“Lady Chatterley” von Pascale Ferran

Bienchen und Blümchen jenseits von Klassenunterschieden

“Lady Chatterley” von Pascale Ferran

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In Sachen Literaturverfilmungen kann sich noch immer niemand mit den Franzosen messen. Als weiteren Beweise dafür verfilmte Pascale Ferran mit “Lady Chatterley” einen der grossen Skandalromane des frühen 20. Jahrhunderts und inszenierte das Erwachen weiblicher Sexualität mit wenig Worten aber umso schöneren Bildern.

Von Lukas Hunziker.

1928 schloss D.H. Lawrence seinen Roman “Lady Chatterley’s Lover” ab, doch die Publikation des Buches liess zumindest im Englischen Sprachraum bis 1960 auf sich warten. Eine Geschichte, welche einen Ehebruch thematisiert den eine Frau der Oberschicht mit einem Wildhüter begeht, war schlicht zu provokativ und unmoralisch, um im prüden England der Zwischenkriegszeit einen Verleger zu finden – zumindest einen offiziellen. 1960 kam “Lady Chatterley’s Lover” vor Gericht wegen Obszönität – und wurde trotz seines wiederholten Gebrauchs des four-letter-word freigesprochen.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Die Geschichte lässt sich ziemlich kurz zusammenfassen. Constance Chatterley ist die junge Frau des seit dem Krieg gelähmten Clifford Chatterley. Als Vertreter der upper class bewohnen die beiden ein grosses Herrenhaus mit Ländereien. Lady Chatterley jedoch findet trotz des Wohlstands kein Glück. Die Beziehung zu ihrem Mann ist höchst formell, da dieser durch seine Lähmung impotent ist und keinerlei körperliches Interesse an ihr zeigt. Ihr Bedürfnis nach einer sexuellen Beziehung entdeckt Constance, als sie den Wildhüter zufällig trifft, der den Wald der Chatterley’s bewirtschaftet. Ohne viele Worte kommen sich die beiden bald näher und schlafen miteinander. In der Auslebung ihrer bisher unterdrückten Bedürfnisse geht Lady Chatterley auf, findet zum Glück und zu sich selbst – bis ihre Ferienreise eine ungeahnte Wendung bringt.

In der Wiese, im Bett und im Regen

Pascale Ferran konzentriert sich in ihrer Filmadaption ganz auf ihre weibliche Protagonistin und lässt die Dialoge hinter die Bilder zurücktreten. Ganz dem Motto “show, don’t tell” verschrieben, erschliesst sich die Geschichte von Constance fast alleine über die Bilder, und das hervorragend subtile Schauspiel von Mariana Hands. In keinem Moment wird der Film zu einer schnulzigen Romanze, zu einem Melodrama oder zu intellektueller Erotika. Obwohl es Lady Chatterley und der Wildhüter wiederholt tun – mal im Bett, mal auf dem Fussboden, mal in der freien Natur, mal im Schlamm während einem Sommerregen – hält sich der Film mit expliziten Szenen zurück. Mehr noch, er hält dem trostlosen üblichen Leinwandsex eine alternative Sexualität vor. Weder emotionalisiert und romantisiert Ferron Sex als nahezu spirituelles Erlebnis, noch stellt sie ihn als mechanisch-animalisches Kopulieren dar. Und wenn der Wildhüter Constance liebevoll und schüchtern Blumen ins Schamhaar flicht, beginnt man zu ahnen, dass die beiden etwas entdeckt haben, das wohl die wenigsten von uns je finden werden.

“Lady Chatterley” ist ein stiller, schöner und bewegender Film, der mehr über das Leben, die Liebe und Sex zu sagen hat, als man anfangs annehmen würde.

Ausstattung

Leider enthält die DVD kein Bonusmaterial.


Seit dem 26. Juli 2008 im Handel.

Originaltitel: Lady Chatterley et l’Homme des Bois (Belgien, Frankreich, GB / 1986)
Regie:  Pascale Ferron
Darsteller: Mariana Hands, Jean-Louis Coulloc’h, Hippolyte Girardot
Genre: Literaturverfilmung, Drama
Dauer: 162 Min.
Bildformat: 1.66:1
Sprachen: Deutsch, Französisch
Untertitel: Deutsch
Audio: Dolby Digital 5.0 (Französisch), Dolby Digital 2.0 (Deutsch)
Bonusmaterial: Trailer
Vertrieb: Warner

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Französischer Trailer
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Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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