“Religulous” von Larry Charles

Opium des Volkes

“Religulous” von Larry Charles

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Der Komiker, Schauspieler, Fernsehmoderator, Journalist und Agnostiker Bill Maher reist unter der Regie von Larry Charles (“Borat”) um die halbe Welt und interviewt fromme Christen, Juden und Muslime. Mit dem ihm eigenen ironisch-kritischen Humor konfrontiert er Gläubige mit cartesianischem Zweifel. Daraus resultieren keine neuen Erkenntnisse. Doch es darf genüsslich und ausreichend gelacht werden – über skurrile und rational unfassbare Ausgeburten des Irrationalen.

Von Garabet Gül.

Dass der Mensch nicht Gottes Werk ist, hat uns nicht zuletzt die Religionskritik Feuerbachs aufgezeigt: Gott und Religionen sind Erfindungen des Menschen. Was Bill Maher dazu bewogen hat, diese satirische Dokumentation zu realisieren, ist die Frage, warum so viele Menschen an diesen Erfindungen festhalten, wie (um Himmels Willen!) Menschen noch heute an einen allwissenden Gott, an die Jungfrauengeburt oder die Genesis glauben können. Maher, Sohn einer Jüdin und eines Katholiken, ist einem Paradox der Moderne auf der Spur, die von dem Philosophen Michael Schmidt- Salomon in seinem Manifest des evolutionären Humanismus wie folgt auf den Punkt gebracht wird: “Wir leben in einer Zeit der Ungleichzeitigkeit: Während wir technologisch im 21. Jahrhundert stehen, sind unsere Weltbilder noch von Jahrtausende alten Legenden geprägt. Wir verhalten uns wie Fünfjährige, denen die Verantwortung über einen Jumbojet übertragen wurde”.

Schrille Figuren

Tatsächlich hat man bei einigen von Maher befragten Menschen das Gefühl, sie seien in einem Erwachsenenkörper steckende Kinder. Der Film ist vollgespickt mit religiösen Ewiggestrigen, die haarsträubende Ansichten vertreten. Ein auf den Weltuntergang wartender Senator, ein Jesus-Darsteller in einem evangelikalischen Freizeitpark, der  Touristen die Kreuzigung vorspielt und im Gespräch zu erklären versucht, warum Gott damit wartet, das Böse aus der Welt zu schaffen, ein Pastor in Miami, der behauptet, die Inkarnation von Jesus Christus zu sein, ein Betreiber eines kreationistischen Museums, der die Evolution leugnet und Dinosaurier und Menschen nebeneinander ausstellt, ein antizionistischer orthodoxer Jude, der sich mit dem iranischen Präsidenten Ahmadinejad verbrüdert oder ein muslimischer Rapper in Holland, der die Verfolgung von Salman Rushdie zu rechtfertigen versucht.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Bill Maher macht keinen Hehl aus seinem Agnostizismus. Er ist ein überzeugter Zweifler. Eine der Stärken des Films ist, dass auch die Befragten – nicht zuletzt durch die gestellten Fragen – wissen, was für eine Weltanschauung der Journalist besitzt und vertritt. Hier ist kein relativistischer Gutmensch unterwegs, sondern ein wertender Rationalist. Maher zielt jedoch nicht auf die Person, vielmehr verunsichert er seine Gesprächspartner mit  pointierten und entlarvenden Fragen und provoziert die Gläubigen aus ihrem Mythennest, so dass sie sich selber blossstellen können. Der Senator zum Beispiel lässt sich zur Aussage verleiten, man müsse keinen IQ-Test absolvieren, um in den Senat gewählt zu werden. Einfach herrlich.

Zu spitze Zuspitzung

Selbstverständlich darf nicht ausser Acht gelassen werden, dass im Schneideraum jedes Interview so geschnitten werden kann, dass es die Hauptaussage eines Films unterstützt. Solange jedoch die Aussagen nicht derart auseinander gerissen und wieder zusammengesetzt werden, dass der ursprüngliche Kontext nicht mehr erkennbar ist oder gar die Argumentation verdreht wird, ist es das gute Recht eines jeden Dokumentarfilmers sich sein Filmmaterial so zurechtzulegen, dass es für ihn und die  Umsetzung seines Motivs stimmig ist. Zumal wenn es sich um eine Satire handelt – und die lebt nun mal von Zuspitzungen.

Trotzdem stösst eine Zuspitzung etwas sauer auf. Auf die Aussage eines muslimischen Gelehrten, der Islam bedeute Frieden und er sei eine friedliche Religion, folgen Bilder von religiösen Hasspredigern und von Demonstrationen wütender und drohender islamischer Fundamentalisten. Bilder, die beinahe tagtäglich in den Nachrichten zu sehen sind und suggerieren, die Religionen seien die Hauptursachen für Konflikte und Terror. Verstärkt wird dieser Eindruck durch den Besuch Mahers in Jerusalem. Doch gerade der Nah-Ost Konflikt zeigt deutlich auf, dass es um viel mehr geht, als bloss um eine Auseinandersetzung zweier gegensätzlicher Glaubensrichtungen. Um mit Marx zu argumentieren: Die Religion ist der Heiligenschein des Jammertals, nicht das Jammertal selbst.

“Religulous” ist in erster Linie Unterhaltung, jedoch mit einer klaren – und wichtigen und richtigen – Aussage: Wir brauchen keine Religionsfreiheit, was wir brauchen, ist Freiheit von den Religionen. Schön, so unterhalten zu werden.


Seit dem 13. November 2008 im Kino.

Originaltitel: Religulous (USA 2008)            
Regie: Larry Charles
Drehbuch: Bill Maher
Darsteller:  Bill Maher
Genre: Dokumentation/Satire
Dauer: 100 Minuten
CH-Verleih: Ascot Elite

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Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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