“My Blueberry Nights” von Kar-Wai Wong

Alles neu macht der Wai

“My Blueberry Nights” von Kar-Wai Wong

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Neues vom Mann, der uns einst lehrte, dass auch Schmachten hip sein kann: Nach “2046”, seinem cinematischen Abschiedsgruss an Hongkong, hat Wong Kar-Wai in den USA eine neue filmische Heimat gefunden. Ist er damit auch wieder bei sich selbst angekommen?

Von Christof Zurschmitten.

Das “Time Magazine” behauptete einst völlig zu Recht: “Wong Kar-Wai is the most romantic filmmaker in the world”. Die 90er-Jahre hatten eben ihre Fünferziffer erreicht und Wong zu seiner Überraschung den internationalen Durchbruch geschafft:

“Chungking Express” war eigentlich geplant gewesen als Nebenprojekt. Eine Art kreativer Atempause, die Wongs Kopf freimachen sollte, als bei der Montage seines ambitionierten Schwertkampfepos’ “Ashes of Time” gerade nichts mehr klappen wollte. Eine einfache Handkamera, geführt vom künstlerischen Weggefährten Christopher Doyle, einige wenige Originalschauplätze in Hongkong, eine Handvoll Jungstars und vor allem viel Freiraum zur Spontaneität – ein kleiner, unbeschwerter Film sollte daraus werden, und nichts anderes wurde “Chungking Express” schliesslich auch. Was allerdings niemand voraussehen konnte, war die Wirkung, die diese Unbeschwertheit zeitigen sollte: Noch ehe Wong zweimal “California Dreaming” anstimmen konnte, eroberte “Chungking Express” auf internationalen Filmfestivals die Herzen von Zuschauern und Kritikern im Sturm (ja, genau so: er eroberte Herzen! im Sturm! Im Falle dieses Films sind für einmal sogar Pilchereske Metaphern erlaubt).

Bis heute haben sie nichts von ihrem Zauber (!) eingebüsst, diese Geschichten rund um eine Hongkonger Imbissbude, an deren Tresen sich die Wege verschiedener einsamer Existenzen kreuzen (u.a. Brigitte Lin, Tony Leung, Takeshi Kaneshiro und die jeden-Zuschauer-unfehlbar-in-sich-verliebt-machende [Zitat Quentin Tarantino] Faye Wong). Die Gründe dafür können höchstens vermutet werden: Die Schönheit und Sexyness der Hauptdarsteller? Der betörende Soundtrack – eine Mischung aus unbekannten, leicht verfremdeten oder sattsam bekannten und bis zur Trance repetierten Hits? Christopher Doyles schwebende Kamera, die immer genau die entscheidende Nebensächlichkeit ins Bild holt und mit einer unerhörten Farbpalette die Lebendigkeit einer Grossstadt so treffend nachzeichnet, dass der Australier sich damit selbst zur Legende machte? Die brillante Tempoführung, die von atemloser Gehetztheit bis zum tonlosen Stillstand jeden jemals erfühlten Rhythmus einer pulsierenden Metropole imitieren kann?

All das. Vor allem aber auch der Umstand, dass Wong Kar-Wai damals eben der romantischste Filmmacher der Welt war – in jenem edelsten aller Sinne des Wortes, den ihm dereinst Novalis eingeschrieben hat: Romantik bedeute in WKW-Filmen immer, dass den alltäglichen Oberflächlichkeiten und profanen Dingen dieser Welt stets eine tiefere Bedeutung innewohnt, die es zu entdecken gilt: Cop 223, der in “Chungking Express” manisch seinen Liebeskummer am Verfallsdatum von Ananas-Dosen messen will; Polizist 663, der seinem elegisch vor sich hin tropfenden Handtuch tröstende Worte zuflüstert; Faye Wong, die nymphengleich durch eine von ihr besetzte Wohnung tänzelt: Das sind nichts weniger als magische (!) Kino-Momente.

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So trivial (und damit universal verständlich) die Themen bei Wong Kar-Wai eigentlich waren – es ging und geht bei ihm immer nur um Liebe und ihre Abwesenheit – so originell war die Sprache, die er dafür fand. Wong Kar-Wais frühe Filme machten damit Schmachten und Schwelgen, denen zuvor Tausende uniformer “Romanzen” das Leben ausgesaugt hatten, wieder zum Ereignis.

Ein Abschied, ein Neuanfang
Drei Filme lang – “Fallen Angels”, das in Argentinien angesiedelte Homo-Drama “Happy Together” und schliesslich das Meisterstück “In The Mood for Love” – hielt Wong an diesem Muster fest, variierte es zuweilen, verdichtete es gelegentlich – aber bescherte wenigstens in seinen besten Momenten dem Zuschauer immer jene Mischung aus behutsamem Humor, zehrender Sehnsucht und schwärender Melancholie, die “Chunking Express” dereinst in die Herzen einätzte. Und dann kam “2046”. Wong Kar-Wai wollte darin Abschied nehmen, vom Hongkong seiner Erinnerung, wie er sagte, aber unübersehbar auch vom Hongkong seiner Filme. Und so schien “2046” wie ein Kompendium der Bilder aus seinem früheren Schaffen, dem Wong trotz Sci-Fi-Anleihen nichts wesentlich Neues hinzuzufügen wusste. Und schlimmer noch: In “2046” war zwar noch all der Glanz der früheren Filme, aber er erschien zum ersten Mal wie Blendwerk. “2046” war schleppend, überladen, richtungslos, und die erste wirkliche Enttäuschung im Schaffen dieses Regisseurs.

Entsprechend gross waren die Erwartungen, als WKW ankündigte, einen Neuanfang zu wagen. Ohne Christopher Doyle, dessen Beitrag zu Wongs Oeuvre kaum überschätzt werden kann, und weit jenseits der Stadt, die einst unverzichtbarer Nährboden seines Schaffens zu sein schien. Die Entwurzelung war allerdings schon längere Zeit zu einem bestimmenden Thema seiner Filme geworden, die USA in Form ihrer Populär- und Filmkultur ohnehin omnipräsent in seinem Werk: Der Transfer konnte also vielleicht doch keine so brüske Umstellung sein, wie auf den ersten Blick zu befürchten stand. Und tatsächlich ist “My Blueberry Nights” denn auch von der ersten Minute an unverkennbar Wong Kar-Wai:

Die Trennung vom zunehmend selbstverliebten Kameramann Christopher Doyle ist jedenfalls zu verkraften. Sein Ersatzmann Darius Khondji macht vor allen Dingen nicht viel anders, und das ist ihm hoch anzurechnen. Sein Portfolio (unter anderem war er verantwortlich für die unvergessenen Bilder von “Delicatessen”, “Se7en” oder Madonnas “Frozen”) würde zumindest Forderungen nach mehr Autonomie mehr als rechtfertigen. Stattdessen finden sich aber vor allem in der ersten Episode von “My Blueberry Nights” genau jene farbenträchtigen, an allerlei Hindernissen vorbeilavierenden und immer wieder grobkörnigen Bilder, die dem Arthouse-Kino nachhaltig ihren Stempel aufdrückten. Vor dem Hintergrund eines New Yorker Cafés gewinnen sie endlich wieder die Leichtigkeit zurück, die ihnen spätestens mit “2046” abhanden gekommen war.

Prominentes Kaffeekränzchen
Besitzer besagten Cafés ist der von Jude Law unverschämt charmant verkörperte Brite Jeremy. Jeremy ist just eine jener Gestalten WKWscher Prägung, die zuletzt schmerzlich vermisst wurden: Ein herzensguter Mensch, vor allem aber ein Träumer, mit vormalig grossen Sehnsüchten, die sich irgendwann auf dem Grund einer Allerwelts-Existenz abgelagert haben. Was zurückgeblieben ist, das sind Schrulligkeiten, die der Alltäglichkeit etwas Grossartigeres abzutrotzen versuchen. Jeremys Marotte ist das Sammeln von Schlüsseln, die ihm seine Kunden zur Aufbewahrung anvertrauen, auf dass ein Bekannter sie dereinst abholen möge. Jeremy hört sich die Geschichten an, die zu jedem Pfand gehören, und bewahrt beides, Geschichten wie Schlüssel, sorgsam auf: Eines im Gedächtnis, das andere in einem Glas, wenn nötig jahrelang (Assoziationen zu “Chungking Express” sind unvermeidlich und erwünscht).

Eines jener Schlüsselkinder nun ist die hübsche Elisabeth. Sie will beim Barkeeper der Herzen den Schlüssel zu einer Wohnung abgeben, die sie nicht länger gemeinsam mit ihrem Freund zu bewohnen gedenkt, nachdem dieser sie betrogen hat. Und natürlich geraten Barkeeper und Kundin ins Diskutieren, ins Sinnieren, ins Träumen (und ins Verzehren des titelgebenden Gebäcks). Die Liebe wabert zum Schneiden dick durch die verrauchten Räume, aber sie kommt nicht zur Entfaltung.

On The Road Again
Denn “My Blueberry Nights” wäre nicht mehr als ein höchst anmutiger Kurzfilm, wenn bereits an dieser Stelle der erlösende Kuss stünde. Um die Vorfreude noch auszudehnen, schickt WKW deshalb Lizzy auf eine Reise, ohne zu wissen weshalb oder wohin. Hier eröffnet sich die für WKW typische Episodenstruktur, und “My Blueberry Nights” wird zum Roadmovie, dem entlang Wong seine Bilder von Amerika als Breitwandgemälde ausrollt.

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© Studio / Produzent

Die Figur der rastlos Wanderin Elizabeth spielt die Musikerin Norah Jones, die vor dem Dreh keinerlei Schauspielerfahrungen aufweisen konnte und sich auf ausdrücklichen Wunsch von Wong auch keine aneignen sollte. Die Besetzung überrascht nur, wenn man Wong Kar-Wais Filmographie ausser Acht lässt: Immer schon waren ihm Ausstrahlung und Schönheit seiner Schauspieler wichtiger als ihr Leistungsausweis als Mimen. Popstar Faye Wong hatte gerade mal in einem Film mitgespielt, bevor sie in “Chunking Express” brillierte; Michelle Reis, die Hauptdarstellerin in “Fallen Angels”, war ehemals Miss Hongkong, aber schauspielerisch völlig unbedarft. Insofern führt Norah Jones nur eine Tradition fort, und um alle Befürchtungen gleich vorweg zu zerstreuen: Sie macht ihre Sache sehr gut.

Teilweise mag dies allerdings auch daran liegen, dass “ihre Sache” in erster Linie darin besteht, als unbeschriebene Reflexionsfläche für ihre Mitspieler zu dienen. Die Rolle der Elisabeth erschöpft sich nicht selten darin, ein wenig keck, meistens jedoch bezaubernd und mit grossen Augen in die Welt zu schauen. Wo die Chemie zwischen Jones und ihren Mitspielern stimmt – und in der Eingangsepisode mit Jude Law tut sie das ganz entschieden -, da ist auch ihr Charakter stimmig.

Unglücklicherweise führt Lizzys Weg dann aber nach Memphis, Tennesee. Und dort trifft sie auf tragische Gestalten: Die des Polizisten Arnie (David Strathairn), etwa, der ob der Trennung von seiner Frau (Rachel Weisz) zum unheilbaren Säufer geworden ist. In dieser Episode bleibt von Norah Jones’ Elisabeth nichts mehr übrig, und plötzlich wird wahr, was immer nur als Drohung über den Filmen WKWs schwebte (und abgewandt wurde von der Originalität seiner Figuren und Bilder): Der Film driftet ab in Kitsch, und zwar Kitsch der übleren Sorte: Schwülstiges Sozial-Melodrama,  das hart an der Grenze der Zumutung entlangschrammt. Die Figur des Alkoholikers Arnie ist nichts weiter als ein Amalgam wüster Spätwestern-Klischees (wenn auch David Strathaim sein Bestes tut, um gegen die Einfältigkeit seiner Rolle anzuspielen); und Rachel Weisz ist als seine Frau selbst in ihrer äusserst eindimensionalen Rolle noch überfordert (oder tödlich gelangweilt). Selbst die Kamera will da nicht mehr mitmachen, sie bleibt unbewegt auf ihrem Gesicht stehen, während Weisz sich mit hölzerner Miene durch einen quälend langen Monolog ackert. Norah Jones guckt derweilen betreten zu, während im Hintergrund ihr Lied “The Story” läuft (die andere Musikerin, die häufiger angespielt wird, ist übrigens Chan Marshall aka Cat Power, die ebenfalls einen Auftritt im Fall bekommt): Der Text dieses Liedes lautet “All the stories have been told”, und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, Wong Kar-Wai habe sich genötigt gefühlt, nach all den zur Genüge erzählten Liebesgeschichten auch einmal etwas Bedeutsameres, Schwereres, Tragisches! erzählen zu wollen. Daran scheitert er kläglich.

Zurück zu den Anfängen
In der dritten Episode trifft Lizzy in Nevada dann aber glücklicherweise auf das Schlitzohr Leslie, dem Natalie Portman ihren Charme leiht. Der Film nimmt an Schwung auf, als die professionelle Pokerspielerin die immer noch staunende Elisabeth mit einem Trick dazu überredet, sie nach Las Vegas zu begleiten. Und auch diese Episode endet – so viel sei verraten – im Drama. Aber Natalie Portman schafft genau das, woran Weisz scheiterte, und hält den Film in der Schwebe zwischen zu schwer und zu unbeschwert. Auch diese dritte Episode zeigt mit Sicherheit nicht Wong Kar-Wai auf der Höhe seines Schaffens, aber sie deutet wenigstens an, wohin seine filmische Erkundungsreise künftig führen könnte: In etwas düsterere Gefilde, unseretwegen gerne, aber dabei bitte nicht die alten Tugenden vergessen.

Die werden zum Glück dann wieder voll ausgespielt zum Abschluss des Films, bei dem Elisabeth – natürlich – geläutert und ein wenig weiser zurück nach New York kehrt, und zurück zu Jeremy. Überraschen wird das niemanden, stören aber mit Sicherheit auch nicht – denn, immerhin, hier findet WKW tatsächlich wieder zu dem zurück, von dem er sich ohnehin immer nur zaghaft entfernt hatte: Zu seinem alten Zauber (!), der uns völlig unverdrossen hilflos schmachten lässt, während sich in den Armen liegt, was sich ohnehin nie aus den Armen hätte lassen sollen. Und alle, alle sind glücklich dabei.

 

Seit dem 24. Januar 2008 im Kino.

Originaltitel: My Blueberry Nights (USA 2007)
Regie: Kar-Wai Wong
Darsteller: Norah Jones, Jude Law, Rachel Weisz, Natalie Portman, David Strathairn.
Genre: Wong Kar-Wai Sozialmelodrama- zum-Glück-aber- eigentlich-Romanze
Dauer: 95 Minuten
CH-Verleih: Frenetic Films

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