“L’Advocat de la Terreur” von Barbet Schroeder

Les terroristes ce sont les autres

“L’Advocat de la Terreur” von Barbet Schroeder

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“Ich würde sogar Bush verteidigen, wenn er sich schuldig bekennen würde” antwortete Jacques Vergès auf die Frage, ob er auch Hitlers Verteidigung übernehmen würde. Der französische Anwalt fungierte seit 1945 immer wieder als Verteidiger von Terroristen und Diktatoren, zuletzt auch von Slobodan Milosevic. Barbara Schroeder portraitiert Vergès ohne zu werten und lässt dabei ihn selbst, Politiker und eine Reihe pensionierter Terroristen zu Worte kommen.

Von Lukas Hunziker.

Vergès Karriere begann mit der Verteidigung der algerischen Freiheitskämpferin Djamila Bouhired, welche nach einem von ihr verübten Bombenanschlag gefoltert und zum Tode verurteilt wurde. Unter Beschimpfungen und Drohungen setzte er sich für sie ein und heiratete sie nach ihrer Begnadigung, als sie schon zu einer der Ikonen der algerischen Unabhängigkeitsbewegung geworden war. In den 70er Jahren tauchte Vergès acht Jahre unter und galt auch für viele seiner engsten Freunde und Verwandten als verschollen. 1978 tauchte er wieder auf und wurde berüchtigt als Verteidiger internationaler Terroristen, darunter Magdalena Kopp und Ilich Ramírez Sánchez, bekannt als Carlos. Skandalös war schliesslich die Verteidigung des Gestapo-Offiziers Klaus Barbie, welchem in Lyon ein Schauprozess gemacht wurde.

Ankläger des Kolonialismus

Die Medien und die Öffentlichkeit reagierten, verständlicherweise, mit Empörung auf Vergès Verteidigung, besonders, da dieser besonders mit seinen frühen Klienten oft auch noch öffentlich sympathisierte. Barbet Schroeder zeigt in ihrem Film jedoch, dass Vergès in den Prozessen nicht nur Verteidiger, sondern auch Ankläger war. Der Fall Djamila, zweifellos sein persönlichster, zeigte dies schon deutlich: das von ihr verübte Attentat war “lediglich” eine Antwort auf die Massakrierung tausender Algerier durch die Französischen Besatzer. Für Vergès waren Djamila wie auch spätere Klienten keine Terroristen, sondern Freiheitskämpfer, welche sich gegen die Freiheitsberaubung durch die Kolonialmächte wehrte. Auch die Aktivitäten der PFLP (Popular Front fort he Liberation of Palestine) beurteilte Vergès nicht als Terrorismus, sondern als Befreiungskampf, weswegen er die Verteidigung einiger Mitglieder übernahm. Auch mit der Übernahme der Verteidigung des Nazis Barbie glaubte er seine Ideale nicht zu verraten, da ihm der Prozess die Chance gab, den Franzosen ihre Heuchelei vor Augen zu führen – standen die französischen Kolonialherren in Algerien den Nazi doch oft in nichts nach.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Jede Bombe hat zwei Seiten

Dennoch begeht Schroeder nicht den Fehler, Vergès zum Helden zu erheben. Denn bei all seinem Engagement für die Emanzipation ehemaliger Kolonien und deren Recht, zu deren Erreichen alle zur Verfügung stehenden Mittel einzusetzen, bleiben gewisse Kontakte, welche Vergès pflegte, fragwürdig und gerade bei Vergès jüngeren Klienten fragt man sich wohl zurecht, ob deren Verteidigung Europa wirklich noch den Spiegel der kolonialistischen Gräuel vorhält. Dennoch gelingt es dem Film zu zeigen, dass Vergès sich nicht für Massenmörder und Terroristen einsetzt, sondern für die Akzeptanz der Tatsache, dass jede auch noch so schreckliche Geschichte aus zwei Perspektiven erzählt werden kann und muss. Denn es gibt nur etwas, das schlimmer ist als einem Terroristen einen guten Anwalt zu geben: nämlich ihm keinen zu geben.

Zu grosse Portionen serviert

So interessant Schroeders Film und Protagonist auch sind, “L’Advocat de la Terreur” ist nicht nur schwere sondern auch schwierige Kost. 140 Minuten lang springt der Film von einem Schauplatz zum nächsten und führt in kurzer Zeit so viele Ereignisse und Figuren der Terrorismusgeschichte ein, dass historisch weniger sattelfeste Kinobesucher wohl irgendwann den Überblick verlieren. Durch den breiten historischen Hintergrund, welcher als Kontext für Vergès’ Prozesse erarbeitet wird, kommt dem Film streckenweise sogar sein Protagonist abhanden und man fragt sich, was das jetzt mit Vergès zu tun hat. Ebenfalls schade ist, dass der Film erst im Abspann auf die jüngsten Fälle, wie z.B. Milosevic eingeht, obwohl gerade ein jüngeres Publikum sich damit wohl besser auseinandersetzen könnte.

Dennoch ist “L’Advocat de la Terreur” ein äusserst sehenswerter Dokumentarfilm, dessen Thema zudem hoch aktuell ist. Man mag Vergès nach dem Film immer noch nicht mögen, und trotzdem wünschte man sich, er würde einst die Verteidigung Osama Bin Ladens übernehmen – nicht um ihn freizusprechen, sondern um auch einmal Amerika einen Spiegel vorzuhalten.


Seit dem 10. April 2008 im Kino.

Originaltitel: L’Advocat de la Terreur (Frankreich 2006)            
Regie: Barbel Schroeder
Darsteller: Jacques Vergès
Genre: Dokumentarfilm
Dauer: 135 Minuten
CH-Verleih: Frenetic

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Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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