“Last Days” von Gus van Sant

Legende am Ende

“Last Days” von Gus van Sant

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Eine ernstzunehmende Filmhommage an Kurt Cobain kann eigentlich nur der Independentszene entspringen. Gus van Sant wagte sich an den schwierigen Stoff des kaputten Musikers und schuf mit “Last Days” das äusserst eigenwillige Portrait einer Cobain-Figur. Kein Film für Blockbusterfetischisten, sondern kompromissloses Alternativkino.

Von Lukas Hunziker.

Der erfolgreiche junge Musiker Blake vegetiert in einem riesigen Haus im Wald vor sich hin. Für seine einstigen Freunde, die das Haus mitbewohnen, ist er zu einem Geist geworden, der murmelnd durch die Gänge streift, mal in Winterjacke, mal im Frauenkleid, mal mit Gewehr. Ziellos wandert Blake von Raum zu Raum, durch den Wald, den Fluss und dann wieder in den Bandraum. Dass Drogen eine der Ursachen für seinen Zustand sind, kann man nur vermuten. In den seltenen Momenten, in denen er zur Gitarre greift, merkt man, welches Talent hier unabwendbar auf den Abgrund zuschlittert. Und wie es der Titel ankündigt, ist es mit Blake eines morgens vorbei; er wird tot im Gartenhaus gefunden.

Improvisation und Authentizität

Eine Geschichte erzählt “Last Days” nicht. Viel mehr folgt der Film neutral einer Figur, die sich von der Welt abgewandt hat und als Zombie durch ein grosses Haus geistert. Verständliche Worte bringt Blake wenige von sich; meist murmelt er nur unverständlich vor sich hin. Dennoch sind gerade die Dialoge die Highlights des Films. Einer dieser Höhepunkte erfolgt gleich nach Beginn des Films; Blake bekommt Besuch von einem Vertreter der Gelben Seiten, der ihn zu einer Verlängerung seiner Annonce überreden will. Den Vertreter hat Gus van Sant wie viele seiner Nebendarsteller aus dem “richtigen Leben” geholt; Thadeus A. Thomas, wie der Vertreter heisst, spielt nämlich sich selbst, nachdem er einmal beim Dreh aufgekreuzt und darauf von van Sant gleich verpflichtet worden war.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Diese und viele weitere Szenen entstanden vollständig aus der Improvisation heraus, wodurch sie enorm realistisch wirken. Diese Art Realismus und die Abwesenheit eines Grossteils der für uns Standard gewordenen Filmkonventionen dürften den Film einem breiten Publikum auch auf DVD schlicht unzugänglich machen. Die gespaltene Kritik, die “Last Days” erfuhr, ist einfach zu interpretieren: wer sich auf ein unkonventionelles filmisches Experiment einlassen will und in Stimmung ist, wird den Film genial finden. Alle anderen werden gähnen.

Ausstattung

Hauptattraktion des Bonusmaterials ist ein ‘Making of’, welches den Zugang zum Film glücklicherweise erleichtert. Obwohl Gus van Sant darin selbst nicht zu Wort kommt, werden sein Zugang zum Stoff und seine Arbeitsweise sehr deutlich, da die Schauspieler ungeniert und unzensiert über den Film und ihre Erfahrungen dabei sprechen. Eine separate Kurzdokumentation gibt es zu der längsten Szene ohne Schnitt (ca. 5 Minuten, wobei kaum eine Einstellung unter einer Minute dauert). Dass der Regisseur so ganz ohne Interview davonkam, ist etwas frustrierend, dennoch ist man über das ‘Making of’ mehr als dankbar.


Seit dem 11. Mai 2007 im Handel.

Originaltitel: Last Days (USA 2005)            
Regie: Gus van Sant
Darsteller: Michael Pitt, Asia Argento, Lukas Haas, Scott Green, Nicole Vicius
Genre: Independent
Dauer: 93 Minuten
Bildformat: 4:3
Sprachen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Audio: Dolby Digital 5.1, Dolby Digital 2.0
Bonusmaterial: Making of, “The Long Dolly Shot”, Deleted Scene, Musikvideo, Trailer
Vertrieb: Moviemento

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Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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