“Crocodile” und “Birdcage Inn” von Kim Ki-duk

Kein Friede, nirgends

“Crocodile” und “Birdcage Inn” von Kim Ki-duk

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Wo das Oeuvre dieses koreanischen Regisseurs hinführen sollte, ist bekannt: Zu bizarr-schönen Grausamkeiten à la “Gweom – Die Insel” oder filmischen Meditationen wie “Frühling, Sommer, Herbst, Winter, und… Frühling”. Zwei deutschsprachige DVD-Erstveröffentlichungen aus dem Frühwerk Kim Ki-duks zeigen nun, wie es dazu kommen konnte.

Von Christof Zurschmitten.

Um zu verstehen, wie radikal der Regisseur Kim Ki-duk eigentlich ist, muss man noch nicht einmal seine Filme kennen: “Crocodile”, sein Debütwerk, das jetzt erstmals im deutschsprachigen Raum auf DVD erscheint, datiert auf das Jahr 1996. Kim war 36, als es fertig gedreht war, ein beinahe schon greises Alter, wirft man dagegen den jugendlichen Elan der heutigen Digicam-Generation in die Waagschale. “Birdcage Inn”, Kims dritter Langfilm, der ebenfalls zu ersten DVD-Weihen kommt, erschien bereits knappe zwei Jahre später – ein halsbrecherisches Tempo von mindestens einem Film pro Jahr also, das Kim gut eine Dekade beibehielt. Mittlerweile hat er den Vorsprung der Jungspunde längst aufgeholt, wir schreiben das Jahr 2008, und sein 14. Film, “Breathe”, läuft gerade in unseren Kinos. Im Gegensatz zu anderen Vielfilmern wie Takashi Miike hat sich Kim Ki-duk die Arbeit aber nie erleichtert mit einem tief im Studiosystem geerdeten Standbein oder den Leitplanken von Genres: Kims Filme sind zum allergrössten Teil Independent-Produktionen, er führt selbst Regie, spielt gelegentlich die Hauptrolle und schreibt auch seine Drehbücher selbst. Eine Ochsentour sondergleichen, aus der aber Filme und ein Stil geboren wurden, die in Sachen Radikalität dem Arbeitstempo dieses Mannes in nichts nachstehen. “Crocodile” und “Birdcage Inn” zeigen unter anderem, dass Kims Schaffen von allem Anfang an wenig versöhnlich war.

Under the Bridge: “Crocodile”
Das Krokodil, das Kims Debüt seinen Titel gibt, heisst eigentlich Jo Jae-hyun. Zu seinem Spitznamen ist er durch seine bemerkenswerten Schwimm- und Tauchkünste gekommen, die ihm und einer seltsam verschrobenen Familie das Auskommen sichern: Jae-hyun lebt zusammen mit einem Kind und einem älteren Mann, der von diesem “Opa” genannt wird, unter einer Brücke am Ufer des Han-Flusses. Sie verdienen sich ihren Lebensunterhalt damit, dass Crocodile nach den Leichen der Selbstmörder taucht, die sich von der Brücke gestürzt haben – er nimmt ihnen ihre Brieftaschen ab und verdient gleich doppelt dabei, indem er später der Polizei gegen Bezahlung den Fundort der Toten zeigt. Als sich eines Nachts das Mädchen Hyun-jung ebenfalls in die Fluten stürzt, wird sie vom Krokodil gerettet – nur um noch in derselben Nacht von ihm vergewaltigt zu werden. Anstatt zu flüchten, bleibt Hyun-jung aber bei den Ausgestossenen und nimmt die Stelle der Mutter-Tochter-Geliebten in der improvisierten Familienkonstellation ein. Doch Spannungen bleiben nicht aus, der Körpermensch Jae-hyun entlädt sie immer wieder in Ausbrüchen von Gewalt über seine Leidensgenossen, die trotz alledem langsam zu einer Art Schicksalsgemeinschaft zusammengeschweisst werden. Doch als Hyun-jung von ihrem Ex-Freund ausfindig gemacht wird, kommt erneut es zu einer ganzen Reihe kleiner und grosser Katastrophen.

“Crocodile” weist bereits viele Eigenschaften auf, die charakteristisch sind für Kims Schaffen der ersten Hälfte, wie es in “Seom – Die Insel” kulminierte, bevor es mit den Folgewerken eine (inhaltliche, nicht jedoch formale) Entschärfung erfuhr. Die Protagonisten sind dem Bodensatz der Gesellschaft entnommen, doch Kim scheint sie immer durch das Prisma einer sehr schwarzen Sozial-Romantik sehen zu wollen: Es sind Versehrte und Verdammte, für die Gewalt und Vergewaltigung nicht Einbrüche des Ungehörigen in den Alltag darstellen, sondern die (vermeintlich) unmissverständlichste Form der Kommunikation. Der Umstand, dass vordergründig vor allem Frauen Opfer dieser physischen Gewalt werden, hat Kim Ki-duk wiederholt den Ruf eines Misogyns eingebracht. Tatsächlich bleiben seine weiblichen Figuren meistens passiv, aber bereits in “Crocodile” ist ersichtlich, dass sie nichtsdestoweniger die stärkeren Charaktere sind. Wer dieses Argument nicht für die späteren Filme gelten lassen wollte, wird sich freilich auch durch das Debüt kaum eines Besseren belehren lassen. Zu viel muss Hyun-jung, müssen auch die anderen Charaktere dafür über sich ergehen lassen. “Crocodile” ist, wie auch “Seom – Die Insel”, kein bequemer Film, und schon gar kein leichter – trotz Momenten der Leichtigkeit.
crocodile1Kim geht in vielen seiner Filme von einer Art Alltäglichkeit des zwischenmenschlichen Ausnahmezustands aus, die, wie jeder Alltag, auch ihre Lichtblicke hat. Dann werden die Menschen auf einmal human statt allzumenschlich, sie werden weich, und geradezu liebenswert. Und immer findet Kim Symbole für diesen Zustand, die gerne die Sphäre des Wahrscheinlichen verlassen und auf einmal eine Art magischen Sozial-Realismus entstehen lassen. Zynisch oder kitschig nennen das die Kritiker, poetisch die Anhänger, für die der Reiz von Kims Kino gerade in diesem Gleichgewicht von physischer Gewalt und beinahe schwebender Symbolik besteht. Was – neben der etwas groben Kameraführung – in “Crocodile” am stärksten den Debütanten erkennen lässt, das ist die zuweilen etwas übertriebene Schwere dieser Symbolebene. Dass Kim Ki-duk sie am Ende des Films sogar noch gegen seine Charaktere wendet und ihnen nicht einmal Frieden lassen will in der Phantasie, die einen letzten Ausweg darstellen könnte, macht die Sache nicht einfacher.

Wir sind alle nackt: “Birdcage Inn”
Dass sich gerade dieser letzte Punkt in “Birdcage Inn” ändern wird, scheint zu Beginn des Films noch undenkbar: Hauptcharakter ist diesmal die 23-jährige Jin-ah (Lee Ji-eun), deren Ankunft in einem neuen Heim die Handlung eröffnet. Was nach aussen notdürftig den Anschein einer Pension erwecken soll, ist tatsächlich aber ein heruntergekommenes Bordell, mit dessen Betreibung dem Sohn und der Tochter (Lee Hae-eun) des Hauses ein Studium finanziert werden soll. Jin-ah, die von einer Künstlerkarriere träumt, prostituiert sich im “Birdcage Inn” und muss zudem die Drangsalisierung der Familie über sich ergehen lassen: Der Vater vergewaltigt sie, der pubertäre Sohn erfleht ihren Beischlaf, und die Tochter lässt Jin-ah unverhohlen ihre Verachtung spüren. Und dann wird sie auch noch von ihrem Ex-Freund gefunden, der sich von ihr aushalten lässt und ihr weitere Gewalt antut – eine Ausgangslage also, die bedrückender kaum sein könnte.

Dennoch ist “Birdcage Inn” “Crocodile” nicht nur in technischer Hinsicht in fast jedem Punkt überlegen, sondern auch der spürbar weniger negative Film. Die technischen Verbesserungen finden sich einmal in der Optik: Kim Ki-duk hat hier zu jenem malerischen Gespür für Farben und beeindruckende Bildkompositionen gefunden, das auch seine späteren Filme zu einem visuellen Ereignis macht. Auch erzähltechnisch ist Jin-ahs Geschichte ungleich geschickter als Kims Debüt: Die Konflikte in “Birdcage Inn” scheinen weniger hysterisch und herbei gezwungen, und die Figuren sind weitaus vielschichtiger ausgefallen. Jo “Crocodile” Jae-hyun mag zwar eine faszinierende Figur sein, aber auch die einzige des Films, die so etwas wie Entwicklung erkennen lässt. In “Birdcage Inn” ist das entschieden anders – so gut wie jeder der zentralen Charaktere wird im Strudel der unaufgeregten Ereignisse gebrochen, seiner Fassade entkleidet und lässt dabei verschiedene Facetten seines Wesens aufscheinen. Wie der Vater der Familie, der in dieser Situation tatsächlich väterlich ist, einmal zu Jin-ah meint: “Wir sind alle nackt.” Vielleicht erscheint gerade deswegen das Elend in “Birdcage Inn” ein wenig – immerhin – menschlicher, weniger unentrinnbar, vernichtend, deprimierend. Die magischen Bilder und Momente fehlen auch hier nicht, aber sie müssen sich unter diesen Umständen weniger nach vorne drängen: Die Gewalt-Magie-Balance steht. Und bringt den Zynismus-Vorwurf zu Fall.

Ausstattung der DVDs
Die Ausstattung ist der schwächste Punkt der DVDs. Wie ein entschuldigender Beipackzettel bei “Crocodile” verrät, gaben die noch vorhandenen Kopien von Kims Debütfilm in Sachen Ton und Bild einfach nicht viel her. Natürlich ist entscheidender, dass die Filme überhaupt einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden; aber dennoch ist gerade die Mischung des Tons ziemlich haarsträubend. “Crocodile” kommt ohne Extras daher. Die DVD von “The Birdcage Inn” gewinnt mit Dolby 5.1-Ton nach Punkten das Ausstattungsdirektduell, macht sich aber mit seinen Extras keinen Gefallen: Die fast einstündige Dokumentation “Cineaste of The Wild Beauty” ist immerhin leidlich informativ. Dennoch darf sich der Zuschauer veräppelt fühlen: Die französischen Untertitel des Originals wurden nicht etwa ersetzt, sondern mit einem schwarzen Balken überdeckt. Zusammen mit den üblichen 16:9 Balken bleiben da gute zwei Drittel des Bildes schwarz – sehr, sehr unelegant gelöst.

Seit dem 1. Februar 2008 im Handel.

Originaltitel: Ag-o (Südkorea 1996))            
Regie: Kim Ki-duk
Genre: Magischer Sozialer Realismus/Drama
Dauer: 100 Minuten
Bildformat: 4:3 / 1:1.33
Sprachen: Koreanisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Portugiesisch
Audio: Dolby 2.0 (Stereo)
Bonusmaterial: Filmographie Kim Ki-duk
Vertrieb: Max Vision

Originaltitel: Paran daemun (Südkorea 1998)
Regie Kim Ki-duk
Darsteller: Lee Ji-eun, Lee Hae-eun, Ahn Jae-mo, Jeong Hyeong-gi, Son Min-seok
Genre: Drama/Magischer Sozialer Realismus
Dauer: 101 Minuten
Bildformat: 4:3 / 1:1.33
Sprachen: Koreanisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Portugiesisch
Audio: Dolby 5.1
Bonusmaterial: Filmographie Kim Ki-duk, Doku: “Cineaste of The Wild Beauty” (Frankreich/Südkorea 2007)
Vertrieb: Max Vision

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