“Marquis” von Henri Xhonneux und Roland Topor

Eros Perros

“Marquis” von Henri Xhonneux und Roland Topor

3985053,MRum1fCz2O6_eLuS_9LWpLPsl+_dc+gypBT4ClHIYRsIU9Lc1Nbi5ggYcNCcrk71DTU60cyLXTCr2e1tpZGgWA==Die etwas andere Geschichtslektion: “Marquis” belehrt uns darüber, wie der Marquis de Sade Inspiration und einen Künstlernamen findet, nebenher Perversitäten monströsen Ausmasses ausheckt und das Ancien Regime stürzt – bis ihm schliesslich sein Geschlechtsorgan abhanden kommt.

Von Christof Zurschmitten.

Die Kerker der Bastille am Vorabend der Revolution sind ein gottloser Ort: wollüstige Jesuitenpfarrer geilen sich auf an den Beichten der Insassen, die Aufseher sehnen sich nach Sodomie mit ihnen, während Erpressung von Geständnissen durch die allzeit besoffenen Wachen an der Tagesordnung steht. Mitten im Herzen der Finsternis sitzt einer und schreibt Verse, die diese Dunkelheit noch in den Schatten stellen: Der Marquis de Sade hält sich bei Verstand und Laune, indem er abgründige Phantasien in poetischer Sprache zu Papier bringt. Lektor und einziger Freund in der Einsamkeit des Kerkers ist ihm Colin, sein dauererregierter und sehr gesprächiger Penis, der gelegentlich dazu neigt, etwas launisch und dominant zu werden.

Letzteres ist allerdings nicht historisch überliefert. Wie übrigens auch nicht, dass eine schwangere Kuh dem Marquis (und seinem Penis) anno 1789 den Kopf verdreht haben soll. Zu sehen bekommen wir es dennoch in “Marquis”, der pünktlich zum 200-Jahres-Jubliäum der Revolution entstand und jetzt neu auf DVD entdeckt werden darf. Überhaupt gibt es vieles zu sehen in diesem Film, und vieles davon müsste eigentlich einen schier unerträglichen Anblick bieten.

Folter, Sadismus und Masochismus bis aufs Blut, Orgiastisches und Perverses, und immer wieder die visualisierten Obsessionen des Marquis’, die in häufig äusserst brutalen  Pointen gipfeln. Das wäre etwas gar viel, wäre da nicht der gute alte V-Effekt: Alle Figuren in “Marquis” sind Tiere, oder genauer: menschliche Schauspieler in animierten Tiermasken, die bereits viel über den jeweiligen Charakter preisgeben. Die Priester sind Kamele, die Gefängniswärter verräterische Ratten, aufreizende Damen der Gesellschaft werden zu rossigen Stuten – und der Marquis selbst erweist sich als Cockerspaniel, der mit hündischer Treue allen Umständen zum Trotz an seinen Freiheitsidealen festhält. Der französische Film wirkt wie ein entfernter Verwandter von Peter Jacksons “Meet The Feebles“, die auf der anderen Seite des Globus in ähnlich respektloser (wenn auch weit weniger aristokratischer) Manier ein Theater und schliesslich sich selbst in Einzelteile zerlegten.

Pan zu Ehren
Auch wenn die Regie-Ehren hauptsächlich dem belgischen Regisseur Henri Xhonneux zugeschrieben werden, geht man nicht falsch, in der frivolen Verspieltheit dieses Films vor allem die Handschrift Roland Topors zu erkennen. Topor, eine Art enfant terrible und Tausendsassa der französischen (Anti-)Kunstszene, wirkte nicht nur als Romanschreiber, Zeichner, Animator und Schauspieler, sondern wurde vor allem auch berühmt als Weggefährte Alejandro Jodorowskis, mit dem er das “mouvement panique” gründete. Diese Theaterform, dem libidinösen Gott Pan gewidmet, verstand sich als Fortsetzung von Surrealismus und Dadaismus, enthemmt, ekstatisch und gegen die rigiden Moralvorstellungen und Normen der 60er-Jahre-Gesellschaft gerichtet. Von hier aus führte ein direkter Weg zum Marquis de Sade.

Der ihm gewidmete Film ist denn auch zutiefst karnevalesk, eine Menagerie blasphemischer und obszöner Figuren, gewitzter Dialoge (samt Anspielungen auf die dunkleren Seiten der Literaturgeschichte), einfallsreicher Sets und zutiefst schwarzhumoriger Witze, die bewusst nicht ganz zoten-, aber letztlich durchaus geschmackssicher sind. Dem Film gelingt es nämlich, mit alledem einen stimmigen Gegenkosmos zu konstruieren, der als Zerrbild der Gesellschaft zutiefst zynisch sein mag, aber sich dennoch jeglichen Nihilismus enthält. Im Gegenteil, es geht ihm durchaus um Ideale: Die Schriften des Marquis sind das Prisma, durch das Welt hier gebrochen wird. Er wird mitnichten als dekadenter Pornograph präsentiert, sondern als Verfechter eines radikalen Freiheitsprinzips, das nicht zwischen Gut und Böse unterscheiden will und stattdessen die Lust als oberste Maxime setzt.

Die panischen Sympathien, die Xhonneux und Topor für einen so verstandenen Sadismus hegen, sind in jedem Moment dieses Films zu spüren – und sie färben ab auf den Zuschauer, bei dem trotz aller Skurrilität und genüsslich in Szene gesetzter Abnormität ebenfalls echte Sympathien geweckt werden: für die Filmemacher sowieso, die mit ihrem versponnen Projekt entgegen aller Wahrscheinlichkeit reüssiert haben. Ein Stück weit aber auch für die Figuren, die mit spürbar viel Liebe zum Detail und Herzblut zum Leben erweckt wurden. Das Kunststück, daei ausgerechnet einen Penis zum grössten Sympathieträger zu machen, spricht für sich.

Ausstattung
Feudal. Wie auch bei “Bad Boy Bubby” gehört dem kleinen neuen Label Bildstörung ein Kränzchen gewunden: Obwohl der Film noch aus Prä-DVD-Zeiten stammt, ist die Ausstattung mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Die Doppel-DVD kommt im schön gestalteten Schuber und mit einem informativen Booklet, in dem unter anderem auf die Geschichte des historischen Marquis de Sade und seine Wirkung auf die Künste eingegangen wird. Die Extra-DVD bietet nicht verwendete Szenen, ein Making of, Interviews sowie die Option, zum Film parallel Storyboards anzeigen zu lassen.

Seit 15. Oktober 2008 im Handel.

Originaltitel: Marquis (Frankreich 1989)          
Regie: Henri Xhonneux und Roland Topor
Darsteller: François Marthouret, Valérie Kling, Nathalie Juvet
Genre: Farce
Dauer: 79 Minuten
Bildformat: 1:1,66 (16:9)
Sprachen: Französisch
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Booklet, Interviews, Making of, entfallene Szenen, Storyboards
Vertrieb: Max Vision

Im Netz
Trailer, Szenenfotos und noch viel mehr an Infos gibt’s auf der Seite von bildstörung.

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