“Bad Boy Bubby” von Rolf de Heer

Jenseits von Gut und Böse

“Bad Boy Bubby” von Rolf de Heer

badboy2Böse ist wer, Böses tut? Der australische Film “Bad Boy Bubby” sieht das nicht ganz so einfach und schickt zum Beweis einen Simplizissimus durch die Hölle und zurück. Selten waren Lektionen in Moral irritierender.

Von Christof Zurschmitten.

Zuerst einmal gibt es aber eine Lektion in Klaustrophobie, die in diesem Film immer sowohl als Raum- wie auch als Herzenge zu verstehen ist. Bubbys (Nicolas Hope in einer bemerkenswerten Performance) Welt ist dreckig, grau, und höchstens 25 Quadratmeter gross. Der Junge wird von seiner Mutter (Claire Bonito) nämlich unter permanentem Stubenarrest gehalten – der “Junge” ist 35 Jahre alt. Die Welt jenseits seiner vier Wände hat er nie gesehen,  sie sei voll mit Gift und zutiefst lebenswidrig, erklärt ihm seine Mutter. Innerhalb seiner vier Wände dominiert sie die Welt in diktatorischer Weise, im immerselben Wechselspiel von inzestuöser Zärtlichkeit und sadistischen Kontrollmechanismen. Ein sorgsam herangezüchtetes religiöses Gewissen lässt den grenzdebilen Bubby in der permanenten Angst davor leben, Gott werde ihn verpetzen oder gleich direkt verprügeln. Experimente mit dem durch den Bunker krabbelnden Ungeziefer und einer zugelaufenen Katze lernen ihn das Konzept von Leben und Tod. Und dazwischen – nichts als klaustrophobische Enge und Leere.

Der Schilderung dieses Alltags widmet “Bad Boy Bubby” nicht mehr als eine Viertelstunde, aber diese ist hoch bedrückend: Als der Film in den frühen 90ern geschrieben und gedreht wurde, war das nicht mehr als düsteres Anti-Märchen. Inszenierung wie Situation sind durchaus stilisiert, erkennbar skurril und keineswegs frei von schwarzem Humor. Aber dennoch – die Eröffnungsminuten wirken anders, seitdem der Fall Fritzl die perfide Realitätsnähe dieses vermeintlich absurden Szenarios bewiesen hat.

Als die Logik der Dramaturgie dann endlich einen Fremdkörper auf diese hermetische Welt loslässt, um sie in ihren Grundfesten zu erschüttern, empfindet man das schon fast als Erlösung. FAST, denn Bubbys Papa, der sich da aus der Versenkung zurückmeldet, ist Priester und ein ausgemachter Lumpenhund. Er beansprucht allein das bescheidene Kontingent an Zuneigung, das die Mutter aufbringen kann, und Bubbys Leben wird endgültig zum Alptraum. Der Sohnemann emanzipiert sich schliesslich in der konsequentest- und brutalstmöglichen Art und Weise – und tritt hinaus in die Welt. Mitten hinein in ein Australien, das zwar von Giftstoffen weitgehend frei ist, aber dennoch seit “Mad Max” nicht mehr so verkommen gezeigt wurde – wobei der Verfall diesmal von innen kommt.

Der heilige Narr
Von hier aus öffnen sich Raum und Erzählung: Bubby stolpert von Begegnung zu Begegnung, wird verprügelt und vergewaltigt, gehegt und gepflegt und entdeckt die Segnungen von Rock-Musik, übergrosser Brüste – und der Liebe.
Rolf de Heers (“Dance Me to My Song”, “10 Kanus, 150 Speere und 3 Frauen”) Film, der in Venedig 1994 den grossen Preis der Jury gewann, gibt sich redlich Mühe, Bubbys Blick auf das ungeheuerlich Neue auch auf der formalen Ebene umzusetzen: So wurde der Ton mit Mikrophonen aufgenommen, die sich in der Perücke von Hauptdarsteller Nicholas Hope befanden und somit seine Höreindrücke simulieren sollen – mit teilweise durchaus erstaunlichem Effekt, wie auf der separaten Kopfhörerspur der DVD nachvollzogen werden kann. Ebenfalls radikal innovativ, wenn auch dem Endresultat kaum anzumerken: Der Film wurde von nicht weniger als 23 (!) Kameramännern aufgenommen, die sich untereinander nicht abgesprochen hatten – jeder übernahm eine Szene, um zu verdeutlichen, wie Bubby die immerneuen Eindrücke verarbeitet.

badboyWobei es natürlich eigentlich nicht Bubby ist, der die Welt entdeckt, sondern die Welt, die sich durch Bubby entdeckt. Er ist durch und durch Anti-Forrest Gump, weniger Spiegel der Gesellschaft als ihr Diktaphon, das nur in Sätzen reden kann, die man ihm zugeworfen hat: Der klassische heilige Narr der Literaturgeschichte, der freilich ausgerechnet heilig nicht sein will. Im Furor, mit dem in “Bad Boy Bubby” gegen die Religion geeifert wird, zeigt sich das eigentlich Irritierende und Unbequeme an diesem Film: Er ist zu gleichen Teilen zutiefst amoralisch wie fast schon aufdringlich moralisierend – und er scheint es trotz Humor mit beidem verdammt ernst zu meinen. Ein Film als Botschaft und voll von Botschaften, die sich ständig gegenseitig widersprechen:
Die schlimmsten moralischen Auswüchse erwachsen auf dem Boden der Religion – und dennoch ist es die Heilsarmee, die den Asozialen zuerst rettet. Verbrechen im Grossen wie im Kleinen werden vorgeführt und, wenn auch nicht explizit kommentiert, so doch unverkennbar auf Schärfste verurteilt – und doch ist der Anti-Held selbst qua kindlicher Naivität von jeder Schuld reingewaschen. Dass der Film sich mancher dieser Brüche klar bewusst ist, während ihm andere nur passiert zu sein scheinen, wirkt noch einmal als zusätzliche Provokation.

All das häuft sich zu einem in derart bemerkenswert schlüssiger Weise unschlüssigen Endresultat, dass ihm auch nur ein unschlüssiges Urteil gerecht wird:
“Bad Boy Buddy” ist – die formale Souveränität aussen vor gelassen – letztlich ein äusserst unbefriedigender Film. Für jemanden, der es derart offensichtlich auf Streit angelegt hat, ist dies aber vielleicht das grösste Kompliment, das man ihm überhaupt machen kann.

Ausstattung
Wie auch im Falle von “Marquis” kann man sich gar nicht genug begeistern für die sorgfältige Arbeit des Labels “Bildstörung”. Ihre DVD-Edition entstand in Zusammenarbeit mir Regisseur Rolf de Heer, und entsprechend lässt sie keine Wünsche offen: Der Film kommt mit gleich zwei englischen Tonspuren (mit optionalen deutschen Untertiteln), wobei die eine die bereits erwähnte “binaurale” Aufnahme präsentiert; die dritte Tonspur ist deutsch synchronisiert. Zudem gibt’s einen Audio-Kommentar mit dem Regisseur und dem Hauptdarsteller, die beide auch in – sehr umfangreichen – Interviews noch einmal zu Wort kommen. Das Ganze wird noch ergänzt durch einen alternativen Anfang, in dem gezeigt wird, wie die “Bunker”-Szenen ursprünglich in einem “engeren” Format hätten gefilmt werden sollen, bis die Idee fallengelassen wurde, weil die Szenen, so de Heer, schlicht unerträglich beklemmend ausgefallen wären. Im Kurzfilm “CONFESSOR CARESSOR”, der sich ebenfalls auf der DVD findet, spielt Nicholas Hope einen (vermeintlichen?) Massenmörder – und der Regisseur mit verschiedenen Realitätsebenen. Einzelne Themen von “Bad Boy Buddy” scheinen hier also bereits angerissen. Alles in allem eine grossartige Edition, die noch dazu in wunderbarer Aufmachung daherkommt.


Seit dem 24. Oktober 2008 im Handel.

Originaltitel: Bad Boy Bubby (Australien 1993)
Regie: Rolf de Heer
Darsteller: Nicholas Hope, Claire Bonito, Ralph Cotterill, Carmel Johnson
Genre: Anti-Märchen
Dauer: 110 Minuten
Bildformat: 2.35:1 [16:9]
Sprachen: Englisch, Deutsch
Audio: Englisch DD 5.1 und Stereo; Deutsch Stereo
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Trailer, Audiokommentar von Rolf de Heer und Nicholas Hope, separate binaurale Tonspur für Kopfhörer, alternativer Anfang in ursprünglich geplantem Bildformat, Interviews mit Rolf de Heer und Nicholas Hope, Q&A mit Nicholas Hope, Kurzfilm CONFESSOR CARESSOR
Vertrieb: Maxmedia

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