“Paprika” von Satoshi Kon

(Not so) innocent, when they dream

“Paprika” von Satoshi Kon

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Wenn das Unterbewusstsein Amok läuft: Im neuesten Anime von Satoshi Kon (Perfect Blue, Tokyo Godfathers) verschwimmen die Grenzen zwischen der Welt des Bewussten und der des Unterbewussten spielend. “Traumhaft” ist der Film damit ganz ohne Zweifel. Nur – ist er auch gut?

Von Christof Zurschmitten.

Nun denn, lassen wir die üblichen Spielchen für einmal bleiben. Pfeifen wir auf Rezensionskonventionen, -anstand und -traditionen: Für diese Review wird der Kritiker einmal hervorkommen hinter seiner wohlverputzten vierten Wand, von wo aus er mit der Tarnkappe der Objektivität bewehrt seine “neutralen” Urteile hervor schrei(b)t. Heute geht er – bitte um Entschuldigung, ich – aufs Ganze, und wird seinem treu ergebenen Leser pikante Details aus seinem Privatleben kredenzen. Oder, um präzis zu bleiben: Aus dem Innenleben seines filmverwirrten Kopfs.

Er – ich, mit Verlaub – träumte unlängst von einer Cousine, die im realen Leben ein gertenschlankes Wesen von fast ätherischen Formen ist. Im Traum nun war sie zu grotesken Proportionen vollgefressen, einzig ein unverändert zaghaft liebes Lächeln verriet noch ihre wahre Identität. Wenige Worte wurden gewechselt, da stapft sie plötzlich schweren Schritts davon (auf Nahrungssuche, ist zu vermuten), und lässt den Kritiker alleine stehen. Was danach im Detail geschah, entzieht sich seiner Erinnerung (bloss vage Bilder der Coca Cola-Weihnachtstruck-Parade hallen irgendwo noch nach). Aber er – das bin ich – sieht noch präzise jenen Augenblick vor sich, indem er wenig später dicht an eine Wand gedrängt um sein Leben bangt, weil eine Armada von anthropomorphen Kleinspielzeugen ihn um ebendieses bringen will…

Als plötzlich (die Dramaturgie hollywoodscher Prägung verfolgt ihn bis in sein Unterbewusstsein hinein) genau zur rechten Zeit seine Cousine wieder hin zur Szene eilt, an seine Seite, ihm zur Rettung. Zu diesem Behufe nun frisst sie (bereits zu kaum menschlicher Gestalt schon angeschwollen) eine letzte Staude Gartensellerie, und zerfällt (als hielte das organische Gewebe dem Wachstumsdruck von innen nicht länger stand) in zwanzig Tintenkleckse, die allesamt Gesichter und Schnurrbärte tragen (und der Sprache mächtig sind). Und tatsächlich: Es ist weniger das Auftreten der Tintenkleckse als ihre Anordnung in einem penibel ausgezogenen Raster auf einem Blatt Papier, dass Rettung bringt: Die Spielzeuge erklären sich angesichts solcher Ordentlichkeit besiegt, und lassen Tintenkleckscousine wie Erzähler in Frieden ziehen.
So viel zum Anschauungsmaterial. Nun aber zurück zur Filmkritik.

Reigen der Absonderlichkeiten
Von verfilzter “Traumlogik” wird man in einem derartigen Fall wohl reden – und damit die Aufhebung all jener Sicherheiten meinen, die den Physikern und Psychologen ihr Auskommen sichern und uns die Orientierung im alltäglichen Leben: Die Stabilität von Zeit, Raum und Identitäten, die der Traum vor unseren inneren Augen nur zu gerne genüsslich zerschmettert. Die Übertragung derartiger spinnerter Realitäten in visuelle Kunst hat sich bekanntlich der Surrealismus zum Ziel genommen, und ist in den bald hundert Jahren seit der Verkündigung seines Programms diesem auch unterschiedlich nahe gekommen. Dass gerade der Film, der als erstes Medium sowohl eine zeitliche wie räumliche Ausdehnungen hat, dafür herhalten musste, den Zerfall ebendieser Dimensionen darzustellen, kann dabei nicht überraschen: “Surreal” angehauchte Filme sind seit Dalis und Buñuels “Un chien andalou” in den 20er-Jahren Legion.

Umso erstaunlicher ist es, dass es bislang keinem von ihnen gelungen ist, die geträumten Überschreitungen physikalischer Grenzen präziser darzustellen als Satoshi Kons “Paprika”: Figuren verschwimmen und verwandeln sich und andere mühelos und überwinden spielend Räumlichkeiten, die ineinander zerfliessen, zerfallen, sich neu bilden; Alltagsgegenstände finden sich zu auf den ersten Blick beliebig zusammengestellten Reigen und tanzen vor den Augen der Zuschauer und der Charaktere auf und ab, zu einem Soundtrack, der klingt, als wäre Zirkusmusik mit den Mitteln des Eurodance neu erfunden worden. Einen derartigen visuellen Einfallsreichtum könnte eine Realverfilmung nur unter Einsatz massiver CGI bändigen; Satoshi Kon geht darum einen anderen Weg und macht aus der Romanvorlage von Yasutaka Tsutsui einen Anime (bei dem nicht wenig CGI zum Einsatz kommt, die sich aber unauffällig mit den ausdrucksstarken handgezeichneten Bildern vermengt).

Logik? Träum weiter…
Kon ist aber kein willkürlich mit Impressionen um sich schiessender Experimentalfilmer, sondern ein Entertainer der alten Schule. Und so wird auch “Paprika” von einer Geschichte zusammengehalten: Diese dreht sich um die Erfindung des “DC-Minis”, einem Gerät, mit dem Träume zu Zwecken der Psychotherapie sichtbar gemacht und manipuliert werden können. Als er gestohlen wird, schwant seinen Entwicklern Übles: Mit der Macht des DC-Minis kann der Dieb nicht nur beliebig das Unterbewusstsein anderer Leute beeinflussen, sondern letztlich auch ihr gesamtes Denken. Und selbst damit ist der Alptraum noch nicht zu Ende: Auf die Massen angewandt droht die Technik, die Grenzen zwischen Realität und Traum endgültig einzureissen. Die Entwickler des Geräts müssen sich mit dem Dieb also ein Rennen gegen die Zeit liefern – und die Situation wird nicht einfacher dadurch, dass der Dieb aus den eigenen Reihen zu kommen scheint…

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So schlüssig wie dies auf den ersten Blick wirkt, ist es tatsächlich nicht. In “Paprika” verbirgt sich zwar irgendwo eine durchaus klassische Erzählstruktur (samt Liebesgeschichte), aber diese geht auf der Strecke unweigerlich verloren. Mit all seinen Plotsprüngen macht der Film den Eindruck, selbst einer eigenen Art von Traumlogik zu folgen – sei es, weil die Handlung im Grunde genommen doch etwas konfus ist, sei es, weil sie hinter der visuellen Opulenz klar zurücksteht, und irgendwann einfach nicht mehr allzu wichtig erscheint. “Paprika” ist in allererster Linie nämlich ein grandioses Spektakel.
Das soll nun nicht heissen, dass der Film jemals zum reinen Bilderbombardement wird. Dafür ist er zu vielschichtig, wenn er zum Beispiel wie beiläufig alte und neue philosophische Fragen berührt, wie die Grenzen zwischen Wirklichkeit, Traum, Film, und – dem Internet, in das sich die Charaktere ebenso mühelos einklinken können wie in die Sphäre des Unterbewussteins (irgendwo fällt auch der Satz: “Findest du nicht auch, dass sich Internet und Träume in gewisser Hinsicht gleichen? In beidem drückt sich das unterdrückte Unterbewusste aus.”).

Dessen ungeachtet – und ohne dies als Vorwurf zu meinen – bleiben von “Paprika” wie bei einem Traum in der Erinnerung letzten Endes vor allem isolierte Eindrücke und Bilder hängen – aber sehr lebhafte und bereichernde.

Ausstattung:
Breite Zustimmung auch auf der Extras-Front. Auf der nicht-digitalen Seite gibt’s zur DVD-Hülle drei Abdrucke des Original-Artworks. Die erste DVD dann kommt mit vier Audiospuren: Der Originaljapanischen (bei der Regisseur und Romanautor auch eine Rolle übernehmen), einer Englischen und einer Deutschen, der Lob gebührt (die Synchronisation passt tatsächlich fast noch besser als beim Original, die Stimmen stammen von berühmten Sprechern und sind für die meisten Figuren treffend gewählt) und schliesslich einem sehr nüchternen, aber umso informativerem Audio-Kommentar von Regisseur Satoshi Kon, dem Score-Komponisten und dem Co-Prouzenten. Auf der zweiten DVD wird der Film dann vollends auf die Analyse-Couch gelegt: Ein halbstündiges Making-of, das mit seiner Betonung der vorbildlichen Arbeitsmoral Satoshi Kons doch sehr japanisch daher kommt, aber die Romanvorlage und den Film in sehr anschaulicher Weise gegeneinander abwägt; eine ebenfalls halbstündige Diskussion zwischen Satoshi Kon, Yasutaka Tsutsui und den beiden Sprechern Meguri Hayashibara (Paprika) und Toru Fuyua (Tokita) über den Film und die Natur von Träumen im Allgemeinen; ein 12-minütiges Special über das Design des Films (in Form eines Interviews mit Art Director Ike Nobutaka, der für die Hintergründe der Bilder verantwortlich zeichnet); und schliesslich ein 15-minütiges anschauliches Gespräch mit Kameramann und CGI-Experten Michiya Kato. Alle Extras bieten tatsächlich tiefere Einblicke in die Filmproduktion – und kommen mit Untertiteln in mehreren Sprachen daher. So macht das Medium DVD Sinn.

Seit dem 27. August 2007 im Handel.

Originaltitel: Paprika
Regie: Satoshi Kon
Mit: Animiert (Sprecher: Meguri Hayashibara, Toru Fuyua, Satoshi Kon u. a. m.)
Genre: Psychoanalyse-Anime
Dauer: 87 Minuten
Bildformat: 16:9 (1:1,85)
Sprachen: Japanisch, Deutsch, Englisch Englisch
Untertitel: Deutsch,
Audio: Dolby Digital 5.1
Bonusmaterial: Trailer, Audiokommentar, Dokumentationen zum Vergleich zwischen Film und Roman, zum Produktionsdesign und zur Anwendung von CGI, Interview mit Autor, Regisseur und Sprechern zum Thema “Traum”

Vertrieb: Sunfilm

Im Netz
Ordentlich traumatisch verschwurbelt geht es bereits im offiziellen Trailer von Paprika zu und her.

Den Urvater des surrealistischen Films, Salvador Dalis und Luis Buñuels “Un chien andalou” gibt’s im Web mittlerweile als offiziellen Download, und zwar hier.

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