“Am Ende kommen Touristen” von Robert Thalheim

Zivildienst im KZ

“Am Ende kommen Touristen” von Robert Thalheim

am ende kommen touristen 1

Der Schauplatz von Robert Thalheims Film lässt erst mal harten Tobak vermuten: Auschwitz. Doch “Am Ende kommen Touristen” ist kein schwermütiges Drama über den noch immer lauernden Schatten Nazideutschlands. Stattdessen entlarvt der Film eine gewisse Heuchelei im deutschen Umgang mit dem Thema und wirft einen Blick auf das heutige Verhältnis zwischen Deutschland und Polen.

Von Lukas Hunziker.

Eigentlich hätte Sven seinen Zivildienst in einem Jugendzentrum in Amsterdam absolvieren wollen, doch das Schicksal verschlägt ihn im letzten Augenblick nach Polen, in einen kleinen Ort mit dem unheilvollen Namen Auschwitz. Dort soll Sven im Jugend-Begegnungszentrum arbeiten. Seine Hauptaufgabe besteht darin, sich um den ehemaligen Auschwitz-Häftling Stanislaw Krzeminski zu kümmern, der im Zentrum lebt, Koffer restauriert und Besuchern vom Leben im KZ erzählt. Sven tut sich erst schwer mit dem mürrischen Krzeminski, der ihn herumkommandiert und sich nichts vom deutschen Zivildienstler sagen lässt, doch langsam aber sicher gewinnen die beiden Vertrauen zueinander. Als sich Sven schliesslich mit Ania, einer polnischen Touristenführerin, anfreundet, beginnt er aufzuleben, aber auch die deutschen Touristen und das deutsche Unternehmen, welches in Auschwitz aufgebaut wird, mit anderen Augen zu sehen: Er merkt, dass sich für Auschwitz und Krzeminski eigentlich niemand mehr wirklich interessiert.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Hoffnung auf einen Neuanfang

“Am Ende kommen Touristen” erzählt von drei Menschen, welche Auschwitz auf ganz verschiedene Weisen betrachten. Für Sven ist es ein schwarzer Fleck deutscher Geschichte, für Krzeminski ein Ort, mit dem er seine schrecklichsten Erinnerungen verbindet und den er doch nicht verlassen will, und für Ania einfach nur der Ort, in dem sie aufgewachsen ist und lebt. In Ania und Sven liegt die Hoffnung, die Schrecken Auschwitz’ zu beerdigen, ohne sie zu vergessen. Der Weg der Touristen, welche per Car anreisen, das Museum besuchen, alles schlimm finden, aber dem Zeitzeugen keine gescheite Frage zu stellen wissen, ist definitiv der falsche. Doch der Film ist auch eine Liebeserklärung an Polen, ein (noch) armes, aber wunderschönes Land, welches Sven am Schluss des Films dann irgendwie doch nicht so einfach hinter sich lassen kann. Die Handlung des Films mag unspektakulär sein, die Geschichte(n), die Regisseur Thalheim erzählt, sind jedoch ebenso feinfühlig wie die drei Schauspieler, welche grossartige Arbeit leisten und viel dazu beitragen, dass Thalheims Erstling als Erfolg verbucht werden kann.

Ausstattung

Die DVD enthält zwar kein ‘Making of’, dafür aber zwei sehenswerte Interviews mit Regisseur Robert Thalheim und Hauptdarsteller Alexander Fehling. Desweiteren gibt es fünf entfernte Szenen in anständiger Qualität, einen Kurzfilm mit dem Titel “Dachau bei München”, eine Fotogalerie zu den Auschwitz-Recherchen und einen Audiokommentar von Robert Thalheim. Eine gelungene Ergänzung zum Hauptfilm.


Seit dem 22. Februar 2008 im Handel.

Originaltitel: Am Ende kommen Touristen (Deutschland 2008)            
Regie: Robert Thalheim
Darsteller: Alexander Fehling, Barbara Wysocka, Ryzard Ronczewski
Genre: Drama
Dauer: 82 Minuten
Bildformat: 1.85:1
Sprachen: Deutsch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Audio: Dolby Digital 5.1
Bonusmaterial: Interviews mit Regisseur Robert Thalheim und Hauptdarsteller Alexander Fehling, Entfernte Szenen, Fotogallerie, Kurzfilm “Dachau bei München”, Audiokommentar von Robert Thalheim, Trailer
Vertrieb: Warner

Im Netz
Trailer
Offizielle Seite

Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.