“An American Crime” von Tommy O’Haver

Foltern bei den Nachbarn

“An American Crime” von Tommy O’Haver

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Die Fälle Natascha Kampusch und Josef Fritzl erschütterten Europa und die Welt und liessen uns gelähmt angesichts der unerklärlichen Unmenschlichkeit. Amerika hat seine eigene Version des Kellerdramas. Sylvia Likens verbrachte 1965 zwar ‘nur’ einige Wochen im Keller Gertrude Baniszewskis, doch was in dieser Zeit geschah, will man eigentlich gar nicht wissen. Will man also einen Film darüber sehen? “An American Crime” bietet einige gute Argument, um diese Frage mit Ja zu beantworten.

Von Lukas Hunziker.

Die Geschwister Sylvia und Jenny leben selten lange am selben Ort. Ihre Eltern arbeiten auf dem Jahrmarkt, der gerade im Sommer und Herbst stets weiterzieht. Um es sowohl für die Geschwister wie auch für sie einfacher zu machen, entscheiden sich die Eltern, Sylvia und Jenny bei der Kinder liebenden Nachbarin Getrude zu lassen. Sylvia und Getrudes älteste Tochter Paula werden schnell Freunde und Paula vertraut Sylvia schliesslich an, dass sie schwanger ist. Unglücklicherweise entschlüpft Sylvia das Geheimnis, als sie Paula vor dem gewalttätigen Vater des Kindes zu beschützen versucht. Schnell breitet sich das Gerücht um die Schwangerschaft aus, und Paula rächt sich an Sylvia, indem sie sie bei Getrude schlecht macht. Dies funktioniert nur allzu gut, und bald sucht Getrude nach jeder Gelegenheit um Sylvia zu bestrafen. Schliesslich sperrt sie das Mädchen im Keller ein und versorgt sie nur noch gelegentlich mit Essen. Doch das wirkliche Drama beginnt erst.

Die lieben Nachbarn

Gertrudes Kinder werden, von ihrer Mutter angeheizt, zu kleinen Sadisten und beginnen Folterspiele mit Sylvia zu spielen. Bald werden Nachbarskinder eingeladen, um Zigaretten auf Sylvia auszudrücken, sie mit kaltem Wasser abzuspritzen, oder zu schlagen. Gertrude selbst nimmt wiederholt an den Folterungen teil und ritzt auf dem Höhepunkt ihres Wahns “I am a prostitute an proud of it” mit einem Messer in Sylvia’s Bauch. Im Gegensatz zu den aktuellen Fällen ist der Keller der Baniszewskis kaum lärmisoliert – die Nachbarn hören die Schreie, befinden es aber als besser, sich rauszuhalten. Getrudes Missbrauch allein wäre schockierend genug, doch die sadistischen Nachbarskinder und deren wegschauenden Eltern sind der wahre Horror des Verbrechens.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Beklemmend, aber nicht sadistisch

“An American Crime” ist sich dieses Horrors bewusst, und schlachtet ihn bewusst nicht aus. Meist wird die Brutalität nur angedeutet, einige der grausigsten Foltertaten des Falls werden weggelassen. Damit verweigert sich der Film jeglichem Voyeurismus und ist kein Horrorschocker sondern eindrückliches Psychodrama. Er braucht kein Blut, um zu schockieren (das DVD-Cover gibt einen falschen Eindruck), die Chronologie des Verbrechens aufzuzeigen genügt völlig. Der Film ist weitgehend ganz nah an den Fakten, und gewissen Vereinfachungen dienen ganz der Verständlichkeit der Verfilmung. Katherine Keener, welche die Rolle erst ablehnte, dann von der Geschichte aber nicht mehr losgelassen wurde, verkörpert Getrude mit schauriger Intensität, Ellen Page überzeugt als unschuldiges Opfer. Was man dem Film als Einziges vorwerfen kann ist, dass er zu wenig Erklärungen für Getrudes Verhalten bereithält. Andererseits ist dies vielleicht nur eine weitere seiner Stärken.

Ausstattung

Die DVD kommt leider ohne Specials daher. Wirklich jammern darf man darüber nicht; denn einerseits kann man froh sein, dass die DVD einen Release auf dem Schweizer Markt fand, andererseits ist der Film allein gut genug, um den Kauf der DVD wert zu sein.


Seit dem 16. Mai 2008 im Handel.

Originaltitel: An American Crime (USA 2007)            
Regie: Tommy O’Haver
Darsteller: Katherine Keener, Ellen Page, James Franco
Genre: Psychodrama
Dauer: 94 Minuten
Bildformat: 2.35:1 (16:9)
Sprachen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Audio: Dolby Digital 5.1
Bonusmaterial: Trailer
Vertrieb: Max Vision

Im Netz
Trailer
Infos zum Film auf Tommy O’Havers Website

Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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