“Lust, Caution” von Ang Lee

Gut ausstaffierter Hausfrauenporno

“Lust, Caution” von Ang Lee

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Mancher Filmjournalist tut sich schon schwer damit, Filme weltweit bekannter und mehrfach ausgezeichneter Regisseure zu kritisieren. Aber einen Film gar mit einem Verriss zu bestrafen, nachdem er den goldenen Löwen in Venedig gewonnen hat, ist das nicht Häresie? Ach wenn schon, wir machen es trotzdem.

Von Lukas Hunziker.

1938. Die junge Studentin Wang schliesst sich in Hongkong einer Theatergruppe an, welche mit einem patriotischen Stück zum Widerstand beizutragen versucht und bald zu einer eigenen politischen Widerstandsbewegung wird. Die Studenten setzen ihre Ziele hoch und wollen den einflussreichen Kollaborateur Mr. Yee ermorden. Als Lockvogel dient Wang, welche das Vertrauen Yees mit ihrem Charme schnell gewinnt. Doch kurz bevor die Gruppe erfolgreich ist, fliegt sie auf und Wang flüchtet. Zwei Jahre später nimmt die junge Frau ihren Auftrag in Shanghai erneut auf und versucht im Auftrag der Widerstandbewegung, den immer einflussreicheren, und gnadenlosen Yee in eine Falle zu locken. Dummerweise stellt sich der schleimige Verräter jedoch als solche Wucht im Bett heraus, dass Wang gezwungen wird sich zu entscheiden, ob ihr das Vaterland oder die mit Yee erlebten Ekstasen mehr Erfüllung für ihr Leben bringen.

Und was ist die Moral von der Geschicht?

Es wäre unfair zu behaupten, “Lust, Caution” sei ein durchwegs schlechter Film. Ihn als mehr als ein durchschnittliches Spionage-Sexdrama – das Wort Thriller verbitte ich mir als Genrebezeichnung für “Lust, Caution” – zu bezeichnen, wäre jedoch ebenso falsch. Denn ob aller Opulenz, mit welcher Ang Lee die Kurzgeschichte Eileen Changs inszenierte, kommt man weder als Kritiker noch als Zuschauer um die Frage herum, was zum Geier uns diese Geschichte sagen will. Denn auf den Punkt gebracht erzählt “Lust, Caution” die Geschichte einer Frau, die nach zweieinhalb Stunden (Vorsicht Spoiler!) lieber stirbt, als den Mann zu verraten, welcher es ihr mit solcher Brunst besorgt, dass die Wände wackeln. “Lust, Caution” näht erbarmungslos Ang Lees schablonenhaftes Frauenbild mit einer klischeehaften Frauenfantasie zusammen. Was herauskommt, ist ein stylischer Hausfrauenporno.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Explizit aber unerotisch

Doch die Verpackung desselben ist so professionell, dass man es kaum wagt, ihn als solchen zu bezeichnen. Einerseits ist der Film in Haupt- wie Nebenrollen hervorragend besetzt, andererseits vermag er optisch zu verblüffen und mit sehr feinfühlig inszenierten Szenen zu überzeugen. Geniessen kann man dies jedoch nur am Anfang, denn gegen Schluss verlangsamt sich das Erzähltempo so unerträglich, dass jedes noch so gute Licht-Schatten-Spiel zur Qual wird. Sogar die Sexszenen, die doch recht explizit und gewagt sind, versprühen trotz guter Inszenierung kaum Erotik, da Erotik nun mal nichts mit freiem Blick auf die Genitalien und athletischen Stellungen zu tun hat.

Das einzige, wofür es sich “Lust, Caution” zu sehen lohnt, ist eine kurze Szene, die beweist, dass Achselhaare bei Frauen eben doch sexy sein können. Abgesehen davon enttäuscht Ang Lee auf ganzer Linie, so dass man sich nach dem Kinobesucht gewünscht, er hätte stattdessen “Brokeback Mountain – The Beginning” gedreht.


Seit dem 18. November 2007 im Kino.

Originaltitel: Se Jie (China, USA 2007)            
Regie: Ang Lee
Darsteller: Tang Wei, Tony Leung, Joan Chen, Wang Leehom
Genre: Spionage-Drama
Dauer: 113 Minuten
CH-Verleih: Ascot Elite

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Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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