“Perfect Blue” von Satoshi Kon

Perpetuum mobile

“Perfect Blue” von Satoshi Kon

perfect-blue1Von Christof Zurschmitten.

Satoshi Kons (“Paprika”, “Tokyo Godfathers”) Erstling gilt als einer der besten japanischen Animationsfilme der jüngeren Vergangenheit. Eine Neuauflage bietet nun die Gelegenheit zu entdecken, warum sein Psycho-Thriller um ein Starlet auf Abwegen dennoch nur bedingt ein “Anime” ist.

Die Grenzen zwischen Real- und Animationsfilm sind nicht nur solche des jeweils Möglichen, sondern vielleicht mehr noch desjenigen, was im jeweils anderen Medium unmöglich ist. Satoshi Kons Filme lieben es, beide Limiten zu umspielen. In “Paprika” etwa, Kons bislang letztem Film, bannte er den Irrwitz des kollektiven Unbewussten in grandios kuriose Bilder, denen der Realfilm aller CGI zum Trotz nie und nimmer hätte Herr werden können. Doch vieles nimmt das fast zehn Jahre zuvor entstandene Langfilm-Debüt des ehemaligen Manga-Zeichners bereits vorweg.

Kons Karriere als Regisseur verdankt sich dem Ende einer Karriere: die Sängerin Mima entschliesst sich am Anfang von “Perfect Blue”, ihrer alle Stereotype des J-Pop bedienenden Girlgroup den Rücken zu kehren und ein neues Leben als Schauspielerin zu beginnen. Doch der Ausweg aus der Anfängerenklave der Ein-Satz-Rollen führt durch Abgründe: Mima akzeptiert eine Rolle als Vergewaltigungsopfer und beginnt für Nacktfotos zu posieren. Diese Distanz zu ihrem ehemaligen Girlie-Image scheint nicht von allen akzeptiert zu werden: Mima erhält Drohfaxe und entdeckt im Internet ein unheimlich detailliertes Tagebuch, das unter ihrem Namen geführt wird. Die Hinweise auf das Tun eines fanatischen Fans verdichten sich, als in Mimas Umfeld mehrere Menschen bizarre Tode sterben und sie selbst an ihrer Zurechnungsfähigkeit zu zweifeln beginnt…

Der Schnitt als Hort des Unheimlichen

Dies umschreibt allerdings bloss die Handlung der gleichnamigen Romanvorlage von Yoshikazu Takeuchi ante Satoshi Kon. In der Filmadaption sind diese Elemente höchstens Eckpfeiler, zwischen denen Kon ein dichtes Netz aus metafiktionalen Bezügen aufspannt. Originell ist dabei weniger die Idee, die künstliche Welt des japanischen Idol- und Starwesens auch auf der Handlungsebene bis zur Undurchschaubarkeit zu doppeln, sondern die dafür aufgewandten Mittel:

Beeindruckend vor allem diese Fluidität des Ganzen – alles ist ständig in Fluss, gleitet mit stetem Tempo voran, ohne je zu einem Halt zu kommen. Kons Handwerk ist eines des Schnitts, der Ein- und Überblendung, der Ausnützung der toten Winkel der Kamera. Diese Mittel sind natürlich, wenn man so will, “universalfilmisch”, aber dennoch ist das nahtlose Ineinanderübergehen der Bilder in dieser Perfektion dem Animationsfilm vorbehalten. “Perfect Blue” treibt diese Technik an die Grenzen des Möglichen – mit einiger Effizienz: Hier wird plötzlich das Handwerk selbst zur Bedrohung, hinter jedem Schnitt oder jedem Kameraschwenk kann plötzlich eine andere Welt hervorbrechen, eine andere Realitätsebene, eine zusätzliche Irritation. Das alles ist im höchsten Grade unheimlich, da unberechenbar, für Mima genauso wie für den Zuschauer, der ebenfalls keine Sicherheit finden kann auf dem vermeintlich festen Boden der erhöhten Übersicht. Kon selbst will in “Perfect Blue” nichts anderes sehen als einen Horrorfilm – völlig zu Recht, wenn auch die Mittel eher untypisch sind.

perfect_blue2Echte Darsteller, echte Gefühle

Diese ewige Bewegung zwischen den Realitäts- wie Bildebenen hat sich mittlerweile zu einer Art Markenzeichen Kons entwickelt und findet sich auch in “Paprika” wieder. “Perfect Blue” lotet die Grenzen des Zeigbaren aber noch in anderer Hinsicht aus, die Kon selbst im Nachhinein unangenehm sind: sein Debüt ist in manchen Szenen äusserst drastisch und überschreitet gelegentlich auch die Limiten dessen, was ein Realfilm zeigen könnte (zumindest dann, wenn er eine “Ab 16”-Einstufung anpeilt). Gerade die physische und psychische Peinigung der Protagonistin, die in zwei Vergewaltigungsszenen einen Tiefpunkt erreicht, hat zu Recht für einiges Bedenken gesorgt – wobei der Hinweis, dass deren Realitätsstatus in Frage steht, in einem Film wie “Perfect Blue” natürlich nicht zur Ausrede taugt. Vorderhand mag dies ein Film-im-Film sein und entsprechend irreal – die Gefühle der Protagonistin aber werden als täuschend echt präsentiert. Deren grossen Augen zum Trotz sollte man deshalb nicht übersehen, dass die Klischees und Stereotypen, von denen “Perfect Blue” (teilweise) bewusst lebt, stärker die des japanischen Genre- als des Anime-Films sind. Sprache und Habitus der Figuren, Sujets und Zeichenstil stellen sich teilweise bewusst dagegen – klänge es nicht derart paradox angesichts der Themen, könnte man bei “Perfect Blue” von einer bewussten zaghaften Annäherung an den Realismus reden.

Dies mag auch eine erhöhte Identifikation mit Mima und eine entsprechende Empörung angesichts gewisser Szenen erklären – aber auch eine der vielleicht erstaunlichsten Reaktion westlicher Zuschauer auf den Film: nämlich das Unverständnis gegenüber der Entscheidung, aus diesem Stoff nicht einen Realfilm gemacht zu haben. Mittlerweile gilt das allerdings nur noch halb: Darren Aronofsky soll sich Gerüchten halber die Remakerechte gesichert haben – wobei es kein Gerücht ist, dass er sich für “Requiem for a Dream” sehr deutlich schon einmal hat vorinspirieren lassen. Und in 2002 wurde “Perfect Blue: Yume Nara Samete” veröffentlicht.

Dieser orientiert sich wieder stärker an der Romanvorlage, bietet Schauspieler aus Fleisch und Blut und ein durchschaubares Ende. Den ewigen Fluss des Satoshi Kon und Schnitte, aus denen heraus einen alles anfallen kann, bietet er dagegen nicht.

Ausstattung

Die jüngst bei Rapideye erschiene DVD versteht sich als Spezialauflage – zu Recht: Die Ausstattung besteht aus einem schön gestalteten Schuber und kommt mit einem Poster und Postkarten daher. Auf der DVD selbst findet sich der neuere 5.1-Ton sowohl für die japanische als auch deutsche Variante. Zudem gibt es den Trailer und zwei Extras, die auf dem Papier besser wirken als auf dem Bildschirm: Eine Serie von Interviews mit diversen Beteiligten erweist sich zwar noch als einigermassen informativ. Der Mitschnitt von drei Vorlesungen, die Satoshi Kon unlängst zu seinem Film hielt, sind dagegen einigermassen lädiert durch seinen persönlichen Mangel an Eloquenz, einem uninformierten Zielpublikum, derben Schnitten sowie den Gepflogenheiten des japanischen Fernsehens, das dem Regisseur statt einer kompetenten Kritikerin lieber Moderatin zur Seite stellt, die durch Unwissenheit zu glänzen hat. Der Informationswert ist entsprechend gering, der Unterhaltungswert dafür durchaus gegeben.


Seit dem 08. Mai 2009 im Handel.

Originaltitel: Pâfekuto burû (Japan)
Regie: Satoshi Kon
Mit: Animiert (Sprecher: Junko Iwao, Rica Matsumoto u. a. m.)
Genre: Psychothriller
Dauer: 78 Minuten
Bildformat: 16:9 (1:1.77)
Sprachen: Japanisch, Deutsch
Untertitel: Deutsch
Audio: Deutsch und Japanisch Dolby Digital 5.1
Bonusmaterial: Making of, Trailer, Vorlesungen mit Regisseur Kon
Vertrieb: Maxmedia

Im Netz

Einen japanischen Trailer gibt’s hier. Unter viel Getöse kann man sich hier den deutschen Trailer anhören, wo Mima kurioserweise als “Schlagersängerin” bezeichnet wird.

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