“Das Waisenhaus” von Juan Antonia Bayona

Kinder sind unheimlich

“Das Waisenhaus” von Juan Antonia Bayona

waisenhaus 1

Spanien scheint ja Hollywood so langsam den Rang abzulaufen, wenn es um Horrorfilme geht – oder zumindest mit dem amerikanischen Bruder gleichzuziehen. So lockte der Horror-Zombie-Hit “[Rec]” weitaus mehr Zuschauer ins Kino, als Zombie-Opas Romeros neuster Streich “Diary of the Dead” und auch “Das Waisenhaus” gilt schon als internationaler gefeierter Beachtungserfolg, der die amerikanischen Vorbilder um Längen übertrifft.

Von Alexander Sigrist.

Laura kehrt nach dreissig Jahren in das Waisenhaus zurück, in welchem sie als Kind aufgewachsen ist. Das Haus steht mittlerweile leer und sie möchte daraus, zusammen mit ihrem Mann und ihrem Kind ein Heim für behinderte Kinder machen. Doch die Sache kommt anders, als dass man denkt: erst taucht eine merkwürdige alte Schrulle auf, die sich als Sozialarbeiterin ausgibt, und dann plötzlich eines Nachts mit dem Spaten im Garten rumgräbt und dann hört man mit einem Mal Gepolter, Getrampel und Geflüster im Haus. Geister? Natürlich! Oder, etwa doch nicht?

Soweit, so wenig neu. Ja, die ersten zwanzig Minuten des Films sind eine wahre Enttäuschung. Ehepaar zieht aus irgendwelchen Gründen in ein grosses, leeres Haus, Kind ist auch dabei, dann passieren unheimliche Dinge, ja, das haben wir schon gesehen. Danke, abschalten, bitte. So denkt man, nach den ersten Minuten des Films, man habe es mit einem typischen “Haunted House”-Horrorfilmchen zu tun, dass nur dank seiner spanischen Herkunft wirklich Beachtung geschenkt bekommen hat.

Wer aber an dieser Stelle bereits die DVD entnervt aus dem Player nimmt, der verpasst einiges. Ja, er oder sie verpasst das Beste. Denn hat der Film erstmal seine etwas generische Exposition überwunden, so kommt alles anders: erst präsentiert er eine unerwartete Wende, bevor er seinen Erzählrahmen ausdehnt und das Schicksal Lauras und ihres Mannes über mehrere Monate hinweg verfolgt. Das ist, für einen Horrorfilm, ein ungewöhnlich breiter Rahmen, der vor allem der Tiefe der Figuren zu Gute kommt.

Unheimliches ohne viel Aufwand

Dazwischen gibt es, natürlich, unheimliche Szenen. Wer allerdings schnelle Schockeffekte erwartet, kann nur enttäuscht werden: es gibt keine. Genauso wenig, wie es Blut gibt (eine, übertrieben blutige Szene ausgenommen), oder abgerissene Körperteile, oder sabbernde Monster. Dafür gibt es langsame, gruselige Szenen, die atmosphärisch dicht sind und genau darum perfekt funktionieren. Der Film demonstriert in diesen Szenen, wie man mit wenig Mitteln und wenig Gezeigtem unheimlich viel Unheimliches erschaffen kann. Wenn zum Beispiel das Medium durch das Haus stolpert, gefilmt von diversen Kameras, die im Haus verteilt sind, gezeigt auf grünlichen Bildschirmen, so wird der Horror einzig allein durch die Bewegungen und die Stimme des Mediums, dem Gesagten kreiert – das ist nicht viel und dennoch ist diese Szene derart intensiv, dass dem Zuschauer das Blut in den Adern gefriert.

Die Story jedoch, kann leider nicht immer ganz mit der Stimmung mithalten. Zwar ist der Schluss wirklich phänomenal geraten und auch zwischendurch ist der Film für die eine oder andere Überraschung gut, dennoch hat die Story ihre Längen und ist dann und wann zu vorhersehbar geraten. Die Längen mögen daran liegen, dass der Film absichtlich langsam inszeniert wurde und sich Zeit für seine Figuren nehmen will. Das ist gut und löblich so, und funktioniert meistens auch ganz gut, jedoch bremst sich der Film bisweilen zu stark aus.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Die Vorhersehbarkeit mancher Szenen und Wendungen mag wohl daran liegen, dass der Film seinen Vorbildern Tribut zollen will – auch wieder an sich eine nette Idee, aber wer die Vorbilder kennt, ist dann halt einfach ab und zu schneller als der Film. Alles in allem brechen diese beiden Unzulänglichkeiten dem Film aber gottlob nicht das Genick; die Story bietet immer noch genug, um Aufmerksamkeit zu erregen und auch etwaige Längen sind schnell wieder vergessen, verhindern aber, dass “Das Waisenhaus” zu einem Genreklassiker werden kann.

Alles in allem ist “Das Waisenhaus” sicherlich nicht der beste Horrorfilm, der je da gewesen ist, aber ein sehr guter. Vor allem die Dichte Atmosphäre und das geniale Ende überzeugen voll und ganz. Die MTV-Generation jedoch geht leer aus: keine schnellen Szenen, keine blutigen Ausuferungen, keine Action. Ja, “Das Waisenhaus” ist etwas für die gesetztere Generation. Und die wird dafür ihre Freude daran haben.

Ausstattung

“Das Waisenhaus” kommt in zwei Editionen auf den Markt: einerseits als mager ausgestattetes Steelbook, welches diverse Trailer und einen Kommentar von Filmhistoriker Fred van der Kooij bietet. Die zwei Disc-Edition bietet natürlich einiges mehr: da gibt es ein Vorwort des Regisseurs, ein Making of, alternative Szenen, ein Interview mit dem Regisseur und Guillermo Del Toro, ein Storyboard-Film Vergleich, animierte Storyboards, Featuretten über die Produktion des Filmes und das Marketing und einen Kurzfilm von Regisseur Bayona. Alles in allem eine ordentliche Austattung für eine 2-Disc-Edition.


Seit dem 29. September 2008 im Handel.

Originaltitel: El Orfanato (Spanien 2007)            
Regie: Juan Antonia Bayona
Darsteller: Belén Rueda, Fernando Cayo, Geraldine Chaplin, Montserrat Carulla
Genre: Horror
Dauer: 101 Minuten
Bildformat: 2,35:1 (16:9 anamorph)
Sprachen: Deutsch, Französisch, Spanisch
Untertitel: Deutsch, Französisch
Audio: Dolby Digital 5.1
Bonusmaterial: Single-Disc: Trailer, Kommentar von Fred van der Kooij.
2-Disc: Vorwort von Regisseur Bayona, Making of, alternative Szenen, Interview mit Bayona und Guillermo Del Toro, Storyboard-Film Vergleich, animierte Storyboards, Featuretten zur Produktion und Marketing, Kurzfilm
Vertrieb: Max Vision

Im Netz
Trailer
Offizielle englische Seite

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.