“Volevo Solo Vivere” von Mimmo Calopresti

Wenn Worte mehr als tausend Bilder sagen

“Volevo Solo Vivere” von Mimmo Calopresti

volevo solo vivere 1

Wer glaubt, zu diesem Thema schon alles gesehen oder gehört zu haben, der sollte diesen Dokumentarfilm anschauen. Es sind die genauen und ausführlichen Erzählungen von neun italienischen Überlebenden des Holocaust, die alle der Hölle von Auschwitz entkamen – dank nicht zu brechendem Überlebenswillen, Gerissenheit, Zufall, und vor allem: Glück.

Von Tom Messerli.

Neun Italiener, die die Deportation und das Vernichtungslager in Auschwitz überlebt haben; neun Geschichten, die uns die wesentlichen historischen Abschnitte dieser grauenvollen Jahre vor Augen führen: den Erlass der Rassengesetzte von Nürnberg, die erfolglosen Fluchtversuche, die Zeit im Ghetto, die Deportation, das Auseinanderreissen von Familien, das wunderbare Überleben, die Befreiung mit der Ankunft der Alliierten. Die Zeitzeugen beleuchten in mitreissenden Erzählungen zahlreiche Aspekte der Ereignisse. Sie tun dies mit einer aussergewöhnlichen Lebendigkeit und Offenheit: vom Persönlichen und Intimen, zum Tragischen bis Grausamen. Mimmo Calopresti hat für “Solo Volevo Vivere” aus hunderten Zeitzeugenberichten diese neun ausgewählt. Gesammelt wurden diese Berichte im Arhiv der USC Shoah Foundation für visuelle Geschichte und Bildung. Der Gründer der Shoah Foundation, Regisseur Steven Spielberg (“Schindler’s List”, “Saving Private Ryan”), ist auch als ausführender Produzent des Filmes tätig.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Bildgewalt der Worte

Es sind die genauen und ausführlichen Erzählungen, die dem Zuschauer die entmenschlichte Vergangenheit noch einmal ganz nahe bringen. Und es sind nicht die Bilder, wie man sie aus Berichten, Büchern, Dokumentar- und Spielfilmen kennen mag, die an diesem Film beeindrucken. Es sind die Überlebenden selbst, die auf beeindruckende Art gelernt haben, mit diesen Erinnerungen zu leben und davon zu sprechen. Sie haben alle ihre gesamten Familien in Auschwitz oder einem anderen Vernichtungslager verloren, haben als einzige, oft durch willkürliche Zufälle, überlebt, und sie sind sich bewusst, dass sie diesem Auschwitz nie mehr ganz entkommen konnten.

Wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte

Eingefangen von einer einfachen Kamera auf einem Stativ wird dieser Film zu einem Dokument der Worte, nicht einem der Bilder. Zwar werden die Erzählungen der Zeitzeugen gelegentlich mit vorangehend bekannten Bildern unterlegt, der Regisseur sieht aber wohlweislich davon ab, die Aussagen mit schaurigen visuellen Effekten zu verklären und ist bemüht, den Worten der Erzählenden den grösstmöglichen Raum zukommen zu lassen. Nicht zuletzt deshalb wird klar, wie wichtig und richtig die Arbeit der Shoah Foundation ist, mit ihren Bemühungen, die letzten Überlebenden des Holocaust zum Sprechen zu bringen. Die bedrückende, fürchterliche Anschaulichkeit ihrer Berichte ist durch kein historisches Material zu ersetzten, denn die glaubwürdige Darstellung persönlicher, durchaus subjektiver Erfahrung, kann die Dimension des Grauens viel direkter und bewegender vermitteln, als alle bekannten Bilder der Leichenberge aus den Lagern.

Auch wenn dies kein Versprechen für Popcorn und Glaceschmaus im Kinosessel ist: unbedingt hingehen, unbedingt anschauen, unbedingt weiterempfehlen. Immer wieder.


Seit dem 21. August 2008 im Kino.

Originaltitel: Volevo Solo Vivere (Italien 2005)            
Regie: Mimmo Calopresti
Darsteller: Andra Bucci, Esterina Calò Di Veroli, Nedo Fiano, Luciana Momigliano Nissim, Liliana Segre, Settimia Spizzichino, Giuliana Tedeschi, Shlomo Venezia, Arminio Wachsberger
Genre: Dokumentarfilm
Dauer: 82 Minuten
CH-Verleih: Frenetic

Im Netz

college.usc.edu/vhi

Info zum Link
1994 entstand auf Initiative Steven Spielbergs (in Zusammenhang mit den Dreharbeiten für die “Schindler’s List” die Survivors of the Shoah Visual History Foundation – eine gemeinnützige Organisation mit dem Ziel, die Aussagen von Überlebenden der Shoah für Bildungszwecke zu archivieren. Das Ziel der Shoah Foundation war es, so viele Interviews wie möglich mit Überlebenden des Holocaust sowie weiteren Opfern der nazistischen Vernichtungspolitik als Video aufzuzeichnen. Die Webseite bietet Zugang zu diesem Archiv.

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