“I’m not there” von Todd Haynes

Er ist tatsächlich nicht da

“I’m not there” von Todd Haynes

Im not there 1

Musikerbiographien sind Oscar-Garanten – “Ray” und “Walk the Line” haben dies deutlich gezeigt. Auch Tod Haynes’ Film über das Leben von Bob Dylan dürfte eines der Goldmännchen auf sicher sein, für Cate Blanchett als – Bob Dylan. Doch nicht nur bei der Besetzung ging Haynes eigene Wege. “I’m not there” bricht sämtliche Regeln des Biopic-Genres und gibt sich Mühe, so chaotisch wie möglich zu sein. Die ist nicht nur ein Vorteil.

Von Lukas Hunziker.

Ach ja, wenn Sie hier einen kurzen Abriss der Handlung erwarten, vergessen Sie’s! Ja, es geht um das Leben von Bob Dylan, aber ganz einfach ist es nicht, dieses zu verfolgen, aus folgenden Gründen: Es gibt sechs Figuren, von denen jede Dylan zu einem Zeitpunkt seines Lebens verkörpern. Allerdings haben alle einen anderen Namen, und keiner davon ist Bob Dylan. Alle sechs Dylans sehen anders aus, einer davon ist ein kleiner schwarzer Junge. Ach ja, und dieser kleine schwarze Junge begegnet dann auch noch dem ältesten der sechs. Kein Problem, denken Sie? Ein Leben anhand von sechs Geschichten zu erzählen sei ja nichts ungewöhnliches? Ha, da hätten Sie recht, wenn es so wäre, dass jeder der Dylans eine eigene Geschichte hätte – doch selbst aus den sechs Lebensabschnitten bekommen wir nur Einzelszenen geliefert, welche plotmässig nur sehr lose zusammenhängen.

Flucht aus der Schublade

Zugegeben, eigentlich macht schon das Filmposter klar, dass der Film eine Collage ist und durch das Durchbrechen jeder traditionellen Storyführung gerade zu zeigen versucht, dass Bob Dylan viele Gesichter besessen und verschiedene Arten von Leben geführt hat. Inhaltlich setzt der Film gerade da den Schwerpunkt, und zeigt eine Musikikone, welche die Öffentlichkeit und die Presse vor den Kopf stösst, weil sie sich nicht in eine Schublade stecken will. So sind die beiden Konzertskandale am Newport Folk Festival und in der Royal Albert Hall Schlüsselszenen des Films – Dylan wird von Presse und Fans gehasst, dass er seinen Stil radikal änderte. “I’m not there” zeigt Dylan als einen unverstandenen Künstler, der sich dauernd verändert und merkt, dass alle um ihn herum ihn eigentlich anders wollen, als er sich selbst will.

Sechsmal da und doch nicht da

Und dennoch ist der Film – glücklicherweise – alles andere als eine Verherrlichung Dylans. Im Gegenteil, er lässt einen Dylan eher bemitleiden als mögen, besonders in seiner ‘schwierigen’ Phase. Der Film bleibt distanziert, wertet nicht, erzählt nicht, sondern zeigt. Anstatt Dylans Innerstes nach Aussen zu kehren, betrachtet er sein Leben aus immer wieder neuen Blickwinkeln, und zieht dabei visuell und stilistisch alle Register. Die Kamera wird variantenreich eingesetzt, mal ist der Film schwarzweiss, mal in diesem Farbton, mal in jenem, mal sieht das ganze nach Dokumentarfilm aus, mal nach überstilisiertem Kunstfilm.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Doch während Dylan in allen Farben und Formen erstrahlt bleibt er als Person auf der Strecke. Wer mit dem Leben Bob Dylans nicht vertraut ist, verliert nach wenigen Minuten den (nichtexistenten) Faden und empfindet den Film als plan- und zusammenhangslose Collage ohne tieferen Sinn. So unoriginell “Ray” und “Walk the Line” dramaturgisch auch waren, so vermochten sie es immerhin, ihre Hauptfiguren dem Publikum näher zu bringen. Dies vermag “I’m not there” nicht. Wer vor dem Kinobesuch nichts über Bob Dylan wusste, weiss nachher kaum mehr. Denn wie gesagt, Bob Dylan ist nicht da.

Von Augenweiden überbevölkert

Weiter ist frustrierend, dass der Film mit einer geradezu sensationellen Besetzung aufwartet, die man aber gerade wegen der Überfülle an Figuren unmöglich geniessen kann. Cate Blanchett ist, wie zu erwarten war, so gut, dass man nicht genug von ihr kriegen kann, doch um sie wirklich geniessen zu können reicht ihre Leinwandzeit kaum. Doch “dummerweise” sind auch die anderen Dylans überragend (obwohl Richard Geres Rolle – verschlafen auf einem Pferd zu sitzen – nicht gerade schwer gewesen sein dürfte), besonders Ben Wishaw und Christian Bale stechen heraus. Da diese sich ihre Rolle mit je fünf anderen teilen müssen, ist auch der Genuss ihrer Darstellung bei weitem zu kurz. Und auch bei den Nebendarstellern setzt sich dieser Frust fort – David Cross als Alan Ginsberg und Michelle Williams als Society Girl ‘Coco’ erfreuen je eine gute Minute.

Zu postmodern für Mainstream-Kinogänger

So ist “I’m not there” am Ende vielleicht doch zu radikal. Er begeistert mit einer überragenden Besetzung und zahlreichen genialen Einzelszenen. Doch als Gesamtkunstwerk bleibt der Film enigmatisch und bestraft jene Zuschauer, die gerne Bob Dylan kennen gelernt hätten. Stattdessen richtet sich Haynes’ Biopic an Fans, welche die radikale Postmoderne schon immer auch in diesem Genre umgesetzt sehen wollten. Was allerdings sowohl jene, die den Film mochten, als auch jene, die ihn nicht mochten, tun werden, ist den Soundtrack zu kaufen – denn dieser ist, wie glücklicherweise bei fast allen Musiker-Biopics, unwiderstehlich.


Ab dem 14. Februar 2007 im Kino.

Originaltitel: I’m not there (USA 2007)        
Regie: Todd Haynes
Darsteller: Christian Bale, Cate Blanchett, Marcus Carl Franklin, Richard Gere, Heath Ledger, Ben Wishaw, Charlotte Gainsbourg, David Cross, Bruce Greenwood, Julianne Moore, Michelle Williams
Genre: Drama
Dauer: 140 Minuten
CH-Verleih: Filmcoopi

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Offizielle Seite (na ja …)

Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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