ihre Entscheidung, die Hauptrollen des Films mit Roeland Wiesnekker und Sabine Timoteo zu besetzen?</strong></p>
<p>Ja, das war weitgehend meine Entscheidung. Man hat mir die beiden Schauspieler vorgeschlagen und ich war sofort begeistert. Roeland Wiesnekker kannte ich natürlich, Sabine Timoteo jedoch nicht. Ich habe dann einen Film von ihr angeschaut und wusste sofort, dass sie die Rolle übernehmen sollte.</p>
<p><strong>Sie haben in langer Zusammenarbeit mit Sabine Timoteo die Figur der Greta erarbeitet. Greta ist eine verhaltensauffällige Frau, es wird im Film nie der Name einer spezifischen Behinderung genannt. Wie kamen Sie schlussendlich zur Entscheidung, Greta genau so darzustellen, wie dies nun im Film der Fall ist?</strong></p>
<p>Die Figur der Greta ist total im Dialog mit Sabine Timoteo entstanden. Wir hatten das Problem, zu entscheiden, wie behindert Greta sein sollte und wie wir das zeigen wollten. Immer wieder fragten wir uns: „Was ist glaubwürdig?“ Bis zum Schnitt haben wir daran gebastelt und uns überlegt: „Ist sie hier weniger behindert als dort?“. Wir sind dann zum Schluss gekommen, dass wir die Stärke der Behinderung im Film nicht konstant durchziehen müssen. Ich bin ja manchmal selber auch behindert und manchmal nicht.</p>
<p><strong>Sie haben den Film in Erlach auf einem Campingplatz gedreht. Wie haben Sie die Location ausgewählt?</strong></p>
<p>Die Ausstatterin und die Aufnahmeleiterin haben sich 150 Campingplätze angeschaut und danach eine Shortlist von 10 Campingplätzen erstellt, die wir zusammen begutachtet haben. Zwei davon haben sich schlussendlich herauskristallisiert: Einer am Murtensee und der andere in Erlach am Bielersee. Am Murtensee wäre die ganze Infrastrutkur bereits vorhanden gewesen, aber wir merkten, dass die Leute dort für unsere Filmcrew nicht bereit waren. Die hätten uns vielleicht ausnehmen wollen, aber nicht unbedingt Freude an unserer Anwesenheit gehabt. In Erlach haben sie uns hingegen mit offenen Armen empfangen, uns alles möglich gemacht und zur Verfügung gestellt. Das war ein irrsinnig gutes Erlebnis. Darum haben wir uns für Erlach entscheiden. Zum Glück!</p>
<p><strong>Das ganze Setting des Films inklusive der improvisierten Beiz ist sehr liebevoll und farbenfroh gestaltet.</strong></p>
<p>Wir wollten eine farbige Welt darstellen, einen farbigen Film machen. Das ist uns nun auch gelungen. Zudem hatten wir grosses Glück mit dem Wetter. Oft hat es rundherum geregnet, aber genau an unserem Drehort schien die Sonne. Erlach ist daher ein fast magischer Ort.</p>
<p><strong>Die Musik spielt in „Sommervögel“, wie auch schon in Ihren Dokumentarfilmen, eine wichtige Rolle. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Marcel Vaid sowie Markus Schönholzer, der den Titelsong „Immer im Chreis“ komponiert hat?</strong></p>
<p>Mit Marcel Vaid habe ich bereits andere Filme gemacht. Er ist ein Freund von mir, gleichzeitig mein Nachbar und ich bin Patenonkel eines seiner Kinder. Für mich war deshalb klar, dass er die Filmmusik komponieren sollte. Es war eine wahnsinnig fruchtbare Zusammenarbeit mit ihm. Musik ist immer eine heikle Sache. Sie kann einen Film kaputt machen, aber auch retten. Als Marcel den Film zum ersten Mal gesehen hat, meinte er: „Es braucht gar keine Musik. Der Film ist so gut!“ Jetzt hat es doch ziemlich viel Musik im Film, was sehr schön ist. Markus Schönholzer habe ich an einem Fest getroffen. Zuerst sagte er mir, er habe überhaupt keine Zeit und mache sicher nichts für den Film. Als der Abend fertig war, meinte er jedoch: „Ja, ich schreibe dir einen Song.“ Ich finde, dass sein Lied „Immer im Chreis“ ein sehr schöner Ohrwurm ist.</p>
<p><strong>Sie sagen von sich selber, Sie seien „drehsüchtig“. Weshalb?</strong></p>
<p>Weil ich Situationen liebe, in denen man weiss: „Jetzt oder nie! Jetzt muss es passieren!“. Ich mag die Präsenz, welche es braucht, wenn man 150 Prozent abrufen muss. Das gibt mir ein Gefühl wie bei einer Droge. Ich bin nicht jemand, der gerne über 24 Stunden konstant irgendwelche Schrauben anzieht und während dieser Zeit immer voll präsent ist. Meine Tochter sagt, sie kenne mich nicht mehr, wenn ich am Drehen sei. Ich sei dann ein völlig anderer Mensch.</p>
<p><strong>Haben Sie schon Ideen für weitere Spielfilmprojekte?</strong></p>
<p>Ja, ich möchte weitermachen. Ich habe zwar noch nichts sehr Konkretes, hoffe aber, dass „Sommervögel“  so gut läuft, dass mir ein paar Drehbücher vorgelegt werden, die ich dann  umschreiben und verfilmen darf.</p>
<p><strong>Sie haben über 30 Jahre beim Schweizer Fernsehen gearbeitet und waren im Rahmen des „pacte de l’audivisuel“ für die Förderung junger Dokumentarfilmer verantwortlich. Gab es in diesem Jahr einen Dokumentarfilm, der Ihnen besonders gefallen hat?</strong></p>
<p>Es gab ein paar wunderschöne Schweizer Filme. „Unser Garten Eden“ beispielsweise finde ich traumhaft. Wir haben immer noch ein hohes Niveau bei den Dokumentarfilmen. Darum braucht es mich für Dokumentarfilme jetzt nicht mehr.</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<h3>Zur Person</h3>
<p>Paul Riniker wurde 1946 in Aarau geboren. Nach einem Jus-Studium an der Universität Zürich arbeitete er zunächst als Lehrer sowie als Journalist für diverse Medien. Von 1976 bis 2006 war er Redaktor und Filmemacher bei SF DRS. Während dieser Zeit realisierte er mehr als 70 Dokumentarfilme, darunter Meilensteine wie „Tonis Träume – Porträt eines geistig behinderten Bergbauernsohns“, sein Lieblingsfilm , oder „Traum Frau (Coco) – Stationen einer Geschlechtsumwandlung“. Von 1993 bis 2006 war Riniker ebenfalls verantwortlich für die Koproduktion von Dokumentarfilmen im Rahmen des „Pacte de l’audiovisuel“. Er arbeitete zudem als Dozent an verschiedenen Instituten (MAZ und Hochschule Luzern, ZHdK) und ist seit 2006 Inhaber einer eigenen Kommunikationsagentur.</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p>„Sommervögel“ läuft ab 28. Oktober 2010 im Kino.</p>
<p>Originaltitel: Sommervögel (Schweiz 2010)            <br />
 Regie: Paul Riniker<br />
 Darsteller: Sabine Timoteo, Roeland Wiesnekker, Anna Thalbach, u.a.<br />
 Dauer: 96 Minuten<br />
 CH-Verleih: Frenetic Films</p>
<p><strong>Im Netz</strong><br />
 <a href="http://www.sommervoegel-film.ch" target="_blank">www.sommervoegel-film.ch</a></p>
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		<title>Locarno – Internationaler Wettbewerb</title>
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		<pubDate>Mon, 27 Sep 2010 08:05:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christoph Aebi</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<a href=http://www.nahaufnahmen.ch/2010/09/27/locarno-internationaler-wettbewerb/><img src=http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/09/bas-fonds-150x150.jpg class=imgtfe hspace=10  vspace=5 align=left width=150  border=0></a>Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, über Langeweile nicht: So gab es denn in den ersten Festivaltagen einige pseudo-philosophische Filme zu überstehen, welche die Nerven des Berichterstatters arg strapazierten. Da half es auch nichts, dass der neue künstlerische Direktor Olivier Père diese nichtssagenden Machwerke in den höchsten Tönen als „Filme des Jahrzehnts“ anpries. Der überragende Schweizer Beitrag „La petite chambre“ sowie ein sechsstündiger Monumental-Dokumentarfilm aus China retteten schliesslich den kränkelnden Wettbewerb.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h1>Monsieur Pères Kuriositätenkabinett</h1>
<h2>63. Festival del film Locarno – Internationaler Wettbewerb</h2>
<div id="attachment_6239" class="wp-caption alignnone" style="width: 560px"><img class="size-full wp-image-6239" title="bas-fonds" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/09/bas-fonds.jpg" alt="&quot;Bas-Fonds&quot;" width="550" height="365" /><p class="wp-caption-text">&quot;Bas-Fonds&quot;</p></div>
<h3>Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, über Langeweile nicht: So gab es denn in den ersten Festivaltagen einige pseudo-philosophische Filme zu überstehen, welche die Nerven des Berichterstatters arg strapazierten. Da half es auch nichts, dass der neue künstlerische Direktor Olivier Père diese nichtssagenden Machwerke in den höchsten Tönen als „Filme des Jahrzehnts“ anpries. Der überragende Schweizer Beitrag „La petite chambre“ sowie ein sechsstündiger Monumental-Dokumentarfilm aus China retteten schliesslich den kränkelnden Wettbewerb.</h3>
<p>Von Christoph Aebi.</p>
<p>Das gab es bisher noch nie in Locarno: Ganze drei Wettbewerbfilme waren mit dem Vermerk versehen, sie seien für Zuschauer unter 18 Jahren verboten, beim Eingang würden Ausweiskontrollen durchgeführt. Gemutmasst werden darf, wieso der neue künstlerische Direktor Olivier Père diese drei Filme für den Wettbewerb selektionierte. Wollte er ein kleines Skandälchen provozieren? Den wahren Grund wird die Welt wohl nie erfahren, da Herr Père für ein Interview nicht verfügbar war. Bereits die Lektüre der Inhaltsangaben im in diesem Jahr handlich aufgemachten (dafür weniger informativen) Festivalkatalog liess eine dunkle Vorahnung aufkommen. „Bas-Fonds“ der Französin Isild le Besco handle von drei jungen Frauen „am Rand der Zivilisation. Dem Alkohol ergeben, begehren sie sich, haben Sex, stossen sich wieder weg – in einem zunehmend komplexen Spiel um Macht und Liebe. (&#8230;) Eines Tages überfallen sie aus Langeweile und angestiftet von Magalie eine kleine Bäckerei und töten den Bäcker mit einer Schrotladung.“</p>
<p>Auch die Beschreibung von „L.A. Zombie“ des für seine kontroversen Filme bekannten Kanadiers Bruce LaBruce tönte kaum vielversprechender: „Ein ausserirdischer Zombie steigt aus dem Pazifischen Ozean. Nachdem er in den Bergen von einem Surfer in einem Laster aufgegabelt wird, geschieht ein schwerer Unfall, und der Surfer liegt tot auf der Strasse. Der Zombie fickt den Toten zurück ins Leben. (&#8230;) Als eine Art schwarzer Erlöser stösst der Zombie im Grossraum Los Angeles auf eine ganze Reihe Toter und fickt auch diese alle zurück ins Leben. Als die Kreatur schliesslich die harte Lebensrealität in L.A. nicht länger aushält, findet er Trost in einem Friedhof, wo er beginnt, ein frisches Grab auszugraben.“ (Zitate aus dem Festivalkatalog). Wer jetzt immer noch Lust hatte, 63 Minuten seines Lebens mit der Visionierung dieses dialoglosen Filmes zu verbringen, dem wurde sie spätestens nach dem Anschauen des Trailers ausgetrieben.</p>
<h3>Philosophieren über heisse Luft</h3>
<p>Der einzige Grund, sich den dritten Adult-only-Film anzutun, hiess Chiara Mastroianni. Das Festival zeichnete die französische Schauspielerin mit dem diesjährigen „Excellence Award“ für die schauspielerischen Leistungen ihrer bisherigen Karriere aus. Es war der erste Preis überhaupt, welcher der Tochter von Catherine Deneuve und Marcello Mastroianni verliehen wurde. Die Freude darüber stand der sympathischen Frau Mastroianni denn auch ins Gesicht geschrieben. Mit ihrem natürlichen Auftreten eroberte sie sowohl die Herzen der Pressevertreter als auch diejenigen des Piazza-Publikums im Sturm. Die Endfassung ihres neusten, am Tag nach der Preisverleihung präsentierten Films „<strong>Homme au bain</strong>“ hatte sie jedoch zuvor noch nicht gesehen. Nach der Vorführung wirkte sie am Podiumsgespräch denn auch seltsam gequält, obwohl sie beteuerte, doch doch, sie möge den Film sehr. Wahrscheinlich hatte sie dem Regisseur Christophe Honoré (in dessen drei letzten Filmen Chiara Mastroianni bereits mitgespielt und darin beachtliche schauspielerische Leistungen gezeigt hatte) einfach einen Freundschaftsdienst erweisen wollen. Dieser hatte eine Einladung erhalten, in Gennevilliers, einem Vorort von Paris, einen Film zu drehen.</p>
<p>Ein Gemälde aus dem 19. Jahrhundert von Gustave Caillebotte, auf welchem ein Mann von hinten zu sehen ist, der sich mit einem grauen Badetuch in einem weissen Raum abtrocknet, hat den Regisseur zu seinem Werk inspiriert. So sehen wir nun den bodygebuildeten Emmanuel, dargestellt vom französischen Schwulen-Porno-Star François Sagat, wie er sich nach dem Bad mit seinem Freund Omar vergnügt. Selbiger verlässt alsbald Gennevilliers, um Chiara Mastroianni an eine Filmpremière in New York zu begleiten. Während Omars Abwesenheit empfängt Emmanuel Besuch von diversen anderen Männern und auch Omar lässt fern der französischen Heimat nichts anbrennen. Eine wunderbare Liebesgeschichte eines Paares sei das, meinte das französische Mütterchen, welches nach der Filmvorführung die Publikumsdiskussion leitete und wunderschön über heisse Luft vor sich hin philosophierte.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-6240" title="homme au bain" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/09/homme-au-bain.jpg" alt="homme au bain" width="550" height="299" /></p>
<p>Auf den Einwand einer Besucherin, ein grosser Teil des Publikums habe jedoch noch während der Vorführung des Films den Saal verlassen, antwortete der Regisseur, Liebesszenen zwischen zwei Männern seien eben auch in der heutigen Zeit noch immer heikel. Eine Erklärung, die etwas gesucht wirkte, denn das Locarneser Festivalpublikum gilt als aufgeschlossen, mag aber eines definitiv nicht: Langweilige, uninspirierte Filme. So gab es denn für „Homme au bain“ am Ende der Vorführung von den im Saal verbliebenen Zuschauern zu Recht deftige Buhrufe.</p>
<h3>Philosophieren in der Badewanne</h3>
<p>Das gleiche Schicksal ereilte im FEVI, der alljährlich fürs Festival zum 3200-plätzigen Kino umfunktionierten Mehrzweckhalle, der deutsche Wettbewerbsbeitrag „<strong>Im Alter von Ellen</strong>“. Vom Festivaldirektor als „einer der wichtigsten Filme des letzten Jahrzehnts“ bezeichnet, war das Machwerk der Regisseurin Pia Marais schlussendlich nur aus einem Grund einigermassen erträglich: Jeanne Balibar, die französische Actrice und Sängerin, welche in deutscher Sprache Ellen, die Protagonistin des Films, vorzüglich interpretiert. Die 40-jährige Flugbegleiterin wurde soeben von ihrem langjährigen Lebensgefährten verlassen, nachdem dieser ihre beste Freundin geschwängert hatte. Als sich zudem nach einer ärztlichen Kontrolle das Gefühl ihrer Unruhe zunehmend verstärkt, erleidet Ellen am Arbeitsplatz kurz vor dem Start des Flugzeuges eine Panikattacke und flüchtet. Daraufhin wird sie von ihrem Arbeitgeber entlassen.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-6241" title="Im Altern von Ellen" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/09/Im-Altern-von-Ellen.jpg" alt="Im Altern von Ellen" width="550" height="310" /></p>
<p>Ohne Job und gefühlsmässig heimatlos, trifft sie radikale Aktivisten der Gruppe „Front für die Tiere“ und zieht zu ihnen in ein besetztes Haus. Dort lernt sie Karl kennen, mit dem sie eine Scheinehe eingeht, um ihn vor dem Wehrdienst zu bewahren. (Man merke: Verheiratete Männer müssen also in Deutschland keinen Wehrdienst leisten!). Doch sowohl die Liaison mit Karl als auch ihr Tierschutz-Engagement scheinen für Ellen nur temporär zu sein. Nach einer philosophischen Diskussion in der Badewanne („Du bist eine Brücke für mich, mehr nicht!“) und einer letzten Hühnerbefreiungsaktion verliert der Film vollends seinen dramaturgischen Faden und wir begegnen Ellen irgendwo in Afrika, wo sie sich bei einer nicht näher bezeichneten Rebellenorganisation nützlich machen möchte. Ob sie dort ihren Lebenssinn und einen Ort findet, an dem sie gebraucht wird, erfuhren die geneigten Zuschauer (beziehungsweise diejenigen, welche beim Ende des Films immer noch im Saal sassen) jedoch nicht mehr.</p>
<h3>Verbotenes und unterdrücktes Begehren</h3>
<p>Auch in „<strong>Songs of Love and Hate</strong>“, dem ersten Schweizer Beitrag im Wettbewerbsprogramm, bleibt so einiges in der Schwebe. Regisseurin Katalin Gödrös führt uns in ihrem ersten Kinofilm mitten hinein in eine im Tessin ansässige Winzerfamilie (in welcher jedoch Standarddeutsch gesprochen wird;  ein Umstand, der einigen Festivalbesuchern etwas gar sauer aufstiess). Tochter Lilli (dargestellt von der 17-jährigen Sandra Horvath) entwickelt sich langsam aber sicher vom Mädchen zur jungen Frau, was Vater Rico ( Jeroen Willems) nicht ganz verborgen bleibt (und den Zuschauer, nebenbei bemerkt, sinnieren lässt, ob sich nun bereits 17-jährige Schauspielerinnen die Lippen aufspritzen lassen). Mehr noch, ein gewisses Begehren stellt sich bei Rico ein, welches er jedoch zu unterdrücken versucht, indem er sich seiner Tochter gegenüber je länger je abweisender verhält. Die zurückgestossene Lilli wählt nun ungewöhnliche Wege, um ihren Vater wieder auf sich aufmerksam zu machen. Zuerst muss der allseits geliebte Familienhund dran glauben: Stecken in den Fluss werfen, den Rest erledigt die Strömung.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-6242" title="songs of love and hate" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/09/songs-of-love-and-hate.jpg" alt="songs of love and hate" width="550" height="365" /></p>
<p>Auch Freund Fabio (Joel Basman) wird langsam lästig und flugs erleidet er das gleiche Schicksal. Vater Rico durchschaut Lillis Spiel und fühlt sich verantwortlich für ihre Taten, vertuscht und ignoriert sie aber und wird somit zu Lillis Komplizen. Mutter Anna ist durch die Launenhaftigkeit und Unnahbarkeit ihres Mannes sowie die Kälte ihrer Tochter verunsichert, ohne die Ereignisse jedoch interpretieren zu können, währenddessen Lillis Schwester Roberta das Glück einer ersten, unbeschwerten lesbischen Liebe erlebt. „Der Film soll keine Erklärungen liefern, warum Lilli tut, was sie tut, soll nicht psychologisieren, sondern das Warum stehen lassen, es zwar umkreisen, mit Vermutungen berühren, aber nicht lösen“, meint die Regisseurin zu ihrem Werk. Das Psychologisieren wurde nach der Vorführung im vollbesetzten FEVI (und einem eher lauen Applaus) bei der traditionellen Publikumsdiskussion denn auch den Zuschauern überlassen, die eifrig von dieser Gelegenheit Gebrauch machten und engagiert über Familienbesetzungssysteme (Kinder werden durch Eltern erotisch besetzt) debattierten.</p>
<h3>Zaghafte Annäherung zweier verwundeter Seelen</h3>
<p>Ein kleines Filmwunder erlebte das FEVI-Publikum dann einige Tage später mit der Vorführung des zweiten Schweizer Wettbewerbsbeitrages „<strong>La petite chambre</strong>“. Der Rezensent kann sich nicht erinnern (und andere langjährige Festivalbesuchter pflichteten ihm bei) , dass seit „Gadjo dilo“ anno 1997 ein Film jemals eine solch brausende, den ganzen Abspann und darüber hinaus andauernde Standing Ovation erhalten hätte. Die ganze Erleichterung des Publikums, nach diversen Enttäuschungen endlich einmal ein Werk gesehen zu haben, bei dem einfach alles stimmt, schien im orkanartigen Applaus mitzuklingen. „La petite chambre“ erzählt von zwei Menschen, zwei fragilen Herzen, die sich beide weigern, ihre jeweiligen Lebensumstände zu akzeptieren.</p>
<p>Edmond (Michel Bouquet), dessen Sohn ihn am liebsten in einem Altersheim versorgen würde, lehnt es standhaft ab, seine eigene Wohnung mit den geliebten Pflanzen und damit seine Unabhängigkeit aufzugeben. Der Krankenpflegerin Rose (Florence Loiret Caille), welche den Auftrag erhält, bei ihm regelmässig nach dem rechten zu sehen, tritt er zu Beginn mit den Worten entgegen: „Ich bin immer froh, wenn die Pflegerinnen wieder verschwinden.“ Rose bietet ihm jedoch die Stirn und nach einem schweren Sturz ist Edmond gezwungen, die Hilfe von Rose zu akzeptieren. Als er nach dem Spitalaufenthalt feststellen muss, dass sein Sohn während seiner Abwesenheit die ganze Wohnung geräumt hat, quartiert ihn Rose kurzerhand bei sich und ihrem Mann ein. Dort entdeckt Edmond ein fertig eingerichtetes Kinderzimmer, in dem nur eines fehlt: Das Kind. Rose erlitt im achten Schwangerschaftsmonat eine Totgeburt. Seitdem hat sie sich in ihren eigenen Kokon zurückgezogen und ist &#8211; kaum mehr fähig, Freude für irgendetwas zu empfinden &#8211; auch für ihren Mann schwierig zu erreichen. Nur Edmond weiss, wie es sich anfühlt, einen geliebten Menschen zu verlieren.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-6243" title="petit chambre" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/09/petit-chambre.jpg" alt="petit chambre" width="550" height="323" /></p>
<p>Wie die beiden verwundeten Seelen zaghaft Sympathien füreinander entwickeln, ist etwas vom Schönsten, was im Schweizer Film in den letzten Jahren zu sehen war. Dies ist zu einem grossen Teil das Verdienst der beiden Hauptdarsteller: Michel Bouquet (der im letzten Jahrzehnt fast alle Angebote für Kinorollen abgelehnt hat und sich lieber auf seine Theaterengagements konzentriert) sowie die hierzulande noch wenig bekannte Florence Loiret Caille beweisen als Edmond und Rose eindrücklich ihr schauspielerisches Können. Man merkt, dass das Regisseurinnen- und Drehbuchautorinnen-Team Stéphanie Chuat und Véronique Reymond, welches nach Kurz- und Dokumentarfilmen mit „La petite chambre“ nun das erste Kinoprojekt realisierte, ebenfalls eine fundierte Schauspielausbildung hat und weiss, wie man Akteure führt und zu Höchstleistungen antreibt.</p>
<p>Mit ihrem Film hätten sie die Thematik der immer älter werdenden Gesellschaft in der Schweiz und der für immer mehr Menschen zur Wirklichkeit werdenden, wenig attraktiven Aussicht, die restlichen Jahre ihres Lebens in einem Altersheim zu verbringen, behandeln wollen, meinten die Regisseurinnen nach der Präsentation des Films. Inspiriert wurden sie durch ältere Personen in ihrem Umfeld, die Begegnung mit einem Altersheimdirektor (der ihnen erzählte, es gäbe Menschen, die ihre Eltern zu einem Kurzaufenthalt in einem Altersheim überredeten, währenddessen die Wohnungen der Eltern räumten und ihm anschliessend das Überbringen der Nachricht, dass die Eltern nun fortan ihren Lebensabend im Altersheim zu verbringen hätten, überliessen) sowie mit einem Paar, das sein Kind kurz vor der Geburt verlor und im Schrank des leeren Zimmers noch lange ein blaues Pyjama aufbewahrte.</p>
<p>Das Westschweizer-Regie-Duo lieferte mit „La petite chambre“ ein enorm reifes Erstlingswerk ab, bei welchem sich aktuelle Themen, grandiose schauspielerische Leistungen, wunderbare Bilder (gedreht wurde in der Region des Lac Léman) und traumhafte Musik (unter anderem des jungen Lausanner Pianisten Cédric Pescia) zu einem kleinen Kunstwerk verbanden, welchem eigentlich der Preis als bester Wettbewerbsfilm gebührt hätte. Den traditionell unberechenbaren Jurys in Locarno war der Film wohl aber zu konventionell: Kein einziger Preis wurde ihm zuteil.</p>
<h3>Präzises Abbild der in Rumänien herrschenden Tristesse</h3>
<p>Starkes Schauspielerkino bot auch der rumänische Beitrag „<strong>Periferic</strong>“. Der im dokumentarischen Stil gehaltene Film begleitet Matilda (Ana Ularu) während eines 24-stündigen Hafturlaubs. Die Hälfte ihrer Strafe hat sie bereits verbüsst. Sie plant jedoch nicht, ins Gefängnis zurückzukehren, sondern ausser Landes zu flüchten. Vorher will sie sich aber noch mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen und das für die Flucht nötige Geld auftreiben. So besucht sie zuerst ihren Bruder Andrei, der jedoch zögert, ihr seine Hilfe anzubieten und dessen Frau ihr ziemlich feindlich gegenübersteht. Als Nächstes trifft sie Paul, den Vater ihres 8-jährigen Sohnes Toma. Dieser ist dafür verantwortlich, dass Matilda im Gefängnis ist. Der Zuschauer erfährt, dass die beiden zusammen ein krummes Ding gedreht haben und Paul ihr noch 10&#8242;000 Euro schuldig ist, ihr das Geld jedoch erst nach der vollständig verbüssten Haftstrafe geben will. Zudem hat Paul den gemeinsamen Sohn Toma, da er sich nicht um ihn kümmern wollte, im Waisenhaus abgegeben.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-6244" title="Periferic" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/09/Periferic.jpg" alt="Periferic" width="550" height="300" /></p>
<p>So macht sich Matilda zuletzt auf die Suche nach ihrem Sohn, der sich sein Geld bereits im zarten Alter auf dem Strich verdient. Mit ihm zusammen will sie sich nun in die Hafenstadt Constantia und von da ins Ausland aufmachen. Doch ihr eigener Sohn wird ihr diesen Traum zunichte machen. Nein, zu lachen gibt es wahrlich nichts in diesem Film. Regisseur Bogdan George Apetri, der nach einem abgeschlossenen Jus-Studium seine Heimat verliess, um in New York an der Columbia University einen Doppelabschluss in Regie und Kamera zu erwerben, bildet die Tristesse, die für viele seiner Landsleute auch zwanzig Jahre nach dem Ende des kommunistischen Regimes immer noch herrscht, exemplarisch am Beispiel seiner Protagonistin Matilda ab. Er folgt ihr ganz dicht  (teilweise in mit der Handkamera gedrehten, verwackelten Szenen), so dass man jede Pore im Gesicht Matildas sehen kann. Eine unglaublich starke, kraftvolle Frauenfigur ist das, dargestellt von der talentierten jungen Rumänin Ana Ulariu, von welcher man wohl in Zukunft noch einiges hören wird.</p>
<h3>Pfeifenrauchen als Inspirationsquelle</h3>
<p>Weniger der Realität, sondern mehr der Fiktion verpflichtet ist die amerikanische Produktion „<strong>Cold Weather</strong>“ des Regisseurs Aaron Katz. Er siedelt die Geschichte seines dritten Films in seiner oft regnerisch-trüben Heimatstadt Portland, Oregon an. Doug (Chris Lankenau) hat das Studium in forensischen Wissenschaften geschmissen und ist von Chicago nach Portland zurückgekehrt. Dort quartiert er sich bei seiner Schwester Gail ein. Während er sich darüber Gedanken macht, wie seine Zukunft aussehen soll, liest er mit Vorliebe alte Detektivromane. Bald findet er einen Job in einer Eisfabrik, wo er Nachtschichten arbeitet und Carlos kennenlernt, mit dem er sich anfreundet und den er mit seiner Leidenschaft für Detektivgeschichten, vorzugsweise jenen von Sherlock Holmes, ansteckt.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-6245" title="cold weather" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/09/cold-weather.jpg" alt="cold weather" width="550" height="310" /></p>
<p>Bald kündigt Dougs Ex-Freundin Rachel, die vorgibt, für eine Anwaltskanzlei zu arbeiten, ihren Besuch an. Als sie eines Abends zu einem vereinbarten Treffen nicht erscheint, fürchten unsere Hobbydetektive Doug und Carlos das Schlimmste. Mit ihrem durch die Lektüre von Romanen angeeigneten kriminalistischen Wissen machen sie sich auf die Suche nach Rachel, treffen auf immer rätselhaftere Hinweise und erfahren Stück für Stück die wahren Hintergründe für Rachels Besuch in Portland. Aaron Katz hat seinen Slow-Motion-Thriller mit einigen komödiantischen Elementen versehen. So machen sich Doug und Carlos, als sie bei ihren Ermittlungen nicht mehr weiterkommen, erst einmal auf die Suche nach einer richtigen Sherlock Holmes-Detektivpfeife, um zu rauchen und Inspirationen für das weitere Vorgehen zu finden. Leider ist die Auflösung der Geschichte etwas gar lau geraten. So applaudierte das Publikum denn auch eher spärlich.</p>
<h3>Offenlegung der Praktiken eines menschenverachtenden Regimes</h3>
<p>Ein ganz eigenes Kaliber in jeder Hinsicht war der einzige Dokumentarfilm im Wettbewerb. Der Chinese Xu Xin, der sich bereits in seinen bisherigen Filmen mit Vorliebe sozial diskriminierten Gruppen und Minderheiten widmete, hat mit seinem 6-stündigen (!) Mammutwerk „<strong>Karamay</strong>“ eine Art Requiem für diejenigen 323 Menschen (davon 288 Kinder zwischen 6 und 14 Jahren) geschaffen, welche im Dezember 1994 bei einem Brand in der Freundschaftshalle der chinesischen Stadt Karamay ums Leben kamen. Fast 500 Grund- und Mittelschüler sowie ihre Lehrer hatten sich darin versammelt, um einer Delegation von Vertretern der Erziehungsbehörden eine Vorführung zu bieten. Als inmitten dieser Darbietung ein Feuer ausbrach, wurden die Schüler gebeten, auf ihren Plätzen sitzen zu bleiben, damit die Gäste zuerst den Saal verlassen konnten. Während die Parteikader sich alle retten konnten, starb der grösste Teil der Kinder.</p>
<p>Nach der Tragödie unterlag die Berichterstattung über die Ereignisse der Zensur. Bis heute ist es den Familien der Opfer nicht erlaubt, öffentlich ihre Kinder zu betrauern. Regisseur Xu Xin hat nun 13 Jahre nach der Tragödie diejenigen Eltern aufgesucht, welche den Mut aufbrachten, vor der Kamera über die damaligen Ereignisse zu sprechen. Zu Beginn zeigt der Film minutenlang die Gräber der Opfer auf dem Xiaoxihu-Friedhof in Karamay. Bereits mit diesen ersten Bildern wird klar: Hier ist ein Regisseur am Werk, der auf jegliche Konventionen sowie die heutigen Sehgewohnheiten der Zuschauer pfeift und stattdessen dem Thema des Films und seinen mutigen Protagonisten den verdienten Platz einräumt.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-6246" title="karamay" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/09/karamay.jpg" alt="karamay" width="550" height="323" /></p>
<p>Durch die Erzählungen der Eltern (geschickt verwoben mit Ausschnitten aus dem chinesischen Fernsehen sowie Amateur-Aufnahmen der Tragödie) kommen je länger je mehr Ungereimtheiten zum Vorschein: So kam es zum Ausbruch des Feuers, da ein 600-Watt-Scheinwerfer viel zu nahe an einem Vorhang platziert worden war. Zeit zum Entzünden gab es genug, weil die geladenen Gäste betrunken waren und deshalb zu spät in der Halle eintrafen. Da sich gleichzeitig ein Teil des Hallenpersonals weigerte, an jenem Tag zu arbeiten, war von 10 Ausgängen nur einer offen. Nach dem Ausbruch des Feuers dauerte es ganze 45 Minuten, bis die Feuerwehr eintraf, obwohl diese nur 5 Minuten vom Unglücksort entfernt liegt. Die Parteikader flüchteten, trampelten über die Leichen der Kinder und kümmerten sich keinen Deut um die Rettung der Verletzten. Die eintreffenden Ärzte brachten Kinder, die noch lebten, in die Leichenhalle. Alle Telefonleitungen der Umgebung wurden nach dem Unglück während 24 Stunden blockiert. Die Regierung löschte die Namen der Opfer in den Einwohnerverzeichnissen, ohne jedoch offizielle Todeszertifikate auszustellen. Um die Toten zu begraben, setzten die Behörden Bulldozer ein und nach vollbrachter Tat wurde in einer Meldung verbreitet, die Evakuierung und Beerdigung seien mit breiter und freudiger Unterstützung der Arbeiter und der Familien der Opfer über die Bühne gegangen. Noch mehr Zynismus und Verachtung seitens der Behörden gegenüber dem eigenen Volk ist kaum mehr möglich.</p>
<p>Ungeschönt offenzulegen, wie die Regierung, die Einheitspartei und die Behörden Chinas mit ihren  Landsleuten umgehen, ist das grosse Verdienst des Films. Kaum je zuvor haben ein chinesischer Film beziehungsweise die im Film zu Wort kommenden Personen derart offen erzählt, was sie von ihrem Staat halten, oder besser gesagt eben nicht halten. Auch Einschüchterungsversuche der chinesischen Regierung (Abhören der Telefone, willkürliche Inhaftierungen) konnten die Eltern nicht daran hindern, am Film mitzuwirken: Wut, Trauer und Enttäuschung waren zu gross. Mit seinem 356-minütigen Film gibt Xu Xin den Eltern der Kinder nun eine Stimme, die hoffentlich weltweit gehört wird. Die diesjährige offizielle Jury zeigte auch hier wiederum ihre Blindheit, indem sie diesen eminent wichtigen Film mit keinem einzigen Preis würdigte. Dafür wurde „Karamay“ von der Jugendjury mit dem Ersten Preis ausgezeichnet und erhielt von drei weiteren Jurys je eine lobende Erwähnung. Ein würdiger Abschluss eines nur stellenweise überzeugenden Wettbewerbes war „Karamay“ allemal.</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p><strong>Im Netz</strong><br />
 <a href="http://www.pardo.ch" target="_blank">http://www.pardo.ch</a></p>
<p><a href="http://www.pardo.ch/jahia/Jahia/home/film/cache/bypass?appid=11456_34&amp;appparams=http%3A%2F%2Fwww.pardo.ch%2Fjpwacatalog%2Fpardo%2Ffilm.do%3Fid%3D471972&amp;resetAppSession=true#" target="_blank">www.pardo.ch/&#8230;</a> (Bas-Fonds)<br />
 <a href="http://www.lazombie.com" target="_blank">www.lazombie.com</a><br />
 <a href="http://www.hommeaubain-lefilm.com" target="_blank">www.hommeaubain-lefilm.com</a><br />
 <a href="http://www.ellen.pandorafilm.com" target="_blank">www.ellen.pandorafilm.com</a><br />
 <a href="http://www.filmcoopi.ch:80/press/movie/media-documents.do;jsessionid=033676AEF50F2D9AE52808AE234C9ABE?type.value__=press_kit&amp;id.value__=316" target="_blank">www.filmcoopi.ch</a> (Songs of Love and Hate)<br />
 <a href="http://www.vegafilm.com/vega-film/de/filme/la-petite-chambre/synopsis/" target="_blank">www.vegafilm.com/&#8230;</a> (La petite chambre)<br />
 <a href="http://www.pardo.ch/jahia/Jahia/home/film/cache/bypass?appid=11456_34&amp;appparams=http%3A%2F%2Fwww.pardo.ch%2Fjpwacatalog%2Fpardo%2Ffilm.do%3Fid%3D466499&amp;resetAppSession=true#field_11456" target="_blank">www.pardo.ch/&#8230;</a> (Periferic)<br />
 <a href="http://www.coldweatherthemovie.com" target="_blank">www.coldweatherthemovie.com</a><br />
 <a href="http://www.pardo.ch/jahia/Jahia/home/film/cache/bypass?appid=11456_34&amp;appparams=http%3A%2F%2Fwww.pardo.ch%2Fjpwacatalog%2Fpardo%2Ffilm.do%3Fid%3D466453&amp;resetAppSession=true#" target="_blank">www.pardo.ch/&#8230;</a> (Karamay)</p>
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		<title>Locarno – Semaine de la critique</title>
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		<pubDate>Mon, 27 Sep 2010 07:52:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christoph Aebi</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<a href=http://www.nahaufnahmen.ch/2010/09/27/locarnosemaine-de-la-critique/><img src=http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/09/Schiff-des-Torjaegers-150x150.jpg class=imgtfe hspace=10  vspace=5 align=left width=150  border=0></a>Die mittlerweile 21.Ausgabe der Kritikerwoche, organisiert vom Verband der Schweizer Filmjournalisten, erfüllte auch in diesem Jahr das selbst gesteckte Ziel, dem Publikum eine möglichst abwechslungsreiche Mischung von Dokumentarfilmen zu präsentieren, mühelos. Für Höhepunkte sorgten insbesondere die drei skandinavischen Beiträge über häusliche Gewalt, ein dunkles Kapitel des 2.Weltkrieges sowie einen Subutex-Junkie.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h1>Flucht aus dem hohen Norden</h1>
<h2>63. Festival del film Locarno – Semaine de la critique</h2>
<div id="attachment_6228" class="wp-caption alignnone" style="width: 560px"><img class="size-full wp-image-6228" title="Schiff des Torjaegers" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/09/Schiff-des-Torjaegers.jpg" alt="Schiff des Torjaegers" width="550" height="365" /><p class="wp-caption-text">&quot;Das Schiff des Torjägers&quot;</p></div>
<h3>Die mittlerweile 21.Ausgabe der Kritikerwoche, organisiert vom Verband der Schweizer Filmjournalisten, erfüllte auch in diesem Jahr das selbst gesteckte Ziel, dem Publikum eine möglichst abwechslungsreiche Mischung von Dokumentarfilmen zu präsentieren, mühelos. Für Höhepunkte sorgten insbesondere die drei skandinavischen Beiträge über häusliche Gewalt, ein dunkles Kapitel des 2.Weltkrieges sowie einen Subutex-Junkie.</h3>
<p>Von Christoph Aebi.</p>
<p>Nein, die Geschichte habe er nicht leicht verkraftet, meint Peter Pander, Manager des deutschen Fussballklubs VfL Wolfsburg. „Eine oder oder mehrere Millionen Euro hätten wir für Jonathan Akpoborie bei einem Transfer erhalten. Das war nun nicht mehr möglich.“ Was war geschehen? Akpoborie, erfolgreicher Torschütze des Klubs, ursprünglich aus Nigeria stammend, hatte seiner Familie zur Verbesserung der Lebensgrundlage und als eine Art Hilfe zur Selbsthilfe in Dänemark eine ausrangierte Fähre gekauft. Diese wurde auf den Namen der Mutter, Etireno, getauft und die Familie startete damit einen Fährbetrieb zwischen den Ländern Benin und Gabun.</p>
<p>Im April 2001 ging urplötzlich ein Aufschrei durch die Weltpresse: Das Schiff wurde als „Kindersklaven-Transporter“ bezeichnet, nachdem die Behörden Gabuns auf der Etireno über 40 Kinder ohne gültige Dokumente entdeckt hatten. Die Kinder waren von den Eltern zum Arbeiten in die Fremde geschickt worden. Als  internationale Organisationen wie „Terre des hommes“ und „Unicef“ erfuhren, wer der Besitzer des Schiffes war, machten diese Druck auf Volkswagen, den Sponsor des VfL Wolfsburg. Jonathan Akpoborie war als Fussballer für den Klub nicht mehr tragbar geworden, seine Karriere nahm mit der Affäre ein jähes Ende. Eine Schuld konnte ihm nicht nachgewiesen werden. Akpoborie meint heute dazu, er habe seinen Bruder jeden Monat gefragt, wieviel er mit dem Fährbetrieb verdient habe. Das sei alles gewesen, mehr habe er nicht gewusst.</p>
<h3>Die Welt als globalisierter Sklavenmarkt</h3>
<p>In ihrem neusten Dokumentarfilm „<strong>Das Schiff des Torjägers</strong>“ verwebt die Schweizer Regisseurin Heidi Specogna drei Erzählstränge: Die Geschichte des Schiffes Etireno (welches mittlerweile im Hafen von Cotonou hindümpelnd auf seine Verschrottung wartet, dessen Stahl in Europa aber dringend benötigt wird), diejenige des Fussballers Jonathan Akpoborie und das Schicksal zweier Kinder, welche damals als 9- und 10-Jährige auf dem Schiff waren. Nach langen Recherchen hat die Regisseurin zusammen mit ihrer Co-Autorin Christine Kretschmer die Kinder in Benin und Togo aufgespürt. Noch heute sind die beiden spürbar gezeichnet von den Erlebnissen auf dem Schiff und geschockt, dass ihre Eltern sie als Arbeitssklaven nach Gabun schicken wollten. Das Gehalt des ersten Monats hätten sie den Schleppern abgeben müssen, für die weiteren Monate sei vereinbart gewesen, 2/3 des Gehaltes an die Vermittler abzugeben. Akpoborie jedoch vergleicht das Schicksal der Kinder mit seiner Karriere als Fussballer: Der Begabteste werde für den sozialen Aufstieg der ganzen Familie in die Fremde geschickt.</p>
<p>Organisationen wie „Unicef“ hätten die Kinder nun davon abgehalten, das zu tun, was sie eigentlich tun wollten. Nicht nur bei dieser Aussage ging ein Raunen durch den Kinosaal. Akpoborie arbeitet heute als Spielervermittler, der gegen den Schluss des Films Murat Yakin und dem GC-Fussball-Internat einen Besuch abstattet. Über die begabten, jungen Fussball-Talente sprechen die beiden wie über Handelswaren. Die zwielichtige, bis jetzt nicht geklärte Rolle Akpobories und die Tatsache, dass er in Locarno sozusagen als Stargast des Films angekündigt wurde, der zur Präsentation des Films eine lange Reise gemacht habe, lassen einen bitteren Nachgeschmack zurück. Weil sich der Film jeglichen Off-Kommentars enthält, bleibt auch die Meinung der Regisseurin im Dunkeln.</p>
<h3>Die familiären Muster durchbrechen</h3>
<p>Radikal subjektiv, und zwar im positiven Sinne, ist hingegen „<strong>Blood calls you</strong>“, der erste lange Dokumentarfilm der 39-jährigen Schwedin Linda Thorgren. In dieser sehr persönlichen Spurensuche über die Gewalt von Ehemännern gegenüber ihren Frauen geht die Regisseurin der Frage nach, ob sie erblich vorbelastet sei. Thorgren, Tochter einer Kubanerin und eines Schweden, befand sich für eine Reportage auf Kuba, als sie ihren späteren Ehemann Alexis kennen- und lieben lernte. Bereits eine Woche nach seiner Ankunft in Schweden, schlug Alexis seine Frau zum ersten Mal. Die Schläge hörten auch nicht auf, als Linda Thorgren schwanger wurde. Es brauchte einige Zeit, Mut und einen Spiessrutenlauf durch diverse behördliche Instanzen, bis die Regisseurin es wagte, sich von ihrem Mann zu trennen und diesem verboten wurde, sich ihr und dem Kind zu nähern.</p>
<p>Während jener Zeit, 2006, begann Thorgren, ihr Leben mit der Videokamera zu dokumentieren und ihrer Mutter immer drängendere Fragen zu ihrem leiblichen Vater zu stellen. Lindas Mutter lernte ihren Mann, einen schwedischen Reporter, bei ihrer Arbeit im legendären Nachtclub „Tropicana“ in Havanna kennen. Als Linda 8 Jahre alt war, verliess der Vater die Familie wegen einer anderen Frau. Seitdem hatte Linda kaum mehr Kontakt zu ihrem Vater. Lindas Mutter weigert sich zunächst, vor der Kamera näher auf die Gründe der Trennung von ihrem Mann einzugehen. Nach und nach verhärtet sich jedoch Lindas Verdacht: Ihre Mutter war genauso wie sie das Opfer von häuslicher Gewalt geworden. Der Vater trank oft und wurde sowohl körperlich als auch verbal gewalttätig.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-6229" title="Blood calls you" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/09/Blood-calls-you.jpg" alt="Blood calls you" width="550" height="310" /></p>
<p>Auf einer gemeinsamen Kuba-Reise mit ihrer Mutter erfährt Linda Thorgren nicht nur mehr über die „Auswanderungs-Methode“ kubanischer Männer (Liebe wird nur vorgetäuscht, da die Heirat mit einer Ausländerin die einzige Möglichkeit ist, dem sozialistischen Regime zu entkommen), sondern auch über ihre Vorfahren. Bereits ihr Grossvater wendete gegenüber seiner Frau körperliche Gewalt an. Deren erstes Kind starb, da er seine Frau während der Schwangerschaft schlug. In der Familie von Lindas Urgrosseltern war Gewalt ebenfalls an der Tagesordnung.</p>
<p>Der Versuch der Regisseurin, mit ihrem Film „Blood calls you“ häusliche Gewalt mit familiären Mustern zu erklären, löste nicht nur in Schweden (wo sie an Filmfestivals gefragt wurde, wieso sie eigentlich einen Film mache, statt in Therapie zu gehen) sondern auch bei der Auswahlkommission Diskussionen aus: So schrieb die Journalistin Pia Horlacher im Programmheft: „Auch nach vierzig Jahren ist die feministische Aufklärung noch nicht überall angekommen.(&#8230;) Denn mit dem „Ruf des Blutes“ versucht die junge Schwedin, sich ihr Unglück als eheliches Gewaltopfer rein familiär zu erklären – und muss daran natürlich scheitern. (&#8230;) Diese apolitische These von der individuellen weiblichen Opferbestimmung wird vor allem ältere Zeitgenossinnen befremden.“</p>
<p>Linda Thorgren führte jedoch klar aus, dass die Gewalt von Männern gegenüber Frauen ein gesellschaftliches und kein privates Problem sei. Ihr filmisches Selbstporträt gewinnt noch an Eindringlichkeit, indem sie ihren Vater, den sie nach Jahren für dieses Filmprojekt erstmals wieder aufsuchte, ebenfalls zu Wort kommen lässt. Dieser zeigt sich sehr selbstkritisch und sowohl Linda als auch die Zuschauer erfahren erstmals, dass Lindas Mutter ihn, kurz vor der Trennung, nach einem Streit mit einem Messer lebensgefährlich verletzte und er an diesen Verletzungen fast gestorben wäre. Linda Thorgrens Ex-Mann Alexis hätte im Film ebenfalls zu Wort kommen sollen. Er setzte sich jedoch 2008 nach Venezuela ab und wurde dort Opfer eines Raubmordes. Die Regisseurin dachte daraufhin darüber nach, ihr Filmprojekt abzubrechen, entschied sich aber dennoch zum Weitermachen: Der Film sei für ihre Tochter, die später einmal nicht Teil dieses familiären Musters sein solle.</p>
<h3>Eine Fussnote in der finnischen Geschichte</h3>
<p>Ebenfalls auf Spurensuche in die Vergangenheit, jedoch in diejenige ihres Heimatlandes, begab sich die finnische Regisseurin Virpi Sutari für ihren Film „<strong>Auf Wiedersehen Finnland</strong>“. Sie nahm sich eines Themas an, welches in ihrer Heimat gerne totgeschwiegen wird und in den Geschichtsbüchern, wenn überhaupt, nur als Fussnote auftaucht. Ende 1939 griff die UdSSR Finnland an und forderte die Abtrennung wichtiger strategischer Gebiete. Finnland verteidigte sich im sogenannten „Winterkrieg“ gegen die Sowjetunion, musste aber ein Jahr später im „Frieden von Moskau“ die umstrittenen Gebiete an die Sowjetunion abtreten. 1941 zog Finnland jedoch gemeinsam mit Deutschland gegen die Sowjetunion in den Krieg, 200&#8242;000 deutsche Soldaten wurden in Finnland stationiert.</p>
<p>Als 1944 Finnland mit der UdSSR einen Waffenstillstandsvertrag abschloss, welcher dem Land die Unabhängigkeit zusicherte, waren über Nacht die deutschen Soldaten zu Feinden geworden, die das Land unverzüglich verlassen mussten. Hunderte von Finninnen, welche sich in deutsche Soldaten verliebt hatten, und diese nicht alleine ziehen lassen wollten, folgten ihnen. Doch in Deutschland angekommen, fanden sie sich in zerbombten Städten wieder und oftmals in Familien, in welchen sie nicht willkommen waren. Teilweise waren ihre Freunde an die Ostfront abkommandiert worden, von welcher sie nicht mehr zurückkamen oder sie waren in ihrer Heimat bereits anderweitig gebunden. Zurück in Finnland wurden die Frauen geächtet und von der Gesellschaft verstossen.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-6230" title="auf wiedersehen finnland" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/09/auf-wiedersehen-finnland.jpg" alt="auf wiedersehen finnland" width="550" height="399" /></p>
<p>Verständlich, dass sie jahrzehntelang nicht über ihre Erlebnisse reden wollten. Über Verwandte lernte die Regisseurin eine dieser Frauen kennen. Sie benötigte jedoch mehrere Jahre, um durch Informationen aus Archiven und polizeiliche Unterlagen drei weitere Frauen aufzuspüren und sie davon zu überzeugen, bei ihrem Filmprojekt mitzumachen. Entstanden ist eine behutsame Annäherung an die vier Protagonistinnen. Da ist Elma, die ihr abgelegenes Haus in Lappland mit selbst hergestellten Wandteppichen dekoriert hat, auf denen Sprüche wie „Vergeben und vergessen“ prangen, mit denen sie sich selbst zu heilen versucht. Wenn sie über ihre Mutter spricht, die sie als „Hure“ betitelt und aus dem Haus gejagt hatte, als sie erfuhr, dass ihre Tochter sich in einen deutschen Soldaten verliebt hatte, ist ihre Stimme immer noch voller Wut und Bitterkeit.</p>
<p>„Ich weiss, es wird einmal ein Wunder geschehn’“ läuft in Terttus Wohnzimmer im Hintergrund, als sie sich an ihren deutschen Freund Manfred erinnert. Ein gebildeter, intelligenter, höflicher Soldat, der während des Krieges Goethes „Faust“ las und ihr das Buch mit Widmung schenkte. Sie zog mit ihm erst nach Norwegen und als ihr Freund wieder nach Deutschland abkommandiert wurde, folgte sie ihm. Sie zögerte aber, während seiner Abwesenheit bei seiner deutschen Familie zu leben. So sahen sie sich in Hamburg das letzte Mal.</p>
<p>Kaisu verliess Finnland mit einem deutschen Soldaten, um vor den Russen zu fliehen. Sie arbeitete zunächst als Chefsekretärin, entschied sich aber, nach Ende des Krieges wieder nach Finnland zurückzukehren. Dort wurde sie tagelang von der finnischen Polizei vernommen wegen des Verdachts, eine deutsche Spionin zu sein. Wie eine nicht bewältigte Vergangenheit das Leben von Menschen der folgenden Generation zerstören kann, wird bei Roosa und ihrem Sohn Fras klar. Fras Mutter, die ihrem deutschen Freund nach Hamburg gefolgt war, deren Wege sich dort aber getrennt hatten, weigerte sich all die Jahre, ihm etwas über die Identität seines deutschen Vaters zu erzählen. Sie steckte ihn, zurück in Finnland, erst in ein Kinderheim. Danach kam er zu einer Tante, die ihn zwar adoptierte, ihn jedoch schlug und als deutschen Bastarden sowie Hurensohn betitelte.</p>
<p>Erst kürzlich fand er heraus, dass sein in Zwischenzeit verstorbener Vater damals in Deutschland bereits verheiratet und wieder zurück zu seiner Familie gezogen war. Seine Halbschwester lehnt jeglichen Kontakt mit ihm ab. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass „Mutter“ einfach nur ein Wort ist“, meint Fras im Film traurig. Virpi Sutari ist mit „Auf Wiedersehen Finnland“ ein eindrückliches Zeitdokument gelungen, in welchem Interviewsequenzen geschickt mit von amerikanischen Truppen erstelltem Archivmaterial und für den Film extra gedrehten, traumartig-meditativen 8mm-Aufnahmen verwoben sind.</p>
<h3>Haista vittu!</h3>
<p>Im Gegensatz zu Virpi Sutari konzentriert sich der ebenfalls aus der nordfinnischen Stadt Rovaniemi stammende Joonas Neuvonen mit seinem Film „<strong>Reindeer Spotting – Escape from Santaland</strong>“, der nun auch am „Zurich Film Festival“ zu sehen sein wird, ganz auf das Hier und Jetzt. Der 31-jährige Neuvoonen nahm zwischen 1999 und 2002 Fotografieunterricht in Edinburgh, London und San Francisco. Zurück in Rovaniemi lebte er von der Sozialhilfe und begann Drogen zu konsumieren. Als er 2003 im Rahmen eines sozialen Projektes eine Videokamera erhielt, fing er an, das Leben seiner ebenfalls drogenabhängigen Freunde und insbesondere dasjenige seines guten Freundes Jani mit der Kamera zu dokumentieren. Jani, damals 19 Jahre alt, finanziert durch Diebstähle und Einbrüche seine Sucht nach Subutex. Dieses künstlich hergestellte Opiat wird in Frankreich Drogenabhängigen kostenlos abgegeben, um vom Heroin loszukommen. In Rovaniemi ist Subutex nur auf dem Schwarzmarkt erhältlich und unter Jugendlichen die Droge Nummer eins. Damit versuchen sie, der Ödnis der nordfinnischen Stadt, welche nur durch das jährliche Rentierrennen unterbrochen wird, zu entkommen.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-6231" title="reindeer spotting" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/09/reindeer-spotting.jpg" alt="reindeer spotting" width="550" height="440" /></p>
<p>„Drogen kamen hier in Lappland sehr spät an, aber sie werden für immer hierbleiben“ meint Jani, der bereits als 14-Jähriger mit dem Konsum begann. Durch seine Drogensucht stiegen auch seine Schulden. Als er bei einem Einbruch 5000 Euro ergattert, zahlt er seine Schulden zurück und begibt sich zusammen mit Joonas auf eine Reise von Rovaniemi nach Frankreich. Im vermeintlichen Subutex-Paradies, in welchem Süchtige das Opiat verkaufen, um sich mit dem Erlös härtere Drogen zu beschaffen, deckt Jani sich mit einer Riesenration ein. Er beginnt, immer höhere Dosen zu konsumieren. Als er mit Joonas in der spanischen Enklave Ceuta in Marokko eintrifft, probiert er zum ersten Mal Heroin. Bald ist das Geld aufgebraucht und Jani, der im Voiceover immer wieder von seinem Traum von einem häuslichen Leben im Süden mit Frau und Kindern erzählt, reist zurück nach Finnland, wo er in den folgenden Jahren immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt gerät und Gefängnisstrafen zu verbüssen hat. Wo Jani mittlerweile steckt, weiss nicht mal der Regisseur Joonas Neuvonen. Die letzten fünf Jahre hat er damit verbracht, 160 Stunden Filmmaterial auf 83 Minuten zusammenzuschneiden. Entstanden ist ein erschütternder, drastischer Dokumentarfilm, „gedreht, geschnitten und fertiggestellt unter Drogen“, wie der Regisseur anmerkte. Diese Innensicht ist es auch, welche „Reindeer spotting“ von ähnlichen Werken unterscheidet und den Film in Finnland zum meistgesehenen Dokumentarfilm aller Zeiten machte.</p>
<h3>Was GPS mit der spanischen Inquisition verbindet</h3>
<p>Potenzial zu einem Publikumshit hätte wohl auch „<strong>Article 12 – Waking up in surveillance society</strong>“ des Argentiniers Juan Manuel Biain gehabt. Auf jeden Fall ist das Thema des Films, die zunehmende Unterminierung von Menschenrechten zum angeblichen Schutze des Bürgers, brandaktuell. Gestützt auf den Artikel 12 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte („Niemand darf willkürlich Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, seine Wohnung und seinen Schriftverkehr oder Beeinträchtigungen seiner Ehre und seines Rufes ausgesetzt werden“) geht Biain der Frage nach, ob es möglich ist, eine sichere Gesellschaft aufzubauen, ohne die Freiheiten der Bürger einzuschränken.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-6232" title="Article 12" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/09/Article-12.jpg" alt="Article 12" width="550" height="400" /></p>
<p>3 Jahre benötigte der Regisseur von der Entwicklung des Films bis zum fertigen Produkt und führte dafür über 40 Interviews: Mit Gesellschaftskritikern wie dem Sprachwissenschaftler und Politikaktivisten Noam Chomsky, dem Musiker und Aktivisten Brian Eno sowie unzähligen Menschenrechtlern, Soziologen, Wissenschaftlern und Hackern. So erfahren wir unter vielem anderem, dass in den USA beim Betreten einer Shopping-Mall ID-Checks durchgeführt werden, dass GPS-Geräte mit dem amerikanischen Militär verbunden sind, Kreditkartenfirmen die Sexualität der Kartenbenutzer anhand der Einkäufe feststellen können, amerikanische Schulen Informationen über die Schüler ungefragt ans Militär weitergeben (zwecks Rekrutierung von Soldaten) und die Fluggesellschaft Jet Blue Airlines Daten der Fluggäste ans Pentagon weiterleitete. Auch der philippinische Überwachungs- und Folterstaat wird angesprochen, ja sogar einen geschichtlichen Exkurs ins 15.Jahrhundert enthält der Film, indem er darauf aufmerksam macht, dass damals bereits Tomas de Torquemada mit seinem inquisitorischen Verwaltungsapparat den Grundstein für die spanische Inquisition und somit die Verfolgung von Ketzern legte.</p>
<p>Bindeglied zwischen den einzelnen Interviewsequenzen sind nachgestellte Szenen, in denen Hacker den British Telecom-Turm, das UNO-Hauptgebäude in New York, usw. lahmlegen. Etwas lahm fühlt sich nach 76 Minuten auch der Zuschauer ob der Fülle an Informationen, welche etwas gar ungeordnet in akustischer und visueller Form von der Leinwand auf ihn einprasselten. Filmen wie diesem täte die Fokussierung auf weniger Gesprächspartner und die Bündelung der Aussagen auf jeden Fall gut.</p>
<h3>Hop around the planet</h3>
<p>Ebenfalls auf eine Reise um die halbe Welt führen uns Joshua Atesh Litle, Amerikaner mit türkischen Wurzeln, und sein Werk „<strong>The Furious Force of Rhymes</strong>“. Es war zwar nicht der einzige Film im diesjährigen Locarno-Programm, bei dem das Stillsitzen schwer fiel, jedoch hatte es in diesem konkreten Fall nichts mit der Qualität des Gezeigten, sondern mit dem Inhalt zu tun: Der Film ist ein geschichtlicher Diskurs über die Herkunft des Hip- Hop, dessen Siegeszug über den ganzen Globus und die mit diesem Musikstil verknüpften politischen Inhalte. Hip-Hop enstand Anfang der Siebzigerjahre innerhalb der afroamerikanischen, latinoamerikanischen und jamaikanischen Gemeinschaften in New Yorks Bronx.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-6233" title="furious force" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/09/furious-force.jpg" alt="furious force" width="550" height="399" /></p>
<p>DJ Kool Herc verwendete als erster den Begriff des Hip-Hop. Einzelne Phrasen, die er zur Musik übers Mikrofon dem Publikum verkündete, verbanden sich zu Sätzen und schliesslich zu ganzen Versen. Dies war die Geburtsstunde der Master of Ceremonies und somit der Rapper. Immer komplexere Improvisationen und Wortschöpfungen entstanden, die sich meistens sozialen und politischen Themen annahmen. Schnell breitete sich der Hip-Hop auf der ganzen Welt aus. Der Film folgt diesem Siegeszug zunächst von New York nach Frankreich, wo 1984 Radio 7 als erste Station eine Hip-Hop-Sendung ins Programm aufnahm. Ethnische Spannungen und soziale Krisen im Land bildeten einen fruchtbaren Boden für eine eigene, lebhafte französische Hip-Hop-Szene.</p>
<p>Als nächstes wirft der Film einen Blick auf Deutschland, im speziellen die Berliner Szene, wo insbesondere in „heissen“ Quartieren wie Kreuzberg und Marzahn der Hip-Hop einen hohen Stellenwert genoss und immer noch geniesst. Im Westjordanland besuchte Litle die Mitglieder von „System Ali“  (der einzigen Rap-Gruppe des mittleren Ostens, die sowohl aus muslimischen als auch jüdischen Musikern besteht) sowie die fantastische Shadia Mansour, wohl DIE Entdeckung des Films. Die musikalische Reise auf den Spuren des Hip-Hop endet schliesslich im Senegal und beschliesst einen sowohl formal als auch inhaltlich überzeugenden Film.</p>
<h3>Der Preissegen</h3>
<p>Die Jury bestehend aus Walter Hügli (Schweiz), Neptune Ravar Ingwersen (Schweiz) und Luis Martinez Lopez (Spanien) verlieh den SRG SSR idée/Semaine de la critique Preis, dotiert mit CHF 8&#8242;000.- an:<br />
 „Reindeer Spotting – Escape from Santaland“</p>
<p>Besondere Erwähnungen erhielten:<br />
 „Blood Calls you“ sowie „The Furious Force of Rhymes“</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p><strong>Im Netz</strong><br />
 <a href="http://www.semainedelacritique.ch" target="_blank">www.semainedelacritique.ch</a></p>
<p><a href="http://www.schiff-des-torjaegers.de" target="_blank">www.schiff-des-torjaegers.de</a><br />
 <a href="http://www.mantarayfilms.se/news_det.asp?id=76" target="_blank">www.mantarayfilms.se/</a> (Blood calls you)<br />
 <a href="http://www.forrealproductions.fi/en/movie/66" target="_blank">www.forrealproductions.fi/</a> (Auf Wiedersehen Finnland)<br />
 <a href="http://www.reindeerspotting.com" target="_blank">www.reindeerspotting.com</a><br />
 <a href="http://www.article12themovie.com" target="_blank">www.article12themovie.com</a><br />
 <a href="http://www.furiosrhymes.com" target="_blank">www.furiosrhymes.com</a></p>
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		<item>
		<title>Interview mit Hans Ruprecht</title>
		<link>http://www.nahaufnahmen.ch/2010/07/28/interview-mit-hans-ruprecht/</link>
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		<pubDate>Wed, 28 Jul 2010 16:04:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christoph Aebi</dc:creator>
				<category><![CDATA[Veranstaltungen]]></category>
		<category><![CDATA[Hans Ruprecht]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturfestival Leukerbad]]></category>

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		<description><![CDATA[<a href=http://www.nahaufnahmen.ch/2010/07/28/interview-mit-hans-ruprecht/><img src=http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/07/HansRuprecht-150x150.jpg class=imgtfe hspace=10  vspace=5 align=left width=150  border=0></a>Hans Ruprecht, Programmleiter des Literaturfestivals Leukerbad, erzählt, was er von E-Books und Helene Hegemann hält, warum die Autoren und Autorinnen trotz bescheidener Honorare gerne nach Leukerbad reisen und wie er zwischen Schriftstellern Verkupplungsarbeit leistet.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h1>“Die Qualität ist für mich ein wichtiger Entscheidungsträger”</h1>
<h2>Literaturfestival Leukerbad: Interview mit Hans Ruprecht</h2>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-4766" title="HansRuprecht" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/07/HansRuprecht.jpg" alt="HansRuprecht" width="550" height="497" /></p>
<h3>Hans Ruprecht, Programmleiter des Literaturfestivals Leukerbad, erzählt, was er von E-Books und Helene Hegemann hält, warum die Autoren und Autorinnen trotz bescheidener Honorare gerne nach Leukerbad reisen und wie er zwischen Schriftstellern Verkupplungsarbeit leistet.</h3>
<p>Von Christoph Aebi.</p>
<p><strong>nahaufnahmen.ch: Herr Ruprecht, wie sieht, kurz vor Ende des 15. Internationalen Literaturfestivals Leukerbad, Ihre Bilanz der diesjährigen Ausgabe aus?</strong></p>
<p>Hans Ruprecht: Der wichtigste Teil ist bereits vorbei, jetzt folgen noch die drei Nachmittagslesungen. Ich bin sehr zufrieden mit dem Verlauf des Festivals. Die Stimmung unter den Autoren und dem Publikum war grossartig.</p>
<p><strong>Welches war Ihr persönlicher Festivalhöhepunkt?</strong></p>
<p>Jeder Besucher und jede Besucherin hat seine eigenen Eindrücke, seine Favoriten, die als Erinnerung bleiben. Stark beeindruckt hat mich die Lesung von Laszlo Krasznahorkai, auch weil sein neues Buch grossartig ist. Der Samstagabend mit den Kurzlesungen war ebenfalls sehr gut und kam sehr dicht daher. Ich war natürlich viel unterwegs und konnte mir nicht alles anhören. Das ist das Los des Veranstalters, dass er immer ein bisschen im Hintergrund ist. Die Diskussion am Samstagnachmittag über die Verlags- und Literaturförderung in der Schweiz war höchst emotional und zeigte die Situation des Umbruchs, welche im ganzen Literaturbetrieb herrscht, gut auf. Lösungsvorschläge und Ideen sind viele vorhanden, aber niemand kann sagen, wie es weitergehen soll. Ich denke da beispielsweise an die ganze E-Book-Geschichte, welche ich ebenfalls verfolge. Das E-Book ist ein Hilfsmittel &#8211; so sehe ich es zumindest &#8211; und ich glaube nicht, dass es das Buch verdrängen wird. Bei allen technischen Neuerungen gibt es zu Beginn jeweils eine unheimliche Euphorie. Eine neue Ära wird propagiert. Was dann jeweils eintrifft, sieht &#8211; nüchtern betrachtet &#8211; ganz anders aus.</p>
<p><strong>Das diesjährige Programm war sehr abwechslungsreich und hatte für alle Geschmäcker etwas zu bieten. Da für das Festival kein übergreifendes Thema besteht, habe ich mich gefragt: Wie haben Sie das Programm zusammengestellt und die Autoren und Autorinnen ausgewählt? </strong></p>
<p>Ich bin kein Freund von Themen. Auch wenn man eines hat, wird man es nie erfüllen können. Mir ist es wichtig, die ganze Palette von Literatur präsentieren zu können: von anspruchsvollen, hochstehenden Literaten –angeblich hochstehend, das muss man auch immer wieder diskutieren – bis zur Unterhaltungsliteratur. Es gibt sehr intelligente Unterhaltung, aber auch Grenzbereiche, wo das Niveau zu tief sinken kann. Die Qualität ist für mich ein wichtiger Entscheidungsträger.<strong> </strong></p>
<p><strong>Wo ist denn für Sie die Grenze?</strong></p>
<p>Beispielsweise bei Charlotte Roche oder bei Frau Hegemann. Allerdings war die ganze Diskussion rund um ihr Buch auch ein bisschen das Problem des deutschen Feuilletons. Wenn man so will, hatten wir dieses Jahr mit Airen das Original statt der Kopie hier. Es gibt für mich schon gewisse Grenzen, wo ich sagen muss, dass dies mit Qualität und Literatur nicht mehr viel zu tun hat, sondern mit einem Markt und diesen bediene ich hier natürlich nicht. Es ist nicht meine Aufgabe, Sachen, die reine Mediengeschichten sind und mit Literatur nichts mehr zu tun haben, zu machen.</p>
<p><strong>Wie einfach oder schwierig ist es, bekannte Autoren nach Leukerbad zu holen?</strong></p>
<p>Ich bezahle ein Einheitshonorar und mache keinen Unterschied zwischen bekannten und unbekannten Autoren. Dafür investiere ich lieber in die Gastfreundschaft und den Aufenthalt. Das hat eine andere Qualität und Nachhaltigkeit, als wenn man ein grosses Honorar bezahlen würde. Das Literaturfestival Leukerbad hat inzwischen europaweit einen ganz grossen Ruf. Wenn ich in Berlin, Wien oder Hamburg bin, da kennt man unser Festival. Die Verlage unterstützen das Festival indirekt, indem sie ihren Autoren, trotz den etwas tieferen Honoraren, zureden, dass sie an das Festival gehen sollen. Die Autoren, welche hier waren, sind jeweils begeistert. Das trägt weiter und ist das Kapital von Leukerbad. Deshalb habe ich keine Probleme, grössere Namen hierherzuholen. Alexander Kluge war mal hier. Margriet de Moor hat mir zwei Jahre nach ihrem Auftritt eine Mail geschickt, ob sie wieder ans Festival kommen dürfe. Leukerbad ist also sehr beliebt. Ein Aufenthalt hier ist sehr angenehm. Man kann ihn geniessen und kommt in Kontakt mit Leuten, kommt mit Lesern und Leserinnen ins Gespräch, und zwar in einer sehr unakademischen Form.</p>
<p><strong>Was Leukerbad so speziell macht, sind die verschiedenen Orte, an denen Lesungen stattfinden: Auf der Gemmi, in der Dalaschlucht, in einem ehemaligen Bad. Der Trend an Literaturfestivals geht zur Veranstaltung von Lesungen an etwas ungewöhnlichen, oftmals zum Thema der Bücher passenden Örtlichkeiten. Gibt es für Sie in Leukerbad neue Orte, die Sie gerne ebenfalls für Lesungen nutzen würden?</strong></p>
<p>Dazu muss ich sagen, dass diese Orte, welche gar nicht so aussergewöhnlich sind, schon lange bestehen. Die Veranstaltung von Lesungen in diesen Lokalitäten hat sich einfach so ergeben, wir haben nicht spezifisch danach gesucht. Die Dalaschlucht wurde vor ein paar Jahren erschlossen. Nun findet dort ein Spaziergang mit zwei Kurzlesungen statt, um den Autor ein wenig vorzustellen. Auf der Gemmi findet eine einzige Lesung um Mitternacht statt, ebenso eine Lesung im römisch-irischen Bad am Sonntagmorgen Das alte Bad ist vom Raum her ideal, da 200-300 Leute Platz finden. Die Lesungen waren deshalb immer dort und nicht, weil wir bei einem Trend mitgemacht hätten. Leukerbad ist nicht sehr gross. Man kann deshalb das Festival nicht vergrössern, nur inhaltlich verdichten. Der Platz für eine Vergrösserung ist gar nicht da und somit muss man an Räumlichkeiten nehmen, was vorhanden ist. Man kann kein neues Haus bauen; das ist auch gar nicht vorgesehen.</p>
<p><strong>In Leukerbad gibt es im Gegensatz zu den Literaturtagen in Solothurn nach den Lesungen keine Gespräche mit den Autoren. Einzelne Gespräche finden während sogenannten „Hors d’oeuvres“ statt. War es eine bewusste Entscheidung, Lesungen und Gespräche zu trennen? </strong></p>
<p>Ja, das war sehr bewusst. Ich finde Gespräche mit Autoren sehr wichtig, habe jedoch auch qualitative Ansprüche. Oft ist es so, dass Publikumsgespräche mit Autoren nicht sehr gut funktionieren. Der Moderator muss sich gut vorbereiten und jemand sein, der eine gewisse Erfahrung und Professionalität hat. Von den Örtlichkeiten her erübrigen sich hier in Leukerbad Publikumsdiskussionen &#8211; und gespräche sowieso ein wenig, da man mit den Autoren automatisch in Kontakt kommt. Die Autoren sind jeweils drei Tage hier anwesend und man hat immer die Möglichkeit, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, sie anzusprechen und direkt Fragen zu stellen. Das ist manchmal ehrlicher, als in einer Masse irgendwelche Voten herauszugeben. Speziell bei Lesungen in Buchhandlungen – das ist zwar ein anderer Bereich und ein anderes Publikum -  habe ich es schon erlebt, dass Leute manchmal wirklich Dinge fragen, die unter der Gürtellinie sind. Bei einer persönlichen Begegnung würden sie die Fragen nie in dieser Form stellen.</p>
<p><strong>Die Lesungen sind mit 35-40 Minuten eher kurz. Manchmal würde man die Autoren gerne etwas länger hören. </strong></p>
<p>Es ist ein Festival, bei dem man jede Stunde die Örtlichkeiten wechseln und sich sein Programm selber zusammenstellen kann. Die meisten Autoren lesen zweimal. Die zehnminütigen Kurzlesungen am Samstagabend sind ein Querschnitt durchs Festivalprogramm. Dafür wähle ich Autoren aus, die Texte haben, welche für eine solche Lesung geeignet sind. Beispielsweise gäbe eine Kurzlesung mit Rolf Lappert, dessen Romane sehr episch sind, überhaupt keinen Sinn. Oftmals ist es aber auch so, dass viele Autoren und Autorinnen, wenn sie hier oben zu Gast sind, plötzlich mit Texten hervorkommen, welche sie noch nie zuvor gelesen haben. Das hat wohl mit der Atmosphäre zu tun, dass sie sich sagen, hier mache ich etwas anderes, was ich vorher noch nie gemacht habe.</p>
<p><strong>Ihnen liegt viel daran, die Literatur unter die Leute zu bringen und Menschen zum Lesen anzuspornen. Neben Leukerbad veranstalten Sie ebenfalls das Literaturfest in Bern, während welchem in der Altstadt und in kleineren Gemeinden ausserhalb Berns Lesungen stattfinden. Woher kommt Ihre grosse Leidenschaft für die Literatur?</strong></p>
<p>Das ist schwer zu sagen. Ich habe lange Musikveranstaltungen im zeitgenössischen Bereich organisiert. Seit zwölf Jahren mache ich Literaturveranstaltungen, seit vier Jahren bin ich selbständig. Ich organisiere Leukerbad, das Berner Literaturfest, welches alle zwei Jahre stattfindet, und bin viel im Ausland tätig: in Krems, Wien, Berlin. Seit zwei Jahren präsentiere ich Schweizer Literatur in der Ukraine. Letzten Herbst habe ich dort eine Tournee mit Pedro Lenz, Raphael Urweider, Serhij Zhadan und Juri Andruchowytsch durchgeführt. Das war ein Riesenerfolg. Pedro und Raphael waren begeistert, da sie so etwas noch nie erlebt hatten. Momentan habe ich viele Projekte in Arbeit, welche jedoch erst im nächsten Jahr zum Tragen kommen.</p>
<p><strong>Ein kleiner Ausblick auf das nächste Jahr: Welchen Autor oder welche Autorin möchten Sie gerne einmal hier in Leukerbad präsentieren?</strong></p>
<p>Ich habe eine ganze Liste mit Wunschautoren. Darunter gibt es natürlich Literatur, die etwas komplizierter ist, aber hier genauso ihren Platz hat. Ich frage immer wieder Autoren, welche auf meiner Wunschliste stehen, an. Manchmal dauert es eine gewisse Zeit, bis es klappt. Charles Simic beispielsweise hat mir vor Jahren zugesagt und musste mir wieder absagen, weil er das Jahr verwechselt hat. Das kann natürlich auch passieren. Ein Jahr später kam er dann und hatte einen grossartigen Auftritt. Im selben Jahr war Colum McCann ebenfalls anwesend und ich wusste, dass sich die beiden Autoren gegenseitig sehr schätzen. Sie trafen sich hier oben in Leukerbad zum ersten Mal und haben ausgiebig miteinander diskutiert. Viele Autoren entdecken hier andere Schriftsteller. Manchmal ist es schon fast eine Art Verkupplungsarbeit, wenn man weiss: Das ist etwas, was sehr nahe beieinander liegt. Aus solchen Begegnungen ergibt sich ab und zu auch etwas. Einige Autoren beziehen Leukerbad in ihre Arbeit ein. Ein Teil des vorletzten Romans von Andrej Kurkow, welcher in 25 Sprachen übersetzt wurde, spielt in der Schweiz &#8211; wobei die Schweiz bei ihm nur aus Zürich und Leukerbad besteht. Da gibt es also sehr viel, was literarisch umgesetzt wird.</p>
<p><strong>Herr Ruprecht, besten Dank für dieses Gespräch. </strong></p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p><strong>Im Netz</strong></p>
<p>Das 16. Internationale Literaturfestival Leukerbad findet vom 1. bis 3. Juli 2011 statt.<br />
 <a href="http://www.literaturfestival.ch" target="_blank">www.literaturfestival.ch</a></p>
<p>Das Literaturfest Bern 10 (mit Lesungen u.a. von Peter Bichsel, Urs Widmer, Judith Hermann, Milena Moser und Pedro Lenz) findet vom 25. bis 28. August 2010 statt. <br />
 <a href="http://www.berner-literaturfest.ch" target="_blank">www.berner-literaturfest.ch</a></p>
<address>Hans Ruprecht, 58, studierte nach einer Lehre als Tiefbauzeichner an der Essener Folkwangschule Schauspielerei und Theaterregie. Von 1987 bis 2007 veranstaltete er unter dem Label „Taktlos Bern“ Konzerte, welche Jazz und improvisierte Musik mit Literatur verbanden. Ende der 90er-Jahre begann er mit der Durchführung von „Trafo-Lesungen“ in der Berner Dampfzentrale. 2006 übernahm Hans Ruprecht von Ricco Bilger die Leitung und Programmierung des Internationalen Literaturfestivals Leukerbad. Im gleichen Jahr initiierte er das erste Berner Literaturfest und gründete seine auf Literaturvermittlung und –veranstaltungen spezialisierte Firma „Sprachform“. 2008 verlieh ihm der Kanton Bern den Kulturvermittlungspreis. </address>
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