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	<title>nahaufnahmen.ch &#187; Literatur</title>
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	<description>Das Magazin im Netz</description>
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		<title>Michael Kleeberg: „Das amerikanische Hospital“</title>
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		<pubDate>Thu, 02 Sep 2010 15:09:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Fee Anabelle Riebeling</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Neuerscheinungen]]></category>
		<category><![CDATA[Das amerikanische Hospital]]></category>
		<category><![CDATA[Kriegstrauma]]></category>
		<category><![CDATA[künstliche Befruchtung]]></category>
		<category><![CDATA[Michael Kleeberg]]></category>
		<category><![CDATA[Pazifismus]]></category>
		<category><![CDATA[posttraumatische Belastungsstörung]]></category>
		<category><![CDATA[Unfruchtbarkeit]]></category>

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		<description><![CDATA[<a href=http://www.nahaufnahmen.ch/2010/09/02/michael-kleeberg-%e2%80%9edas-amerikanische-hospital%e2%80%9c/><img src=http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/09/dasamerikanischehospital-150x150.jpg class=imgtfe hspace=10  vspace=5 align=left width=150  border=0></a>Hélène wünscht sich nichts sehnlicher als ein Kind, David nichts mehr als Geschehenes endlich hinter sich lassen zu können. Die beiden kennen einander nicht. Doch auf der Suche nach Erfüllung begegnen sich die Pariserin und der Amerikaner in der Empfangshalle des amerikanischen Hospitals zu ersten Mal. Ihre Weltansichten könnten nicht gegensätzlicher sein und trotzdem finden sie zusammen. Was zunächst nur zufällig passiert, ist später Absicht.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Das geht unter die Haut</strong></h1>
<h2>Michael Kleeberg: „Das amerikanische Hospital“<strong> (Roman) <br />
 </strong></h2>
<h3><strong>Hélène wünscht sich nichts sehnlicher als ein Kind, David nichts mehr als Geschehenes endlich hinter sich lassen zu können. Die beiden kennen einander nicht. Doch auf der Suche nach Erfüllung begegnen sich die Pariserin und der Amerikaner in der Empfangshalle des amerikanischen Hospitals zu ersten Mal. Ihre Weltansichten könnten nicht gegensätzlicher sein und trotzdem finden sie zusammen. Was zunächst nur zufällig passiert, ist später Absicht.</strong></h3>
<p><strong> </strong></p>
<p>Von Fee Anabelle Riebeling.</p>
<p><img class="alignright size-full wp-image-6040" title="dasamerikanischehospital" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/09/dasamerikanischehospital.jpg" alt="dasamerikanischehospital" width="200" height="319" />Michael Kleeberg nimmt seine Leser mit auf die Reise in eine andere Welt. Leicht ist diese nicht. Inhalt und Sprache wiegen schwer. Hélène und David kämpfen jeder seinen eigenen Kampf. Sie leiden Qualen. Kleebergs Sprache ist gewaltig. Doch gleichzeitig ist sein Stil wunderbar sanft, ja, beinahe schon zurückhaltend. Das verleiht dem Geschriebenen eine den Leser beinahe erdrückende Macht. Dank der präzisen Schreibe des Autors spielt sich die Geschichte der beiden Gequälten stets auch vor dem inneren Auge ab. Das verstärkt den Effekt.<strong><br />
 </strong></p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p><strong>Traurige Helden</strong><br />
 Ihr Leben könnte so wunderbar sein. Hélène ist gerade einmal dreissig Jahre alt, ihre Ehe verläuft glücklich, die Finanzen stimmen und auch, dass der zweite Golfkrieg für beendet erklärt wurde, müsste die Pazifistin positiv stimmen. Doch ihre Unfruchtbarkeit trübt die Stimmung. Ein eigenes Kind würde ihrem Leben einen neuen Sinn geben. Der Meinung ist auch ihr Ehemann: Eine künstliche Befruchtung soll weiterhelfen. Bei einer Nachsorgeuntersuchung nach dem grossen Eingriff kommt es zu der Begegnung, die ihr Leben prägen soll. Vor ihren Augen bricht David, der Amerikaner zusammen.</p>
<p>Auch er sucht in dem Spital ärztliche Hilfe, denn die Bilder in seinem Kopf wollen nicht verschwindet. Er ist Soldat – und er war im Krieg. Mittendrin. Er hat Freund und Feind fallen sehen. Und genau diesen Szenen begegnet er immer wieder. Aus dem einst kräftigen Kämpfer ist ein gebrechlicher Mann geworden, der zusammenzuckt, wenn irgendwo eine Tür ins Schloss fällt. Er versucht stark zu sein, doch erst als er Hélène trifft, die ihm beisteht, ohne auch nur das Geringste über ihn zu wissen, schafft er es. Oder ist es vielleicht gerade, weil sie nicht weiss, dass er bei der Armee ist?<strong><br />
 </strong></p>
<p><strong>Schicksalhafte Begegnung</strong><br />
 Hélène ist erschüttert, als sie erneut auf David trifft – zum einen, weil sie erfährt, dass es mit der künstlichen Befruchtung nicht geklappt hat und ihr wohlmöglich noch viele solche Fehlversuche bevorstehen, zum anderen, weil sie realisiert, dass der freundliche Amerikaner ein Uniformträger und alles andere als ein Pazifist ist. Erst viele weitere zufällige Begegnungen später realisieren die beiden, was sie aneinander haben. Und sie sind nicht bereit, dieses Glück aufzugeben.</p>
<p>Ein toller Roman, der nachhallt.</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p>Titel: Das amerikanische Hospital<br />
 Autor: Michael Kleeberg<br />
 Verlag: DVA Deutsche Verlags-Anstalt<br />
 Seitenzahl: 240<br />
 Richtpreis: CHF 33.90</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Saïd Sayrafiezadeh: &#8220;Eis essen mit Che&#8221;</title>
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		<pubDate>Sat, 28 Aug 2010 10:48:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sandra Despont</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Neuerscheinungen]]></category>
		<category><![CDATA[Eis essen mit Che]]></category>
		<category><![CDATA[Erinnerungen]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunismus]]></category>
		<category><![CDATA[Saïd Sayrafiezadeh]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialistische Arbeiterpartei]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>

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		<description><![CDATA[<a href=http://www.nahaufnahmen.ch/2010/08/28/said-sayrafiezadeh-eis-essen-mit-che/><img src=http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/08/eisessenmitche-150x150.jpg class=imgtfe hspace=10  vspace=5 align=left width=150  border=0></a>In „Eis essen mit Che“ erinnert sich Saïd Sayrafiezadeh an die grösstenteils traurige Kindheit eines Jungen namens Saïd Sayrafiezadeh, dessen Leben durch ideologisch verblendete Eltern zeitweise zu einem komplizierten Spiessrutenlauf wurde. Erstaunlicherweise ist der Roman aber frei von Bitterkeit. Mitfühlend, bewegend und mit einem trotz allem liebevollen Blick auf die seltsame Familie Sayrafiezadeh erzählt der Autor von einer Kindheit ohne Skateboard und Weintrauben.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Warten auf die Weltrevolution</strong></h1>
<h2>Saïd Sayrafiezadeh: &#8220;Eis essen mit Che&#8221; (Roman)</h2>
<h3><strong>In „Eis essen mit Che“ erinnert sich Saïd Sayrafiezadeh an die grösstenteils traurige Kindheit eines Jungen namens Saïd Sayrafiezadeh, dessen Leben durch ideologisch verblendete Eltern zeitweise zu einem komplizierten Spiessrutenlauf wurde. Erstaunlicherweise ist der Roman aber frei von Bitterkeit. Mitfühlend, bewegend und mit einem trotz allem liebevollen Blick auf die seltsame Familie Sayrafiezadeh erzählt der Autor von einer Kindheit ohne Skateboard und Weintrauben.</strong></h3>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p>Von Sandra Despont.</p>
<p><img class="alignright size-full wp-image-6006" title="eisessenmitche" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/08/eisessenmitche.jpg" alt="eisessenmitche" width="200" height="344" />Wenn die Weltrevolution kommt, wird alles gut. Dann wird es gratis Skateboards für alle geben, sogar für den kleinen Saïd Sayrafiezadeh, der nicht so recht verstehen kann, warum alle seine Freunde trotz fehlender Weltrevolution bereits jetzt eins haben. Leicht ist es nicht, ausgerechnet in den USA in Erwartung einer gerechten kommunistischen Gesellschaft ein moralisch einwandfreies Leben zu führen. Dass es nicht nur schwierig, sondern geradezu absurd ist, zeigt sich umso deutlicher aus der Perspektive eines kleinen Jungen, der die enge Weltanschauung seiner Eltern mit dem Verlust seiner Kindheit bezahlt.<strong><br />
 </strong></p>
<p><strong>Leiden, und zwar beträchlich</strong><br />
 Saïd lebt mit seiner Mutter in Armut. Und das, obwohl seine Mutter „gebildet, belesen, redegewandt“ ist, einen Universitätsabschluss besitzt und nur wenige Minuten entfernt ihr reicher und spendabler Bruder lebt. Doch „zu leiden, und zwar beträchlich – darum ging es.“ Als vorbildliches Mitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei der USA erlegt Saïds Mutter sich und ihrem Jungen ein erbärmliches Leben auf und inszeniert ihre selbstgewählte Armut wirkungsvoll in dem Glauben, dass „Elend ehrenvoll, Not tugendhaft und Leiden vornehm ist.“ Als ihr Mann sie verlässt, nimmt sie das wie selbstverständlich hin, denn natürlich geht die Beförderung der sozialistischen Weltrevolution auch im Iran jeder Pflicht als Ehemann und Vater vor. So verliert Saïd seinen Vater kurz nach seiner Geburt an einen hehren Zweck, was ihn aber nicht davon abhält, seinen Vater schmerzlichst zu vermissen. Der Kontakt reisst zwar nie ganz ab, doch er bleibt sporadisch und unpersönlich. Immer, so lernt Saïd rasch, steht die Partei, immer steht die Hinarbeit auf die Weltrevolution vor seinen selbstsüchtigen persönlichen Bedürfnissen wie etwa dem, Weintrauben zu essen.<strong><br />
 </strong></p>
<p><strong>Wunsch + Verlangen + Diebstahl = Revolution!</strong><br />
 Es ist eine so aussergewöhnliche wie traurige Kindheit, die Saïd Sayrafiezadeh beschreibt. Schon als kleiner Junge steht er stundenlang mit seiner Mutter auf der Strasse, um Passanten den „Militant“ zu verkaufen, an Demonstrationen schreit er sich für die Rechte der Frau die Lunge aus dem Leib und bei den nationalen Jahrestagungen singt er über seine Unterdrückung durch Arbeitgeber und Vermieter. Der kleine Revolutionär nimmt lange Busfahrten auf sich, obwohl es eine Schule direkt um die Ecke gäbe, er verbringt zahllose angstvolle Abende alleine zu Hause, während seine Mutter an Komiteesitzungen ist, und verzichtet heroisch, wenn auch sehr unwillig auf Weintrauben, bis er eines Tages die Lösung findet: Diebstahl! Das moralische Dilemma, dass er mit dem Weintraubenessen nämlich den Landarbeitern Gewalt antut, löst er damit, dass er die Trauben schlicht und einfach klaut. Denn „ein Verbechen gegen die Gesellschaft ist ein gutes Verbrechen“ und somit dient auch das Klauen von Weintrauben letztendlich dazu, die Weltrevolution zu befördern.<strong><br />
 </strong></p>
<p><strong>Ein Kunststück ist gelungen</strong><br />
 Saïd Sayrafiezadeh gelingt mit seinem Roman das grosse Kunststück, seine Leserinnen und Leser vorbehaltlos für sein jüngeres Ich einzunehmen und seine Leiden an den engen Ideologien seiner Eltern greifbar zu machen, ohne letztere vollkommen zu diskreditieren. Obwohl es einem unbegreifbar bleibt, wie ein Vater ohne Not, bloss seiner politischen Überzeugung wegen, seine Familie mir nichts dir nichts verlassen kann, obwohl man die so gut meinende wie unbarmherzig ihre Überzeugungen verfolgende Mutter manchmal schütteln möchte, um ihr das Leiden ihres Kindes vor Augen zu führen, überwiegt doch das Mitleid auch mit Saïds Eltern, die sich selbst das Leben ebenso zu einer Abfolge von Widrigkeiten machen wie ihrem Sohn. Denn anhand seiner Mutter zeigt Sayrafiezadeh eindrücklich auf, welche Folgen die bedingungslose Aufopferung für ein unerreichbares Ideal haben kann, wenn das eigene Weltbild der Wirklichkeit nicht länger standhält.<strong><br />
 </strong></p>
<p><strong>Aufwühlende Abrechnung</strong><br />
 So ist „Eis essen mit Che“ zwar eine Art Abrechnung mit einer verlorenen Kindheit, doch der Blick des Autors ist so voller Ironie, Augenzwinkern und Liebe, dass diese Abrechnung, obwohl sie unbarmherzig und offen ist, nicht in Bitterkeit versinkt. Denn die Absurdität einiger Situationen ist rückblickend immer auch komisch, die Andeutung einer besseren Zukunft für Saïd und das Mitleid mit seiner Mutter, die schlussendlich als gebrochene Frau erscheint, mildern die Wut über die Selbstgerechtigkeit ab, mit der Saïds Eltern, in gutem Glauben zwar, ihrem Sohn das Leben schwerer gemacht haben als nötig. Saïd Sayrafiezadehs Erinnerungen lassen einen nicht kalt. Sie machen wütend und berühren einen mit ihrer trotz allem von Liebe durchtränkten Melancholie. Sie wühlen einen auf durch die unglaublichen ideologischen Verblendungen, die sogar den sexuellen Missbrauch eines Jungen durch die Not im kapitalistischen System erklären wollen, sie berühren einen schmerzvoll und lassen einen doch voller Dankbarkeit für dieses mutige, ehrliche, vergnügliche und einnehmende Buch zurück.</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p>Titel: Eis essen mit Che<br />
 Autor: Saïd Sayrafiezadeh<br />
 Übersetzerin: Bettina Abarbanell<br />
 Verlag: Aufbau<br />
 Seiten: 267<br />
 Richtpreis: CHF 34.50</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Deon Meyer: &#8220;Schwarz Weiss Tot&#8221;</title>
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		<pubDate>Fri, 20 Aug 2010 08:27:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefanie Feineis</dc:creator>
				<category><![CDATA[Neuerscheinungen]]></category>
		<category><![CDATA[Deon Meyer]]></category>
		<category><![CDATA[Schwarz Weiss Tot]]></category>

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		<description><![CDATA[<a href=http://www.nahaufnahmen.ch/2010/08/20/schwarz-weiss-tot/><img src=http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/08/schwarz-weiss-tot-150x150.jpg class=imgtfe hspace=10  vspace=5 align=left width=150  border=0></a>Der hierzulande zu Unrecht erst mässig bekannte Krimiautor entführt den Leser in sechs abgeschlossenen Kurzgeschichten direkt nach Südafrika, und bietet neben einer kulturellen Erfahrung auch Spannung auf hohem Niveau.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h1>Krimigenuss mit exotischem Beigeschmack</h1>
<h2>Deon Meyer: &#8220;Schwarz Weiss Tot&#8221; (Stories)</h2>
<h3>Der hierzulande zu Unrecht erst mässig bekannte Krimiautor Deon Meyer entführt den Leser in sechs abgeschlossenen Kurzgeschichten direkt nach Südafrika und bietet neben einer kulturellen Erfahrung auch Spannung auf hohem Niveau.</h3>
<p>Von Stefanie Feineis.</p>
<p><img class="alignright size-full wp-image-5960" title="schwarz weiss tot" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/08/schwarz-weiss-tot.jpg" alt="schwarz weiss tot" width="200" height="331" />Wie der Autor im Anhang verrät, liegt jeder seiner Geschichten eine bestimmte Inspiration zu Grunde, sei es eine Aufgabe in einem Workshop für kreatives Schreiben oder eine spontane Idee beim Verfassen eines Romans, die jedoch nichts mit dem gegenwärtigen Projekt zu tun hatte. Das Resultat sind sechs verschiedene Kurzgeschichten, von denen die letzte, &#8220;Auszeit&#8221;, auf Grund ihrer Länge von 122 Seiten auch fast schon als Kurzroman bezeichnet werden könnte.</p>
<h3>Südafrikanische Variationen</h3>
<p>So verschieden wie die Inspirationen sind auch die Schauplätze, Figuren und Ideen, teilweise sogar die Erzählweise. Von der Steppe zur Grossstadt, vom Polizisten über den Bodyguard bis zum Geschäftsmann, und von organisierter Kriminalität bis zum eiskalten Mord findet sich hier für jeden Geschmack etwas, rasante Verfolgungsjagden kommen ebenso vor wie mühselige ermittlerische Kleinstarbeit. In diesem Variantenreichtum liegt aber zugleich auch der Schwachpunkt der Kurzgeschichtensammlung: Dem durchschnittlichen Leser fällt es schwer, jeder der so unterschiedlichen Geschichten gleich viel abzugewinnen. Je nach persönlicher Präferenz ist die eine Geschichte viel zu schnell vorbei, während sich eine andere so endlos hinzieht wie das berühmte südafrikanische Buschland.</p>
<h3>Für Fans und Neueinsteiger</h3>
<p>Meyer gilt zu Recht als einer der erfolgreichsten Krimiautoren Südafrikas. Seit 1994 veröffentlichte der erfahrene Journalist mehrere Romane und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter auch zweimal den Deutschen Krimipreis. Daher überrascht es nicht, dass er mit einigen seiner Geschichten an bereits erschienene Werke anknüpft. Der erfahrene Leser findet sich sofort im gewohnten Umfeld wieder und erfreut sich an den zahlreichen Begegnungen mit neuen und bereits bekannten Figuren. Neueinsteiger erhalten einen ersten Einblick in Meyers Welt. In jedem Fall fühlt sich der Leser sprichwörtlich nach Südafrika versetzt und erhält einen tiefen Einblick in die Kultur und die Lebensweise des Landes, sowie in den Alltag polizeilicher Ermittlungsarbeit.</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p>Titel: Schwarz Weiss Tot        <br />
 Autor: Deon Meyer<br />
 Übersetzerin: Stefanie Schäfer<br />
 Verlag: Aufbau<br />
 Seiten: 282<br />
 Richtpreis: CHF 10.80</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Sue Townsend: &#8220;Die verschollenen Tagebücher des Adrian Mole&#8221;</title>
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		<pubDate>Fri, 20 Aug 2010 08:25:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefanie Feineis</dc:creator>
				<category><![CDATA[Neuerscheinungen]]></category>
		<category><![CDATA[Adrian Mole]]></category>
		<category><![CDATA[Die verschollenen Tagebücher des Adrian Mole]]></category>
		<category><![CDATA[Sue Townsend]]></category>

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		<description><![CDATA[<a href=http://www.nahaufnahmen.ch/2010/08/20/die-verschollenen-tagebucher-des-adrian-mole/><img src=http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/08/adrian-mole-150x150.jpg class=imgtfe hspace=10  vspace=5 align=left width=150  border=0></a>Endlich ein Wiedersehen mit Englands charmantestem Chaoten und beliebtesten Tagebuchverfasser. Sue Townsends neuestes Werk eignet sich daher vor allem für treue Fans der Serie, da gewisse Vorkenntnisse durchaus hilfreich sind.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h1>Kinder, Karriere und weitere Katastrophen</h1>
<h2>Sue Townsend: &#8220;Die verschollenen Tagebücher des Adrian Mole&#8221; (Roman)</h2>
<h3>Endlich ein Wiedersehen mit Englands charmantestem Chaoten und beliebtesten Tagebuchverfasser. Sue Townsends neuestes Werk eignet sich daher vor allem für treue Fans der Serie, da gewisse Vorkenntnisse durchaus hilfreich sind.</h3>
<p>Von Stefanie Feineis.</p>
<p><img class="alignright size-full wp-image-5955" title="adrian mole" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/08/adrian-mole.jpg" alt="adrian mole" width="200" height="316" />Wie eingeweihte Leser längst wissen, wünscht sich der Anti-Held und eifrige Tagebuchschreiber Adrian Mole eigentlich nur drei Dinge im Leben: eine Karriere als Schriftsteller, finanzielle Sicherheit und eine dauerhafte Beziehung mit seiner wahren Liebe. Doch trotz grosser Anstrengung gelang es ihm bisher nicht, auch nur eines dieser Ziele zu erreichen.</p>
<h3>Adrian Mole im neuen Jahrtausend</h3>
<p>Vieles hat sich verändert, seit wir Adrian Mole, den Helden dieser Serie, im Alter von gerademal 13 dreiviertel Jahren kennenlernten. Inzwischen ist der einst rebellische Teenager nicht nur erwachsen, sondern auch alleinerziehender Vater von zwei Söhnen, die zum einen sehr an einen jüngeren Adrian erinnern, zum anderen aber weit reifer erscheinen als ihr Erziehungsberechtigter. Der lange gehegte Traum, ein erfolgreicher und berühmter Schriftsteller zu werden, scheint endgültig ausgeträumt, statt Ruhm und Reichtum erwarten Adrian ein Umzug in die Sozialsiedlung und ein Nebenjob im Imbiss.</p>
<h3>Keine Besserung in Sicht</h3>
<p>Wenig Hilfe kann Adrian von seinen Verwandten und Bekannten erwarten. Die Familie ist gespalten wie eh und je, seine Eltern sind in ein Hin- und Her aus Hochzeiten, Scheidungen und Affären verstrickt, seine Jugendliebe Pamela widmet sich lieber ihrer politischen Karriere, als auf Adrians Annäherungsversuche einzugehen, und die Mütter seiner beiden Söhne haben sich ein neues Leben mit anderen Partnern aufgebaut. Doch Adrian gibt noch lange nicht auf, und der Leser fiebert auch diesmal wieder mit: Wird es ihm endlich gelingen, einen Verlag von sich zu überzeugen? Wird er Pamelas Herz erobern? Und woher stammen seine Verbindungen zu Al Quaida, die schliesslich zur Beschlagnahmung seines Tagebuchs führen?</p>
<h3>Das letzte Tagebuch</h3>
<p>Sue Townsend legt mit diesem Roman ihr inzwischen siebtes Tagebuch von Adrian Mole vor, obwohl sie nach Band sechs angekündigt hatte, die Serie aus gesundheitlichen Gründen einzustellen. In England ist bereits ein achter Band erschienen, der endgültige Abschluss, an dessen Ende Adrian beschliesst, kein neues Tagebuch mehr zu führen. Der Autorin gelang mit dieser Serie nicht nur eine brillante Parodie der englischen Mittelschicht und der Zeit von der Thatcher-Ära bis heute, sondern auch das Kunststück, einen eigenbildeten, selbstsüchtigen, neurotischen Chaoten liebenswert und sympathisch zu machen. Obwohl Adrian Mole objektiv gesehen kein angenehmer Zeitgenosse war, werden ihn seine Fans wohl trotzdem sehr vermissen.</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p>Titel: Die verschollenen Tagebücher des Adrian Mole    <br />
 Autorin: Sue Townsend<br />
 Übersetzerin: Astrid Finke<br />
 Verlag: Heyne<br />
 Seiten: 272<br />
 Richtpreis: CHF 16.50</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Banana Yoshimoto: &#8220;Mein Körper weiss alles&#8221;</title>
		<link>http://www.nahaufnahmen.ch/2010/08/12/mein-korper-weiss-alles/</link>
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		<pubDate>Thu, 12 Aug 2010 06:01:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lukas Hunziker</dc:creator>
				<category><![CDATA[Neuerscheinungen]]></category>

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		<description><![CDATA[<a href=http://www.nahaufnahmen.ch/2010/08/12/mein-korper-weiss-alles/><img src=http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/08/mein-koerper-weiss-alles-150x150.jpg class=imgtfe hspace=10  vspace=5 align=left width=150  border=0></a>Wer Banana Yoshimoto erst 2010 entdeckt, ist als Rezensent für ihre Erzählungen eigentlich gänzlich ungeeignet. Die frühen und meistgelobten Werke der japanischen Autorin haben mittlerweile 20 Jahre und mehr auf dem Buckel, und wer diese nicht kennt, dürfte Mühe haben zu verstehen, warum die Autorin zu den erfolgreichsten Japans gehört.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h1>Junge Japanerinnen am Scheideweg</h1>
<h2>Banana Yoshimoto: &#8220;Mein Körper weiss alles&#8221; (Erzählungen)</h2>
<h3>Wer Banana Yoshimoto erst 2010 entdeckt, ist als Rezensent für ihre Erzählungen eigentlich gänzlich ungeeignet. Die frühen und meistgelobten Werke der japanischen Autorin haben mittlerweile 20 Jahre und mehr auf dem Buckel, und wer diese nicht kennt, dürfte Mühe haben zu verstehen, warum die Autorin zu den erfolgreichsten Japans gehört.</h3>
<p>Von Lukas Hunziker.</p>
<p><img class="alignright size-full wp-image-5879" title="mein koerper weiss alles" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/08/mein-koerper-weiss-alles.jpg" alt="mein koerper weiss alles" width="200" height="316" />1986 beendete Banana Yoshimoto ihre erste Erzählung &#8220;Moonlight Shadow&#8221;, die Abschlussarbeit ihres Literaturstudiums, zwei Jahre später erschien ihr Roman &#8220;Kitchen&#8221;, der in Japan enorm erfolgreich war und es auf über 60 Auflagen brachte. Banana Yoshimoto (mit richtigem Namen Mahoko Yoshimoto) wurde als die neue literarische Stimme junger Japaner gefeiert, welche den Normen der japanischen Gesellschaft durchaus kritisch gegenüber standen. &#8220;Kitchen&#8221; wurde zweimal verfilmt, 1989 und 1990 erschienen mit &#8220;Tsugumi&#8221; und &#8220;N.P.&#8221; bereits zwei weitere Romane von Yoshimoto.</p>
<h3>Neuanfänge nach kleineren Krisen</h3>
<p>Der Erzählband &#8220;Mein Körper weiss alles&#8221; (&#8221;Karada Wa Zenbu Shitteiru&#8221;) erschien in Japan schon 2000, zehn Jahre vor der deutschen Übersetzung. Die dreizehn Ich-Erzählungen sind aus der Perspektive vorwiegend junger Japanerinnen geschrieben, deren Leben von kleineren oder grösseren Ereignissen aus der Bahn geworfen wird, welche aber in den meisten Fällen einen willkommenen Neuanfang ermöglichen. In der ersten Erzählung &#8220;Der grüne Daumen&#8221;, zum Beispiel, entscheidet sich die Erzählerin nach dem Tod ihrer Grossmutter, mit welcher sie eine Liebe zu Pflanzen teilte, ihren Beruf zu wechseln und einen Blumenladen zu eröffnen. In &#8220;Die Wahrheit des Herzens&#8221; andererseits bedauert die Erzählerin das Ende ihrer Affäre mit einem verheirateten Mann, bis sie im Traum einen neuen Mann erblickt und sich fortan auf eine neue Liebe freut.</p>
<h3>Mangel an Komplexität</h3>
<p>Yoshimotos Erzählungen in &#8220;Mein Körper weiss alles&#8221; sind persönliche Geschichten, in denen Familie, Beziehungen und alltägliche Krisen im Zentrum stehen. In einem oft melancholischen oder nostalgischen Ton erzählt, zeichnen sie einfach und direkt die Gefühlswelten ihrer Protagonistinnen. Diesen fehlt es allerdings oft an Komplexität und oft hat man das Gefühl, die Konflikte dieser Frauen seien ebenso einfach und unspektakulär wie die Sprache Yoshimotos. Der Vorwurf der Oberflächlichkeit, der Yoshimoto von vielen Kritikern gemacht wird, ist leider nicht ganz unbegründet; die Figuren der Autorin bleiben in den meisten Fällen relativ profillos. Vielleicht wäre es an der Zeit, eine andere japanische Autorin auf Deutsch zu übersetzen. Denn wenn man &#8220;Mein Körper weiss alles&#8221; gelesen hat, fällt es einem schwer zu glauben, dass dies das beste ist, was Japan an Autorinnen zu bieten hat.</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p>Titel: &#8220;Mein Körper weiss alles&#8221;<br />
 Autorin: Banana Yoshimoto<br />
 Übersetzung: Annelie Ortmanns und Thomas Eggenberg<br />
 Verlag: Diogenes<br />
 Seiten: 204<br />
 Richtpreis: CHF 33.90</p>
<p><strong>Im Netz</strong><br />
 <a href="http://www.yoshimotobanana.com/question_e/" target="_blank">Interviewausschnitte mit Banana Yoshimoto</a></p>
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		</item>
		<item>
		<title>Rebecca Goldstein: &#8220;36 Argumente für die Existenz Gottes&#8221;</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Jul 2010 08:48:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lisa Letnansky</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Neuerscheinungen]]></category>
		<category><![CDATA[Rebecca Goldstein; Gottesbeweis]]></category>

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		<description><![CDATA[<a href=http://www.nahaufnahmen.ch/2010/07/30/rebecca-goldstein-36-argumente-fur-die-existenz-gottes/><img src=http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/07/36argumentefürdieexistenzgottes-150x150.jpg class=imgtfe hspace=10  vspace=5 align=left width=150  border=0></a>Gibt es einen Gott? Dieser Frage widmet nicht nur Rebecca Goldsteins Hauptfigur ihr Leben, sondern die Schriftstellerin auch ihren Roman. Wie der Religionspsychologe Cass Seltzer dabei vorgeht, welche Hürden und Zweifel er bei seiner Suche überwinden muss und was dabei herauskommt, ist in dieser delikaten Mischung zwischen Roman und philosophischer Abhandlung nachzulesen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h1><strong>Der lange Weg des grossen Zweiflers</strong></h1>
<h2>Rebecca Goldstein: &#8220;36 Argumente für die Existenz Gottes&#8221; (Roman)<strong><br />
 </strong></h2>
<p><strong>Gibt es einen Gott? Dieser Frage widmet nicht nur Rebecca Goldsteins Hauptfigur ihr Leben, sondern die Schriftstellerin auch ihren Roman. Wie der Religionspsychologe Cass Seltzer dabei vorgeht, welche Hürden und Zweifel er bei seiner Suche überwinden muss und was dabei herauskommt, ist in dieser delikaten Mischung zwischen Roman und philosophischer Abhandlung nachzulesen.</strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p>Von Lisa Letnansky.</p>
<p><img class="alignright size-full wp-image-4805" title="36argumentefürdieexistenzgottes" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/07/36argumentefürdieexistenzgottes.jpg" alt="36argumentefürdieexistenzgottes" width="200" height="319" />Zu Beginn des Romans steht Cass in einer eisigen Nacht auf einer Brücke, schaut auf die Stadt hinaus und sinniert über den Wandel, den sein Leben unlängst erfahren hat. Dieses Leben hat er der Erforschung religiöser Erfahrung gewidmet, vor allem jenen Erfahrungen, die mit der Religion selbst nicht mehr viel zu tun haben. Die Frage einer attraktiven Kollegin, was ein Religionspsychologe überhaupt mache, hat ihn ins Schleudern und zum Nachdenken gebracht, woraus dann sein mittlerweile viel gerühmtes Werk „Die Vielfalt religiöser Illusion“ entstand. Was das Buch und mit ihm Cass aber so berühmt gemacht hat, ist vor allem der Anhang, in dem 36 Argumente für die Existenz Gottes mitsamt Widerlegungen aufgelistet sind. Auf einmal kriegt der früher eher belächelte Cass nicht nur Einladungen an Streitgespräche mit berühmten Persönlichkeiten, es folgt auch bald der Ruf nach Harvard.</p>
<h3><strong>Das unterdrückte Wunderkind<br />
 </strong></h3>
<p><strong> </strong>Um zu begreifen, wie es zu seiner gegenwärtigen Situation kam, muss Cass seine Vergangenheit Revue passieren lassen. Sein Weg begann, nach einem kurzen Auftritt als Medizinstudent, bei einem gewissen Professor Jonas Elijah Klapper, einem eigensinnigen, seltsamen und sehr autoritären Professor, der von den Studenten entweder gehasst oder verehrt wird, und bei dem noch nie jemand seine Dissertation abgeschlossen hat. Die Begegnung mit diesem Professor und die Vergangenheit seiner eigenen Mutter führen ihn schliesslich in ein kleines amerikanisches Schtetl namens New Walden, wo streng gläubige orthodoxe Juden ein abgeschirmtes, scheinbar harmonisches Leben führen. Eigentlich verbindet Cass nichts mehr mit diesem Teil seiner familiären Vergangenheit, doch der Sohn des dort ansässigen Rebbe zieht sein Interesse auf sich und spielt schliesslich eine wichtige Rolle für seine Zukunft. Dieser zum Nachfolger seines Vaters bestimmte kleine Junge, Azarya genannt, ist nämlich das Paradebeispiel eines Wunderkinds, dessen Fähigkeiten nicht gefördert werden. „Seinen eigenen Platz im Stammbaum kannte er genau. Aber er wusste nicht, dass das Land, in dem er lebte, Vereinigte Staaten von Amerika hiess.“ Azarya zu fördern und ihn dabei zu unterstützen, von dieser gut behüteten, aber naiv unwissenden Gemeinschaft wegzukommen, ist Cass zukünftig ein grosses Anliegen und führt ihn schliesslich weg von Professor Klapper auf seinen eigenen Weg.</p>
<h3><strong>Die Stiftung Unsterblichkeit<br />
 </strong></h3>
<p><strong> </strong>Trotz dieser potentiell interessanten Ausgangslage bleibt das Lesen des Romans aber eine anstrengende Sache. Dies liegt einerseits sicher daran, dass sowohl die Hauptfigur als auch die anderen Figuren bis zum Schluss nur Figuren bleiben. Mit wenigen Sätzen sind ihre Charaktere umrissen, die meisten Personen sind stereotyp gezeichnet und in irgendeiner Weise ausgefallen. Cass selbst ist der personifizierte Zweifel, Professor Klapper hat einen Genie- und einen Mutterkomplex, Azarya ist ein Wunderkind, Cass’ Freundin Lucinda eine egoistische Karrierefrau. Nur Cass’ Jugendfreundin Roz bringt etwas Leben in die Geschichte. Nachdem sie einige Jahre als Anthropologin bei einem kleinen Stamm im Südamazonas verbracht hat (der übrigens immer wieder mit der kleinen Gemeinschaft im Schtetl verglichen wird), hat sie das Ziel gefasst, Unsterblichkeit für sich und die Menschheit zu erlangen. Mit ihren wissenschaftlichen Kollegen der Stiftung Unsterblichkeit versucht sie, das Altern aufzuhalten. Ihre Schlagwörter sind auch mithin das Komischste am Roman: „Altern ist einfach barbarisch. Vergleichbar mit Beulenpest.“ „Jeder, der unter fünfhundert Jahren stirbt, stirbt zu früh.“ Und schliesslich: „Wenn wir uns nicht der Beseitigung von unnötigem Sterben widmen, ist das gleichbedeutend mit Beihilfe zum Mord!“</p>
<h3><strong>Theorie und Praxis</strong></h3>
<p>Dennoch: Roz lockert die ganze Geschichte zwar etwas auf, das Lesen ist und bleibt aber ein strapazierendes Unterfangen. Die zum Teil doch sehr akademische Sprache, die ellenlangen Abschweifungen über philosophische Grundfragen und seitenlange Schachtelsätze tragen nicht gerade zur Spannung bei. Manche Passagen wirken gar wie perfekte Beispiele dafür, wie man mit möglichst vielen Worten (am besten Fremdwörtern) möglichst wenig ausdrückt. Und auch die 36 Argumente, die auch diesem Buch als Anhang dienen, erfüllen die Erwartungen nicht, denn den ultimativen Beweis für die Existenz oder Nicht-Existenz Gottes findet der Leser natürlich auch hier nicht. Das meiste hat man schon irgendwo gehört oder wäre auch selbst darauf gekommen. Einen Gläubigen bringen die Widerlegungen wohl eher nicht zum zweifeln, aber einen Zweifler überzeugen sie auch nicht. Dennoch sind sie eine nette Zusammenfassung der Pro- und Kontra-Beweisführung und als solche zum gelegentlichen Schmökern recht unterhaltsam.</p>
<p>Was bleibt, ist ein langer Roman mit einer kurzen, aber amüsanten Geschichte voller Skurrilitäten des Alltags, aber mit zu grossem Schwerpunkt auf der Theorie.</p>
<p>Karl Blessing Verlag<br />
560 Seiten, ca. CHF 39.90</p>
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		<title>„Nach dir die Sintflut“ von Andrew Kaufman</title>
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		<pubDate>Thu, 29 Jul 2010 16:48:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Fee Anabelle Riebeling</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Neuerscheinungen]]></category>
		<category><![CDATA[Andrew Kaufman]]></category>

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		<description><![CDATA[<a href=http://www.nahaufnahmen.ch/2010/07/29/%e2%80%9enach-dir-die-sintflut%e2%80%9c-von-andrew-kaufman/><img src=http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/07/nachdirdiesintflut-150x150.jpg class=imgtfe hspace=10  vspace=5 align=left width=150  border=0></a>Normal ist anders: Rebecca kann ihre Gefühle vor niemandem verbergen, ihr Schwager Lewis erblindet nach dem Tod seiner Frau und Aberystwyths Haut schimmert grün, aber für eine Aquatikerin wie "Aby" ist das ja Alltag. Gemeinsam haben die drei Protagonisten wirklich rein gar nichts. Trotzdem kreuzen sich schliesslich ihre Lebenswege. Die Reise zu diesem Ziel ist abgründig, abgedreht und einfach wunderschön.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h1>Anders als alles andere</h1>
<h2>„Nach dir die Sintflut“ von Andrew Kaufman</h2>
<h3>Normal ist anders: Rebecca kann ihre Gefühle vor niemandem verbergen, ihr Schwager Lewis erblindet nach dem Tod seiner Frau und Aberystwyths Haut schimmert grün, aber für eine Aquatikerin wie &#8220;Aby&#8221; ist das ja Alltag. Gemeinsam haben die drei Protagonisten wirklich rein gar nichts. Trotzdem kreuzen sich schliesslich ihre Lebenswege. Die Reise zu diesem Ziel ist abgründig, abgedreht und einfach wunderschön.</h3>
<p>Von Fee Anabelle Riebeling.</p>
<p><img class="alignright size-full wp-image-4791" title="nachdirdiesintflut" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/07/nachdirdiesintflut.jpg" alt="nachdirdiesintflut" width="200" height="317" />Die Handlung ist viel zu komplex, als dass man sie in nur wenige Worte fassen könnte. Selbst der begabteste Schreiber würde auch nach vielen Stunden der Sprachpfeilerei &#8220;Nach dir die Sintflut&#8221; niemals gerecht werden können. Autor Andrew Kaufman, der bereits mit seinem Debütroman weltweit für entzücktes Raunen unter den Literaturkritikern gesorgt hat, ist ein zweites fesselndes Meisterwerk gelungen.</p>
<p>Wie er auch im richtigen Leben seine Jobs als Autor, Filmemacher und Radioproduzent erfolgreich und mühelos unter einen Hut bringt, schafft er es mit erfrischender Leichtigkeit bizarre Charaktere, schräge Szenerien, Menschen und fantastische Lebewesen miteinander zu verbinden und dabei trotzdem glaubwürdig zu bleiben – egal wie absurd die einzelnen Erzählstränge auch sein mögen. Zwischen den Zeilen werden hier ernste Aussagen transportiert.</p>
<h3>Absolute Suchtgefahr</h3>
<p>Andrew Kaufman verbindet auf geradezu kafkaeske Weise realistische Passagen mit fantastischen Darstellungen und zaubert so eine ungewohnt sinnliche Welt, ganz ohne dabei kitschig zu wirken. Aby, die junge Frau vom Volk der Aquatics, den Menschen ähnliche, aber unter Wasser lebende Wesen, ist das alles miteinander verbindende Glied. Die Schilderung, wie sie das Leben derjenigen, denen sie begegnet, durcheinander bringt, berührt und zieht den Leser augenblicklich an. Ein Entkommen ist kaum mehr möglich.</p>
<p>Wer &#8220;Nach dir die Sintflut&#8221; in die Finger nimmt, wird fortan von Zweifeln geplagt: Weiterlesen, obwohl einem beinahe die Augen zu fallen, oder eine Pause einlegen, um das auf Seite 288 drohende Ende hinauszuzögern? Der Roman ist eine aussergewöhnliche Familien- und Liebesgeschichte über den Zwiespalt zwischen Loslassen und Halten. Ein Buch, welches beweist, dass es durchaus lohnt, mit Konventionen zu brechen und dem Herzen zu folgen.</p>
<h3>Nach dem Regen folgt immer Sonnenschein</h3>
<p>Wir begegnen Rebecca, Lewis und Aberystwyth an einem Tiefpunkt in ihrem Leben. Während die jedermann ihre Emotionen mitteilende Rebecca nach dem Tod ihrer Schwester keine Trauer oder ein anderes Gefühl verspürt und dadurch aus der Bahn geworfen wird, verliert Lewis erst den Seh-, dann den Hörsinn. Aby hingegen ahnt einen drohenden Verlust und entsteigt ihrer nassen Umgebung, um in der menschlichen Welt ihre Mutter zu finden, die vor vielen Jahren &#8220;entwässert&#8221; und die Tochter im Meer zurück gelassen hat.</p>
<p>&#8220;Nach dir die Sintflut&#8221; ist ein herzergreifender Roman mit einem – man mag es kaum glauben – Happy End, das selbst die kritischsten Leser mit einem guten, wenn auch durchgeschüttelten Gefühl zurücklässt.</p>
<p>Sie müssen mir das nicht glauben, denn wie gesagt: Keine Besprechung wird dem Buch gerecht.</p>
<p>Luchterhand Literaturverlag<br />
 288 Seiten, ca. CHF 16.90</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Interview mit Hans Ruprecht</title>
		<link>http://www.nahaufnahmen.ch/2010/07/28/interview-mit-hans-ruprecht/</link>
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		<pubDate>Wed, 28 Jul 2010 16:04:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christoph Aebi</dc:creator>
				<category><![CDATA[Veranstaltungen]]></category>
		<category><![CDATA[Hans Ruprecht]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturfestival Leukerbad]]></category>

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		<description><![CDATA[<a href=http://www.nahaufnahmen.ch/2010/07/28/interview-mit-hans-ruprecht/><img src=http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/07/HansRuprecht-150x150.jpg class=imgtfe hspace=10  vspace=5 align=left width=150  border=0></a>Hans Ruprecht, Programmleiter des Literaturfestivals Leukerbad, erzählt, was er von E-Books und Helene Hegemann hält, warum die Autoren und Autorinnen trotz bescheidener Honorare gerne nach Leukerbad reisen und wie er zwischen Schriftstellern Verkupplungsarbeit leistet.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h1>“Die Qualität ist für mich ein wichtiger Entscheidungsträger”</h1>
<h2>Literaturfestival Leukerbad: Interview mit Hans Ruprecht</h2>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-4766" title="HansRuprecht" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/07/HansRuprecht.jpg" alt="HansRuprecht" width="550" height="497" /></p>
<h3>Hans Ruprecht, Programmleiter des Literaturfestivals Leukerbad, erzählt, was er von E-Books und Helene Hegemann hält, warum die Autoren und Autorinnen trotz bescheidener Honorare gerne nach Leukerbad reisen und wie er zwischen Schriftstellern Verkupplungsarbeit leistet.</h3>
<p>Von Christoph Aebi.</p>
<p><strong>nahaufnahmen.ch: Herr Ruprecht, wie sieht, kurz vor Ende des 15. Internationalen Literaturfestivals Leukerbad, Ihre Bilanz der diesjährigen Ausgabe aus?</strong></p>
<p>Hans Ruprecht: Der wichtigste Teil ist bereits vorbei, jetzt folgen noch die drei Nachmittagslesungen. Ich bin sehr zufrieden mit dem Verlauf des Festivals. Die Stimmung unter den Autoren und dem Publikum war grossartig.</p>
<p><strong>Welches war Ihr persönlicher Festivalhöhepunkt?</strong></p>
<p>Jeder Besucher und jede Besucherin hat seine eigenen Eindrücke, seine Favoriten, die als Erinnerung bleiben. Stark beeindruckt hat mich die Lesung von Laszlo Krasznahorkai, auch weil sein neues Buch grossartig ist. Der Samstagabend mit den Kurzlesungen war ebenfalls sehr gut und kam sehr dicht daher. Ich war natürlich viel unterwegs und konnte mir nicht alles anhören. Das ist das Los des Veranstalters, dass er immer ein bisschen im Hintergrund ist. Die Diskussion am Samstagnachmittag über die Verlags- und Literaturförderung in der Schweiz war höchst emotional und zeigte die Situation des Umbruchs, welche im ganzen Literaturbetrieb herrscht, gut auf. Lösungsvorschläge und Ideen sind viele vorhanden, aber niemand kann sagen, wie es weitergehen soll. Ich denke da beispielsweise an die ganze E-Book-Geschichte, welche ich ebenfalls verfolge. Das E-Book ist ein Hilfsmittel &#8211; so sehe ich es zumindest &#8211; und ich glaube nicht, dass es das Buch verdrängen wird. Bei allen technischen Neuerungen gibt es zu Beginn jeweils eine unheimliche Euphorie. Eine neue Ära wird propagiert. Was dann jeweils eintrifft, sieht &#8211; nüchtern betrachtet &#8211; ganz anders aus.</p>
<p><strong>Das diesjährige Programm war sehr abwechslungsreich und hatte für alle Geschmäcker etwas zu bieten. Da für das Festival kein übergreifendes Thema besteht, habe ich mich gefragt: Wie haben Sie das Programm zusammengestellt und die Autoren und Autorinnen ausgewählt? </strong></p>
<p>Ich bin kein Freund von Themen. Auch wenn man eines hat, wird man es nie erfüllen können. Mir ist es wichtig, die ganze Palette von Literatur präsentieren zu können: von anspruchsvollen, hochstehenden Literaten –angeblich hochstehend, das muss man auch immer wieder diskutieren – bis zur Unterhaltungsliteratur. Es gibt sehr intelligente Unterhaltung, aber auch Grenzbereiche, wo das Niveau zu tief sinken kann. Die Qualität ist für mich ein wichtiger Entscheidungsträger.<strong> </strong></p>
<p><strong>Wo ist denn für Sie die Grenze?</strong></p>
<p>Beispielsweise bei Charlotte Roche oder bei Frau Hegemann. Allerdings war die ganze Diskussion rund um ihr Buch auch ein bisschen das Problem des deutschen Feuilletons. Wenn man so will, hatten wir dieses Jahr mit Airen das Original statt der Kopie hier. Es gibt für mich schon gewisse Grenzen, wo ich sagen muss, dass dies mit Qualität und Literatur nicht mehr viel zu tun hat, sondern mit einem Markt und diesen bediene ich hier natürlich nicht. Es ist nicht meine Aufgabe, Sachen, die reine Mediengeschichten sind und mit Literatur nichts mehr zu tun haben, zu machen.</p>
<p><strong>Wie einfach oder schwierig ist es, bekannte Autoren nach Leukerbad zu holen?</strong></p>
<p>Ich bezahle ein Einheitshonorar und mache keinen Unterschied zwischen bekannten und unbekannten Autoren. Dafür investiere ich lieber in die Gastfreundschaft und den Aufenthalt. Das hat eine andere Qualität und Nachhaltigkeit, als wenn man ein grosses Honorar bezahlen würde. Das Literaturfestival Leukerbad hat inzwischen europaweit einen ganz grossen Ruf. Wenn ich in Berlin, Wien oder Hamburg bin, da kennt man unser Festival. Die Verlage unterstützen das Festival indirekt, indem sie ihren Autoren, trotz den etwas tieferen Honoraren, zureden, dass sie an das Festival gehen sollen. Die Autoren, welche hier waren, sind jeweils begeistert. Das trägt weiter und ist das Kapital von Leukerbad. Deshalb habe ich keine Probleme, grössere Namen hierherzuholen. Alexander Kluge war mal hier. Margriet de Moor hat mir zwei Jahre nach ihrem Auftritt eine Mail geschickt, ob sie wieder ans Festival kommen dürfe. Leukerbad ist also sehr beliebt. Ein Aufenthalt hier ist sehr angenehm. Man kann ihn geniessen und kommt in Kontakt mit Leuten, kommt mit Lesern und Leserinnen ins Gespräch, und zwar in einer sehr unakademischen Form.</p>
<p><strong>Was Leukerbad so speziell macht, sind die verschiedenen Orte, an denen Lesungen stattfinden: Auf der Gemmi, in der Dalaschlucht, in einem ehemaligen Bad. Der Trend an Literaturfestivals geht zur Veranstaltung von Lesungen an etwas ungewöhnlichen, oftmals zum Thema der Bücher passenden Örtlichkeiten. Gibt es für Sie in Leukerbad neue Orte, die Sie gerne ebenfalls für Lesungen nutzen würden?</strong></p>
<p>Dazu muss ich sagen, dass diese Orte, welche gar nicht so aussergewöhnlich sind, schon lange bestehen. Die Veranstaltung von Lesungen in diesen Lokalitäten hat sich einfach so ergeben, wir haben nicht spezifisch danach gesucht. Die Dalaschlucht wurde vor ein paar Jahren erschlossen. Nun findet dort ein Spaziergang mit zwei Kurzlesungen statt, um den Autor ein wenig vorzustellen. Auf der Gemmi findet eine einzige Lesung um Mitternacht statt, ebenso eine Lesung im römisch-irischen Bad am Sonntagmorgen Das alte Bad ist vom Raum her ideal, da 200-300 Leute Platz finden. Die Lesungen waren deshalb immer dort und nicht, weil wir bei einem Trend mitgemacht hätten. Leukerbad ist nicht sehr gross. Man kann deshalb das Festival nicht vergrössern, nur inhaltlich verdichten. Der Platz für eine Vergrösserung ist gar nicht da und somit muss man an Räumlichkeiten nehmen, was vorhanden ist. Man kann kein neues Haus bauen; das ist auch gar nicht vorgesehen.</p>
<p><strong>In Leukerbad gibt es im Gegensatz zu den Literaturtagen in Solothurn nach den Lesungen keine Gespräche mit den Autoren. Einzelne Gespräche finden während sogenannten „Hors d’oeuvres“ statt. War es eine bewusste Entscheidung, Lesungen und Gespräche zu trennen? </strong></p>
<p>Ja, das war sehr bewusst. Ich finde Gespräche mit Autoren sehr wichtig, habe jedoch auch qualitative Ansprüche. Oft ist es so, dass Publikumsgespräche mit Autoren nicht sehr gut funktionieren. Der Moderator muss sich gut vorbereiten und jemand sein, der eine gewisse Erfahrung und Professionalität hat. Von den Örtlichkeiten her erübrigen sich hier in Leukerbad Publikumsdiskussionen &#8211; und gespräche sowieso ein wenig, da man mit den Autoren automatisch in Kontakt kommt. Die Autoren sind jeweils drei Tage hier anwesend und man hat immer die Möglichkeit, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, sie anzusprechen und direkt Fragen zu stellen. Das ist manchmal ehrlicher, als in einer Masse irgendwelche Voten herauszugeben. Speziell bei Lesungen in Buchhandlungen – das ist zwar ein anderer Bereich und ein anderes Publikum -  habe ich es schon erlebt, dass Leute manchmal wirklich Dinge fragen, die unter der Gürtellinie sind. Bei einer persönlichen Begegnung würden sie die Fragen nie in dieser Form stellen.</p>
<p><strong>Die Lesungen sind mit 35-40 Minuten eher kurz. Manchmal würde man die Autoren gerne etwas länger hören. </strong></p>
<p>Es ist ein Festival, bei dem man jede Stunde die Örtlichkeiten wechseln und sich sein Programm selber zusammenstellen kann. Die meisten Autoren lesen zweimal. Die zehnminütigen Kurzlesungen am Samstagabend sind ein Querschnitt durchs Festivalprogramm. Dafür wähle ich Autoren aus, die Texte haben, welche für eine solche Lesung geeignet sind. Beispielsweise gäbe eine Kurzlesung mit Rolf Lappert, dessen Romane sehr episch sind, überhaupt keinen Sinn. Oftmals ist es aber auch so, dass viele Autoren und Autorinnen, wenn sie hier oben zu Gast sind, plötzlich mit Texten hervorkommen, welche sie noch nie zuvor gelesen haben. Das hat wohl mit der Atmosphäre zu tun, dass sie sich sagen, hier mache ich etwas anderes, was ich vorher noch nie gemacht habe.</p>
<p><strong>Ihnen liegt viel daran, die Literatur unter die Leute zu bringen und Menschen zum Lesen anzuspornen. Neben Leukerbad veranstalten Sie ebenfalls das Literaturfest in Bern, während welchem in der Altstadt und in kleineren Gemeinden ausserhalb Berns Lesungen stattfinden. Woher kommt Ihre grosse Leidenschaft für die Literatur?</strong></p>
<p>Das ist schwer zu sagen. Ich habe lange Musikveranstaltungen im zeitgenössischen Bereich organisiert. Seit zwölf Jahren mache ich Literaturveranstaltungen, seit vier Jahren bin ich selbständig. Ich organisiere Leukerbad, das Berner Literaturfest, welches alle zwei Jahre stattfindet, und bin viel im Ausland tätig: in Krems, Wien, Berlin. Seit zwei Jahren präsentiere ich Schweizer Literatur in der Ukraine. Letzten Herbst habe ich dort eine Tournee mit Pedro Lenz, Raphael Urweider, Serhij Zhadan und Juri Andruchowytsch durchgeführt. Das war ein Riesenerfolg. Pedro und Raphael waren begeistert, da sie so etwas noch nie erlebt hatten. Momentan habe ich viele Projekte in Arbeit, welche jedoch erst im nächsten Jahr zum Tragen kommen.</p>
<p><strong>Ein kleiner Ausblick auf das nächste Jahr: Welchen Autor oder welche Autorin möchten Sie gerne einmal hier in Leukerbad präsentieren?</strong></p>
<p>Ich habe eine ganze Liste mit Wunschautoren. Darunter gibt es natürlich Literatur, die etwas komplizierter ist, aber hier genauso ihren Platz hat. Ich frage immer wieder Autoren, welche auf meiner Wunschliste stehen, an. Manchmal dauert es eine gewisse Zeit, bis es klappt. Charles Simic beispielsweise hat mir vor Jahren zugesagt und musste mir wieder absagen, weil er das Jahr verwechselt hat. Das kann natürlich auch passieren. Ein Jahr später kam er dann und hatte einen grossartigen Auftritt. Im selben Jahr war Colum McCann ebenfalls anwesend und ich wusste, dass sich die beiden Autoren gegenseitig sehr schätzen. Sie trafen sich hier oben in Leukerbad zum ersten Mal und haben ausgiebig miteinander diskutiert. Viele Autoren entdecken hier andere Schriftsteller. Manchmal ist es schon fast eine Art Verkupplungsarbeit, wenn man weiss: Das ist etwas, was sehr nahe beieinander liegt. Aus solchen Begegnungen ergibt sich ab und zu auch etwas. Einige Autoren beziehen Leukerbad in ihre Arbeit ein. Ein Teil des vorletzten Romans von Andrej Kurkow, welcher in 25 Sprachen übersetzt wurde, spielt in der Schweiz &#8211; wobei die Schweiz bei ihm nur aus Zürich und Leukerbad besteht. Da gibt es also sehr viel, was literarisch umgesetzt wird.</p>
<p><strong>Herr Ruprecht, besten Dank für dieses Gespräch. </strong></p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p><strong>Im Netz</strong></p>
<p>Das 16. Internationale Literaturfestival Leukerbad findet vom 1. bis 3. Juli 2011 statt.<br />
 <a href="http://www.literaturfestival.ch" target="_blank">www.literaturfestival.ch</a></p>
<p>Das Literaturfest Bern 10 (mit Lesungen u.a. von Peter Bichsel, Urs Widmer, Judith Hermann, Milena Moser und Pedro Lenz) findet vom 25. bis 28. August 2010 statt. <br />
 <a href="http://www.berner-literaturfest.ch" target="_blank">www.berner-literaturfest.ch</a></p>
<address>Hans Ruprecht, 58, studierte nach einer Lehre als Tiefbauzeichner an der Essener Folkwangschule Schauspielerei und Theaterregie. Von 1987 bis 2007 veranstaltete er unter dem Label „Taktlos Bern“ Konzerte, welche Jazz und improvisierte Musik mit Literatur verbanden. Ende der 90er-Jahre begann er mit der Durchführung von „Trafo-Lesungen“ in der Berner Dampfzentrale. 2006 übernahm Hans Ruprecht von Ricco Bilger die Leitung und Programmierung des Internationalen Literaturfestivals Leukerbad. Im gleichen Jahr initiierte er das erste Berner Literaturfest und gründete seine auf Literaturvermittlung und –veranstaltungen spezialisierte Firma „Sprachform“. 2008 verlieh ihm der Kanton Bern den Kulturvermittlungspreis. </address>
]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>15. Literaturfestival Leukerbad 2010</title>
		<link>http://www.nahaufnahmen.ch/2010/07/28/literaturfestival-leukerbad-2010/</link>
		<comments>http://www.nahaufnahmen.ch/2010/07/28/literaturfestival-leukerbad-2010/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 28 Jul 2010 15:52:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christoph Aebi</dc:creator>
				<category><![CDATA[Veranstaltungen]]></category>
		<category><![CDATA[Alissa Walser]]></category>
		<category><![CDATA[Christoph Simon]]></category>
		<category><![CDATA[Jérôme Lafargue]]></category>
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		<category><![CDATA[Leukerbad]]></category>
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		<category><![CDATA[Myftiu]]></category>
		<category><![CDATA[Ornela Vorpsi]]></category>
		<category><![CDATA[Pedro Lenz]]></category>
		<category><![CDATA[Raphael Urweider]]></category>
		<category><![CDATA[Rolf Dobelli]]></category>
		<category><![CDATA[Rolf Lappert]]></category>
		<category><![CDATA[Serhij Zhadan]]></category>

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		<description><![CDATA[<a href=http://www.nahaufnahmen.ch/2010/07/28/literaturfestival-leukerbad-2010/><img src=http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/07/Leukerbad-1-150x150.jpg class=imgtfe hspace=10  vspace=5 align=left width=150  border=0></a>Das kleine, aber feine Literaturfestival in Leukerbad erfreut sich einer immer grösseren Beliebtheit. Kein Wunder: An kaum einem anderen Ort lassen sich in einer derart ungezwungenen Atmosphäre literarische Entdeckungen machen sowie Kontakte zu Bestsellerautoren und gleichgesinnten Bücherwürmern knüpfen. Nahaufnahmen.ch war drei Tage vor Ort und findet: Das Festival ist so entspannend und wohltuend wie ein Bad im heissen Thermalwasser.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h1>Poetisches Gipfeltreffen inmitten der Inspirationsquellen</h1>
<h2>15. Internationales Literaturfestival Leukerbad  2. bis 4. Juli 2010</h2>
<div id="attachment_4753" class="wp-caption alignnone" style="width: 560px"><img class="size-full wp-image-4753" title="Leukerbad 1" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/07/Leukerbad-1.jpg" alt="© Beat Schweizer" width="550" height="367" /><p class="wp-caption-text">© Beat Schweizer</p></div>
<h3>Das kleine, aber feine Literaturfestival in Leukerbad erfreut sich einer immer grösseren Beliebtheit. Kein Wunder: An kaum einem anderen Ort lassen sich in einer derart ungezwungenen Atmosphäre literarische Entdeckungen machen sowie Kontakte zu Bestsellerautoren und gleichgesinnten Bücherwürmern knüpfen. Nahaufnahmen.ch war drei Tage vor Ort und findet: Das Festival ist so entspannend und wohltuend wie ein Bad im heissen Thermalwasser.</h3>
<p>Von Christoph Aebi.</p>
<p>Da sass man also in Leukerbad im Garten eines Viersternehotels (welches schon einmal bessere Zeiten gesehen hatte) auf Plastikstühlen, weich gepolstert durch gelb-weiss gestreifte Sitzkissen, und lauschte dem italienischen Autor Andrea de Carlo, der Passagen aus seinem neusten Werk „Als Durante kam“ vortrug. Darin wird das Leben eines Aussteigertrios, welches sich im östlichen Apennin mit Handweberei beschäftigt, durch die Ankunft des besagten Durante gehörig durcheinandergebracht. Diese Wirkung hätte man sich als Zuhörer ebenfalls erhofft. Doch sie blieb leider aus. Den Inhalt des neusten Buches von Vielschreiber de Carlo, der sich ebenfalls als Fotograf, Musiker und Greenpeace-Aktivist betätigt, hatte man grösstenteils bereits wieder vergessen, ehe man sich aus den Stühlen erhob und sich zur nächsten Lesung aufmachte.</p>
<p>Einen ähnlich zwiespältigen Eindruck im ansonsten höchst abwechslungsreichen und vergnüglichen Programm des diesjährigen internationalen Literaturfestivals hinterliess nur noch (und ausgerechnet) der diesjährige Spycher-Preisträger Laszlo Krasznahorkai. Im festlich und mit viel Sinn fürs Detail liebevoll dekorierten Alten Bad St. Laurent las der ungarische Autor in deutscher Sprache und mit leiser, sonorer Stimme einen Auszug aus seinem neusten Erzählband „Seiobo auf Erden“. Darin widmet er sich europäischen und asiatischen Heiligen wie der Göttin Seiobo, deren Pfirsiche nur alle 3000 Jahre blühen, dafür aber Unsterblichkeit schenken. Während Krasznahorkai in assoziativ-ausufernden Sätzen von „den klaren Stimmen der Hayashi-Wölfe, die an mein Ohr drangen“ erzählte, schienen die Besucher ob des pseudo-esoterischen Geschwurbels entweder in meditativer Stimmung verharrt oder auch mehr oder weniger unbemerkt wegdösend.</p>
<h3>Eine Sprache des Nichtsprachlichen</h3>
<p>Überzeugender war an gleicher Stätte und am selben Abend der Auftritt von Alissa Walser, welche in diesem Jahr ebenfalls den Spycher-Literaturpreis erhält, der aus einem fünfjährigen Aufenthaltsrecht in mittelalterlichen Städtchen Leuk besteht. Die Jury befand, mit ihrem ersten Roman „Am Anfang war die Nacht Musik“ gelinge der Autorin „in erstaunlicher Weise, was zum Schwierigsten gehört: eine Sprache des Nichtsprachlichen zu erfinden.“ Und fürwahr: Mit feinen, literarischen Pinselstrichen rekonstruiert die 49-jährige Tochter Martin Walsers, die in Wien und New York Malerei studierte und bisher als Malerin, Übersetzerin sowie Autorin von Erzählungen und Theaterstücken in Erscheinung trat, das historisch verbürgte Zusammentreffen zwischen der erblindeten, musikalisch hochbegabten Maria Theresia Paradis und dem Arztmagier Franz Anton Mesmer im Wien des 18. Jahrhunderts. Marias Eltern, der Hofsekretär der Kaiserin und seine Gattin, erhoffen sich von Mesmer, dass er mit Hilfe der von ihm entwickelten Magnettherapie ihre Tochter von der Blindheit befreien kann. In einem einleitenden Essay, einem Text über den Text, berichtete Alissa Walser von ihrer vierjährigen Arbeit am Buch und der Verblüffung, dass in New York ein Lehrer eines ihrer Bilder als „mesmerizing“ bezeichnet hatte. Als Ausdruck für das Vorhandensein einer seltsamen Anziehungskraft hatte es der Name des Magnetiseurs bis in die englische Sprache geschafft.</p>
<h3>Abenteuerlicher, aber abwechslungsreicher und gelungener Mix</h3>
<p>Wer wollte, konnte sich die Musikalität von Walsers Sprache an einer zweiten Lesung im römisch-irischen Bad, im warmen Thermalwasser planschend oder auf Stühlen liegend, nochmals zu Gemüte führen. Damit sei auf das Erfolgsrezept der Organisatoren hingewiesen: Alle 23 Autoren und Autorinnen lasen innerhalb der drei Festivaltage mindestens zwei Mal an verschiedenen Lokalitäten, wie sie zum grössten Teil nur das Walliser Bergdorf bieten kann: Im Bergrestaurant auf dem Gemmipass, in einer Galerie, im Alten Bad St.Laurent, in Hotels oder im Alten Bahnhof, an welchem die Zeit effektiv stehengeblieben ist und die Uhr konstant eine Minute vor zwölf anzeigt.</p>
<div id="attachment_4755" class="wp-caption alignnone" style="width: 560px"><img class="size-full wp-image-4755" title="leukerbad 4" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/07/leukerbad-4.jpg" alt="Lesung mit Alissa Walser  © Beat Schweizer" width="550" height="367" /><p class="wp-caption-text">Lesung mit Alissa Walser  © Beat Schweizer</p></div>
<p>Das 1996 vom in Leukerbad aufgewachsenen Verleger Ricco Bilger gegründete und seit 2006 in den kompetenten Händen des Berner Literaturvermittlers Hans Ruprecht liegende Festival erfreut sich einer immer grösseren Beliebtheit bei (vornehmlich Deutschschweizer) Literaturfreunden. In diesem Jahr erreichte die Besucherzahl (1500) fast diejenige der Einwohnerzahl Leukerbads (1590). An kaum einem anderen Ort kann man so stressfrei und gemütlich seinen Lieblingsautoren zuhören oder genüsslich literarische Entdeckungen machen. Wie das Dorfbild ein abenteuerlicher Mix aus ursprünglichem Walliser Baustil, in die Jahre gekommenen Hotelanlagen und unter dem Gemeindepräsidium von Otto G.Loretan entstandenen Protzbauten ist, so war auch das diesjährige Festivalprogramm höchst abwechslungsreich – und im Gegensatz zum architektonischen Landschaftsbild sehr gelungen.</p>
<h3>Im Rausch erlebt, im Rausch geschrieben</h3>
<p>So hatte denn neben schwerer Kost wie dem bereits erwähnten Laszlo Krasznahorkai ebenfalls eine multimediale Lesung aus Airens „Strobo“ (dem Buch, aus welchem eine gewisse Helene Hegemann schamlos ganze Passagen abkupferte und als eigene Erlebnisse verkaufte) im Programm Platz. Da der Autor Airen weiterhin anonym bleiben möchte, wurde seine in Buchform verewigte Techno-Blog-Prosa von Deef Pirmasens vorgetragen. Dieser hatte Hegemanns literarischen Diebstahl in seinem Blog aufgedeckt, indem er Textpassagen aus Hegemanns und Airens Büchern gegenübergestellt hatte. Ob die wochenendlichen Party-, Sex- und Drogenexzesse eines jungen Unternehmensberaters in und um den berühmt-berüchtigten Berliner Klub „Berghain“ als Literatur gelten sollen, sei dahingestellt.  Nachdenklich machen die im Rausch erlebten und im Rausch geschriebenen Erlebnisse allemal: Da fühlt sich jemand so allein, dass er versucht, seine Einsamkeit und innere Leere mit zwölf täglichen Joints, Alkohol, allen möglichen Designerdrogen und sexuellen Eskapaden zu überdecken. Ein Schrei nach Liebe sei das Buch gewesen, erzählte Airen später in einem Interview und sprach von einer „grauenvollen Phase“. Mittlerweile lebt er in Mexiko, ist glücklich verheiratet und die Party-Szene Berlins ist sowohl geographisch als auch ideell weit weg.</p>
<h3>Schummerstimmung in Schummertal</h3>
<p>Keine multimediale Performance an und für sich, aber dennoch ein Erlebnis der etwas anderen Art war die Mitternachtslesung von Pedro Lenz im Bergrestaurant des Gemmi-Passes auf 2350 Metern über Meer. Die Anfahrt in der im Dunkeln hoch über dem Abgrund schwebenden Gondel, dicht gedrängt mit anderen Festivalbesuchern, war nichts für klaustrophobisch veranlagte oder unter Höhenangst leidende Zeitgenossen. Man kam jedoch –wie auch sonst während des Festivals- schnell mit anderen Literaturfreunden ins Gespräch und bald kamen Ideen für weitere Veranstaltungsorte auf: Wieso nicht in der Gondel oder gar in der Felswand hängend? Spezielle Leseorte seien gerade ziemlich en vogue, meinte einer der Anwesenden. Davon lebe beispielsweise die Lit.cologne, welche Krimis in einem Polizeipräsidium vorstelle. Ein anderer warf in die Runde, an einem Festival in Litauen habe es gar eine Lesung in einem ehemaligen Atomraketenstützpunkt gegeben.</p>
<div id="attachment_4754" class="wp-caption alignnone" style="width: 560px"><img class="size-full wp-image-4754" title="Leukerbad 2" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/07/Leukerbad-2.JPG" alt="Mitternachtslesung mit Pedro Lenz" width="550" height="417" /><p class="wp-caption-text">Mitternachtslesung mit Pedro Lenz</p></div>
<p>Zurück in die Walliser Berge: Oben auf der Gemmi wurden die Literaturbegeisterten mit Fackeln und Glühwein empfangen. Im Restaurant sorgten Kerzen auf den Tischen und das Licht einer einzigen Leselampe für Schummerstimmung, passend zum ersten Roman von Pedro Lenz, „Der Goalie bin ig“, welcher in Schummertal, einer Durschnitts-Kleinstadt im Mittelland, spielt. Lenz, in den letzten Jahren als Spoken-Word-Performer und Verfasser von Mundart-Erzählungen zu einer Art Literatur-Popstar aufgestiegen, ist mit seinem ersten längeren Werk ein furioser Roman über die Lebenswelt eines soeben aus der Strafanstalt entlassenen, ehemaligen Drogensüchtigen gelungen, der versucht, im Alltag wieder Fuss zu fassen und doch immer wieder von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Sogar in der standarddeutschen Übersetzung von Raphael Urweider, aus welcher während der Lesung erstmals Ausschnitte zu hören waren, büsste der Text nichts von seinem Charme und seiner Brillanz ein. Nur schade, dass Pedro Lenz etwas gar missmutig in die Runde blickte.</p>
<h3>Hunde im Weltall</h3>
<p>Einen Tag später, zum Abschluss des „Literarischen Abends“, während welchem 12 Autoren und Autorinnen jeweils zehnminütige Kurzlesungen boten, war Lenz sichtlich besser gelaunt und legte zusammen mit Raphael Urweider und dem Ukrainer Serhij Zhadan als Trio Infernale ein Finale Furioso hin. Die drei hatten sich während einer gemeinsamen Ukraine-Tour im vergangenen Jahr angefreundet und sichtlich Spass am gemeinsamen Auftritt. Zhadan, der in seiner Heimat bei Lesungen riesige Hallen füllt, hatte am Nachmittag bereits sein neustes, aberwitziges Werk „Hymne der demokratischen Jugend“ vorgestellt. In sechs temporeichen Episoden treten darin Helden der postsozialistischen Umbruchszeit, wie beispielsweise ein handicapierter Akkordeonspieler oder ein Heizer im Krematorium, auf.</p>
<p>Am Abend nun trug er in einem ukrainischen Wortschwall Kurzprosa vor, die danach von Urweider in deutscher Sprache wiedergegeben wurde, sowie einen Rap seiner Band „Hunde im Weltall“, in welchem die Rede davon ist, wie „300 Chinesen ganze Tag nach Budapest fahren“. Lenz präsentierte seinen „Standard“ vom Lottospieler, der sich lautstark Gedanken macht, was er bei einem Sieg mit dem Geld anstellen würde und sich dabei in einen wahren Redeschwall versteigt. Der Text wurde sodann, zur Gaudi der Anwesenden,  von dem befreundeten schottischen Autor Donal McLaughlin in dessen Übersetzung präsentiert. Kurz vorher hatte bereits Christoph Simon die Anwesenden mit einem Crash-Kurs in Französisch und Italienisch für in der Schweiz weilende Deutsche sowie einer Fülle von Fragen (Halten Sie sich für sensibel und sind doch nur beleidigt? Was haben Menschen, die nicht im Bus und auf der Strasse telefonieren, zu verbergen?) zum Schmunzeln und Nachdenken gebracht.</p>
<h3>Sich spazierend die Welt aneignen</h3>
<p>Ein Höhepunkt der drei Festivaltage war auf jeden Fall der von Christoph Simon begleitete literarische Spaziergang durch die Dala-Schlucht. Am Anfang und Ende der erst vor ein paar Jahren begehbar gemachten Schlucht (für nicht ganz Schwindelfreie stellt der Weg mit einer Hängebrücke und schwankenden Leitern allerdings einige Hindernisse dar) setzten sich die Teilnehmer ins Gras und lauschten Christoph Simon, der passenderweise Ausschnitte aus seinem neusten, vierten Roman „Spaziergänger Zbinden“ vortrug. Darin begleitet der junge Zivildienstleistende Kâzim den 87-jährigen, passionierten Stadtspaziergänger und ehemaligen Lehrer Lukas Zbinden durch ein Betagtenheim. In einem grandiosen Monolog gibt der alte Mann nicht nur ein Plädoyer fürs Spazierengehen ab („Spazieren heisst: Aneignung der Welt“), sondern erzählt seinem jungen Betreuer vor allem die Geschichte der lebenslangen Liebe zu seiner verstorbenen Frau Emilie. Mit „Spaziergänger Zbinden“ ist Christoph Simon, inspiriert von einer Begegnung mit dem Schriftsteller Gerhard Meier,  einer der anrührendsten und schönsten Schweizer Romane der letzten Jahre gelungen. Die Begeisterung der Mitspaziergänger führte mittels Mund-zu-Mund-Propaganda dazu, dass das Buch während des Wochenendes zum Verkaufsschlager wurde und am letzten Festivaltag kein Exemplar mehr erhältlich war.</p>
<div id="attachment_4759" class="wp-caption alignnone" style="width: 560px"><img class="size-full wp-image-4759" title="leukerbad 5" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/07/leukerbad-5.jpg" alt="Spazierganglesung mit Christoph Simon" width="550" height="367" /><p class="wp-caption-text">Spazierganglesung mit Christoph Simon © Beat Schweizer</p></div>
<h3>Der Pete Doherty des Literaturbetriebs</h3>
<p>Als eigentliche literarische Entdeckung kann der französische Autor Jérôme Lafargue bezeichnet werden, der in Leukerbad sein erstes, in Frankreich mit Preisen überhäuftes und nun in deutscher Sprache erschienenes Werk „Der Freund Butler“ vorstellte. Darin begibt sich ein Mann namens Johan in den Provinzort, aus welchem sein Zwillingsbruder Timon spurlos verschwunden ist, um der Polizei bei den Nachforschungen zu helfen. Vor dem Verschwinden war sein Bruder ein erfolgreicher, aber zurückgezogener Schriftsteller, der zuletzt Biografien fiktiver Autoren verfasst hatte. Zwei davon gab es in Leukerbad zu hören und beide sind wunderbare Satiren auf den Literaturbetrieb: Owen W.Butler erhielt im ausgehenden 19.Jahrhundert zwar höchste literarische Auszeichnungen für seine Novellen und Gedichtbände, brachte aber für einen geplanten Roman nur gerade einen einzigen Satz zustande, bevor er im wahrsten Sinne des Wortes verstummte (was in gelehrten Kreisen zu den wahnwitzigsten Erklärungen führte) und seine Leiche Jahrzehnte später bei Renovationsarbeiten wieder auftauchte. Der blasse und blasierte Malcolm Dunbarne, eine Art Pete Doherty des Literaturbetriebs, avancierte im England der 80er-Jahre mit Werken wie „Faster and Deeper“, „Smooth and Clean“ und „Becoming a piece of furniture“ zum Shooting-Star, bis das Publikum seine Geschichten von Sauf-, Sex- und Drogenexzessen satt hatte, und die „wüste Karikatur des Enfant Terrible“, unfähig ein „richtiges Buch“ zu schreiben, seinem Leben mit Gin und 18 Kapseln ein Ende setzte. Lafargue gelang mit „Der Freund Butler“ ein literarisches Verwirrspiel der Extraklasse, bei dem Fiktion und Realität vergnüglich miteinander verschmelzen.</p>
<h3>Suchen ist seliger denn Finden</h3>
<p>Wie Fiktionen muten auch die Geschichten in Judith Schalanskys „Atlas der abgelegenen Inseln. Fünfzig Inseln auf denen ich nie war und niemals sein werde“ an. Die Autorin und Kommunikationsdesignerin Schalansky hat jedoch die Episoden, mit denen sie jedes der für das Buch ausgewählten, oftmals öden und unwirtlichen Eilande präsentiert, gründlich recherchiert. So findet man in dem auch optisch sehr schön aufgemachten Band Geschichten von Schatzsuchern wie dem Deutschen August Gissler, der 16 Jahre lang die Kokos-Insel umgegraben hat, jedoch getreu nach dem Motto „Suchen ist seliger denn Finden“ nur ein paar Dukaten und einen vergoldeten Handschuh entdeckte. Schauerliches spielte sich auf der Insel St.Kilda in den Äusseren Hebriden ab. Dort grassierte jahrelang eine vermeintlich mysteriöse 8-Tage-Krankheit, welcher neugeborene Kinder zuhauf erlagen, bis sich herausstellte, dass die des Schreibens und Lesens unkundige Hebamme die Säuglinge jeweils mit Tetanus infiziert hatte.</p>
<p>Die zugleich schönste und unglaublichste Geschichte ist diejenige des Franzosen Marc Liblin, der als Kind im Traum eine Sprache erlernte, die niemand verstand. Erst als er Mitte dreissig war, interessierten sich Forscher der Universität Rennes für ihn. Sie brachten ihn mit Matrosen zusammen, von denen einer die Sprache auf der polynesischen Insel Rapa Iti schon einmal gehört hatte und eine von dieser Insel stammende Frau kannte, die in der Nähe von Rennes lebte. Marc Liblin traf also die einzige Frau, die ihn verstand und verliebte sich in sie. Die beiden heirateten und zogen nach Rapa Iti. Übrigens, auch wenn die Schweiz keinen Meereszugang habe, meinte Judith Schalansky zur Einleitung ihrer Lesung verschmitzt, so habe das Land doch eine gewisse Affinität zum Thema Inseln.</p>
<h3>Karrieretechnisch die Handbremse lösen</h3>
<p>Ein ebenso verschmitzter Zeitgenosse ist der deutsch-isländische Schriftsteller Kristof Magnusson, der in Leukerbad mit Lesungen aus seinem zweiten Roman „Das war ich nicht“ die Anwesenden verzückte. In seinem Buch lässt Magnusson drei Figuren am Rande des Nervenzusammenbruchs aufeinandertreffen: Der junge deutsche Börsenhändler Jasper Lüdemann ist davon überzeugt, mit einer Stelle in Chicago „karrieretechnisch die Handbremse gelöst“ zu haben und hat seinen Arbeitsplatz im Händlersaal bereits mit der königsblauen Fahne seines Lieblings-Fussballklubs markiert. Nach der Rückkehr von einer Schulung in London muss er feststellen, dass man bei seinem Arbeitgeber sehr wohl auf seine Dienste verzichten kann. Der alternde schwule Bestsellerautor Henry La Marck hat in einer englischen Talkshow in Anwesenheit von Elton John vollmundig verkündet, er habe bereits einen Tag nach den Anschlägen auf das World Trade Center mit der Arbeit an einem grossen 11.September-Roman begonnen.</p>
<p>Seitdem warten alle auf einen Jahrhundertroman, der Verlag hat bereits ein Marketing-Konzept ausgeheckt – doch geschrieben ist von dem angestrebten Mammutwerk noch keine einzige Zeile. Stattdessen verbunkert sich der Autor in einem Hotel und verliebt sich in die Foto eines Bankers, der verzweifelt auf die fallenden Kurse statt. Derweil wartet die Übersetzerin Meike Obansky, die soeben von Hamburg in ein Häuschen auf dem Lande gezogen ist und sich „nur noch daran gewöhnen muss, dass es so richtig schön ist“, vergebens auf das neuste Manuskript „ihres“ Autors, von dessen Buchübersetzungen sie ihren Lebensunterhalt bestreitet. Magnusson ist als Theaterautor ebenfalls erfolgreich und so wird „Das war ich nicht“, welches die Buchtante Iris Radisch jüngst als „Literatursimulation“ bezeichnete, folgerichtig im Herbst im Theater Basel uraufgeführt werden. Eine Première, auf die man sich freuen darf.</p>
<h3>Die Super-Blondine</h3>
<p>Eine Wohltat und herrlich erfrischend waren ebenfalls die Lesungen von Milena Moser. In ihrem neusten Roman „Möchtegern“ wird die ehemalige Erfolgsschriftstellerin Mimosa Mein (laut der Autorin eine „Variation von ihr“) in die Jury der neusten Casting-Show des Schweizer Fernsehen namens „Die Schweiz sucht den SchreibStar“ berufen. Als „Hasbeen“ soll sie Nachwuchsautoren, die „Wannabes“, beurteilen. Natürlich ist alles ein abgekartetes Spiel und die Siegerin durch die Verantwortlichen der Show bereits vorbestimmt. Zwar ist „Möchtegern“ nicht Mosers stärkstes Buch, da die Handlung auf über 450 Seiten manchmal etwas unentschieden zwischen Satire und Krimi pendelt und die Message, dass jeder schreiben kann, der will, etwas gar penetrant wirkt.  Lesungen mit Milena Moser sind aber ein Erlebnis, denn die Autorin hat ein Gespür für Witz und das richtige Timing.</p>
<div id="attachment_4756" class="wp-caption alignnone" style="width: 560px"><img class="size-full wp-image-4756" title="Leukerbad 3" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/07/Leukerbad-3.JPG" alt="Milena Moser" width="550" height="384" /><p class="wp-caption-text">Milena Moser</p></div>
<p>Moser trägt nicht nur Ausschnitte aus ihrem Buch vor, sondern gibt Anekdoten zum Besten und lässt den Zuhörer an der Entstehungsgeschichte des Buches teilhaben. „Möchtegern“ sei ihre „Super-Blondine“, meinte sie, geschrieben in einer beruflichen Midlife-Crisis. Sie habe „alles erreicht, was sie sich erträumt hatte, war versorgt, angekommen“ und hatte einen Vier-Bücher-Vertrag mit einem renommierten deutschen Verlag, als sie gemerkt habe, dass künstlerische Freiheit und finanzielle Sicherheit nicht unbedingt gleichzeitig zu haben seien. So löste sie sich „nicht ohne Mühe“ aus den Verträgen, um wieder schreiben zu können wie früher: Ohne Vorschuss, Vertrag, Vetreterkonferenzen und die Einflussnahme von Marketingabteilungen. Im Buch verarbeitete sie viele eigene Erfahrungen als angehende Schriftstellerin auf der Suche nach einem Verlag. Dabei liess sie sich damals einiges einfallen: So wusste Milena Moser, dass der Verleger Klaus Wagenbach eine bestimmte Sorte Champagner gerne trank. Sie besorgte sich eine Flasche davon, trank sie aus und versuchte, das Manuskript in die Flasche hineinzustopfen, was nicht gelang. So band sie das Manuskript rund um die leere Flasche und schickte das Paket nach Berlin – aus dem angestrebten Vertrag wurde jedoch nichts.</p>
<h3>Das Land, in dem Grössenwahn gedeiht wie Unkraut</h3>
<p>Heisst der Autor nicht gerade Ismail Kadare, findet albanische Literatur in den hiesigen Feuilletons kaum oder gar nicht statt. Mit der Einladung der beiden Schriftstellerinnen Ornela Vorpsi und Bessa Myftiu ist es den Organisatoren des Literaturfestivals Leukerbad nun gelungen, die albanische Literatur wieder einmal auf die literarische Landkarte zu setzen. Beide Autorinnen gehörten denn auch zu den positiven Entdeckungen am diesjährigen Festival. Ornela Vorpsi, 1968 in Tirana geboren, studierte in den neunziger Jahren an der Accademia die Belle Arti di Brera, schreibt in italienischer Sprache und arbeitet derzeit als Schriftstellerin, Fotografin und Videokünstlerin in Paris. Ihr erstes Buch „Das ewige Leben der Albaner“ ist eine mit beissendem Spott geschriebene Abrechnung mit ihrem Herkunftsland zur Zeit des Kommunismus, als der Diktator Enver Hoxha mit grausamer Willkür herrschte. Albanische Männer werden als archaische Frauenhasser und Zeitbomben beschrieben, die überall explodieren können. Dies in einem Land, in dem man „keinen Spass versteht und Grössenwahn gedeiht wie Unkraut“. Ihre eigene Schönheit erlebte die Autorin immer als Hindernis, da das kommunistische Regime alle Menschen gleich machen wollte. Schönheit war etwas, womit man aus der Reihe tanzte und damit war man zu verteufeln. Man sagte, wenn eine Frau schön sei, sei sie automatisch eine Hure und stellte mit dieser Gleichung die egalitäre Ordnung wieder her.</p>
<p>Nur wenig versöhnlicher ist das zweite Buch „Die Hand, die man nicht beisst“, welches fragmentarische Reminiszenzen an die Vergangenheit beinhaltet. Die Ich-Erzählerin reist darin aus Paris nach Sarajevo, um einen vermeintlich kranken Freund zu besuchen, welcher jedoch vor allem am Weltschmerz leidet. Auch Bessa Myftiu, die seit 1992 in Genf lebt, wo sie einen Lehrauftrag im Bereich Erziehungswissenschaften hat und „aus Liebe“ ihre Bücher in französischer Sprache schreibt, blickt in ihrem ersten auf Deutsch erschienenen Roman „An verschwundenen Orten“ in die Vergangenheit zurück. Sie erzählt aus der Perspektive eines Mädchens die Geschichte ihrer Familie und ihrer Kindheit in Albanien. Der Vater geriet beim Regime in Ungnade, wurde psychiatrisiert, erhielt Schreibverbot und verdiente danach seinen Lebensunterhalt als Kioskverkäufer. Bei aller Schwere der Themen blitzt in ihrem Buch jedoch immer wieder Humor auf, beispielsweise in der Episode der wahrsagenden Grossmutter. Das Regime will ihr die Aktivitäten verbieten und schickt einen Polizeikommandanten vorbei, um die alte Frau zum Verhör mitzunehmen. Mit einer Charmeoffensive wickelt die Grossmutter den Polizisten jedoch um den Finger, liest ihm die Karten, worauf dieser hocherfreut mit einem Kuchen zurückkehrt, denn sie habe ihm sehr geholfen.</p>
<h3>Vom Immigrantenkind zum Gesellschaftslöwen</h3>
<p>Es liessen sich in Leukerbad jedoch nicht nur bisher wenig bekannte Autoren und Autorinnen entdecken. Zwei Bestsellerautoren reisten gar mit noch unveröffentlichten Manuskripten an und lasen erstmals Kostproben daraus vor. Rolf Dobelli, schriftstellernder CEO des weltweit führenden Anbieters von Buchzusammenfassungen, präsentierte sein sechstes Werk „Massimo Marini“, welches Ende September erscheint. Der Gesellschafts- und Entwicklungsroman deckt die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts ab und beginnt Anfang der Fünfzigerjahre, als 300&#8242;000 bis 400&#8242;000 Italiener als billige Arbeitskräfte in die Schweiz geholt wurden. Sie wohnten in Baracken auf Fabrikgeländen, da sie keine eigenen Wohnungen haben durften. Der Nachzug von Familienmitgliedern war ebenfalls verboten.</p>
<p>So wird Massimo Marini als Säugling in einem Koffer in die Schweiz geschmuggelt und neun Jahre lang versteckt gehalten, damit seine Eltern die Aufenthaltsbewilligung nicht verlieren. Sein Vater arbeitet sich zum erfolgreichen Bauunternehmer hoch. Als Jugendlicher weigert sich Massimo, in die Fussstapfen seines Vaters zu treten, studiert Germanistik statt Architektur, nimmt an den Operhauskrawallen in Zürich und an Anti-Atom-Demonstrationen teil. Nach dem Tod des Vaters wird er aber dessen Unternehmen übernehmen, vom Linken zum Rechten, vom Opernhausdemonstranten zum Opernhaussponsor und erfolgreichen Geschäftsmann mutieren, dessen Firma unter anderem für den Bau von zentralen Abschnitten des Gotthard-Basistunnels verantwortlich ist. Rolf Dobelli, der die Geschichte in Rückblenden von Massimo Morinis Anwalt erzählen lässt, schreibt in einer schnörkellosen Sprache, trägt aber dramaturgisch ab und zu etwas gar dick auf.</p>
<h3>Das Schicksal eines irischen Geschwisterpaars</h3>
<p>Um einiges weniger durchsichtig ist das neuste Epos von Rolf Lappert mit dem Titel „Auf den letzten Inseln des Lichts“, welches ab Mitte August im Handel erhältlich sein wird. Auf erste Ausschnitte aus Lapperts Werk war man besonders gespannt, erhielt der Autor für sein letztes Buch „Nach Hause schwimmen“ doch nicht nur höchstes Kritikerlob im ganzen deutschsprachigen Raum, sondern ebenfalls den ersten Schweizer Buchpreis. Lappert, der seit zehn Jahren in Irland lebt und von sich sagt, er habe eine unbeschwerte Kindheit gehabt, deshalb schreibe er über unglückliche Kindheiten, stellt in seinem über 500-seitigen Buch ein irisches Geschwisterpaar in den Mittelpunkt. Tobey versucht sich in  Dublin als Rockmusiker und macht sich im ersten Teil der Geschichte auf den Weg nach einer abgelegenen philippinischen Insel, wo Wissenschaftler und Versuchstiere einer einstigen Forschungsstation für Primaten vor sich hin vegetieren und Tobey seine verschollene Schwester Megan vermutet. Diese hat sich durch ihre fanatische Leidenschaft für den Tierschutz in Schwierigkeiten gebracht.</p>
<p>Der zweite Teil des Romans führt die Leser in die Vergangenheit und auf jene Farm im Südwesten Irlands, auf welcher Tobey und Megan aufgewachsen sind. Die Mutter verlässt die Kinder (worauf diese im katholischen Irland eine gewisse lokale Berühmtheit erlangen); der Vater ist ein sturer Hund, der auf seinem Hof herumwerkelt. Um den Haushalt kümmert sich eine Nachbarin, die für einen Kindsmord einige Zeit im Gefängnis verbracht hat. Nach dem Tod des Vaters verlässt Megan den Hof und schliesst sich einer Gruppe von Tierschützern an. Als Tobey volljährig ist, zieht er ebenfalls weg und gründet in Dublin eine Band. Im Schlussteil des Buches wird man als Leser dann, so kündigte der Autor an, erfahren, was mit Megan auf der philippinischen Insel passiert ist. Wie in „Nach Hause schwimmen“ fasziniert Lappert auch in seinem neusten Roman mit einer liebevollen und detailreichen Beschreibung seiner Romanfiguren und deren Lebenswelten. Die Lesung von Rolf Lappert am späten Sonntagnachmittag bildete somit den krönenden Abschluss eines an literarischen Höhepunkten reichen Festivals.</p>
<p>Das 16. Internationale Literaturfestival Leukerbad wird vom 1. bis 3. Juli 2011 stattfinden.</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
<p><strong>Im Netz</strong><br />
 <a href="http://www.literaturfestival.ch" target="_blank">www.literaturfestival.ch</a></p>
]]></content:encoded>
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		<title>„Die verrückten Flanagans“ von Elizabeth Kelly</title>
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		<pubDate>Mon, 26 Jul 2010 09:55:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Fee Anabelle Riebeling</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Neuerscheinungen]]></category>

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		<description><![CDATA[<a href=http://www.nahaufnahmen.ch/2010/07/26/%e2%80%9edie-verruckten-flannagans%e2%80%9c-von-elizabeth-kelly/><img src=http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/07/dieverrücktenflanagans-150x150.jpg class=imgtfe hspace=10  vspace=5 align=left width=150  border=0></a>"Sie haben einen Sohn! Er ist gesund." Magische Worte, die normalerweise die frisch gebackenen Eltern in Verzücken versetzen. Nicht aber Neu-Mami Flanagan. Sie hätte viel lieber ein Hundebaby (!) geboren, schliesslich hatte sie während der Schwangerschaft unzählige Bücher und Erzählungen über die haarigen Vierbeiner verschlungen. Zum Trotz erhält der nun doch - wen wunderts - menschliche  Nachwuchs den Namen Collie. Genau, wie die Hunderasse.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h1>Eine schreckliche nette Familiengroteske</h1>
<h2>„Die verrückten Flanagans“ von Elizabeth Kelly</h2>
<h3>&#8220;Sie haben einen Sohn! Er ist gesund.&#8221; Magische Worte, die normalerweise die frisch gebackenen Eltern in Verzücken versetzen. Nicht aber Neu-Mami Flanagan. Sie hätte viel lieber ein Hundebaby (!) geboren, schliesslich hatte sie während der Schwangerschaft unzählige Bücher und Erzählungen über die haarigen Vierbeiner verschlungen. Zum Trotz erhält der nun doch &#8211; wen wunderts &#8211; menschliche  Nachwuchs den Namen Collie. Genau, wie die Hunderasse.</h3>
<p>Von Fee Anabelle Riebeling.</p>
<p><img class="alignright size-full wp-image-4715" title="dieverrücktenflanagans" src="http://www.nahaufnahmen.ch/wp-content/uploads/2010/07/dieverrücktenflanagans.jpg" alt="dieverrücktenflanagans" width="200" height="317" />So beginnt Collies Leben in der verrückten Familie Flanagan, zu der neben der durchgeknallten Mutter auch Pop gehört, ein exzentrischer Ire, dessen grösste Wonne und Lebensaufgabe die Liebe zu seiner Frau ist. Dank ihres Vaters, einem stinkreichen Grossverleger, widmen sie sich ausschliesslich den schönen Dingen des Lebens. Wozu die beiden keineswegs das Verdienen des Lebensunterhalts zählen. Der zweitgeborene Bingo komplettiert das Quartett und drangsaliert seinen zurückhaltenden Bruder, wann immer es geht.</p>
<h3>Zurück ins Nest zum Neustart</h3>
<p>Der Kanadierin Elizabeth Kelly ist mit &#8220;Die verrückten Flanagans&#8221; ein fulminantes Debüt gelungen. Sie schildert wortgewaltig in den schillerndsten Farben, überzeichnet Charaktere und übertreibt masslos. Nicht kapitelweise: durchgehend. Und das sehr zur Freude des Lesers. Mit pointierter Schreibe wird aus der klassisch als Familien- oder Bildungsroman zu bezeichnenden Saga Flanagan eine köstliche Familiengroteske, die von der ersten bis zur letzten Seite zu begeistern, überzeugen und den Leser vor Entsetzen in Atemnot zu bringen weiss.</p>
<p>Der frühe Tod des Bruders – er ertrinkt bei einer Höhlenklettertour – hinterlässt bei Collie stetig schwelende Schuldgefühle. Dennoch ist er das einzige Familienmitglied, das einen soliden Weg einschlägt. Er wird Arzt und scheint endlich auf seinem Weg an- und damit seiner seltsamen Familie entkommen. Doch das Setzen einer tödlichen Spritze beendet seine Karriere jäh. Notgedrungen, aber widerwillig kehrt der älteste und einzige Sohn in den Schoss seiner Familie zurück.</p>
<h3>Open End</h3>
<p>Doch die übrig gebliebenen Familienmitglieder nehmen ihn nur ungern auf: Sie hätten seinen Tod besser verschmerzen können als den des Bruders. Das lassen sie ihren Erstgeborenen deutlich spüren. Erst als der die Lieblingstaube des schrulligen Onkels von ihren Leiden befreit, scheint der Familienfrieden wieder gefunden. Nach Zwistigkeiten und einer Odyssee ins bürgerkriegserschütterte El Salvador scheint die Versöhnung mit der Vergangenheit die Erzählung abzurunden. Doch der Leser vermisst ein klares Ende, den Schlusspunkt.</p>
<p>Trotz dieses kleinen Mankos will man mehr von der Kanadierin lesen. Am besten gleich. Und im Idealfall ebenso Verrücktes wie &#8220;Die verrückten Flanagans&#8221;.</p>
<p>Blessing Verlag<br />
 400 Seiten, ca. CHF 34.90</p>
<p><br class="spacer_" /></p>
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