“Bobby” von Emilio Estevez (Drama) | Ascot Elite

Politische Elegie der Sonderklasse

“Bobby” von Emilio Estevez (Drama) | Ascot Elite

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Die Stars und Sternchen Hollywoods sind nicht unbekannt für politische Statements. Ein so klares, aufrüttelndes und einstimmiges wie das, welches “Bobby” zeigt, ist allerdings selten. Der Film feiert und trauert um Robert F. Kennedy, der 1968 die grosse Hoffnung auf ein neues Amerika war, das soziale Verantwortung zeigt. Ein Film mit Höhen und Tiefen, grossartigen Schauspielern, einem politischen Appell und einem epischen Schluss.

Von Lukas Hunziker.

Senator Robert F. Kennedy wurde 1968 im Ambassador Hotel in Los Angeles erschossen, keine fünf Jahre nach dem Attentat an seinem bei uns viel bekannteren Bruder Robert F. Kennedy. Dass hierzulande gerade der jüngeren Generation Robert Kennedy kein Begriff ist, empfindet man nach “Bobby” als ein Armutszeugnis – wenn der Film etwas überzeugend zeigt, dann dass ohne Robert F. Kennedys Ermordung Amerika heute anders aussehen könnte. Robert Kennedy war die Hoffnung der Schwarzen, der Armen, der Alten, der Kriegsgegner – all jener, deren Stimmen in Amerika kaum gehört wurden. In vielerlei Hinsicht war Bobby das genau Gegenteil des heute amtierenden Präsidenten der USA – ein blitzgescheiter, engagierter, selbstloser Politiker, der Armenviertel und Schulen besuchte und alles über die Probleme der Diskriminierten hören wollte.

Kurzgeschichten unterschiedlicher Qualität

“Bobby” erzählt jedoch nicht die Geschichte seines Titelhelden, sondern Geschichten von Menschen, die bei seiner Ermordung im Ambassador Hotel anwesend waren. 22 Hauptfiguren hat das Drama; darunter der Hotelmanager, eine alkoholsüchtige Sängerin, ein pensionierter Portier, ein Küchenjunge, eine Telefonistin, eine tschechische Reporterin und viele andere. Nicht alle Geschichten sind gelungen – jene zweier junger Wahlhelfer, die LSD entdecken und unter dessen Wirkung halluzinieren, ist sogar völlig nervig und überflüssig. Andere, wie die des Küchenburschen Jose, der zur Doppelschicht verknurrt wird und dadurch die hart erarbeiteten Plätze für ein Baseballspiel verliert, beeindrucken hingegen durch ihre subtile Analyse der amerikanischen Gesellschaftsstruktur.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Kennedy selbst wird von keinem Schauspieler gespielt. Zu sehen ist er in Fernsehaufnahmen, die geschickt und effektvoll in die Handlung eingeflochten werden. Die Rede, die er anlässlich der Ankündigung seiner Präsidentschaftskandidatur im Ambassador hielt, sieht man sich so quasi ‘live’ mit an und ist nicht weniger berührt als die Zuschauer im vollen Saal. Als Kennedy danach das Hotel durch die Küche verlassen will und dort im riesigen Gedränge Schüsse fallen, macht der Film alle kleinen Schwächen gut – grandios inszenierte Bilder, die einem klar machen, dass es mit Amerika von dieser Stunde an bergab ging, rauschen über die Leinwand. Dann setzt die Stimme Kennedys ein, mit einer seiner berührendsten Reden gegen Gewalt. Dass selbst die Augen jener, die zuvor nie von John F. Kennedys Bruder gehört haben und auf amerikanischen Patriotismus und Heldenkult spucken, während dieser letzten Minuten feucht werden und gebannt auf die Leinwand schauen, stellt Regisseur und Drehbuchautor Emilio Estevez ein gutes Zeugnis aus.

Plädoyer für ein neues Amerika

Obwohl das Drehbuch nicht ganz frei von Makeln ist, versteht man, warum es Estevez als doch eher unbekanntem Regisseur gelang, eine ganze Armee erstklassiger Schauspieler – Anthony Hopkins, Helen Hunt, Demi Moore, Sharon Stone, Christian Slater, Laurence Fishburne, Elijah Wood und Lindsay Lohan sind nur einige davon – zu verpflichten. Diese arbeiteten auch zum Mindestlohn, was deutlich macht, dass für viele der Mitwirkenden dieser Film mehr ein politisches Statement als ein Engagement war. Der Film ist ein Aufruf zu einer neuen amerikanischen Politik, die sich um die gesellschaftlich schlechter Gestellten kümmert, sich für die Umwelt engagiert und keine Kriege führt – die Politik Robert F. Kennedys.

Politische Film aus Hollywood sind selten. Ein Grund mehr, um “Bobby” die Aufmerksamkeit zu schenken, die er verdient. Es ist ein pathetischer Film mit kleineren dramatischen Schwächen, aber einem so aufrührenden Schluss und einem so tragischen und sympathischen Titelhelden, dass man ihm dies nicht übel nehmen kann.


Ab dem 15. März 2007 im Kino.

Originaltitel: Bobby (USA 2006)            
Regie: Emilio Estevez
Darsteller: Harry Belafonte, Laurence Fishburne, Heather Graham, Antony Hopkins, Helen Hunt, Joshua Jackson, Ashton Kutcher, Lindsay Lohan, William H. Macy, Demi Moore, Martin Sheen, Christian Slater, Sharon Stone, Elijah Wood
Dauer: 117 Minuten
CH-Verleih: Ascot Elite

Im Netz
Offizielle Englische Seite zum Film
Offizielle Deutsche Seite zum Film
Weiterführende Infos und Links zur Ermordung von Robert F. Kennedy

Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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