„Intolerance“ von David Wark Griffith

Universalgeschichte über Liebe, Vorurteil und Grausamkeit

„Intolerance“ von David Wark Griffith

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Griffith hatte sich mit „Intolerance“ zum Ziel gesetzt, das zerstörte Babel wieder aufzubauen – als eine positive Metapher für die Zukunft. Entstanden ist ein spektakulärer Stummfilm, der dem Film nie dagewesene Dimensionen eröffnete. Das Monumentalwerk prangert mit viel Pathos menschliche Schwäche und Intoleranz an.

Von Adrian Wettstein.

D.W. Griffith ist einer der bekanntesten amerikanischen Filmpioniere. Er hat über 400 One-Reelers gedreht, hat als einer der ersten Regisseure abendfüllende Spielfilme ins Kino gebracht und dabei auch in ästhetischer Hinsicht viele Experimente gewagt. Nachdem der Spielfilm „The Birth of a Nation“ (1915) ein fulminanter Erfolg bei den Zuschauern wurde, aber mit Rassismus-Vorwürfen konfrontiert war, realisierte Griffith mit „Intolerance“ (916) einen Film, der weit ambitionierter war und zugleich eine moralisch eindeutige Haltung einnahm. In vier verschiedenen Handlungssträngen aus verschiedenen historischen Epochen werden die verhängnisvollen Wirkungen von Intoleranz, Selbstgerechtigkeit und Heuchlerei veranschaulicht. Erzählt wird von dem alten Babylon unter dem jungen Belsazar, das durch Intrigen von Priestern schliesslich von dem Perserkönig Cyrus eingenommen werden kann. Die biblische Episode zeichnet die Pharisäer verantwortlich für die Kreuzigung von Jesus. Die Geschichte aus der Zeit der Spätrenaissance erzählt von den religiösen Konflikten in Frankreich, welche schliesslich zur Bartholomäusnacht und dem Tod von 50’000 Protestanten führten. In der modernen Episode wird gezeigt, wie Kapitalisten rücksichtslos mit ihren Fabrikarbeitern umgehen und sie in Armut und Kriminalität treiben.

Ein Monumentalwerk

Die Monumentalität von Griffiths „Intolerance“ ist heute noch beeindruckend. Mit Produktionskosten von rund 2 Millionen Dollar war er für lange Zeit der bei weitem teuerste Film. Zum Aufbau des Sets war monatelang eine Crew von 700 Mann engagiert. Die Stadt Babylon wurde am Sunset Boulevard in beeindruckenden Ausmassen nachgebaut (ohne architektonischen Plan). Die Mauern um Belsazars Hof waren über 70 Meter hoch. Die riesigen Türme mit den Elefantengottheiten sowie die Stadttore bleiben unweigerlich in Erinnerung. Für das grosse Fest von Belsazar waren mehr als 4’000 Komparsen im Einsatz. Der fertige Film hätte in zwei Blöcken von je 4 Stunden gezeigt werden sollen. Die Verleihfirmen lehnten ab, so kam schliesslich eine stark gekürzte Version zustande, die immer noch 3 Stunden dauert.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Ein dreistündiger Stummfilm, das ist für jeden zeitgenössischen Zuschauer eine Herausforderung – lohnt sich diese Anstrengung? Diejenigen, die an Filmgeschichte und Filmsprache interessiert sind, kommen an Griffith ohnehin nicht vorbei. Wie er mit der Parallelmontage umgeht, Lichteffekte ausprobiert und unterschiedliche Rahmen-Formen einsetzt, das ist immer wieder überraschend. Und auch wenn es ein Mythos ist, dass er als erster Closeups verwendet hat, setzt er sie zumindest an erstaunlichen Stellen ein. Dann kann man natürlich an diesem Film auch die ganze Rezeptionsgeschichte mit so bekannten Namen wie Eisenstein, Kracauer, Scorsese, Deleuze etc. aufrollen. Wer sich für solcherlei nicht begeistern kann, dem wird „Intolerance“ dennoch einige unvergessliche Seh-Erlebnisse verschaffen, allen voran bei dem Fest von Belsazar und dem Fall der Stadt durch Kyros. Als Gesamtkunstwerk vermag der Film aber wohl kaum mehr zu überzeugen – auch wenn eine Handvoll Kritiker ihn unerschütterlich als besten Film aller Zeiten apostrophieren. Die ständigen Wechsel zwischen den verschiedenen Handlungssträngen sind selbst für postmodern abgebrühte Zuschauer anstrengend, die Parallelen wirken unmotiviert und willkürlich, die Moral holzschnittartig. So beeindruckend es ist, dass Griffith die ganzen Menschen- und Stoffmassen ohne Plan und Drehbuch zu dirigieren vermochte – etwas mehr Fokus und gedankliche Ausarbeitung hätten dem Film sicher nicht geschadet.

Die DVD enthält kein Bonusmaterial. Dafür gibt es ein Booklet mit ausführlichen Erinnerungen der Schauspielerin Lillian Gish an die Dreharbeiten, dazu zwei kurze Texte von Griffith sowie eine Rezeptionsgeschichte von Griffiths Filmen in Deutschland.


Seit dem 24. Oktober 2008 im Handel.

Originaltitel: Intolerance (USA 1916)            
Regie: David Wark Griffith
Darsteller: Mae Marsh, Robert Harron, Lillian Gish, Tully Marshall
Genre: Historienfilm
Dauer: 180 Minuten
Bildformat: 4:3
Zwischentitel: Englisch
Audio: Dolby Digital 2.0
Bonusmaterial: Ausführliches Booklet
Vertrieb: Max Vision

Im Netz
Feature über den Film in der Bonner Kinemathek

Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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