“The Future” von Miranda July

Nach „Me and You and Everyone We Know“ verzaubert uns Miranda July mit einem weiteren fabelhaften Erwachsenenmärchen. Die infantile Absurdität des Erstlings wird als Stimmungsrahmen beibehalten, jedoch strapaziert durch den Lastcharakter des Zeitbewusstseins und (zwischen-)menschliche Orientierungsschwierigkeiten.

“A Separation” von Asghar Farhadi

Die Berlinale ist bekannt dafür, dass bei der Wahl des besten Films politische Beweggründe stärker gewichtet werden als ästhetische. Doch in diesem Fall dürfte die politische Betroffenheit kaum den Ausschlag gegeben haben. Denn bei „A Separation“ handelt es sich nicht um politisches Kino, auch wenn es ein iranischer Film ist. Eine joviale Sozialromantik kommt eindeutig zu kurz – dafür blüht das Cineastische um so mehr auf. Eindrückliches Kino über universelle menschliche Konfliktlinien.

Ideologie vs. Lehrauftrag 2

In „Der Sonntag“ vom 28./29.5.11 wurde der Fall des für seine Vergangenheit bestraften Zürcher Uniassistenten, über den wir im März berichtet haben, noch einmal aufgerollt und mit angeblich neuen, investigativen Fakten angereichert. Diese Wiederaufnahme des Ereignisses soll im Folgenden als Ausgangspunkt für ein weiteres Nachdenken dienen.

“Live aus PEEPLI. Irgendwo in Indien” von Anusha Rizvi

Eine unterhaltsame Medien- und Politsatire aus Indien – frei von kitschigen Bollywood-Künstlichkeiten und auch ohne die atemlose und überästhetisierte Romantik von „Slumdog Millionaire“. Mit reichlich schwarzem Humor und einer Prise sozialkritischer Melancholie hinterfragt Anusha Rizvi in ihrem Filmdebüt die perversen Mechanismen der Medienindustrie.

Ideologie vs. Lehrauftrag

Die Zeit heilt alle Wunden? Ein Allgemeinplatz, der selten zutrifft. Denn sehr oft reisst die Vergangenheit zugewachsene Wunden wieder auf und lässt die untröstliche Gegenwart mit ihren moraldurchtränkten Tentakeln erbarmungslos darin wühlen. Bei dem hier aufgefrischten Wundmal handelt es sich um eine Irritation, eine Verwirrung auf der Suche nach geistiger Orientierung.

“Songs of Love and Hate” von Katalin Gödrös

Überzeugendes Kino aus der Schweiz – ja, das gibt es: Katalin Gödrös wartet mit einem subtilen Familiendrama auf, jenseits stumpfsinniger Psychologisierung und pathetischer Bewirtschaftung von Emotionen. Statt abgedroschenen Erklärungsbemühungen und empörter Drastik vertraut sie bei ihrer Darstellung menschlicher Irritationen auf feine Schattierungen und leise Töne.

“Precious“ von Lee Daniels

Das Leben ist hart und schmerzvoll. Erst recht, wenn man eine minderjährige, dunkelhäutige und dicke Analphabetin aus Harlem ist. Lee Daniels möchte uns in seiner zweiten Regiearbeit mitteilen, wie besonderes und edel jeder einzelne Mensch ist. Und das tut er in solider Hollywood-Manier.

“The Book of Eli“ von Albert & Allen Hughes

Das Kinopublikum wünscht in erster Linie, und das ist absolut legitim, gut inszeniertes Spektakel, wobei das Popcorn nicht im Hals stecken bleibt. Wenn dabei noch, quasi als Kollateral-Schaden, eine Botschaft aus dem Kinosaal mitgenommen werden kann – umso besser. Im neuen Film der Gebrüder Hughes hingegen dient die Kunstform Film in erster Linie als Trägerin eines frommen christlichen Sendungsbewusstseins. Und das ist äusserst fragwürdig.

“Three Monkeys“ von Nuri Bilge Ceylan

Der türkische Regisseur Nuri Bilge Ceylan ist der Tiefenforscher und der Stilist unter den Realisten. “Three Monkeys” lotet existentielle Notsituationen mit den Mitteln des Kinos aus. Ein, vor allem in formaler Hinsicht, betörender und verstörender Film.

“Elegy” von Isabel Coixet

Isabel Coixet legt mit “Elegy” eine nett anzuschauende Literaturverfilmung vor. Der Romanvorlage “Das sterbende Tier” von Philip Roth wird sie dabei bei weitem nicht gerecht. Ihr Film romantisiert zusehends mit schönen Bildern, statt zu versuchen, die Verzweiflungen und Verwerfungen der maskulinen Triebwelt zu ergründen.

“Lluvia” von Paula Hernandez

Im zweiten Spielfilm der argentinischen Filmemacherin Paula Hernandez spielt der Regen die Hauptrolle. Hinter den Tropfen spielt sich eine Geschichte über ein Zufallstreffen zweier Menschen in Buenos Aires ab. Doch was sich hinter dem Nass abspielt, ist weniger von Bedeutung. Die Umsetzung ist entscheidend, die Form steht im Vordergrund. Die stille Geschichte dahinter ist schnell erzählt, was übrig bleibt, ist der Eindruck der Bilder.

“Jugend ohne Jugend” von Francis Ford Coppola

Es gibt viele Kultregisseure. Francis Ford Coppola ist wirklich einer. “Jugend ohne Jugend” ist nach über zehn Jahren seine erste Regiearbeit. Ein eigenwilliger Film eines Altmeisters.

“Qué tan lejos“ von Tania Hermida

Beim Regiedebut Tania Hermidas steht Ecuador mit seinen weiten und verlassenen Landschaften im Mittelpunkt. Es geht um das Unterwegssein und um menschliche Begegnungen. “Que tan lejos” (Wie weit noch) ist ein zum Reisen anregender Film. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

“La Zona” von Rodrigo Pla

Irgendwann in Mexiko. Reiche Menschen haben sich einen goldenen Käfig gebaut, sie leben in einem von hohen Mauern geschützten und mit Kameras überwachten Villenviertel, genannt “La Zona”. Als drei junge Männer aus dem Armenviertel in den elitären Mikrokosmos eindringen, eskalieren die Ereignisse – und die Bewohner der Zone üben sich in Selbstjustiz.

“Control” von Anton Corbijn

Der Photograph und Videoregisseur Anton Corbijn legt mit “Control” seinen ersten Spielfilm vor. Ein stilistisch überzeugendes Porträt über Ian Curtis, den Sänger der englischen Rockgruppe Joy Division, der sich am 18. Mai 1980 im Alter von 23 Jahren erhängte. Die Buchvorlage “Touching from a Distance” stammt von der Witwe Deborah Curtis.

“Rosa Luxemburg” von Margarethe von Trotta

Rosa Luxemburg ist eine der wenigen Frauen unter den linken Ikonen des letzten Jahrhunderts und eine der schillerndsten Persönlichkeiten in der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie. Margarethe von Trottas Film aus dem Jahre 1986 ist ein hübsch anzusehendes Porträt einer Frau, die für Ihre Überzeugungen lebte – und sterben musste.