“Die Reise ins Glück” von Wenzel Storch

Triumph des Eigenwillens

“Die Reise ins Glück” von Wenzel Storch

reiseWir kleistern dir gleich ein paar vor den Ständer, Schulweisheit: Nicht alle, die eine Reise tun, haben nämlich auch was zu erzählen. Manche Ausflüge lassen einen auch einigermassen sprachlos zurück – aber glücklich.

Von Christof Zurschmitten.

Es mag nicht die geringste Leistung eines Films sein, eine handfeste Polemik zu provozieren. Noch höher steht freilich die Kunst, Paradoxien zu produzieren. Das Eine wird Wenzel Storchs bislang grösstem und endlich auf DVD erschienenem Film, „Die Reise ins Glück“, immer wieder nachgesagt – was letztlich aber nur Beweis dafür ist, dass er auch das Zweite beherrscht:

Denn auch wenn dieses Werk – und wir sprechen hier unter anderem von angepinkelten Kindern, nymphomanen Ommas und an nazistische Neger-Bilder gemahnenden Bordbands – nach allen Regeln der Logik tatsächlich das Publikum spalten müsste, versammelt sich die Kritik in seltener Einmütigkeit auf einer Seite der selbst beschworenen Scheidelinie: Im Lager der Bewunderer nämlich. Wo man sich dann (soviel zur zweiten Paradoxie) die Zeit vorzugsweise damit vertreibt, Worte zu finden für ein Erlebnis, das einem ganz schön unbeschreiblich aufstossen kann.

Nehmen wir zum Beispiel die Handlung, die sich zu Beginn ja durchaus brav der Nacherzählung fügt: Es waren mal zwei Jungens, die vom Schicksal zusammen geschweisst, von der Liebe zur selben Rasta-Maid aber wieder getrennt wurden. Woraufhin sich dann der Sieger des Herzens (Storch-Veteran Jürgen Höhne) mitsamt Frau und tierischer Besatzung (Frösche, Kaninchen, eine Eule und ein Bär, der mit der Stimme von Harry Rowohlt spricht) in seinem Schneckenschiff aufmacht, um den Unrechtsregimen dieser Welt die Hammeln lang zu ziehen. Und eines Tages gelangen sie dann auch zur Insel eines Despoten, in dem Gustav den ehemaligen Gefährten Knuffi (Holger Müller) erkennen wird. Doch damit beginnt erst der eigentliche Film, und die Schullogik galoppiert mitsamt Handlungssträngen auf und davon, um erst nach zahlreichen denkwürdigen Aussagen, explodierten Köpfen, Körperflüssigkeitsfontänen, Zeitreisen ins Tausendjährige Reich und der Ejakulation des Schneckenschiffs in einen Beichtstuhl wieder einträchtig und artig zu einander zu finden.

Das Infinite Ministrant Theorem

Wir erkennen: Da steppt (im wörtlichen wie übertragenen Sinn) ganz ordentlich der Bär, und er treibt es so wild, dass einem gut und gerne schwindlig werden kann dabei. Die Versuche, sich wieder in den Griff zu bekommen, enden gerne mit Vergleichen (wobei der gültigste von der Splatting Image stammt, die bemerkte, hier würden „liebevoll Jules Verne, Petzi und Splatter miteinander verwebt“), bei der Auslotung der Urgründe dieses Ideenreichtums (wobei das Senkblei öfters Richtung Genussmittel zeigt) oder aber und eigentlich am liebsten: bei der Beschwörung der Einzigartigkeit desselben.

Die will man ja beileibe auch nicht abstreiten. Nur mag man – jedenfalls wenn man wie der Autor dieser Zeilen einen Gutteil seiner Jugend unter Menschen verbracht hat, deren Steckenpferd das zweckfreie, aber befriedigende Delirieren war – dazu neigen, sein Herz weniger an die Einfälle als an die Materialität dieser „Reise ins Glück“ zu verschenken. Ich fordere jeden dazu auf, mir das Gegenteil zu beweisen: Würde man unendlich viele Menschen (unter ihnen vielleicht ein, zwei Ministranten) mit unendlich vielen bewusstseinsfördernden Substanzen und unendlich vielen Wachsmalstiften zusammen auf eine Müllhalde sperren – irgendwann würde einer von ihnen ein Script zu Papier bringen, das es mit den Abenteuern von Kapitän Gustav aufnehmen kann. Nur auf eine Idee käme bis in alle Ewigkeit niemand: Die nämlich, daraus auch wirklich einen Film zu machen.

Mit ein bisschen Hilfe

Das eigentliche Wunder der „Reise ins Glück“ ist denn auch, dass es sie gibt. Viel steht geschrieben (und ist auf dem Bonusmaterial zu sehen) über die Entbehrungen, die in den zehn Jahren dieser Odyssee auf dem Thespiskarren auszustehen war: über unterkühlte Lagerhallen-Sets, verbrutzelte Stromanschlüsse, Pyroeffekte, die ohne Versicherung gedreht werden mussten, über aufopferungswillige, aber zuweilen widerspenstige (tierische wie menschliche) Laiendarsteller, über die Schwierigkeiten, Schrott zu finden, der sich zur barocken Pracht bemalen lässt – und natürlich über Schuldenhaufen, die sich anhand der zahlreichen mitleidenden Zeitungs- und Zeitschriftenartikel wohl zumindest näherungsweise akkurat zusammenrechnen liessen. Auch wenn Wenzel Storch in seinen Filmen Fertigkeiten beweist, die über das ungeschickte Handwerk vieler Billigproduktion weit hinausgehen, kann man doch festhalten, dass seine Stärken woanders liegen: Im Aussitzen ist er ganz Hunger-, im Durchsetzen der eigenen Vorstellungen aber Willenskünstler. Und für die Meisterschaft, die er darin erreicht hat, kann wirklich keine Bewunderung gross genug sein.

Dass er im Gegensatz zu anderen Seelenverwandten – der rührend manische MdotStrange käme als sehr junges Beispiel etwa in Frage – darüber hinaus die Gabe besitzt, andere in den Schlamassel hineinzuziehen, macht die ganze Sache nur noch besser (vielleicht nicht für die Beteiligten, ohne Frage jedoch für den Zuschauer): Das fängt beim verschrobenen Darstellerensemble an, geht zu den Kostüm- und Szenenbildern (die Fantastisches aus Findeldingen geleistet haben) und endet irgendwann bei allerlei Prominenz, die sich, befeuert vom Storchschen Genie oder jedenfalls jedoch Eigenwillen, selbst vor den Narrenkarren hat spannen lassen – von Jörg Buttgereit als Splattereffektmeister bis hin zu Rokko Schamoni, der den wunderbar lakonischen Kommentar für die exorbitanten Dokumentationen der DVD-Ausgabe spricht.

Sie alle haben einen wahren Strom von Herzblut in diesen Film fliessen lassen, unter dessen sanftem Rauschen jede böse Stimme ungehört verhallen muss.


Ausstattung

Wer wehmütig mitansehen musste, wie sich der DVD-Veröffentlichungstermin immer weiter verschoben aufgrund der Extra-Produktion, der wusste: Das konnte ja heiter werden! Und das ist es tatsächlich auch geworden: Nicht weniger als 4 (!!!) Stunden Bonusmaterial hat sich da angesammelt, die irgendwo zwischen erschöpfendem Making-of, ultimativem Interviewkommentar und eigenständiger (und sehr unterhaltsamer) Doku angesiedelt sind. Macht wirklich glücklich, das Ganze, und ist nicht im regulären Handel erhältlich, sondern über die rührigen Jungs und Mädels von Cinema Surreal unter diesem Link.


Seit dem 08. März 2009 im Handel.

Originaltitel: Die Reise ins Glück (Deutschland 2004)                          
Regie: Wenzel Storch
Darsteller: Jürgen Höhne, Jasmin Harnau, Holger Müller, allerlei Getier u. v. a. m.
Genre: Geschichterlhuber-Abenteuerfilm
Dauer: 73 Minuten
Bildformat: 1:1,166 (4:3)
Sprachen: Deutsch
Untertitel: –
Audio: DD 2.0 und DD 5.1
Bonusmaterial: vieles, vieles!
Vertrieb: s. o.

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