“Michael Haneke Trilogie” von Michael Haneke

Verstörende Meisterwerke

“Michael Haneke Trilogie” von Michael Haneke

Für leicht bekömmliche Abendunterhaltung ist Michael Haneke weiss Gott nicht bekannt. Auch seine Trilogie, welche die Filme “Der Siebente Kontinent”, “Benny’s Video” und “71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls” umfasst, lässt sich nicht leicht schlucken. Wer sich aber gerne auf schonungslose Porträts gesellschaftlicher Abgründe einlässt, wird nicht abstreiten können, dass einem diese drei Filme trotz ihrer Sperrigkeit nicht mehr loslassen.

Von Lukas Hunziker.

haneke trilogieDer Siebente Kontinent

Am sperrigsten ist sicher der erste Teil der Trilogie, “Der Siebte Kontinent¬”. Er beruht, wie alle drei Filme, auf tatsächlichen Ereignissen, und erzählt die Geschichte einer Familie, die auf einen Abgrund zugeht, der tiefer ist als alles, was man zu Beginn des Films erahnen könnte. Die erste Stunde des Films folgt dem bedrückend eintönigen Leben des Ehepaars Anna und Georg sowie ihrer schweigsamen Tochter Eva. Der Film vermittelt kompromisslos die erdrückende Atmosphäre und Langeweile, die ihm Leben seiner Figuren vorherrscht, und verweigert sich damit schon allen ungeduldigen Zuschauern. Doch wie der Zuschauer kommt auch die Familie an einen Punkt, an dem es ein so grosses Verlangen nach einem radikalen Einschnitt in diese trostlose Existenz gibt, dass kein Opfer dafür zu gross ist. Was dann passiert – sowie mit der Familie wie auch mit den Zuschauern – sollte keinesfalls verraten werden.

Benny’s Video

Der zweite Teil der Trilogie befasst sich mit Jugendgewalt. Benny ist ein eigentlich intelligenter, beliebter und gut aussehender Teenager, dessen Leidenschaft Filme sind. Fast täglich leiht Videos aus der Videothek aus und macht immer wieder selbst Filme, auch von weniger appetitlichen Ereignissen wie der Erschiessung eines Schweins vor der Schlachtung. Mit dem Schlachtgewehr tötet er ohne offensichtliches Motiv ein gleichaltriges Mädchen, das zu ihm nach Hause kommt. Den Mord nimmt er, ob absichtlich oder unabsichtlich bleibt unklar, auf Video auf. Doch dies ist erst der Beginn einer Geschichte über einen absolut undurchschaubaren Teenager, der eigentlich jenseits von Gut und Böse scheint. “Benny’s Video” ist der zugänglichste Teil der Trilogie und daher wahrscheinlich der bekannteste. Schockierend ist nicht die Tat selbst, sondern das Fehlen des Motivs und die nicht offensichtliche Reue des Protagonisten. Und das Ende, das man eben so ohne Erklärung hinnehmen muss, wie beim ersten Teil.

71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls

Auch der letzte Teil hält sich mit Erklärungen zurück. Dafür nimmt er gleich am Anfang mit einer Texttafel das Ende vorweg: ein Student erschiesst ohne sichtbares Motiv kaltblütig mehrere wildfremde Menschen in einer Bank, die er noch nie gesehen hat. Der Film folgt aber nicht, oder zumindest nicht nur, dem Leben dieses Studenten, sondern auch dem seiner Opfer. So zeigt der dritte Teil einen Schnitt durch die Gesellschaft und wirft einen Blick auf trostlose, wenn auch nicht ganz hoffnungslose Existenzen.

In einem Interview sagte Michael Haneke, die drei Filme zeigten die Welt etwas kälter als sie sei, genauso wie das Mainstream-Kino sie etwas wärmer zeige. Liebe und Geborgenheit findet sich tatsächlich reichlich wenig in der Trilogie, in der man bei den Worten “Ich liebe dich” skeptisch wird, was da wohl wieder für eine Absicht dahinter stecke. Die drei Filme setzen sich eindrücklich und unverklärt mit gesellschaftlichen Phänomenen auseinander, die uns schockieren, weil wir sie uns nicht rational Erklären können, ohne sie zu banalisieren. Durch alle drei Teile ziehen sich motivisch Radio- und Fernsehnachrichten, die von politischen Unruhen in aller Welt berichten. Im Österreich Hanekes sind die Konflikte tief unter einer Oberfläche, die auch seine Filme nicht durchdringen können und wollen. Die fehlenden Erklärungen mögen für den Zuschauer frustrierend sein. Doch macht dies gerade die Faszination der Filme aus und bewirkt, dass man den Film nicht gleich vergessen hat, kaum hat man die DVD aus dem Player genommen.

Ausstattung

Das Bonusmaterial setzt sich zusammen aus drei je ca. 20 Minuten langen Interview mit Michael Haneke. Wer glaubt, das sei nun aber gar wenig, täuscht sich. Denn ein kurzes Interview mit Haneke ist faszinierender als die besten Bonus-Discs grosser Mainstream-Filme. Dem Mann zuzuhören ist ein Genuss, der allein der Kauf der DVD-Box wert ist. Einen sympathischeren, intelligenteren und lebensfreudigen Regisseur muss man erst einmal finden.


Seit dem 2. März 2007 im Handel.

Land: Österreich 1990/1993/1995    
Regie: Michael Haneke
Darsteller: Birgit Doll, Dieter Berner, Leni Tanzer, Udo Samuel / Arno Frisch, Angela Winkler, Ulrich Mühe, Ingrid Stassner / Gabriel Cosmin Urdes, Lukas Miko, Otto Grünmandl, Anne Bennent
Genre: Drama
Dauer: 104/105/95 Minuten
Bildformat: 1:85:1
Sprachen: Deutsch
Untertitel: –
Audio: Stereo 2.0
Bonusmaterial: 3 Interviews, nicht verwendete Szenen
Vertrieb: Max Music

Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.