“The Nanny Diaries” von Shari Springer Berman

Wenn Klassenunterschiede komisch sein sollen

“The Nanny Diaries” von Shari Springer Berman and Robert Pulcini

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Der Teufel trägt nicht nur Prada, er wohnt auch an der Upper East Side in New York, ist geliftet, reich, aber hat keine Ahnung, wie man ein Kind erzieht. Glücklicherweise wird in weniger betuchten Quartieren von Big Apple eine Spezies herangezüchtet, welche dieses Dilemma lösen kann: die Nannys. Während die meisten Vertreter dieser Spezies eingeführte Exemplare aus Mexiko sind, die sich kaum wehren könne, gibt es auch arische Vertreter, die rebellischere Gene tragen.

Von Lukas Hunziker.

Annie Braddock hat ihr College-Studium mit den Schwerpunkten Wirtschaft und Anthropologie abgeschlossen und wird von ihrer Mutter, welche sich als Krankenpflegerin durchs leben schuftet, dazu gedrängt, einen gut bezahlten Job in der Wirtschaft zu suchen. Doch Annie fühlt sich im teueren Anzug so gar nicht wohl und bereits ihr erstes Vorstellungsgespräch macht ihr klar, dass sie nicht weiss, wer sie ist und was sie will. Zufällig rettet sie im Park ein Kind vor einem träumenden Fahrradfahrer und bekommt von dessen Mutter – einer Modemarionette sondergleichen – ein Angebot, die neue Nanny des kleinen Grayer zu werden. Annie, die sich vom Job als Nanny zumindest eine interessante Lebenserfahrung und Selbstfindungspotential erhofft , willigt ein, und zieht in das Nannyzimmer in der riesigen Wohnung an der Upper East Side. Da sie ihre Geschichte als anthropologische Feldstudie erzählt, nennt sie ihre Arbeitgeberin schlicht Mrs. X. Diese entpuppt sich als Personifikation aller Klischees, die man mit dem Leben der Amerikanischen Upper Class verbindet. Sohn Grayer wird so gesund ernährt, dass man um sein Leben fürchtet, die U-Bahn ist wegen Bakterien und Keimen tabu, Annie soll so viel wie möglich Französisch mit Grayer reden und ihn in Museen und andere Anstalten institutionalisierter Kultur schleifen.

Zwischen zwei Männern

Den Weg zu Grayers Herz erkauft sich Annie schliesslich aber doch mit Erdnussbutter und Marmelade – obwohl das Geheimnis, warum im Haushalt der Familie X überhaupt so was herumliegt, nie gelüftet wird. Nanny Annie (das Wortspiel wird im Film nach Strich und Faden ausgeschlachtet) gewinnt den Jungen zwar für sich, kämpft aber trotzdem an mehreren Fronten. Einerseits versucht sie zu verhindern, dass ihr ihre Mutter auf die Schliche kommt, die immer noch glaubt, Annie sei auf dem Weg zur Wallstreetmatrone. Andererseits muss sie ihr Privatleben für die stets gestresste Mrs. X praktisch aufgeben, und das gerade als sie einen knuddligen, reichen Jurastudenten trifft und sich wider Willen in ihn verknallt. Obwohl sie das dominanten Männchen ihres Lebens gefunden hat, bringt sie es nicht übers Herz, Grayer im Stich zu lassen, gerade weil sich bei der Familie X Abgrund um Abgrund auftut.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Wie Vodka ohne Alkohol

“The Nanny Diaries” verkauft sich mit der Tagline “A comedy about life at the top, as seen from the bottom”. Was gehörig nach Klassenkritik klingt, ist so harmlos wie ein wiedergekäutes Marshmallow. Ja, die X’s sind böse, narzisstisch, ohne Verständnis für die Bedürfnisse Bediensteter. Doch andererseits karikiert sie der Film so extrem, dass sich niemand wirklich angesprochen fühlen muss. Auf der anderen Seite lässt beispielsweise die Wohnung von Annies Freundin Linette, die bis unter die Decke voll von geschmacksvollem Ethnokitsch und Heimeligkeit ist, dran zweifeln, dass die beiden jungen Frauen wirklich so etwas wie einer Unterschicht entsprungen sind. Die wirkliche Unterschicht, die mexikanischen Einwandererfrauen, die sich als Nannys abmühen und sich Vorwürfe gefallen lassen müssen, ihr Englisch sei so schlecht, kommen im Film nur dann zu Wort, wenn ein lustiger Immigrantenakzent noch ein paar Lacher einheimsen kann. Während der Film durchaus witzige Szenen und anfangs auch eine Reihe gut inszenierter Verfremdungseffekte hat, bleibt er über weite Strecken seicht und Laura Linney wird genauso wie Scarlet Johansson an einen Film verschwendet, der eigentlich nichts zu sagen hat. Ausser, dass man statt Wirtschaft doch lieber Anthropologie studieren soll. Na, immerhin.


Ab dem 14. August 2008 im Kino.

Originaltitel: The Nanny Diaries (USA 2007)
Regie: Shari Springer Berman und Robert Pulcini
Darsteller: Scarlett Johansson, Laura Linney, Paul Giamatti, Chris Evans, Alicia Keys
Genre: Komödie, Drama
Dauer: 105 Minuten
CH-Verleih: Ascot Elite

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Offizielle englische Seite

Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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