“Ben X” von Nic Balthazar

Flucht ins Heldentum

“Ben X” von Nic Balthazar

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Der Erstling des belgischen Regisseurs Nic Balthasar wurde am Montréal Film Festival, an der Berlinale, sowie an zahlreichen anderen Festivals gefeiert und ausgezeichnet. Autistenvereine kontaktierte und bedankten sich bei Greg Timmermans, welcher in “Ben X” den autistischen Protagonisten spielt. Die schauspielerische Leistung ist ebenso beeindruckend, wie der Film beklemmend. “Ben X” ist erbarmungsloses, happiges und höchst innovatives Kino.

Von Lukas Hunziker.

Ben ist Autist und lebt in zwei Welten. Die eine ist die Schule, die für ihn einer Hölle gleichkommt. Von seinem Mitschülern wird er gemieden oder gehänselt, von zweien regelmässig brutal gequält. Die andere Welt ist die Fantasiewelt des Online-Games “Archlord”. Hier ist Ben all das, was er im richtigen Leben nicht ist: ein Held. Kaum ein anderer Spieler hat es so weit gebracht wie er, auf Level 80. Immer an der Seite seines Avatars BenX ist Scarlite, seine Heilerin und Online-Freundin. Eines Tages will sich Scarlite auch im richtigen Leben mit ihrem Helden treffen, und schickt Ben eine SMS, in dem sie ihre Ankunft am nächsten Tag ankündigt. Doch gerade diese SMS bekommen Bens Quälgeister zu lesen, und sie beschliessen, Ben einen besonders qualvollen Nachmittag zu bereiten.

Kurz vor dem Endgame

“Ben X” beruht lose auf einer wahren Geschichte, die Regisseur Nic Balthazar in der Zeitung las. Zauberhafte Momente weichen Szenen sozialer Grausamkeit, die schwer zu ertragen ist, sobald Ben zwischen seinen Lebenswelten hin und her wechselt. Der Horror der Geschichte ist rein psychologischer Natur, doch ist er damit beklemmend genug. “L’enfer, c’est les autres” – für Ben gilt dies ganz besonders. Nur in seinem Spiel vermag er sich zurechtzufinden. Dies kommt nicht von ungefähr; für Autisten, so Nic Balthazar, sind Online-Spiele eine überaus interessante Welt, da Kommunikation und soziales Handeln allein über Text stattfindet, ohne die non-verbalen mimischen und gestischen Zeichen, welche viele Autisten nur schwer verstehen. Doch in der Welt von “Archlord” hat Ben das Endgame erreicht, die letzte Aufgabe vor dem Ende seines Charakters. Und so will er es auch im richtigen Leben halten.

© Studip / Produzent
© Studip / Produzent

Als Film überzeugt “Ben X” aus zahlreichen Gründen. Hervorragend ist schon das Drehbuch, das sich entschlossen hat, die Geschichte aus der Perspektive Bens zu erzählen, wobei Angehörige in fiktiven Interviews an Anfang und Ende des Films zu Wort kommen. Die grosse Innovation des Films sind jedoch die Gameszenen, welche von Archlord-Spielern speziell für den Film inszeniert wurden, unter der Regie und Kameraführung Balthazars. So verweben sich bildschirmfüllende Gamehandlungen nahtlos mit der Hauptgeschichte, wodurch Bens ständiger Wechsel zwischen seinen beiden Lebenswelten gelungen gezeigt wird. Doch der Film würde nicht funktionieren ohne den unheimlich überzeugenden Greg Timmermans in der Rolle Bens. Nicht von ungefähr haben viele Zuschauer vermutet, Timmermans sei selbst Autist, lässt seine Performance doch sogar jene von Dustin Hoffman in “Rain Man” im Regen stehen.

“Ben X” ist beklemmende, schwere Kost, jedoch nicht ohne Momente der Hoffnung. Selten lässt einem ein Film so viel nachdenken, selten beeindruckt eine schauspielerische Leistung ähnlich, selten bereut man es so wenig, psychologisch so harten Tubak doch ganz runterzuziehen.

Ausstattung

Die DVD überzeugt mit umfangreichem, spannenden Bonusmaterial. Herzstück desselben sind die ausführlichen Interviews der Berlinale mit Nic Balthazar, Greg Timmermans und Produzent Peter Bouckaert, die von der Entstehung des Films erzählen. Daneben gibt es ein ‘Making of’, welches, leider ohne Kommentar, Blicke hinter die Szenen wirft und die verschiedenen Drehorte zeigt. Alternative Szenen in guter Qualität, ein kleiner Bericht von dem Auftritt des Films am Festival in Montréal sowie Fotogalerie, Texttafeln und Audiokommentar ergänzen das Bonusmaterial.


Seit dem 19. November  2008 im Handel.

Originaltitel: Ben X (Belgien/Niederlande 2007)            
Regie: Nic Balthazar
Darsteller: Greg Timmermans, Laura Verlinden, Marijke Pinoy
Genre: Drama
Dauer: 89 Minuten
Bildformat: 1,78:1 (anamorph)
Sprachen: Deutsch, Flämisch
Untertitel: Deutsch
Audio: Dolby Digital 5.1
Bonusmaterial: ‘Making of’, Alternative Szenen, Die Weltpremiere, Interviews, Texttafeln, Fotogalerie, Trailer und Teaser
Vertrieb: Impuls

Im Netz
Trailer
Offizielle englische Seite (Trailer in besserer Qualität)

Amateur Interview mit Nic Balthazar

Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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