“Sieben Mulden und eine Leiche” von Thomas Haemmerli

Alles über meine Mutter

“Sieben Mulden und eine Leiche” von Thomas Haemmerli

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Als Thomas Haemmerli nach dem Tod seiner Mutter deren Wohnung besichtigt, trifft er dort ein Chaos an, das es mit so mancher Müllhalde locker aufnehmen könnte. Vor dem Griff zu Besen und Hammer greift er zur Filmkamera, und macht aus der privaten Aufräumaktion mit der Wohnung und seiner Vergangenheit einen Film. Dieser schaffte es in die Kinos und nun auf eine umfangreiche Doppel-DVD.

Von Lukas Hunziker.

Am Anfang des Films steht auch gleich die makaberste Szene. Haemmerlis Mutter starb in ihrer Wohnung allein und wurde erst entdeckt, als sie sich schon in fortgeschrittenem Verfallsstadium befand, so dass sie regelrecht vom Boden losgelöst werden musste. Die Reste der Verwachsung von Leiche und Fussboden sind noch immer zu sehen, als Haemmerli die Wohnung betritt, und seine erste Aufgabe ist es, jemanden zu finden, der die letzten Reste seiner Mutter buchstäblich vom Fussboden kratzt. Sind diese einmal entfernt, fährt die erste Mulde ein, und für Thomas und seinen Bruder Erik beginnt ein Räummarathon, der sich über einen Monat und sieben Mulden hinzieht.

Tragische Lebensgeschichte

Das Aufräumen der Wohnung ist jedoch gleichzeitig ein Stochern in der Vergangenheit. Die Haemmerlis waren bis in die Generation von Thomas’ und Eriks Grosseltern zurück Hobbyfilmer, und so werden die Aufräumbilder immer wieder von alten Filmaufnahmen unterbrochen. Langsam rekonstruiert Thomas Haemmerli als Erzähler seine Familiengeschichte und natürlich insbesondere jene seiner Mutter. Ihre Geschichte ist nicht minder tragisch als ihr Tod; ihr Leben ist gezeichnet von einem erbitterten Streit mit ihrer Mutter und einem Scheidungskrieg, der erbarmungslos bis ans Lebensende von Thomas’ und Eriks Vater geführt wird. Die einst wohlhabende Familie, welche den Winter in St. Moritz und den Sommer im Ferienhaus in Südfrankreich verbringt, hat zum Zeitpunkt vom Tod des Vaters Schulden in zweifacher Millionenhöhe und die Mutter lebt von freiwilligen Unterhaltsbeiträgen ihrer beiden Söhne.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Ein Stück kollektive Erinnerung

Es ist die Familiengeschichte, welche “Sieben Mulden und eine Leiche” zu einem Film macht, der mehr als ein privates Filmchen übers Aufräumen ist. Thomas Haemmerli zeigt anhand seiner Familienbiographie ein Stück Deutsche und Schweizer Geschichte und die rasanten gesellschaftlichen Veränderungen des vergangenen Jahrhunderts. Die Geschichte der Scheidung seiner Mutter erinnert einen, wie jung die rechtliche Emanzipation der Frau in der Schweiz doch ist und was patriarchalische Familienstrukturen für grausame Auswirkungen gerade auf das Leben der Frau haben konnten. Andererseits zeigt er eine Kindheit, die uns stark an unsere erinnert, mit Indianerspielen, Geschwisterstreiten und Fasnachtsverkleidungen. So werden in gutem Mass die schönen und schrecklichen Zeiten der Vergangenheit aufgestöbert und der Zuschauer ist mal schockiert, mal gerührt, aber niemals gelangweilt.

Ausstattung

Die DVD kommt mit umfangreichem Bonusmaterial daher, welches Thomas Haemmerli mit sehr viel Fleiss und Hingabe gesammelt hat. Eine Reihe von Interviews mit medizinischen Fachkräften geht dem Messie-Symdrom nach und versucht zu erklären, wie es zur Ansammlung von so viel Schrott in der Haemmerli-Wohnung kam. In anderen Beiträgen erklären die Gebrüder Haemmerli ihre Lieblingsfilmtricks, sprechen über den Film und den Schnitt und Ton. Neben zahlreichen weiteren Specials gibt es als Bonusfilm eine höchst amüsante, ironische Anleitung, wie man einen Dokumentarfilm macht. Die Spitze des Haemmerli’schen Engagements ist jedoch, dass er selbst eine Englische Version des Films gemacht hat. Mit charmantem, leichtem Schweizer Akzent spricht er die Übersetzung auch gleich selbst. Chapeau!


Seit dem 28. Februar 2008 im Handel.

Originaltitel: Sieben Mulden und eine Leiche (Schweiz 2007)            
Regie: Thomas Haemmerli
Darsteller: Thomas Haemmerli, Erik Haemmerli
Genre: Dokumentarfilm
Dauer: 87 Minuten
Sprachen: Deutsch/Mundart, Englisch
Untertitel: Deutsch, Französisch, Englisch
Audio: Dolby Digital 5.1, Dolby Digital 2.0
Bonusmaterial: Zahlreiche Interviews, Kurzfilm “Dokumentarfilm – eine Anleitung”, “10 Filmtricks, die wir mögen”, Das Lululied in normaler und Karaokeversion, Mulden-Meditation, Rausgekürzte Szenen, Trailer
Vertrieb: Max Vision

Im Netz
Offizielle Seite und Trailer

Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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