“Babel” von Alejandro González Iñárritu

Sprachlos

“Babel” von Alejandro González Iñárritu

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Wenn es ein gutes Argument dafür gibt, die Oskarverleihung nicht mehr zu den ernstzunehmenden Filmwettbewerben zu zählen, dann war es die angesichts der sieben Nominationen doch enttäuschende Niederlage von Iñárritus Meisterwerk “Babel”. Während man “The Departed” schon fast vergessen hat, schwingt sich “Babel” jetzt als DVD in neue Höhen – als Doppel Deluxe Steelbook mit erstklassigen Extras.

Von Lukas Hunziker.

“Babel” führt über gut zwei Stunden vier Erzählstränge zu einer Tragödie zusammen, die vier Familien in Japan, Marokko, den USA und Mexiko auseinander reisst und wieder zusammenführt. Alles beginnt mit einem Schuss in der Wüste, der die amerikanische Touristin Susan (Cate Blanchett) durch das Fenster eines Busses trifft. Weit weg von einem Krankenhaus bleibt Ehemann Richard (Brad Pitt) nichts anderes übrig, als seine schwer verwundete Frau in ein kleines Dorf zu bringen und auf Hilfe zu warten, die nicht kommt. Dies stürzt auf der anderen Seite des Ozeans das mexikanische Kindermädchen Amelia, das auf Sohn und Tochter des Ehepaars aufpasst, in ein Dilemma: sie hat am Tag der Hochzeit ihres Sohnes in Mexiko plötzlich zwei Kinder in ihrer Obhut. Und dann, wiederum auf der anderen Seite der Erdkugel, in Tokio, sucht das taubstumme Mädchen Chieko verzweifelt nach körperlicher Zärtlichkeit, die ohne das Mittel der Sprache gar nicht so einfach zu finden ist.

Sprachbarrieren und Vorurteile

Ganz im Sinne des Schneeballeffekts löst in “Babel” ein Schuss aus einem alten Gewehr eine Reihe von Ereignissen aus, die sich immer erbarmungsloser auf eine grosse Familientragödie zu bewegen. Vier kleine Schicksale spiegeln vor dem Auge des Zuschauers eine Reihe grosser globaler Themen wider. Wie es der Titel andeutet, thematisiert der Film das Versagen zwischenmenschlicher Kommunikation. Doch sowohl für Chieko, als auch für Amelia sowie Richard und Kate gibt es mehr als nur linguistische Barrieren zu überwinden; alle haben sie mit Vorurteilen zu kämpfen, die an der mexikanischen Grenze, in einer amerikanischen Reisegesellschaft, und in einer hippen Bar in Tokio dieselben sind.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Nicht nur die enorm vielschichtige Geschichte, an der es auch beim zweiten und dritten Schauen noch neue Ebenen zu entdecken gibt, sondern auch die grandiosen Bilder und die berauschende Filmmusik machen “Babel” zu einem Meisterwerk, welches die Trilogie, die mit “Amores Perros” und “21 Grams” begonnen hat, mehr als würdig abschliesst. Das einzige, was man dem Film vorwerfen kann, sind die doch etwas übertrieben tragischen Familienhintergründe der Figuren, welche dem Film stellenweise eine leicht melodramatische Note geben, ohne die er in keiner Weise an Tiefe verloren, dafür an Dichte und Glaubwürdigkeit gewonnen hätte. Nichtsdestotrotz ist “Babel” der wohl vielschichtigste Mainstreamfilm des letzten Jahres.

Ausstattung: Erstklassiges ‘Making of’

Wer Bonus-DVDs schätzt, wird die Doppel Deluxe Steelbook Edition von “Babel” lieben. Das darauf enthaltene 90minütige ‘Making of’ gehört nämlich so ziemlich zu den besten, die es gibt. Wie der Film bewegt sich das ‘Making of’ von Marokko nach Mexiko, von Mexiko nach Japan, von Drehort zu Drehort, von Problem zu Problem. Der (fast immer) sympathische Alejandro González Iñárritu hat mit der Verkehrpolizei Tokios zu kämpfen, mit den marokkanischen Laiendarstellern, mit der mexikanischen Hitze und mit dem knappen Drehplan. Doch wie ihm wachsen einem als Zuschauer dabei eine Menge Leute ans Herz, insbesondere die beiden Hirtenjungen in Marokko, die Iñárritu beim Fussballspielen sah und sie zu den wichtigsten Nebendarstellern in seinem Film machte. Einziger Wehrmutstropfen beim ‘Making of’ ist, dass es sich mit Interviews auf den Regisseur beschränkt und die Darsteller kaum zu Wort kommen lässt. Auch in den Featurettes und der B-Roll, die als weitere Extras auf die DVD gepackt wurden, würdigen uns Cate und Brad keines Blickes – einzig Gael García Bernal zwinkert uns zu. Immerhin.


Seit dem 6. August 2007 im Handel.

Originaltitel: (Mexiko, USA, Marokko, Japan 2006)            
Regie: Alejandro González Iñárritu
Darsteller: Rinko Kikuchi, Brad Pitt, Cate Blanchett, Adriana Barraza, Gael García Bernal, Elle Fanning, Boubker Ait El Caid, Said Tarchani
Genre: Drama
Dauer: 132 Minuten
Bildformat: 1:1.85
Sprachen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Audio: Dolby Digital 5.1
Bonusmaterial: Making of, Interview mit Alejandro González Iñárirtu, B-Roll, Featurettes, Trailer und TV-Spots
Vertrieb: Rainbow Home Entertainment

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Offizielle Englische Seite
Offizielle Deutsche Seite

Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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